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Bischof Athanasius Schneider zu Kardinal Roches Machtmissbrauch bei der Liturgie

Bischof Athanasius Schneider nimmt im Interview mit Diane Montagna kritisch Stellung zu Kardinal Roches Dokument über die Liturgie und verteidigt die überlieferte Messe der Kirche. Kernsätze und das ganze Interview in autorisierter deutscher Übersetzung.

- „In der Geschichte der Liturgie gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch.“
- „Der Novus Ordo stellt einen Bruch mit der jahrtausendealten Tradition des römischen Ritus dar.“
- „Der Novus Ordo war eine nachkonziliare Revolution, nicht die Absicht der Konzilsväter.“
- „Sacrosanctum Concilium wurde überschritten, nicht umgesetzt.“
- „Die eigentliche Messe des Zweiten Vatikanums war die von 1965, nicht die von 1970.“
- „Die alte Messe ist kein geduldetes Zugeständnis, sondern ein legitimes Recht.“
- „Kardinal Roches Dokument vermittelt den Eindruck einer klaren Voreingenommenheit gegenüber dem traditionellen römischen Ritus.“
- „Der Kardinal scheint entschlossen, dem traditionellen Ritus jeden legitimen Platz in der heutigen Kirche abzusprechen.“
- „Kardinal Roches Dokument erinnert an den verzweifelten Kampf einer Gerontokratie, die sich […] durch manipulative Argumente und den Missbrauch von Macht und Autorität durchzusetzen versucht.“

Exzellenz, wie beurteilen Sie das von Kardinal Roche verfasste Dokument zur Liturgie, das den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums im außerordentlichen Konsistorium zur Beratung vorgelegt wurde?

Für jeden unvoreingenommenen und objektiven Beobachter vermittelt Kardinal Roches Dokument den Eindruck einer klaren Voreingenommenheit gegenüber dem traditionellen römischen Ritus und dessen gegenwärtiger Verwendung. Es scheint von dem Bestreben getrieben, diese liturgische Form herabzuwürdigen und letztlich aus dem kirchlichen Leben zu verbannen. Der Kardinal scheint entschlossen, dem traditionellen Ritus jeden legitimen Platz in der heutigen Kirche abzusprechen. Ein Bekenntnis zu Objektivität und Unparteilichkeit – gekennzeichnet durch Unvoreingenommenheit und ein echtes Streben nach Wahrheit – fehlt eklatant. Stattdessen bedient sich das Dokument manipulativer Argumentation und verzerrt sogar historische Belege. Es verfehlt das klassische Prinzip „sine ira et studio“ – also eine Herangehensweise „ohne Zorn und parteiischen Eifer“.

Betrachten wir nun einige konkrete Passagen des Berichts. In Nr. 1 erklärt Kardinal Roche: „Die Geschichte der Liturgie ist, so könnte man sagen, die Geschichte ihrer kontinuierlichen ‚Reformierung‘ in einem Prozess organischer Entwicklung.“ Dies wirft eine grundlegende Frage auf: Sind Reform und Entwicklung dasselbe? Reform scheint einen bewussten, positivistischen Eingriff zu suggerieren, während Entwicklung organisches Wachstum impliziert, das sich über die Zeit bewährt. Ist es historisch gesehen zudem zutreffend zu sagen, dass die Liturgie ständiger Reform bedurfte, oder lässt sie sich besser als organisch entwickelt verstehen, mit nur gelegentlichen Korrekturen?

In diesem Zusammenhang bleibt die Aussage von Papst Benedikt XVI. relevant und unbestreitbar: „In der Geschichte der Liturgie gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch“ (Brief an die Bischöfe anlässlich der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens Summorum Pontificum, 7. Juli 2007). Es ist eine historische Tatsache – belegt von anerkannten Liturgiewissenschaftlern –, dass der Ritus der römisch-katholischen Kirche seit Papst Gregor VII. im 11. Jahrhundert, also fast ein Jahrtausend lang, keine wesentlichen Reformen erfahren hat. Der Novus Ordo von 1970 hingegen stellt für jeden unvoreingenommenen und objektiven Beobachter einen Bruch mit der jahrtausendealten Tradition des römischen Ritus dar.

Diese Einschätzung wird durch das Urteil des Liturgiewissenschaftlers Archimandrit Bonifatius Luykx, eines Peritus (Konzilstheologe, Experte) des Zweiten Vatikanischen Konzils und Mitglieds der von Pater Annibale Bugnini geleiteten liturgischen Kommission des Vatikans (des sogenannten Consilium), untermauert. Luykx identifizierte fehlerhafte theologische Grundlagen, die der Arbeit dieser Kommission zugrunde lagen, und schrieb: „Hinter diesen revolutionären Übertreibungen verbargen sich drei typisch westliche, aber falsche Prinzipien: (1) die Vorstellung (à la Bugnini) von der Überlegenheit und dem normativen Wert des modernen westlichen Menschen und seiner Kultur für alle anderen Kulturen; (2) das unausweichliche und tyrannische Gesetz des ständigen Wandels, das einige Theologen auf die Liturgie, die kirchliche Lehre, die Exegese und die Theologie anwandten; und (3) der Primat des Horizontalen“ (A Wider View of Vatican II, Angelico Press, 2025, S. 131).

Ist Kardinal Roches Darstellung der Bulle „Quo primum“ von Papst Pius V. in Nr. 2 zutreffend? Hat Papst Pius V. nicht die Fortführung aller Riten gestattet, die seit zweihundert Jahren in Gebrauch waren? Und durften nicht auch andere Riten, wie der ambrosianische oder der dominikanische Ritus, fortbestehen und sich weiterentwickeln?

Kardinal Roche bezieht sich selektiv auf „Quo primum“, verzerrt dadurch dessen Bedeutung und nutzt das Dokument von Papst Pius V. zur Stützung einer antitraditionellen Interpretation. Tatsächlich erlaubt „Quo primum“ ausdrücklich die rechtmäßige Fortführung aller Varianten des römischen Ritus, die seit mindestens zweihundert Jahren ununterbrochen in Gebrauch waren. Einheit bedeutet nicht Uniformität, wie die Kirchengeschichte belegt.
Dom Alcuin Reid, Liturgiewissenschaftler und führender Experte für die organische Entwicklung der Liturgie, beschreibt die Situation dieser Zeit wie folgt:
„Wir sollten nicht dem revisionistischen Irrtum verfallen, die westliche Liturgie als vollständig zentralistisch ‚römisch übertüncht ‘ darzustellen: Innerhalb dieser Einheit blieb die Vielfalt bestehen. Die Dominikaner brachten ihre eigene Liturgie mit. Auch andere Orden pflegten ihre eigenen Riten. Ortskirchen (Mailand, Lyon, Braga, Toledo usw. sowie die bedeutenden englischen mittelalterlichen Zentren: Salisbury, Hereford, York, Bangor und Lincoln) bewahrten ihre eigenen Liturgien. Doch alle gehörten zur römischen Liturgiefamilie“ (The Organic Development of the Liturgy, Farnborough 2004, SS. 20–21).

Diese historische Realität bestätigt, dass Papst Pius V. tatsächlich Riten mit einer mindestens zweihundertjährigen ununterbrochenen Geschichte zuließ, darunter etablierte Gebräuche wie die ambrosianischen und dominikanischen Riten, die nicht nur bewahrt wurden, sondern innerhalb der Einheit der römischen Kirche weiter aufblühten.

In Nr. 4 des Papiers schreibt Kardinal Roche: „Wir können mit Sicherheit sagen, dass die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestrebte Liturgiereform … in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition steht.“ Wie beurteilen Sie diese Aussage, insbesondere angesichts der Erfahrungen, die die meisten Katholiken mit der Neuen Messe in ihrer Pfarrkirche gemacht haben?

Diese Aussage ist nur teilweise richtig. Die Intention der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils war in der Tat eine Reform in Kontinuität mit der Tradition der Kirche, wie aus dieser wichtigen Formulierung in der Konstitution über die heilige Liturgie hervorgeht: „Es sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, dass die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen“ (Sacrosanctum Concilium, Nr. 23).
Kardinal Roche begeht den typischen Fehler eines Ideologen, nämlich einen Zirkelschluss, der sich wie folgt zusammenfassen lässt: (1) Die Messreform von 1970 steht in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition; (2) Die Absicht der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils stand in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition; (3) daher steht die Messe von 1970 in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition.
Wir verfügen jedoch über Bewertungen prominenter Zeugen, die unmittelbar an den liturgischen Debatten des Konzils beteiligt waren und die bekräftigen, dass die Messordnung von 1970 das Ergebnis einer Art liturgischer Revolution darstellt, die der wahren Absicht der Konzilsväter widerspricht.
Zu den wichtigsten dieser Zeugen zählt Joseph Ratzinger. In einem Brief an Professor Wolfgang Waldstein aus dem Jahr 1976 schrieb er mit bemerkenswerter Deutlichkeit: „Das Problem des neuen Missale Liegt demgegenüber darin, dass es aus dieser kontinuierlichen, vor und nach Pius V. immer weitergegangenen Geschichte ausbricht und ein durchaus neues Buch schafft, dessen Auftreten mit einem der kirchlichen Rechts— und Liturgiegeschichte durchaus fremden Typus von Verbot des bisherigen begleitet ist. Ich kann aus meiner Kenntnis der Konzilsdebatte und aus nochmaliger Lektüre der damals gehaltenen Reden der Konzilsväter mit Sicherheit sagen, dass dies nicht intendiert.“
Ein weiterer prominenter Zeuge ist der bereits erwähnte Archimandrit Bonifatius Luykx. In seinem kürzlich erschienenen Werk „A Wider View of Vatican II. Memories and Analysis of a Council Consultor“ erklärte er unumwunden: „Es bestand eine vollkommene Kontinuität zwischen der vorkonziliaren Zeit und dem Konzil selbst, doch nach dem Konzil wurde diese entscheidende Kontinuität durch die nachkonziliaren Kommissionen unterbrochen. … Der Novus Ordo ist nicht treu der Konstitution über die Heilige Liturgie, sondern geht wesentlich über die von ihr für die Reform des Messritus festgelegten Parameter hinaus. … Die Dampfwalze des menschenzentrierten Horizontalismus (im Gegensatz zum gottzentrierten Vertikalismus).“ (SS. 80, 98, 104)

Was halten Sie von Kardinal Roches Aussage in Nr. 9, dass „das primäre Gut der Einheit der Kirche nicht durch das „Einfrieren der Spaltung“ erreicht wird, sondern dadurch, dass wir uns im Teilen dessen wiederfinden, was miteinander geteilt werden muss“?

Für Kardinal Roche bedeutet die bloße Existenz des Prinzips und der Realität des liturgischen Pluralismus im Leben der Kirche offenbar das „Einfrieren von Spaltungen“. Eine solche Behauptung ist manipulativ und unehrlich, da sie nicht nur der zweitausendjährigen Praxis der Kirche widerspricht, die die Vielfalt anerkannter Riten – oder legitimer Varianten innerhalb eines Ritus – stets nicht als Quelle der Spaltung, sondern als Bereicherung des kirchlichen Lebens betrachtet hat.
Nur engstirnige Kleriker, geprägt von klerikalistischer Denkweise, haben Intoleranz gegenüber dem friedlichen Nebeneinander verschiedener Riten und liturgischer Praktiken gezeigt, und sie zeigen es bis heute. Zu den vielen bedauerlichen Beispielen zählt der Zwang auf die Thomaschristen in Indien im 16. Jahrhundert, die genötigt wurden, ihre eigenen Riten aufzugeben und die Liturgie der lateinischen Kirche anzunehmen, mit der Begründung, dass dem einem Gesetz des Glaubens (lex credendi) nur ein einziges liturgisches Gesetz (lex orandi) entsprechen dürfe.
Ein weiteres tragisches Beispiel ist die Liturgiereform der russisch-orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert, die die ältere Form des Ritus verbot und die ausschließliche Verwendung eines neuen, überarbeiteten Ritus vorschrieb. Hätten die kirchlichen Autoritäten die Koexistenz des alten und des neuen Ritus zugelassen, hätten sie die Spaltung sicherlich nicht „eingefroren“, sondern ein schmerzhaftes Schisma – das Schisma der sogenannten „Altgläubigen“ – vermieden, das bis heute andauert. Nach geraumer Zeit erkannte die Hierarchie der russisch-orthodoxen Kirche den pastoralen Fehler der erzwungenen liturgischen Einheitlichkeit und stellte die freie Verwendung der älteren Ritusform wieder her. Leider versöhnte sich nur eine Minderheit der „Altgläubigen“ mit der Hierarchie, während die Mehrheit im Schisma verharrte, da die Traumata zu tief saßen und die Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens und der Entfremdung zu lange anhielt. In diesem Fall führte die Intoleranz der Hierarchie gegenüber der legitimen Verwendung des älteren Ritus buchstäblich zu einer Einfrierung der Spaltung – die Anhänger des alten Ritus wurden vom Zaren ins eisige Sibirien verbannt.
Die Bindung an die ältere Form des Römischen Ritus „friert die Spaltung nicht ein“. Im Gegenteil, sie stellt, in den Worten des heiligen Johannes Paul II., „einen berechtigten Wunsch dar, dem die Kirche Achtung garantiert“ (Apostolisches Schreiben Ecclesia Dei, 2. Juli 1988, Nr. 5 c). Das friedliche Nebeneinander der beiden Verwendungen des Römischen Ritus, gleich Würde und Rechten, würde beweisen, dass die Kirche in ihrem liturgischen Leben Toleranz und Kontinuität bewahrt hat und damit dem Rat des vom Herrn gepriesenen „Hausherrn“ folgt, „der aus seinem Schatz Neues und Altes (nova et vetera) hervorbringt“ (Mt 13,52). Im Gegensatz dazu erscheint Kardinal Roche in diesem Dokument als Vertreter eines intoleranten und starren Klerikalismus im liturgischen Bereich, der die Möglichkeit eines echten wechselseitigen Austauschs angesichts unterschiedlicher liturgischer Traditionen ablehnt.

In Nr. 10 des Papiers – die wohl die größte Bestürzung auslöste – erklärt Kardinal Roche: „Die Verwendung liturgischer Bücher, die das Konzil zu reformieren suchte, war von Johannes Paul II. bis Franziskus ein Zugeständnis, das in keiner Weise deren Förderung vorsah.“ Wie würden Sie dem Kardinal in diesem Punkt antworten, insbesondere im Hinblick auf das Apostolische Schreiben Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI. und sein Begleitschreiben zu diesem Motu proprio?

Ich würde mit folgender weiser Bemerkung des Archimandriten Bonifatius Luykx antworten: „Ich behaupte, dass Pluriformität – also das Nebeneinander verschiedener Formen der liturgischen Feier unter Beibehaltung des wesentlichen Kerns – der westlichen Kirche eine große Hilfe sein könnte. … Papst Johannes Paul II. hat das Prinzip der Pluriformität tatsächlich übernommen, als er 1988 die Tridentinische Messe wieder einführte.“ (S. 113)
Diese Erkenntnis widerspricht unmittelbar der Behauptung, die fortgesetzte Verwendung der älteren liturgischen Bücher sei lediglich ein geduldetes Zugeständnis ohne jegliche Absicht der Förderung oder Verbreitung gewesen. Eine wichtige Lehre des heiligen Johannes Paul II. verdeutlicht diesen Punkt zusätzlich. Er erklärt: „Im Römischen Messbuch, bekannt als das Messbuch des heiligen Pius V., finden sich wie in verschiedenen östlichen Liturgien wunderschöne Gebete, mit denen der Priester tiefste Demut und Ehrfurcht vor den heiligen Geheimnissen zum Ausdruck bringt: Sie offenbaren das Wesen jeder Liturgie.“ (Botschaft an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 21. September 2001).
Zusammengenommen belegen diese maßgeblichen Zeugnisse, dass die Anerkennung und Wiederherstellung der älteren liturgischen Bücher nicht bloß als widerwillige Zugeständnisse verstanden wurden, sondern als Ausdruck einer legitimen Pluriformität innerhalb des liturgischen Lebens der Kirche – einer Pluriformität, die in der Lage ist, die westliche Kirche zu bereichern und gleichzeitig den wesentlichen Kern des römischen Ritus zu bewahren.

Es ist durchaus möglich, dass die Kardinäle als Gruppe dieses Papier nicht richtig hätten beurteilen können, wenn es im Konsistorium am 7./8. Januar zur Diskussion gestellt worden wäre. Grund dafür ist der weit verbreitete Mangel an liturgischer Bildung in der heutigen Kirche, auch im Klerus und in der Hierarchie. Wie viele von ihnen hätten beispielsweise die Behauptung des Kardinals zu Pius’ V. Quo primum widerlegen können? In einem zukünftigen Konsistorium steht es dem Papst frei, einen Experten (Peritus) zu beauftragen, den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums ein fundierteres und wissenschaftlicheres Papier zu einem Thema vorzulegen, das er dann erörtern möchte. Könnte dies ein vielversprechender Weg für das außerordentliche Konsistorium Ende Juni 2026 sein?

Ich glaube, dass heute unter Bischöfen und Kardinälen eine weit verbreitete Unkenntnis der Geschichte der Liturgie, des Charakters der liturgischen Debatten während des Konzils und sogar des Textes der Konstitution über die heilige Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst herrscht.
Zwei sehr wichtige Tatsachen werden oft vergessen.
Erstens war die eigentliche Messreform nach dem Konzil bereits 1965 promulgiert worden, nämlich die Messordnung von 1965. Der Heilige Stuhl bezeichnete sie damals ausdrücklich als Umsetzung der Bestimmungen der Konstitution über die heilige Liturgie. Diese Messordnung stellte eine sehr behutsame Reform dar und behielt alle wesentlichen Details der traditionellen Messe bei, mit nur wenigen Änderungen. Dazu gehörte das Weglassen von Psalm 42 zu Beginn der Messe – keine beispiellose Änderung, da dieser Psalm in der Requiem Messe und während der Passionszeit stets ausgelassen worden war – sowie das Weglassen des Johannesevangeliums am Ende der Messe. Die eigentliche Neuerung bestand in der Verwendung der Volkssprache während der gesamten Messe, mit Ausnahme des Kanons, der weiterhin still auf Latein gebetet werden sollte. Die Konzilsväter selbst zelebrierten diese reformierte Messe während der letzten Sitzung des Jahres 1965 und zeigten sich allgemein zufrieden damit. Sogar Erzbischof Lefebvre zelebrierte diese Form der Messe und ordnete an, dass sie in seinem Priesterseminar in Écône bis 1975 verwendet werden sollte.
Der zweite Sachverhalt ist folgender: Auf der ersten Bischofssynode nach dem Konzil, die 1967 stattfand, präsentierte Pater Annibale Bugnini den Synodenvätern den Text und die Feier einer radikal reformierten Messordnung. Diese Messordnung entsprach im Wesentlichen derjenigen, die später 1969 von Papst Paul VI. promulgiert wurde und heute die ordentliche Form der Liturgie in der römisch-katholischen Kirche darstellt.
Die Mehrheit der Synodenväter von 1967 – fast alle von ihnen waren auch Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils – lehnte diese Messordnung, also unseren heutigen Novus Ordo, jedoch ab. Folglich feiern wir heute nicht die Messe des Zweiten Vatikanischen Konzils, die der Messordnung von 1965 entspricht, sondern die von den Synodenvätern 1967 als zu revolutionär verworfene Form der Messe.

Welche Alternativen zu Kardinal Roches Beitrag würden Sie den Kardinälen vorschlagen, wenn Sie ihnen nur einige wenige Punkte präsentieren dürften?

Ich würde den Kardinälen mehrere grundlegende Punkte darlegen. Erstens würde ich an die unbestreitbaren historischen Fakten bezüglich der wahren Messe des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnern, nämlich des Ordo Missae von 1965, sowie an die grundsätzliche Ablehnung des von Pater Bugnini vorgelegten Novus Ordo durch die Synodenväter im Jahr 1967.
Zweitens würde ich auf die stets gültigen Prinzipien des Gottesdienstes hinweisen, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil selbst formuliert wurden: den theozentrischen, vertikalen, sakralen, himmlischen und beschaulichen Charakter der authentischen Liturgie. Wie das Konzil lehrt: „das Menschliche ist sei auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen. … In der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird“ (nn. 2; 8).

Drittens möchte ich den Grundsatz hervorheben, dass liturgische Vielfalt die Einheit des Glaubens nicht beeinträchtigt. Wie die Konzilsväter betonten: „Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden“ (n. 4).
Schließlich möchte ich an das Gewissen der Kardinäle appellieren und betonen, dass der Papst heute die einmalige Chance hat, Gerechtigkeit und liturgischen Frieden im Leben der Kirche wiederherzustellen, indem er der ältesten Form des römischen Ritus dieselbe Würde und dieselben Rechte wie der ordentlichen liturgischen Form, dem Novus Ordo, verleiht.
Ein solcher Schritt könnte durch eine großzügige pastorale Regelung ex integro erreicht werden. Sie würde Streitigkeiten beenden, die aus kasuistischen Auslegungen bezüglich der Verwendung der alten liturgischen Form entstanden sind. Sie würde auch der Ungerechtigkeit ein Ende setzen, so viele vorbildliche Söhne und Töchter der Kirche – insbesondere so viele junge Menschen und junge Familien – als Katholiken zweiter Klasse zu behandeln.
Eine solche pastorale Maßnahme würde Brücken bauen und Empathie gegenüber vergangenen Generationen und einer Gruppe zeigen, die, obwohl in der Minderheit, in der heutigen Kirche vernachlässigt und diskriminiert wird – gerade in einer Zeit, in der so viel über Inklusion, Toleranz gegenüber Vielfalt und das synodale Zuhören bezüglich der Erfahrungen der Gläubigen gesprochen wird.

Exzellenz, möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Ich könnte die gegenwärtige liturgische Krise nicht treffender beschreiben als mit den folgenden erhellenden Worten des Archimandriten Bonifatius Luykx – eines bedeutenden Liturgiewissenschaftlers, eines eifrigen Missionars in Afrika und eines Mannes Gottes, der sowohl die lateinische als auch die byzantinische Liturgie zelebrierte und somit sozusagen mit den beiden Lungen der Kirche atmete:
„Auch Kardinal Ratzinger hat seine Unterstützung zugesagt und erklärt, die alte Messe sei ein lebendiger und sogar ‚integraler‘ Bestandteil des katholischen Gottesdienstes und der katholischen Tradition. Er sagte voraus, sie werde ‚ihren eigenen charakteristischen Beitrag zur liturgischen Erneuerung leisten, die das Zweite Vatikanische Konzil gefordert hat‘.“ (S. 115).
„Wenn die Ehrfurcht fehlt, wird jeder Gottesdienst zu bloßer Unterhaltung, zu einer geselligen Zusammenkunft. Auch hier sind die Armen, die Kleinen, die Leidtragenden, da ihnen die offenkundige Realität des Lebens, das im Gottesdienst aus Gott strömt, von ‚Experten‘ und Kirchenkritikern genommen wird.“ (S. 120)
„Kein Hierarch, vom einfachen Bischof bis zum Papst, darf etwas erfinden. Jeder Hierarch ist ein Nachfolger der Apostel, was bedeutet, dass er in erster Linie Bewahrer und Diener der Heiligen Tradition ist – ein Garant für Kontinuität in Lehre, Gottesdienst, Sakramenten und Gebet.“ (S. 188) Kardinal Roches Dokument erinnert an den verzweifelten Kampf einer Gerontokratie, die sich ernsthafter und zunehmend lauterer Kritik ausgesetzt sieht, die vor allem von einer jüngeren Generation kommt, deren Stimme diese Gerontokratie durch manipulative Argumente und letztlich durch den Missbrauch von Macht und Autorität zu unterdrücken versucht.
Doch die zeitlose Frische und Schönheit der Liturgie, zusammen mit dem Glauben der Heiligen und unserer Vorfahren, werden sich dennoch durchsetzen. Der Glaubenssinn, der sensus fidei, erfasst diese Wirklichkeit instinktiv, besonders bei den „Kleinen in der Kirche“: unschuldigen Kindern, heldenhaften Jugendlichen und jungen Familien.
Aus diesem Grund möchte ich Kardinal Roche und vielen anderen älteren und mitunter etwas rigiden Geistlichen dringend raten, die Zeichen der Zeit zu erkennen – oder, bildlich gesprochen, sich dem Wandel anzuschließen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Denn sie sind berufen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Gott selbst durch die „Kleinen in der Kirche“ schenkt, die nach dem reinen Brot der katholischen Lehre und nach der beständigen Schönheit der traditionellen Liturgie hungern.
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Werte teilt das

„Nur engstirnige Geistliche, geprägt von einer klerikalen Mentalität, haben sich intolerant gegenüber dem friedlichen Zusammenleben verschiedener Riten und liturgischer Praktiken gezeigt.“

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miracleworker

Das Grinszeichen passt hier wenig !

Josefa Menendez

Roche agiert im Auftrag von Prevost. Roche darf keinen Finger rühren, ohne die Zustimmung von Prevost. Beide sind von dem Bestreben getrieben, die traditionelle liturgische Form herabzuwürdigen und letztlich aus dem kirchlichen Leben zu verbannen. Beide sind entschlossen, dem traditionellen lateinischen Ritus jeden legitimen Platz in der nachkonziliaren Kirche abzusprechen.

Katrin Kaufmann

Gute Analyse:
Kardinal Roche begeht den typischen Fehler eines Ideologen, nämlich einen Zirkelschluss, der sich wie folgt zusammenfassen lässt: (1) Die Messreform von 1970 steht in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition; (2) Die Absicht der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils stand in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition; (3) daher steht die Messe von 1970 in voller Übereinstimmung mit dem wahren Sinn der Tradition.

Katja Metzger

Roche ist eine weitere Frucht der Ära Franziskus, die unter Leo XIV weitergeht.

Ursula Sankt teilt das

Das ist eine höfliche Ohrfeige. 🙏 😇

1390
miracleworker

Jedenfalls eine ungehörige Peinlichkeit von den "Oberstudierten" . . .

Werte

„Es herrscht unter Bischöfen und Kardinälen eine weitverbreitete Unkenntnis über die Geschichte der Liturgie“ – so Bischof Schneider im Zusammenhang mit liturgischen Debatten.
Dies schließt auch Franziskus und Leo mit ein.

Immanuel Kant

Das Weglassen des 42 Psalms und des Schlussevangeliums in der Messe von 1965 waren bereits ein Frevel!

Ursula Wegmann

Familie Weber könnte noch eine Cassette haben von der Predigt P. DDR. Hubert Pauels als Teilnehmer des Konzils über die Entstehung der Liturgiereform als nicht Wille des Konzils und Überrumpelung des Papstes.

Ursula Wegmann

Die Gottesmutter hat auch der Sühne- und Opferseele Maresa Meschenmoser die hl. Messe im alten Ritus für alle verheißen,
jedoch mit einer kleinen, aber nicht wertmindernden Abweichung.

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