Bambuti-Pygmäen im Dorf Kero - Der Forscher Paul Schebesta unter Männern. Bild
[...] Die ethnologisch-religionswissenschaftliche Erforschung der Pygmäen steht in engem Zusammenhang mit der Suche nach „religionslosen Völkern“ am Beginn dieses [20.] Jahrhunderts. Verschiedene Gelehrte wandten die Evolutionslehre auch auf die Religion an und meinten, der Monotheismus sei die vorletzte Stufe der religiösen Entwicklung der Menschheit, die vom vorreligiösen Zustand der hordenähnlich lebenden Urmenschen zum Animismus, Totemismus, Manismus über den Polytheismus zum Monotheismus führte, der jetzt seinerseits vom religionslosen Zustand des aufgeklärten, wissenschaftlichen Menschen abgelöst werde. Hier setzte nun Pater Wilhelm Schmidt SVD ein. Er sammelte alles Material über die ältesten heute erreichbaren Völker, zu denen die kleinwüchsigen Pygmäen gehören. Er schickte auch seine Mitbrüder Gusinde, Schebesta, Koppers auf deren Spur. Als Ergebnis konnte Schmidt in seinen Vorlesungen – auch ich war in den 40er Jahren in Freiburg/Schweiz sein Schüler – triumphierend sagen: „Die Kategorie religionsloser Völker ist aus der modernen Ethnologie gestrichen.“
In Afrika findet man noch verstreute Restgruppen von Pygmäen, von den später einwandernden Stämmen in den Urwald zurückgedrängt, auf der Sammler- und Wildbeuterstufe, d. h. von der Hand in den Mund lebend. Primitiver als das ihre kann das Menschenleben nicht vorgestellt werden. Aber sie sind dabei fröhlich und kommen sich ganz groß vor. Über das Weltbild der westäquatorialen Pygmäen berichtet H. Trilles: „Oben, in jener blauen Unermeßlichkeit, nach der unsere kleinen Menschen mit dem Finger zeigten, jenseits des gewundenen Gürtels der Milchstraße, in der Mitte der funkelnden Sterne, alles und alle beherrschend: da wohnt Gott, Schöpfer aller Dinge, unsichtbar, aber nicht unzugänglich, lebendig und gegenwärtig, um seine Geschöpfe sich kümmernd, aber jetzt weniger als in der Vergangenheit…“ Sein Name ist Kmvum. Man nennt ihn auch „Herr der Dinge“, „Herr der Sonne“, „den Alten“, „Vater“. In verschiedenen Schöpfungsmythen wird berichtet, wie am Anfang alles entstanden sei. Ein Gesang: „Das Tier läuft, der Fisch schwimmt, der Vogel fliegt, der Mensch ißt, Kmvum, du hast uns erschaffen.“
Einmal beklagten sich die Pygmäen, weil sie so klein waren. Gott antwortete: „Freue dich vielmehr und sei zufrieden in deinem Herzen, denn du bist der Herr, der Häuptling. Ich gab dir die List. Du wirst der Listigste sein. Ich gab dir die Früchte des Waldes, alle Tiere, die gehen und fliegen. Ich gab sie dir alle, und niemals wird Hunger in deinem Leben sein. Du wirst dich verbergen im Walde, und der Wald wird dich verbergen. Du wirst der ganz Kleine sein, aber du wirst frei und glücklich sein.“
Man weiß auch von einem Sündenfall. Daraufhin hat sich Gott von der Gemeinschaft der Menschen zurückgezogen. Aber er bleibt doch in lebendiger Verbindung mit ihnen. Auf einen Notruf hin schenkte er ihnen das Feuer. Deshalb singen sie nun: „Wir haben nicht mehr Furcht, du, o Starker, wir leiden nicht mehr Kälte, du, o Starker! Wir leiden nicht mehr Hunger, du, o Starker. Dir, o Starker, sagen wir: das ist gut!“ Gott will den Menschen wohl. Ein Zeichen seiner Güte und Nähe ist der Regenbogen. In den verschiedenen Umständen des Lebens verrichtet man Gebete und bringt Opfer dar. Bei der Geburt eines Kindes sagt der Häuptling: „Dir, dem Schöpfer, dir, dem Mächtigen, opfere ich diese Pflanze, die neue Frucht des alten Baumes. Du bist der Herr, wir sind deine Kinder.“ Bei Streitigkeiten und Krieg mit andern Stämmen ruft man Kmvum an, denn er ist der Schützer des Rechtes. Bei den Initiationsfeiern wird den Jungen die Sittlichkeit des Stammes beigebracht. Wer sie nicht einhält, hat von Gott Strafe zu gewärtigen.
Ähnliches meldet P. Schebesta von den Ituri-Pygmäen Zentralafrikas, im besonderen von den Bambuti. Der Glaube an ein höchstes Wesen sei bei ihnen in ausgesprochener Form vorhanden. Man nenne ihn Kalisai. Von ihm kommen alle guten Gaben. Man bringt ihm Erstlingsopfer dar. Er geht mit den Zwergen auf die Jagd und lenkt ihre Pfeile. Er läßt sie auch Honig und Früchte finden. Er geht ihnen auf den Wanderungen voraus und bahnt ihnen den Weg. Träumt der Älteste, daß das Lager gewechselt werden soll, so ziehen sie alle an einen andern Ort, den ihnen Kalisai anweist. Man nennt ihn auch „unsern Vater“. Bei der Jugendweihe glaubt man im Schwirrholz und andern Instrumenten die Stimme des gegenwärtigen Gottes zu hören.
Als P. Schuhmacher sich an die Erforschung der Ost-Kivu-Batwa-Pygmoiden machen wollte, stieß er zuerst auf große Schwierigkeiten. Die kleinen Menschen waren zwar freundlich mit ihm, aber sie hüteten ihr Geheimnis. Sie hatten dutzende Ausreden. Erst als er ihr Vertrauen erworben hatte und sogar zum Häuptling ausgerufen worden war, öffneten sie ihm ihr Herz. Er stellte auch bei ihnen den selbstverständlichen Glauben an Gott, Imana, fest. Alles Gute kommt von ihm. Er weiß alles. Man spricht nur mit Ehrfurcht von ihm. Er ist der Wächter der Sittlichkeit. Unter ihm gibt es die Bazimu, die Geister, die das konkrete Leben beherrschen. Ihnen bringt man Opfer dar, Imana nicht. Ein Alter teilte P. Schuhmacher dieses psalmenähnliche Gebet mit:
„Wenn wir ausgehen in den Wald
und schreiten vorüber am schlafenden Löwen,
an der in die Erde beißenden Schlange,
und wenn dann Imana für uns ist,
so behütet er uns vor all diesen Ungeheuern.
Wenn aber Imana gegen einen ist,
so kann das alles den Menschen töten.
Selbst ein Goldäffchen tötet ihn.
Wenn er aber mit Imana ist,
so kann kein Tier es mit ihm aufnehmen,
noch die Bazimu, noch irgendein anderes Wesen.“
Man vergleiche damit den Psalm 90: Geborgen in Gottes Obhut! In dieser Geistigkeit wiederholt man oft das Fürbittgebet: „Mit mir sei Imana, mit mir sei Imana!“ [...]
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Walbert Bühlmann: Wenn Gott zu allen Menschen geht – Der biblische Glaube, die Weltreligionen und die Zukunft der Menschheit, Matthias-Grünewald-Verl., Mainz 1992, S. 87-90.