Guntherus de Thuringia

Notizen (3) Ist „der islamische Allah identisch mit dem dreifaltigen Gott der Christenheit“?

#4
Zum Beweis, dass das Konzil Allah für identisch mit dem dreifaltigen Gott erklärt und damit eine Häresie verkündet habe, zitiert der gloria-Nutzer @Escorial den Orientalisten Dr. Hans-Peter Raddatz wie folgt:

„Nur auf Grund einer erstaunlichen Erkenntnisblindheit, die unter anderem darin besteht, dass im II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) der islamische Allah als identisch mit dem dreieinigen Gott der Christenheit erklärt wurde („Nostra aetate“ und „Lumen gentium“), wurde die geistige Voraussetzung geschaffen und ist es erst möglich geworden, dass sich der Islam unter dem Deckmantel der Friedlichkeit und Friedfertigkeit in Europa schleichend etablieren und sich inzwischen auch weitgehend politisch festigen konnte. (…) Diese Gleichsetzung hat quasi Dogmencharakter erlangt, weil die Katholische Kirche gleichzeitig festlegte, dass ein Zurückgehen hinter die Aussagen des Konzils als Abfall von der Lehre der Kirche und von der Kirche selbst zu gelten habe.“

#5
Aber wurde tatsächlich „im II. Vatikanischen Konzil der islamische Allah als identisch mit dem dreieinigen Gott der Christenheit erklärt“? Diese Frage soll uns hier beschäftigen. Den politischen Aspekt der Stellungnahme Raddatz’ klammern wir aus.

#6
Zuerst eine persönliche Erinnerung. Vor Jahren, als Reinhard Marx noch Bischof von Trier war (2002 bis 2007), ergab es sich, dass ich während Besinnungstagen im Kloster Maria Engelport mit ihm zu Mittag aß. Zuvor hatte er in der Klosterkirche das Hochamt zelebriert und eine Osterpredigt gehalten. Wir saßen also direkt nebeneinander und ich nutzte die Gelegenheit, ihm sinngemäß eben diese Frage zu stellen: ob durch das Konzil der islamische Allah mit dem christlichen Gott für identisch erklärt wurde. Er antwortete, er sehe das so: Wir, Christen und Muslime, hätten denselben Gott, aber während die Muslime ihn wie auf einem Schwarz-Weiß-Bild sähen, sähen wir ihn wie auf einem Farbbild.

#7
Es sei dahingestellt, wie treffend dieser Vergleich ist. (Vergleiche kann man immer bemäkeln.) Reinhard Marx bringt jedoch etwas Wesentliches zur Sprache: Wir müssen unterscheiden zwischen Gott und zwischen dem Bild, das Menschen von Gott haben.

#8
Was bedeutet es überhaupt, wenn wir sagen: A ist identisch mit A, und: A ist gleich B? Diese Frage ist nichts weniger als trivial. Sie ist eine Grundfrage der Philosophie; besonders die moderne Logik und die analytische Philosophie haben sich mit ihr beschäftigt.

#9
Wir Menschen verständigen uns durch Zeichen. Zeichen sind mehrdimensional. Die einfachste Form der Darstellung dieser Mehrdimensionalität ist das semiotische Dreieck. Es stellt die Relation zwischen dem Symbol, dem dadurch hervorgerufenen Begriff und dem damit gemeinten realen Ding dar. Je nach der zugrundeliegenden Erkenntnistheorie kann dieses Modell interpretiert und weiter ausgestaltet werden.

#10
Der deutsche Philosoph Ludwig Wittgenstein gibt diese Beschreibung:

„Die Welt besteht aus Gegenständen, Sachverhalten, Ereignissen und Ähnlichem. Diese sind wirklich und bestimmen alles, was geschieht. Das Symbol für ein Einzelnes davon steht in den folgenden Dreiecken rechts und bedeutet vereinfacht: Ding oder „was Sache ist“.
Wenn der Mensch ein Ding bemerkt oder sich vorstellt, macht er sich ein gedachtes Bild davon. Das Symbol dafür steht in den folgenden Dreiecken oben und bedeutet: Begriff oder „was man meint“.
Wenn Menschen mit diesen Begriffen von Dingen reden, so verwenden sie Zeichen (meist hörbar, gelegentlich auch sichtbar oder anders wahrnehmbar). Das sind Wörter (auch Bezeichnungen, Benennungen, Symbole oder Ähnliches). Das Symbol dafür steht in den folgenden Dreiecken links und bedeutet: Wort oder „was man dazu sagt“.
Ding, Begriff und Wort sollen eindeutig zusammengehören. Das gelingt nicht immer, vielmehr muss man immerzu aufpassen, ob der eben verwendete Begriff das betrachtete Ding richtig erfasst, ob das eben verwendete Wort den gemeinten Begriff trifft, und sogar ob das eben betrachtete Ding überhaupt eins ist und nicht etwa einige oder gar keins. Passen die drei Ecken nicht zueinander,
„So entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die ganze Philosophie voll ist).“
(Tractatus logico-philosophicus (1921), 3.324; nach: Semiotisches Dreieck – Wikipedia)

#11
Der uns interessierende Sachverhalt wird dadurch verkompliziert, dass das in Frage stehende „Ding“ – Gott - für uns nie zu einem Gegenstand sinnfälliger Erfahrung werden kann, weil es absolut transzendent, das heißt jede mögliche Erfahrung übersteigend ist.

#12
Was genau sagt nun das Zweite Vatikanische Konzil? Der wichtigste Satz lautet: „Die Heilsabsicht umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Festhalten am Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ ("Sed propositum salutis et eos amplectitur, qui Creatorem agnoscunt, inter quos imprimis Musulmanos, qui fidem Abrahae se tenere profitentes, nobiscum Deum adorant unicum, misericordem, homines die novissimo iudicaturum." Lumen gentium 16)

Ein weiterer Passus sagt: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.“ ("Ecclesia cum aestimatione quoque Muslimos respicit qui unicum Deum adorant, viventem et subsistentem, misericordem et omnipotentem, Creatorem caeli et terrae, homines allocutum, cuius occultis etiam decretis toto animo se submittere student, sicut Deo se submisit Abraham ad quem fides islamica libenter sese refert. Iesum, quem quidem ut Deum non agnoscunt, ut prophetam tamen venerantur, matremque eius virginalem honorant Mariam et aliquando eam devote etiam invocant. Diem insuper iudicii expectant cum Deus omnes homines resuscitatos remunerabit. Exinde vitam moralem aestimant et Deum maxime in oratione, eleemosynis et ieiunio colunt." Nostra aetate 3; deutscher Text zitiert nach vatican.va; für das Heraussuchen des lateinischen Textes danke ich dem gloria-Nutzer @Oenipontanus).

#13
Das Konzil spricht hier also von Gott und, synonym, vom Schöpfer. Es unterscheidet unausdrücklich, aber implizit das „Ding“ Gott vom „Begriff“ Gott. Das Ding – Gott als Gegenstand des Glaubens und der Anbetung („die … mit uns den einzigen Gott anbeten“), haben Christen und Muslime gemeinsam, im Gottesbegriff („Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten“) unterscheiden sie sich.

#14
Damit stimmt der alltägliche Sprachgebrauch der Menschen überein. Der durchschnittliche Deutsche wird ohne weiteres zugeben, dass Moslems an Gott glauben. Ebenso wie der gewöhnliche Moslem zugibt, dass Christen an Gott glauben. Dem gibt das deutsche Wörterbuch recht: Gott – übermenschliches, meist unsterbliches, kultisch verehrtes Wesen, Gegenstand des religiösen Glaubens; erstes, höchstes Wesen im Christentum; Schöpfer der Welt (Wahrig, Deutsches Wörterbuch, 1968)

#15
Beachten wir, dass in der Wörterbuchdefinition nicht von Dreifaltigkeit die Rede ist. Raddatz würde jetzt einwenden: Aber die Dreifaltigkeit gehört wesentlich zum christlichen Gottesbegriff; es gibt keinen christlichen Gottesbegriff in Absehung von der Dreifaltigkeit. Das ist richtig. Aber reden so nur das Konzil und der theologisch (angeblich) unerleuchtete Alltagsmensch? Nein.

Es war das die Haltung der Kirche und der Theologen schon immer. Es wäre kein Gespräch des Christentums mit dem Heidentum möglich gewesen, hätte es nicht an ein Vorverständnis von Gott als Urgrund des Seins und Schöpfer des Alls appellieren können. Man lese das alttestamentliche Buch Weisheit, die Rede des Apostels Paulus auf dem Athener Areopag, die christlichen Apologeten und Kirchenväter, die „Bekenntnisse“ des Augustinus in Bezug auf das Heidentum.

Das „Unbegrenzte“ (ápeiron) des Anaximander, Platons höchste Idee des Guten und des Schönen (Politeia; Symposion), Aristoteles’ „unbewegter Beweger“ (Metaphysik), das „Eine“ Plotins (Enneaden), usw. - das alles waren Formen der philosophischen Gotteserkenntnis, die von der christlichen Philosophie stets als "natürliche Gotteserkenntnis“ anerkannt wurden. Und der Islam? Von Anbeginn haben christliche Theologen nie bestritten, dass die Muslime an Gott glauben. Genannt seien Johannes von Damaskus, Thomas von Aquin, Ramon Lull, Nikolaus von Kues. Ursprünglich und für lange Zeit wurde der Islam nicht einmal als Fremdreligion, sondern als christliche Häresie wahrgenommen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin, insbesondere der „dritte Weg“ aus der Kontingenz, verdanken sich großenteils der Vorarbeit der islamischen Scholastik, insbesondere Avicennas (Ibn Sina), der ins Lateinische übersetzt war (siehe Josef Schmidt, Philosophische Theologie, Stuttgart 2003, S. 45 f.). Wie wäre das möglich gewesen, bezögen sich der Islam und das Christentum nicht auf denselben Gott?

#16
Nicht nur spricht das Zweite Vatikanische Konzil in dieser Sache keine Häresie aus. Es befindet sich mit seiner Auffassung in der theologischen Tradition der Kirche, während die ängstlichen bis panischen Abwehrreaktionen gegen die Konzilsäußerungen aus ihr ausgebrochen sind.

Kurz: Muslime und Christen beziehen sich auf denselben Gott; es bestehen jedoch, neben wesentlichen Gemeinsamkeiten, auch wesentliche Unterschiede in ihrem jeweiligen Gottesbegriff bzw. Gottesbild.

#17
Aber unterscheiden sich denn nur das christliche und das islamische Gottesbild voneinander? Sind unterschiedliche Gottesbilder nicht innerhalb des Christentums selbst feststellbar, bis dahin, dass von Widersprüchlichkeit und Gegensätzlichkeit die Rede sein kann? Nur zweierlei möchte ich hier erwähnen. Da ist erstens das biblische Gottesbild. Es ist ein weiter Weg vom Gott, der sich in Finsternis, Feuer und Gewitter auf dem Sinai und in Völkermordbefehlen im Lande Kanaan offenbart bis zum Säuseln der Stille vor der Höhle des Elias und bis zum gütigen Vater Jesu Christi in den Evangelien. Die gewaltsame Seite des biblischen Gottes verschwindet jedoch nie ganz, denn vor dem glücklichen Ende im himmlischen Jerusalem für die Geretteten erfolgt zuerst die finale massenhafte Austilgung aller Feinde Gottes durch Feuer vom Himmel, welche ihre Fortsetzung im ewigen Höllenfeuer findet. (Zu erwähnen ist hier auch, dass dem Gott der hebräischen Bibel die Trinität fast so fremd ist wie dem Koran. Die trinitarischen Spuren, die man im Alten Testament entdecken will, sind äußerst karg.) Und da sind zweitens die unzähligen Privaterscheinungen und Privatbotschaften der Christen, deren apparitionistisches Gottesbild von dem kirchlich-dogmatischen oft erheblich abweicht. Dennoch wird man von einem letztlich gemeinsamen Gott der ganzen Bibel von Genesis bis Apokalypse ausgehen, und auch den Erscheinungsgläubigen ihren (obzwar häresiegefährdeten) Glauben an Gott und Christus nicht absprechen wollen.

#18
Die Rede von einer Häresie des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bezug auf seine Aussagen über den Islam hält der Überprüfung nicht stand und ist als unbegründet zurückzuweisen.
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