Guntherus de Thuringia

Notizen (5) Gerhard Ludwig Kardinal Müller über den Islam

Bild: Gerhard Ludwig Müller ist Kardinal

#21
Vorab: Die Bezeichnung „Erörterungen“ war viel zu hoch gegriffen. Ich habe sie durch „Notizen“ ersetzt. Wie viele ausgezeichnete Bücher und Artikel wurden in den letzten Jahrzehnten von Theologen des Klerus und theologisch gebildeten Laien über das 2. Vatikanum und seine Folgen geschrieben… Was mir nur gerade so einfällt: Während der Liturgiereform die Bedenken von Kardinal Alfredo Ottaviani u.a., die Schriften, Predigten, Reden von Erzbischof Marcel Lefebre, das Buch von Pater Ralph M. Wiltgen „Der Rhein fließt in den Tiber“, die Werke von Johannes Dörmann über Papst Johannes Paul II. und seine Theologie, Bücher Dietrich von Hildebrands wie „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ und „Der verwüstete Weinberg“, die Bücher von Mag. theol. Johannes Rothkranz, die Saka-Informationen von Professor Wigand Siebel, die Zeitschriften „Einsicht“, „Theologisches“ u.a. Und die verschiedenen Demarchen und Inititativen von Bischöfen, Priestern und Laien, was haben sie bewirkt? Was ist z.B. aus den Dubia der vier Kardinäle geworden? Nicht einmal eine Eingangsbestätigung der vatikanischen Behörde haben sie erhalten. Wohl kann man sagen: Ein Ergebnis war die Priesterbruderschaft St. Pius X.. Indessen, so scheint es, fährt der vatikanische NWO-Zug, in paralleler Richtung mit den staatlichen und globalen Akteuren, unbeirrt weiter. Wenn ich, ein Nohbaddie, ab und zu ein paar eigene Gedanken auf gloria.tv schreibe, komme ich mir wie ein Kind im Sandkasten vor, das mit seinen Förmchen eine Rakete bauen will, um sich hineinzusetzen und auf den Mond zu fliegen.

#22
Gloria-Nutzer @byzantiner schrieb: „Der islamisch[e] Gott ist nicht derselbe Kardinal Müller Kardinal Müller: Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott(3) Diesen Kommentar aufgreifend gebe ich folgende Texte wieder (das fast 1 Std. lange Video Herr, bleibe bei uns bleibt unberücksichtigt):

#23
Auszug aus dem Artikel ‚Die Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott‘ von kath.net über die Predigt von Bischof Müller am 6. Jänner 2007 im Regensburger Dom:
In seiner Predigt ging Bischof Gerhard Ludwig auf das unterschiedliche Gottesverständnis von Christen und Muslimen ein. Christen könnten nur im Heiligen Geist durch Jesus zu Gott Abba Vater sagen. Christen glauben an den dreifaltigen Gott und beten so zu ihm, wie er sich uns geoffenbart hat. Allah in der muslimischen Religion sei nicht identisch mit dem Gott und Vater Jesu Christi, dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott. Obwohl es nur einen Gott gibt, lässt der prinzipielle Gegensatz im Gottesglauben ein gemeinsames Gebet nicht zu. Ein Christ kann daher etwa in einem Wortgottesdienst und einer Andacht gemeinsam auch mit Christen anderer Konfessionen beten. Dies sei jedoch prinzipiell niemals möglich mit Angehörigen einer Religion, die ein unvergleichbar anderes Gottesverständnis hätten.
kath.net/news/15640

#24
Auszug aus der Predigt von Bischof Müller am 6. Jänner 2007 im Regensburger Dom:
Da Gott-Allah in der muslimischen Religion im Gegensatz zum dreifaltigen Gott und der Fleischwerdung des ewigen WORTES von den Anhängern der Lehre des Mohammed erkannt und verehrt wird, ist er nicht identisch mit dem Gott und Vater Jesu Christi, dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott. Obwohl es nur einen Gott gibt, lässt der prinzipielle Gegensatz im Gottesglauben ein gemeinsames Gebet nicht zu. Ein Christi kann daher im persönlichen Gebet und im öffentlichen Gottesdienst der Kirche, etwa einem Wortgottesdienst und einer Andacht, gemeinsam auch mit Christen anderer Konfessionen beten, aber prinzipiell niemals mit Angehörigen einer Religion, die ein unvergleichbar anderes Gottesverständnis haben. Aber kann man dafür nicht das Beispiel von Päpsten nennen? Nein, die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben bei dem Treffen religiöser Autoritäten in Assisi und beim Besuch in der Blauen Moschee von Istanbul keineswegs mit Nichtchristen und schon gar nicht auf eine nichtchristliche Art gebetet. Denn etwas ganz anders ist es, Respekt zu zeigen vor den Menschen eines anderen religiösen Wahrheitsgewissens als mit ihnen auf der Grundlage einer von Menschen konstruierten Allgemein-Religiosität einen nur gedachten Einheitsgott zu verehren.
(...)
Wir sind gewiss der Überzeugung, dass jeder Mensch mit dem Licht seiner Vernunft zum Monotheismus kommen kann, weil die Spur des Schöpfers in der Welt als Manifestation seiner Macht und Weisheit schwer zu negieren ist. Aber diese Gotteserkenntnis aus der natürlichen Theologie führt uns nicht wie von selbst zur Selbstoffenbarung Gottes in Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht ( Joh 1,18). Und nur ihn können die Christen allein anbeten: Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer und Erlöser aller Menschen.
kath.net/news/15640

#25
Wortbeitrag von Kardinal Müller bei einem Podiumsgespräch (Video Kardinal Müller: Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott; Transkript durch mich):
In Nostra aetate wird einfach nur festgestellt, dass die Muslime tatsächlich auch an einen Gott glauben, und auch diese Formulierungen haben die aus dem Alten Testament herstammen [letzteres schwer verständlich] - der barmherzige Gott, das ist so ein alttestamentliches Gottesbekenntnis. Es wird aber nicht gesagt, dass insgesamt der Gottesglaube, den die Muslime haben, identisch ist mit unsrem Gottesglauben. Aristoteles hat auch - philosophisch ist er zu der Erkenntnis gekommen, dass das Absolute nur einmalig ist, und die Kirchenväter haben dadrauf Bezug genommen [unverständlich] Wenn die Heiden schon zur Erkenntnis kommen, dass es nur einen Gott gibt, ist das der ideale Ansatzpunkt. Es ist leichter, mit jemand zu diskutieren, der schon an den einzigen Gott glaubt, als mit Polytheisten oder Atheisten. Das ist eigentlich damit gemeint. Es wird immer wieder so ausgelegt, aber das stimmt einfach nicht, dass das Konzil etwa den Glauben an den dreifaltigen Gott und den Glauben an den monotheistischen einen Gott der Muslime miteinander identifiziert. Es ist eigentlich nur eine Tatsachenfeststellung gemacht, dass es natürlich für uns leichter ist, mit Monotheisten oder mit philosophischen Monotheisten ins Gespräch zu kommen, als mit den Göttern der alten Heiden. Es war sehr sehr schwierig mit unseren Vorfahren, die in den Wäldern gelebt haben, an Götter, Pachamamas und so, geglaubt haben [Gelächter und Klatschen aus der Zuhörerschaft]. Der Gott, von dem Aristoteles spricht, der steht bei uns in jeder Dogmatik am Anfang bei der natürlichen Theologie als Ansatzpunkt. Allerdings die Donareiche ist zwar Gott sei Dank vom heiligen Bonifatius umgebaut worden zu einer Kapelle, aber die gibt’s heute nicht mehr.

#26
Zusammenfassung der Aussagen von Kardinal Müller, soweit sie unser Thema anlangen:
* Es gibt nur einen Gott.
* Jeder Mensch kann mit dem Licht seiner Vernunft zum Monotheismus kommen. Heiden kommen zur Erkenntnis, dass es nur einen Gott gibt.
* Der Gott, von dem Aristoteles spricht, steht in der katholischen Dogmatik am Anfang bei der natürlichen Theologie. Kirchenväter haben auf die Gotteserkenntnis des Aristoteles Bezug genommen.
* Die Gotteserkenntnis aus der natürlichen Theologie führt nicht wie von selbst zur Selbstoffenbarung Gottes in Christus. Sie ist jedoch ein „Ansatzpunkt“.
* Muslime glauben an den einen monotheistischen Gott mit Formulierungen, die aus dem Alten Testament stammen.
* Gott-Allah wird in der muslimischen Religion im Gegensatz zum dreifaltigen Gott und der Fleischwerdung des ewigen WORTES von den Anhängern der Lehre des Mohammed erkannt und verehrt. Daher ist er nicht identisch mit dem Gott und Vater Jesu Christi.
* Die Muslime und die Christen glauben nicht an denselben Gott.
* Das Konzil sagt nicht, dass insgesamt der Gottesglaube, den die Muslime haben, identisch ist mit dem christlichen Gottesglauben; es identifiziert nicht den Glauben an den dreifaltigen Gott und den Glauben an den monotheistischen einen Gott der Muslime.
* Christen können allein Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer und Erlöser aller Menschen anbeten. Christen können nicht mit „Menschen eines anderen religiösen Wahrheitsgewissens (…) auf der Grundlage einer von Menschen konstruierten Allgemein-Religiosität einen nur gedachten Einheitsgott (…) verehren“.
* Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben bei ihren interreligiösen Treffen keineswegs mit Nichtchristen und nicht auf nichtchristliche Art gebetet.

#27
Bemerkungen zu den Äußerungen Gerhard Ludwig Kardinal Müllers.
Kardinal Müller sagt: Es gibt nur einen Gott. Jeder Mensch kann die Existenz des einen, wahren Gottes durch das Licht der Vernunft erkennen. Die großen griechischen Philosophen bestätigten diese natürliche Gotteserkenntnis.
In seiner Dogmatik behandelt Müller besonders Platon, Aristoteles und Plotin und hebt dabei die Unterschiede zwischen deren und der biblischen Gotteserkenntnis hervor (Gerhard Ludwig Müller, Katholische Dogmatik, Herder Freiburg i. Br. 1995 (2. Aufl. 1996), S. 167-170).

#28
Verglichen mit den Gottesvorstellungen der griechischen Philosophen stehen die des Islams dem biblischen Gottesbegriff erheblich näher. Kardinal Müller deutet darauf hin, indem er die göttliche Eigenschaft der Barmherzigkeit erwähnt Die Konzilsdokumente beschreiben diese Ähnlichkeit ausführlicher (siehe Notizen (3) #12). Müller sagt, die monotheistischen Formulierungen des Islams entstammten dem Alten Testament. Das ist seine religionsgeschichtliche Erklärung. Unmittelbar beziehen die Muslime ihren monotheistischen Glauben freilich vom Koran, nicht von der Bibel und auch nicht von der Philosophie.

#29
Vom Video kann der Eindruck entstehen, dass dem Kardinal die wesentlichen Ähnlichkeiten des islamischen Gottesglaubens mit dem christlichen unangenehm sind. Kardinal Müller betont die gleichfalls bestehenden wesentlichen Unterschiede. Aus der Tatsache, dass Christen und Muslime nicht den gleichen Gottesglauben haben, folgert er, dass sie auch nicht denselben Gott haben.
Philosophisch betrachtet überlappen sich der islamische und der christliche Gottesbegriff, wie zwei sich schneidende Kreise. Ein mittlerer Ausschnitt ist gemeinsam, zwei Ausschnitte, je das sich gegenseitig ausschließende religiöse Eigengut enthaltend, sind getrennt. Der gemeinsame Ausschnitt besteht grob gesagt aus Lehren, die früher im dogmatischen Traktat „De deo uno“ (Über den einen Gott) behandelt wurden und den monotheistischen Religionen, auch dem Judentum, mehr oder weniger gemeinsam sind. (Heute handelt man die Gotteslehre organischer in einem Stück ab, da christlich der eine Gott vom dreifaltigen Gott nicht zu trennen ist.)

#30
Sagt Kardinal Müller auch, dass die Juden und die Christen nicht an denselben Gott glauben? Denn auch sie haben nur ein Segment ihrer Glaubenslehren gemeinsam - bei gleichzeitig bestehenden wesentlichen Unterschieden, welche zum großen Teil dieselben Punkte betreffen, die das Christentum vom Islam trennen: Dreieinigkeit, Fleischwerdung, Erlösung usw.
In mancher Hinsicht - was vom Konzil gewürdigt wurde - steht der Islam dem Christentum nämlich näher als das orthodoxe Judentum: so in der ehrfürchtigen Haltung gegenüber Jesus Christus und seiner Mutter. In anderer Hinsicht wiederum steht das Judentum dem Christentum näher: wichtigste Gemeinsamkeit ist das Alte Testament. Einig sind Juden und Christen sich in der Ablehnung des Prophetentums Mohammeds (Prophetentum dogmatisch gesehen - denn profangeschichtlich und religionswissenschaftlich gesehen ist es Fakt).

#31
Die Zurückhaltung des Kardinals gegen den Islam ist verständlich. Der Theismus der griechischen Philosophen ließ bei aller Mangelhaftigkeit eine gewisse Integration in die christliche Philosophie zu, ließ sich als Propädeutik zum biblischen Offenbarungsglauben auffassen und als „Ansatzpunkt“ für die Verkündigung des Evangeliums nutzen. Der Islam hingegen entstand nicht als Philosophie, sondern mit dem Anspruch, die letzte und abschließende Gottesoffenbarung zu sein. Grenzlinie ist die Geburt, genauer: Offenbarung Christi. Ante Christum revelatum konnte man in heidnischen Religionen und Philosophien eine gewisse Offenheit auf die volle Wahrheit des Christentums hin aufspüren; post Christum revelatum können Offenbarungen, die im Widerspruch zum Christentum stehen, nur als antichristliche Lügenoffenbarungen verstanden werden.

#32
Mithin stehen wir nicht nur vor zwei (Notizen (4) #20), sondern vor vielen Gottesbegriffen: dem Gottesbegriff der natürlichen Theologie, den verschiedenen, jeweils als sozusagen voll verstandenen Gottesbegriffen der Offenbarungsreligionen, und den Überschneidungen der Gottesbegriffe im Verhältnis der Religionen miteinander. Letzteres wohl hatte der Kardinal im Sinn, als er in seiner Predigt sagte: „Denn etwas ganz anders ist es, Respekt zu zeigen vor den Menschen eines anderen religiösen Wahrheitsgewissens [der jeweilige Vollbegriff] als mit ihnen auf der Grundlage einer von Menschen konstruierten Allgemein-Religiosität einen nur gedachten Einheitsgott [der reduzierte Segmentbegriff] zu verehren.“
Man kann sogar die größtmögliche, im Resultat magere Gemeinsamkeit aller monotheistischen und nichtmonotheistischen Weltreligionen herausdestillieren und gewinnt dann einen universalen Minimalkonsens, der an den Begriff der „Transzendenz“ gemahnt, welchen Papst Johannes Paul II. in seiner Schlussansprache beim Weltgebetstreffen in Assisi 1986 verwendete.

#33
Aber was will Kardinal Müller mit „ein nur gedachter Einheitsgott“ sagen? War nicht seine erste Aussage, dass es nur einen Gott gibt? Und räumt er nicht ein, dass die Muslime an den einen monotheistischen Gott glauben, für den sie biblische Formulierungen hätten?
Will er etwa sagen, dass Christen an den „einen monotheistischen Gott“ glauben und die Moslems an einen anderen „einen monotheistischen Gott“?
Müller umgeht eine zentrale Aussage von Vatikanum 2 über den Islam: „Die Heilsabsicht umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Festhalten am Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ ("Sed propositum salutis et eos amplectitur, qui Creatorem agnoscunt, inter quos imprimis Musulmanos, qui fidem Abrahae se tenere profitentes, nobiscum Deum adorant unicum, misericordem, homines die novissimo iudicaturum." Lumen gentium 16)
Das Konzil präsentiert hier eine Schnittmenge zwischen dem christlichen und islamischen Gottesbegriff. Nach der Ausdrucksweise von Kardinal Müller wäre diese Schnittmenge „erdacht“. Aber für das Konzil ist dieser Segmentbegriff hinreichend, um aussagen zu können, dass die Muslime „mit uns“ (!) den einzigen Gott („Deum unicum“) anbeten. Es kann sich dann doch nur um denselben einzigen Gott handeln, der sowohl von den Christen als auch den Muslimen angebetet wird, nicht um zwei verschiedene einzige Götter - ein Widerspruch in sich selbst, denn dann wären sie nicht einzig.

#34
Es ist nicht anzunehmen, dass Kardinal Müller offen dem Konzil widersprechen will. Doch wie ist dann seine Aussage, Christen und Muslime glaubten nicht an denselben Gott, zu verstehen? Steht sie nicht in Widerspruch zur Konzilsaussage?
Ist es denkbar, dass beide Religionen zwar an verschiedene „einzige“ Götter glauben, aber denselben „einzigen“ Gott anbeten? Das müsste für Kardinal Müller der Fall sein, wenn der mit Konzilsaussage übereinstimmen will.
Ja, denkbar ist es. Aber ist es auch möglich, dass die Muslime den einzigen Gott anbeten, ohne an den einzigen Gott zu glauben?
Die Antwort mag überraschen: Ja, zufolge der Heiligen Schrift ist es wahrscheinlich möglich.
Vor den epikuräischen und stoischen Philosophen in Athen sagt der Apostel Paulus: „Ihr Männer von Athen, ich finde, dass ihr in jeder Hinsicht sehr religiös seid; denn als ich umherging und eure Heiligtümer betrachtete, fand ich auch einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gott. Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch“ (Apg 17, 22f.; Herder-Übersetzung 1965). Ich sagte: „wahrscheinlich“, denn hier kommt die erwähnte Grenzlinie von ante und post revelationem ins Spiel, und ob das Verehren ohne es zu kennen von den Athenern auf die Muslime übertragbar ist, das entscheiden zu wollen, würde eine eigene Untersuchung erfordern.

#35
Doch angenommen, es ist möglich (und das Konzil hätte gerade darum mit Absicht von „adorant“/ anbeten gesprochen und nicht von „credunt“/ glauben und hätte dabei die Areopagrede vor Augen gehabt, wo allerdings eusebeîte/ colitis/ verehrt steht, nicht anbetet) und angenommen, Kardinal Müller dachte eben an diesen Unterschied zwischen anbeten und glauben: Ist seine Auffassung auch die der anderen Bischöfe und vor allem der Päpste?
Das ist nicht der Fall.
Schon seit Paul VI. sind Zitate belegt, wo die Päpste es aussprechen oder indirekt zu verstehen geben, dass die Muslime nicht nur denselben einzigen Gott wie die Christen anbeten, sondern an ihn auch glauben. Beispiele:

#36
Wir richten diesen ehrfurchtsvollen Gruß besonders an diejenigen, die sich zum Monotheismus bekennen und mit uns ihre religiöse Verehrung auf den einen wahren, höchsten und lebendigen Gott, den Gott Abrahams, richten,
Papst Paul VI., "Botschaft an die Welt", Bethlehem, 6. Januar 1964
Vatican Council and Papal Statements on Islam

#37
In unseren Gebeten denken wir immer an die Völker Afrikas. Der gemeinsame Glaube an den Allmächtigen, zu dem sich Millionen bekennen, ruft auf diesen Kontinent die Gnaden seiner Vorsehung und Liebe herab, vor allem aber den Frieden und die Einheit unter allen seinen Söhnen. Wir sind sicher, dass Sie sich als Vertreter des Islam unseren Gebeten zum Allmächtigen anschließen, damit er allen afrikanischen Gläubigen den Wunsch nach Vergebung und Versöhnung gewährt, der in den Evangelien und im Koran so oft gepriesen wird.
Papst Paul VI., Ansprache an die islamischen Gemeinschaften Ugandas, 1. August 1969
Vatican Council and Papal Statements on Islam

#38
Ich richte diesen Aufruf in gleicher Weise an jene, die mit uns das Erbe Abrahams, "unseres Vaters im Glauben" (vgl. Röm 4,11 f.), und die Tradition des Alten Testamentes teilen, die Juden also, sowie an jene, die wie wir an den gerechten und barmherzigen Gott glauben, die Moslems, und richte ihn ebenso an alle Anhänger der großen Weltreligionen.
Papst Johannes Paul II., Sollicitudo rei socialis (1987), 47
Sollicitudo Rei Socialis (30. Dezember 1987) | Johannes Paul II.

#39
In diesem Teil der Welt, in dem die Hoffnung auf das ewige Leben bei den Anhängern aller Religionen stark ist, ist es nur recht und billig, die gesamte Gesellschaft Sumatras aufzufordern, den religiösen Charakter des Lebens und seine Offenheit für transzendente Werte zu verteidigen und zu fördern. Sowohl die Christen als auch die Anhänger des Islam sind aufgerufen, Verkünder dieses höchsten Gutes zu sein und es mit denen zu teilen, die es verloren haben. Seid stolz darauf, anderen Völkern - jenseits des Meeres, auf den fernen Inseln - zu bezeugen, dass dieses dynamische Volk auf dem Grundstein des Primats Gottes und seiner Verheißungen aufgebaut ist.
(…)
Die Kirche in Sumatra freut sich, dass diese Gewissheit von allen Menschen in der Region geteilt wird: mit unseren christlichen Brüdern und Schwestern, die an denselben Herrn und Erlöser Jesus Christus glauben, und auch mit den Anhängern des Islam, die an denselben guten und gerechten Gott glauben. Ihnen, unseren muslimischen Brüdern und Schwestern, entbiete ich einen herzlichen Gruß in der Hoffnung, dass wir gemeinsam den Allerhöchsten Gott preisen und zusammenarbeiten werden, damit die künftigen Generationen in Sumatra in einer Gesellschaft leben können, die von der Achtung vor Gott und seinen Geboten geprägt ist. Wahrlich, er ist der Herr, der "Gerechtigkeit und Recht" liebt.
Papst Johannes Paul II., Eucharistiefeier für die Gläubigen von Sumatra, Homilie, Tuntungan (Indonesien), 13. Oktober 1989
13 October 1989, Eucharistic celebration in Tuntungan, Indonesia | John Paul II

#40
Der berühmt-berüchtigste Beleg dürfte das Video von Papst Franziskus zum interreligiösen Dialog vom Januar 2016 sein:
Als Christen und Muslime glauben wir an Gott den Schöpfer und Barmherzigen, der die Menschen erschaffen hat und sie in die Welt gesetzt hat, damit sie als Brüder leben, indem sie sich in ihrer Verschiedenheit respektieren und sich in den Bedürfnissen helfen.
Papst Franziskus: Christen und Muslime glauben an denselben Gott, "den Schöpfer und Barmherzigen" - Katholisches || Das Video Vom Papst - Interreligiöser Dialog - Januar 2016 v2

#41
Obwohl es nicht unser Hauptthema ist, möchte ich die Aussagen des Kardinals zum gemeinsamen Beten nicht übergehen. Er sagt in der Hauptsache:
1. Gemeinsames Gebet zwischen Katholiken und anderskonfessionellen Christen ist möglich.
2. Gemeinsames Gebet mit Andersreligiösen, die ein „unvergleichbar anderes Gottesverständnis“ haben, ist niemals möglich.
3. Die Päpste haben bei interreligiösen Treffen nicht mit Nichtchristen gebetet.

#42
Zu 1. Nach den ökumenischen Richtlinien der Bischöfe ist das gemeinsame Gebet von Christen unterschiedlichen Bekenntnisses sogar empfohlen. Indes ist daran zu erinnern, dass dies eine Neuerung im Christentum ist, denn in der alten Kirche waren Gebete mit Schismatikern und Häretikern, als welche Nichtkatholiken (bzw. Nichtorthodoxe) angesehen wurden, durch Kanons ökumenischer Konzilien verboten. In Europa wurden furchtbare und langwierige Religionskriege geführt, weil man die Unterschiede zwischen den Konfessionen für entscheidender erachtete als ihre Gemeinsamkeiten – nicht ganz unähnlich dem heutigen Verhältnis zu anderen Monotheismen. Noch in meiner Kindheit bestand die Volksschule aus zwei getrennten Gebäuden, einem katholischen und einem evangelischen, die in der Mitte durch eine gemeinsame Eingangshalle und Aula verbunden waren. Was ich sagen will: Dinge ändern sich im Laufe der Zeit, auch solche, die man für unveränderlich hielt.

#43
Zu 2. Was ist ein „unvergleichbar anderes“ Gottesverständnis? Keine Wissenschaft, auch die Theologie nicht, kann auf Vergleichen verzichten. Eine Unterbindung des Vergleichens, auch mit bester Absicht, ist nicht nur nicht wünschenswert, sondern unmöglich, weil das Vergleichen eine spontane Tätigkeit des menschlichen Verstandes ist, die nicht auf Wunsch oder Befehl abgestellt werden kann. Durch Vergleichen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkannt. Weiteres Nachdenken stellt fest, welche der Unterschiede wesentlich und welche unwesentlich sind. Auch im Gottesbild der christlichen Konfessionen verbleiben wesentliche Unterschiede. Heute verhindern sie nicht das gemeinsame Gebet, doch das gemeinsame Abendmahl (Eucharistie).

#44
Zu 3. Haben die Päpste tatsächlich nicht mit Nichtchristen gebetet? Das kommt auf das Verständnis der Präposition „mit“ an.
Ginge es nach der Enzyklika Mortalium animos (1928) von Papst Pius XI., müsste die Teilnahme an interreligiösen Treffen den Katholiken untersagt sein (Mortalium animos - Enzyklika von Papst Pius XI. - 6.1.1928). Das ist nicht der Fall. Offenkundig haben sich auch hier Dinge geändert.
Zwar beteten in Assisi 1986 die Religionen an eigens für sie reservierten getrennten Stätten. Doch als Höhepunkt des Treffens fand eine gemeinsame Gebetsveranstaltung für den Frieden statt, und dazu sprach Roger Kardinal Etchegaray, Vorsitzender der Päpstlichen Kommission „Iustitia et Pax“, im Namen der Kirche diese Worte: „Wir sind wirklich hier versammelt, um zu beten, aus keinem anderen Grund, nur um zu beten. (…) Das macht die Tiefe und den Wert unseres gemeinsamen Betens aus.“ (Die Friedensgebete von Assisi, Einleitung von Franz Kardinal König, Kommentar von Hans Waldenfels, Herder Freiburg-Basel-Wien 1987, S. 17) Nach den Worten von Papst Johannes Paul II. in seiner Schlussansprache handelte es sich hier um den Versuch, bei aller Verschiedenheit durch Gebet, Fasten und Wallfahrt bei einem gemeinsamen Treffen am selben Ort „unsere Herzen der göttlichen Wirklichkeit über uns und auf unsere Mitmenschen hin zu öffnen“ und „eine brüderliche Wanderung, auf der wir uns gegenseitig begleiten zum transzendenten Ziel, das er (Gott) uns gesetzt hat“, vorwegzunehmen (ebd. S. 53 f.). War das kein gemeinsames Beten? Kardinal Etchegaray sagte genau das, und der Papst bestätigte es und erweiterte es mit eigenen Worten.

#45
Man kann einwenden: Ja, es war ein Beten am selben Ort, aber nicht ein gemeinsam gesprochenes Gebet - das ist ein großer Unterschied! Das ist richtig, aber man muss gleich hinzusetzen: es war n o c h nicht ein gemeinsam gesprochenes Gebet, denn auch ein solches hatten wir schon: beim interreligiösen und ökumenischen Treffen in Sarajevo/Bosnien, am 6. Juni 2015. Doch darüber in einer anderen Notiz.

#46
Es war keine Haarspalterei, als methodisches Hilfsmittel die Semiotik in unsere Betrachtung der Religionen und ihres Verhältnisses zueinander einzuführen. (3) #9 & #10
Die Unterscheidung zwischen Symbol/Wort (lat. vox), Begriff (notio) und Ding (res) ist unerlässlich, wenn man sich nicht in Unklarheiten verheddern will.
Gottesbegriff/Gottesbild und Gott-Realität sind verschiedenerlei.
Wir Menschen kommen nicht ohne Begriffe aus, aber wir wollen nicht zu Bildern und Begriffen von Gott beten, sondern zu Gott selbst. Auch glauben wir nicht an einen Glauben, sondern wir glauben an Gott, wenngleich vermittels des Glaubens.
Dank dieser Unterscheidung (die für den wissenschaftlichen Gebrauch nach Bedarf zu verfeinern ist) können sich beunruhigende Fragen stellen …

#47
Nachtrag. Beim Durchgang habe ich einen Unterschied, den Kardinal Müller setzt, übersehen. Ich unterscheide wesentliche von unwesentlichen Eigenschaften und Unterschieden, aber der Kardinal spricht von prinzipiellen Unterschieden. Auch wenn er das Wort nicht im streng philosophischen Sinn gebraucht, so will er mit ihm zum Ausdruck bringen, dass es Glaubensunterschiede von der Art gibt, dass sie ein gemeinsames Gebet prinzipiell, grundsätzlich unmöglich machen. Ich versuche es, mit einem Vergleich zu erklären. Es sind nicht zufällige (akzidentielle), sondern wesentliche (essentielle) Eigenschaften des Menschen, dass er beispielsweise zwei Augen, zwei Hände, zwei Füße hat. Doch kann er zur Not auch mit einem dieser Organe bzw. Glieder oder sogar ganz ohne sie leben. Er kann aber nicht ohne Herz oder ohne Gehirn leben. Analoges wäre mit dem "prinzipiellen" Unterschied zwischen Christentum und Islam, von dem Kardinal Müller spricht, gemeint.

#48
Nachtrag 2, zu oben #25. "Aus dem Holz der Eiche ließ Bonifatius eine dem Heiligen Petrus geweihte Kapelle bauen, die dann die Keimzelle des von ihm 724 gegründeten Benediktiner-Klosters Fritzlar wurde. Heute steht an ihrer Stelle der Dom (Stiftskirche) St. Peter in Fritzlar." (hier) - Jenes denkwürdige Geschehen hatte eine christliche und eine heidnische Perspektive. Der heidnischen Denk- und Fühlweise versucht dieser Beitrag Ausdruck zu verschaffen: hier.
625