Die NATO und die Ukraine – Neutralität für den Mainstream undenkbar

12 Juli 2023 07:45 Uhr

Beim NATO-Gipfel in Vilnius steht das Thema Beitritt der Ukraine im Zentrum. Man ist sich uneinig über das Wann und Wie, nur dass die Ukraine Mitglied wird, ist unstrittig – auch für deutsche Medien. Neutralität ist kein Thema. Damit rückt eine Friedenslösung für Europa in weite Ferne.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin im Jahr 2001 vorgeschlagen hatte, Russland könnte Mitglied der NATO werden, war die Reaktion im westlichen Bündnis verhalten gewesen, um es mal vorsichtig auszudrücken. Der Beitrittswunsch hatte trotz der so viel beschworenen Freiheit der Bündniswahl nicht die Aufnahme Russlands ins Bündnis zur Folge gehabt. Es geht also auch anders, als man das hinsichtlich des Beitrittswunsches der Ukraine suggeriert. Russland war zurückgewiesen worden. Die NATO nimmt alle osteuropäischen Länder auf, nur Russland nicht, ist die Botschaft.

Bereits 1997 war der NATO-Russland-Rat gegründet worden. Er sollte vornehmlich dazu dienen, Russlands Vorbehalte eines NATO-Beitritts von Polen, Ungarn und Tschechien auszuräumen, indem man eine Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen zusicherte. Die Arbeit des NATO-Russland-Rats, eines Gremiums, das eigentlich dazu gedacht war, Krisen zwischen Russland und der NATO gemeinsam zu bewältigen und Spannungen abzubauen, wird allerdings immer dann ausgesetzt, wenn es Krisen zu bewältigen und Spannungen abzubauen gäbe. Nach 2014 traf sich der Rat nur noch unregelmäßig, 2021 schmiss NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg acht russische Vertreter aus dem Rat. Russland antwortete mit einem vollständigen Rückzug seiner Diplomaten – das Gremium existiert faktisch nicht mehr. Die NATO hat die Zusammenarbeit mit Russland aufgekündigt.

Die NATO hat sich seit 1999 in insgesamt fünf Runden erweitert, eine sechste Runde ist gerade im Gange. Die NATO steht unmittelbar an der russischen Grenze. 2008 auf dem NATO-Gipfel in Bukarest wurde der Ukraine eine Beitrittsperspektive eröffnet. Mit der Stationierung von NATO-Truppen in der Ukraine würde sich die Reaktionszeit auf einen Angriff der NATO auf Russland weiter verkürzen.

Dass die NATO kein reines Verteidigungsbündnis ist, wie sie von sich behauptet, hatte sie spätestens mit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Jugoslawien im Jahr 1999 bewiesen.

Auch diejenigen, die standhaft behaupten, die NATO hege keinerlei bösen Absichten gegen Russland, müssen auf der Grundlage der bisherigen Geschehnisse zumindest zugestehen, dass man das mit gutem Recht auch anders sehen kann. Und Russland sieht es aufgrund der gemachten Erfahrung anders. Russland hält die NATO für eine Bedrohung seiner Sicherheit, ein antirussisches Militärbündnis.

Aus diesem Grund ist der einheitliche Tenor deutscher Medien, der Ukraine müsse jetzt beim NATO-Gipfel in Vilnius eine Beitrittsperspektive eröffnet werden, mehr als erstaunlich. Erstaunlich ist zudem, dass die Forderung wieder einmal in einem gut orchestrierten Gleichklang ertönt, der damit suggeriert, es gebe zu einer Aufnahme der Ukraine in die NATO keinerlei Alternative. Das ist falsch.

Die Rückkehr zum neutralen Status wäre eine und würde den Friedensprozess in Europa ohne Zweifel beschleunigen. Doch diese Alternative zum NATO-Beitritt kommt in deutschen Medien schlicht nicht vor.

Für die deutschen Medien steht fest, die Ukraine kommt früher oder später in die NATO, obwohl genau das maßgeblicher Kriegsgrund ist. Russland sieht durch eine Mitgliedschaft der Ukraine seine Sicherheitsinteressen verletzt. Da wirkt es bizarr, dass die Fragen, die deutsche Medien diskutieren, lediglich der Zeitpunkt und die Bedingungen eines Beitritts zur NATO sind, nicht aber, ob der Schritt nicht grundlegend überdacht werden sollte.

"Jetzt muss die Nato zeigen, was Unterstützung heißt", titelt "Die Zeit" und fordert weiter: "Die Nato darf bei diesem Gipfel nicht im Vagen bleiben".

Diskutiert werden unterschiedliche Wege. Sicherheitsgarantien für die Ukraine bis zum endgültigen Beitritt sind einer davon. Ein "israelisches Modell", in dem die USA der Ukraine umfassende finanzielle Unterstützung zusichern und das Land darüber in die Lage versetzen, sich selbst zu verteidigen, ist eine andere Variante.

Die Süddeutsche Zeitung präferiert offenbar das Israel-Modell.

"Über so ein 'Israel-Modell' für die Ukraine wird schon länger gesprochen – es trifft am ehesten auch die Überlegungen von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der in Vilnius eine Art Zwei-Mann-Allianz mit Biden bilden dürfte."

Der Spiegel präferiert eine schnelle Aufnahme unter Umgehung der bisherigen Regeln.

"Mit der Skepsis gegenüber einem Fast-Track-Beitritt der Ukraine aber wird es um Scholz immer einsamer. US-Präsident Joe Biden hat die bisherige Linie, dass Kiew zunächst den nach dem Bukarester Gipfel im Jahr 2008 beschlossenen Membership Action Plan (MAP) erfüllen muss, verlassen. Dieser sieht eine Reihe von politischen und wirtschaftlichen Reformen vor, unter anderem im Kampf gegen Korruption und für mehr Rechtsstaatlichkeit."

Auch die Tagesschau sieht die Ukraine irgendwann in der NATO. In einem Beitrag zum NATO-Gipfel versteigt sie sich zu der wenig stichhaltigen Aussage, die Ausdehnung der NATO nach Osten sei gar kein zielgerichteter Prozess.

"Und anders als von Russland behauptet, dehnt sich die NATO nicht gezielt und womöglich auf amerikanischen Druck nach Osten hin aus. Es sind die Länder selbst, die aufgrund ihres Sicherheitsbedürfnisses die Nähe zum größten Militärbündnis der Welt suchen."

Das ist natürlich angesichts der schon genannten Fakten bestenfalls verkürzt. Es gäbe den Krieg in der Ukraine nicht, hätte die Ukraine ihren neutralen Status behalten und hätte man ihr erlaubt, ihre Brückenfunktion zwischen Ost und West weiter auszuüben.

Und damit ist dann auch das Thema genannt, das in all den deutschen Publikationen nicht vorkommt. Die Sicherheitsinteressen Russlands, deren Beachtung es bedarf, um wieder zu einer balancierten Sicherheitsarchitektur für Europa zu kommen, sind der große blinde Fleck des deutschen Journalismus. Die großen deutschen Medien bleiben der Linie treu, die Ukraine und mit ihr die NATO habe das Recht, die Balance einseitig und zuungunsten Russlands zu verschieben. Auch das ist falsch.

Besteht man darauf, bleibt Europa instabil. Lediglich die Sicherheit eines Landes zu betrachten, ist verkürzt und führt zu weiteren Konflikten. Die Zeit nach 2008, nach dem NATO-Gipfel in Bukarest, hat dies deutlich gezeigt. Es wäre Zeit, daraus die einzig richtige Lehre zu ziehen. Es braucht eine inklusive Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands. Doch davon zu sprechen geziemt sich offenbar nicht.

Tagesschau, Spiegel, Zeit und Süddeutsche lassen sich in ihrer Betrachtung zu einer Verkürzung und Fokussierung auf die Sicherheitsinteressen der Ukraine hinreißen, die eine Problemlösung verhindert. Das wirft auf den deutschen Journalismus erneut kein gutes Licht. Denn es muss diskutiert werden, wie eine europäische Sicherheitsarchitektur errichtet werden kann, die nicht nur der Ukraine, nicht nur den Ländern der NATO, sondern allen europäischen Ländern dient.

Diese Sicht aber fällt in den deutschen Medien komplett aus. Das ist allerdings erstaunlich. Kein Redakteur in einem der großen deutschen Medienhäuser kommt auf die Idee zu fragen, ob der eingeschlagene Weg, der zum Krieg geführt hat, eventuell korrigiert werden müsste, um so den Krieg zu beenden? Wohl eher nicht. Es ist eine in deutschen Redaktionen unzulässige Meinung.

Alle sind sich darin einig, dass die Ukraine früher oder später in die NATO kommt und der Weg der Eskalation der richtige ist? Wohl auch nicht. Die großen deutschen Medien machen auch in dieser Angelegenheit das, was sie in den letzten Jahren immer gemacht haben: Sie halten die Breite der Diskussion eng. Man darf darüber diskutieren, ob die Ukraine heute, morgen oder übermorgen in die NATO aufgenommen werden sollte, aber man darf nicht darüber diskutieren, ob die Aufnahme überhaupt sinnvoll ist.

Was die Berichterstattung zum NATO-Gipfel wieder einmal deutlich zeigt, ist die mangelnde Pluralität in Deutschland. Dass die Aufnahme der Ukraine in die NATO ein Fehler sein könnte, ist in deutschen Medien aktuell nicht sagbar. Mit dieser künstlich verengten Diskussion ist Deutschland allerdings nicht in der Lage, einen Beitrag zur Lösung des Konflikts zu leisten, denn es noch nicht einmal in der Lage, die Ursache des Konflikts angemessen zu benennen.

*rtde`*
18369
Roland Wolf

Die Ukraine war und ist in keinem Militärbündnis formell angeschlossen, bis zur Kriegsbeginn durch Russland mithin neutral. Die Perspektive in die NATO aufgenommen zu werden war eher eine sehr perspektivische. Ein Angriff der Ukraine auf Russland war nicht wirklich zu erwarten, angesichts der Kräfteverhältnisse auch nicht erfolgversprechend.
Dieser Krieg ist Wahl Russlands, es gab dazu keinen unmittelbaren Zwang.
Offenbar wäre nur ein Vasallenstaat wie Weißrussland für Russland akzeptabel, alles andere undenkbar.
Da die Ukraine diesen Status offenbar ablehnen, ist der Wunsch in ein Verteidigungsbündnis einzutreten verständlich.
Dazu kommt, dass Wladimir Putin wiederholt und öffentlich die Staatlichkeit der Ukraine infrage gestellt hat und mein das russische Recht zu erkennen, diese wieder abzuschaffen.
Putin stellt Staatlichkeit der Ukraine infrage – „Ist ein untrennbarer Teil russischer Geschichte“
Unter diesen Umständen ist eine "neutrale" Ukraine, die nur zu russischen Bedingungen existieren kann, kaum akzeptabel, weder für die Ukraine selbst noch für andere Staaten.
Ansonsten feiert die NATO ihren besten Vertreter, den Mann der dem Bündnis neues Leben einhauchte und eine Erweiterung ermöglichte, die sonst vermutlich nie eingetreten wäre: Wladimir Putin. Herzlichen Glückwunsch Wladimir, das hätte nicht jeder geschafft.

michael7

@Roland Wolf: Entschuldigung, aber sie charakterisieren die NATO mit diesen Worten letztlich nur als dekadenten Verein, der sich entlarvt, dass er kein Friedensbündnis ist.
Müsste ein Bündnis, dem es um den Frieden geht, nicht zuallererst auch alle möglichen Wege nützen, die den Krieg beenden könnten, statt immer nur weiter zu eskalieren?
D.h., würde ein echtes Friedensbündnis nicht zuallererst auch Russland einladen und klar machen, dass auch dessen Sicherheitsbedenken berücksichtigt werden sollen?
Wenn die NATO die Feindschaft mit Russland oder Putin braucht, um wieder "Leben" eingehaucht zu bekommen, dann zeigt das doch deutlich, dass sie inzwischen eine Gefahr, aber kein Bündnis mehr ist, das Frieden begünstigt oder bringen will!
Es wäre leicht, den Frieden wieder herzustellen statt den Krieg immer weiter anzuheizen und damit die Ukraine letztlich völlig dem Ruin auszuliefern!
Frieden wird es allerdings nur geben, wenn die (Sicherheits)Interessen aller berücksichtigt werden, also auch die Russlands und der Menschen in der Ostukraine und der Krim.
Warum verhindert man von Anfang an Volksbefragungen und schreit immer nur nach noch mehr "Krieg"? Selbst wenn die Ukraine die Krim und die Ostukraine erobern könnte, was würde sie damit anfangen, wenn die Menschen dort von der Regierung in Kiew unabhängig sein wollen?
🙏 🙏 🙏

Roland Wolf

@michael7 Das Problem ist aus meiner Sicht, dass die Sicherheitsinteressen Russlands aus russischer Sicht nur dann gewahrt sind, wenn die Anrainerstaaten nicht nur neutral, sondern auch von Russland weitestgehend beeinflusst sind.
Offenbar hätte die Ukraine eine Mitgliedschaft in der NATO für ewig ausschließen müssen, die NATO dies bestätigen und auch eine Mitgliedschaft in der EU wäre ausgeschlossen.
Darauf lassen die Reaktionen Russlands nach 2014 deutlich schließen.
Dazu kommt noch die russische Doktrin des "Russki Mir" nach der Russland Einspruchsrecht überall da hat, wo nach deren Definition Russen leben.
Das sind keine russischen Sicherheitsinteressen wahren, das ist Unterwerfung.
Article by Vladimir Putin ”On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“
Putins Doktrin: Überall Landsleute, überall Schutzbedarf
Es sei der Ukraine zugestanden, diese Fragen, speziell der Zugehörigkeit zur EU, selbst regeln zu wollen.
Nach massiven Vertreibungen, der "Evakuierung" ukrainischer Kinder nach Russland und Besetzung durch russische Truppen: Wie meinen Sie denn sind faire Volksbefragungen durchzuführen?
Und nachdem offenbar die russische Vertragstreue in der Erklärung von 1994 über die Unverletzlichkeit der ukrainischen Grenzen nicht das Papier wert ist, auf dem es geschrieben ist: Warum sollte die Ukraine glauben, die Russen würden sich mit dem Erreichten zufriedengeben?
Ja, es wäre leicht, den Frieden wieder herzustellen: Russland könnte sich schlicht auf seine international anerkannten Grenzen zurückziehen. Dann wäre ganz sicher Frieden. Vermutlich würde eine Vereinbarung zu finden sein, die die Krim zunächst in Russland belässt.
Aber der Russischen Föderation zuzugestehen, dass sie ein Land überfallen kann, so um die 9000 Zivilisten tötet, Kinder verschleppt, zivile Infrastruktur zerstört und dafür mit Land belohnt wird: eher nicht.
Der Zug ist abgefahren.
Ganz praktisch gesprochen wirkt hier die Ukraine auch abschreckend: Dieselbe Doktrin, die Russland auf die Ukraine anwendete, lässt sich auch auf die baltischen Staaten und andere Anrainerstaaten anwenden. Die sind aber Teil der NATO, das könnte tatsächlich zum großen Krieg führen.
Und ebenfalls ganz praktisch: Die russischen Streitkräfte haben derartig großzügig versagt, dass niemand einen Grund sieht, den Russen derartig viel Einfluss in Anrainerstaaten zuzugestehen.

alfredus

Die Nato ist und wird vermehrt ein Zerstörer der Friedensordnung ! So hat man trotz guter wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Russland als das Feindbild aufgebaut, provozierend die Grenzen nach Osten ausgeweitet und die Ukraine als letzte Reizung gegen Russland und seine Grenzen mobilisiert ... ! Deshalb glaubt das Volk ohne einem Hintergrundwissen, dass Russland allein der böse Agressor ist . Der Hass gegen Russland wird künstlich durch die Regierungen und der Medien im Westen aufgebaut . Es ist die gleiche Taktik die in den letzten zwei Weltkriegen angewendet und erfolgreich war, um die Völker gegeneinander aufzubringen und kriegsbereit zu machen ! Dieses abgekartete Spiel wird auch in Europa gespielt und man probt damit den Untergang ohne Wiederkehr !