Guntherus de Thuringia
Notizen (6) Zwei abrahamitische Gebete von Papst Franziskus und Folgerung daraus



#49
In seiner Festpredigt am 6. Januar 2007 im Regensburger Dom sagte Gerhard Ludwig Kardinal Müller inhaltsgemäß:
* Muslime und Christen glauben nicht an denselben Gott.
* Wegen ihres prinzipiellen Gegensatzes im Gottesglauben können Christen und Muslime nicht gemeinsam beten.
* Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. beteten nicht gemeinsam mit Nichtchristen, schon gar nicht auf nichtchristliche Art.
Notizen (5) Gerhard Ludwig Kardinal Müller über den Islam

#50
In einem Beitrag bei einem Podiumsgespräch bekräftigt Kardinal Müller, dass in Nostra aetate der christliche und der islamische monotheistische Gottesglaube nicht identifiziert werden. (Dieser nichtdatierte Beitrag kann nicht lange zurückliegen, da Müller ironisch den Pachamamakult erwähnt und der Pachamama-Skandal in Rom im Oktober 2019 stattfand.)
Notizen (5) Gerhard Ludwig Kardinal Müller über den Islam

#51
In der vorerwähnten Notiz habe ich belegt:
* Papst Johannes Paul II. lehrte in Sollicitudo rei socialis (1987), 47, also lehramtlich, dass Christen und Muslime an denselben Gott glauben.
* Aus Zitaten von Roger Kardinal Etchegaray und Papst Johannes Paul II. geht hervor, dass sie das Friedensgebet von Assisi 1986 (Schlussveranstaltung) als gemeinsames Beten der Weltreligionen verstanden.

Dieses gemeinsame Beten war damals nur ein gemeinsames Beten von Repräsentanten verschiedener Religionen am selben Ort im selben Gebetstreffen vor demselben Gott bzw. derselben „Transzendenz“, jedoch in ihren je eigentümlichen Worten.

#52
Dabei blieb es nicht. Was Kardinal Müller für ganz unmöglich erklärte: dass Christen und Muslime gemeinsam beten könnten, hat sich inzwischen wiederholt ereignet, und zwar in Person der obersten sichtbaren Glaubensautorität der Kirche: des Papstes, selbst.

Zum Beweis seien diese zwei abrahamitischen Gebete von Papst Franziskus angeführt:

#53
Das Gebet bei der ökumenischen und interreligiösen Begegnung Samstag, 6. Juni 2015, im internationalen franziskanischen Studentenzentrum in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina). Papst Franziskus sprach:

„(…) Ich bin Ihnen allen dankbar für Ihre Anwesenheit und für die Gebete, die Sie freundlicherweise für meinen Dienst verrichten werden. Meinerseits versichere ich Ihnen, dass ich ebenso für Sie, für Ihre Gemeinschaften beten werde, und ich tue es von Herzen. Der Herr segne uns alle.
Jetzt lade ich alle ein, dieses Gebet zu sprechen. An den ewigen, den einen und wahren lebendigen Gott, den Barmherzigen.

GEBET

Allmächtiger, ewiger Gott,
guter und barmherziger Vater;
Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge;
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,
König und Herr der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft;
einziger Richter aller Menschen,
der du deine Gläubigen mit der ewigen Herrlichkeit belohnst!
Wir, die Nachkommen Abrahams nach dem Glauben an dich, den einen Gott,
Juden, Christen und Muslime,
stehen in Demut vor dir,
und voll Vertrauen bitten wir dich
für dieses Land Bosnien und Herzegowina,
auf dass wir in Frieden und Harmonie darin leben können,
gläubige Männer und Frauen verschiedener Religionen, Nationen und Kulturen.
Wir bitten dich, o Vater, dass dies geschehe
in allen Ländern der Welt!
Stärke in jedem von uns den Glauben und die Hoffnung,
die gegenseitige Achtung und die aufrichtige Liebe
zu allen unseren Brüdern und Schwestern.
Gib, dass wir uns mutig dafür einsetzen,
die soziale Gerechtigkeit herzustellen,
Männer und Frauen guten Willens zu sein,
reich an gegenseitigem Verständnis und an Vergebung,
geduldige Erbauer von Dialog und Frieden.
All unsere Gedanken, Worte und Werke
seien in Einklang mit deinem heiligen Willen.
Alles geschehe zu deiner Ehre, zu deiner Herrlichkeit und zu unserem Heil.
Lob und Herrlichkeit in Ewigkeit dir, unserem Gott!
Amen.“
Apostolische Reise nach Sarajevo: Ökumenische und interreligiöse Begegnung (6. Juni 2015) | Franziskus

#54
2. Das „Gebet der Kinder Abrahams“ bei der Interreligiösen Begegnung am Samstag, den 6. März 2021, in der Ebene von Ur (Irak)

„GEBET DER KINDER ABRAHAMS

Allmächtiger Gott, unser Schöpfer, du liebst die Menschheitsfamilie und auch sonst alles, was deine Hände vollbracht haben. Wir, die Söhne und Töchter Abrahams, die dem Judentum, dem Christentum und dem Islam angehören, danken dir zusammen mit anderen Gläubigen und allen Menschen guten Willens, dass du uns Abraham, einen berühmten Sohn dieses edlen und geschätzten Landes, als gemeinsamen Vater im Glauben geschenkt hast.
Wir danken dir für das Beispiel dieses gläubigen Mannes, der dir bis zum Äußersten gehorchte und seine Familie, seinen Stamm und seine Heimat verließ, um in ein Land zu gehen, das er nicht kannte.
Wir danken dir auch für das Beispiel an Mut, Durchhaltevermögen, Seelenstärke, Großzügigkeit und Gastfreundschaft, das uns unser gemeinsamer Vater im Glauben gegeben hat.
Wir danken dir insbesondere für seinen heroischen Glauben, den er bewies, als er bereit war, seinen Sohn zu opfern, um deinem Befehl zu gehorchen. Wir wissen, dass dies eine äußerst schwierige Prüfung war, aus der er dennoch als Sieger hervorging, weil er dir ohne Vorbehalt traute, der du barmherzig bist und immer neue Wege für einen Neubeginn eröffnest.
Wir danken dir, denn dadurch, dass du unseren Vater Abraham gesegnet hast, hast du ihn zu einem Segen für alle Völker gemacht.
Wir bitten dich, du Gott unseres Vaters Abraham und unser Gott: Schenke uns einen starken Glauben, der sich für das Gute einsetzt, einen Glauben, der unsere Herzen für dich und für alle unsere Brüder und Schwestern öffnet, und eine Hoffnung, die sich nicht unterdrücken lässt und überall die Treue deiner Verheißungen zu erkennen vermag.
Mache jeden von uns zu einem Zeugen deiner liebenden Sorge für alle, besonders für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Witwen und Waisen, die Armen und Kranken.
Öffne unsere Herzen, schenke uns die Bereitschaft, einander zu vergeben und mache uns zu Werkzeugen der Versöhnung, zu Erbauern einer gerechteren und geschwisterlicheren Gesellschaft.
Nimm alle Verstorbenen, besonders die Opfer von Gewalt und Krieg, auf in dein Reich des Lichtes und des Friedens.
Steh den Verantwortlichen darin bei, die Entführten zu suchen und zu finden und vor allem Frauen und Kinder zu schützen.
Hilf uns für den Planeten Sorge zu tragen, das gemeinsame Haus, das du uns allen in deiner Güte und Großzügigkeit gegeben hast.
Komm uns beim Wiederaufbau dieses Landes zu Hilfe und gib uns die Kraft, die wir brauchen, um denen zu helfen, die ihre Heimat und ihr Land verlassen mussten, so dass sie sicher und in Würde zurückzukehren und ein neues Leben in Frieden und Wohlstand beginnen können. Amen.“
Apostolische Reise in den Irak: Interreligiöse Begegnung in der Ebene von Ur (6. März 2021) | Franziskus_

Bemerkungen

#55
Zu 1.
* Der Papst lud die anwesenden Religionsvertreter: Katholiken, Juden und Muslime, dazu ein, gemeinsam mit ihm zu beten. Diese erhoben sich von ihren Sitzen, und der Papst betete das Gebet in italienischer Sprache vor (Video ab 2:09:00 The Pope in Sarajevo - Meeting with priests and religious 2015.06.06).
* Im Unterschied zum Gebet der Christen und zur Ansprache von Papst Johannes Paul II. beim gemeinsamen Gebetstreffen in Assisi 1986 erwähnte Papst Franziskus Jesus Christus kein einziges Mal, weder in seiner Ansprache noch in seinem Gebet.
* Das Gebet enthält Inhalte, die den drei Religionen formal (d.h. unter Absehung von der genauen Bedeutung der gleichlautenden Worte in den einzelnen Religionen) gemeinsam sind, aber auch solche, die für traditionell Gläubige jeder der drei Religionen eine unerträgliche Zumutung sein dürften, mindestens die folgenden: für orthodoxe Juden die unterschiedslose Qualifizierung der drei Gruppen Religionsangehörige als Gläubige, die Gott mit der ewigen Herrlichkeit belohnen möge; das Verschweigen Jesu Christi und der Trinität für Christen; die Anrede Gottes als Vater für Muslime.
* Im Widerspruch zur christlichen Glaubenslehre ist insbesondere die Zuschreibung des Richteramtes an den Vater, der es doch dem Sohn übereignet hat. Apostolisches Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
* Was ist „der heilige Wille Gottes“, mit dem laut Papst Franziskus alle „unsere“ (der Juden, Christen und Muslime) Gedanken, Worte und Werke in Einklang sein sollen? Dieser Wille wird in allen drei Religionen nicht nur als verschieden, sondern teilweise als gegensätzlich offenbart geglaubt: mosaisches Gesetz und mündliche Überlieferung (Mischna, Talmud usw.) der Juden...; katholischer Glaube, Kult und Sakramente, Leben in Christus, Moral...; Koran, Prophetenüberlieferung, Rechtsschulen...

#56
Zu 2.
* Der gleiche Tenor wie zuvor. Aus drei verschiedenen Religionsgemeinschaften wird eine kreiert, indem formale Gleichheiten erwähnt und Unterschiede ignoriert werden. Insbesondere werden die Stifterpersönlichkeiten Moses, Jesus Christus und Mohammed und die Offenbarungsschriften (Hebräische Bibel, Neues Testament und Koran) verschwiegen; allein auf Abraham als den gemeinsamen Vater im Glauben wird Rekurs genommen.
* Der Papst betet: „Wir danken dir insbesondere für seinen heroischen Glauben, den er bewies, als er bereit war, seinen Sohn zu opfern, um deinem Befehl zu gehorchen. Wir wissen, dass dies eine äußerst schwierige Prüfung war, aus der er dennoch als Sieger hervorging, weil er dir ohne Vorbehalt traute, der du barmherzig bist und immer neue Wege für einen Neubeginn eröffnest.“ Wir kennen die Auslegung dazu im Hebräerbrief (11,17.19): „Durch Glauben hat Abraham den Isaak dargebracht, als er auf die Probe gestellt wurde (…) Er dachte: Gott ist imstande, auch von den Toten zu erwecken. (…)“ Erwähnenswert ist hier aber auch eine rabbinische Auslegung, wonach Abraham hätte dem Befehl Gottes widersprechen sollen (den Beleg müsste ich heraussuchen).
* Der Papst betet: „Wir danken dir, denn dadurch, dass du unseren Vater Abraham gesegnet hast, hast du ihn zu einem Segen für alle Völker gemacht.“ Die Schriftstelle lautet jedoch: „Durch deine Nachkommen [wörtlich: deinen Samen] sollen alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du auf meine Stimme gehört hast“ (Genesis 22,18; vgl. 26,4). Der Apostel Paulus hat diese Stelle ausgelegt: „Nun sind aber die Verheißungen dem Abraham und seinem Samen zugesagt worden. Es heißt nicht: und den Samen, als ob es sich um eine Mehrzahl handelte, sondern im Hinblick auf einen einzigen: und ‚deinen Samen‘, das ist Christus“ (Galaterbrief 3,16). Dass der Segen durch den Samen Abrahams von Jesus Christus erfüllt und verwirklicht ist, verschweigt Papst Franziskus.
* Der Papst betet: „Nimm alle Verstorbenen, besonders die Opfer von Gewalt und Krieg, auf in dein Reich des Lichtes und des Friedens.“ Ich erlaube mir keine rasche Wertung einer solchen Bitte an Gott. Fest steht jedoch: Keine der drei monotheistischen Weltreligionen kennt ein solches Gebet für alle Menschen, und nach dem biblischen Zeugnis zu urteilen kannte auch Abraham es nicht. Es klingt wie die Gebetsbitte einer Religion, die nicht einfach der (klassenlogische) Durchschnitt der drei Religionen Judentum, Islam und Christentum, wie wir sie kennen, ist, sondern etwas Neues, Nichtdagewesenes wird hier eingeführt.

#57
Obwohl ich nur sehr wenige Dokumente aus der reichhaltigen interreligiösen Aktivität und Produktion der Päpste ausgewählt, und diese nur einem ersten Augenschein, ohne gründliche, umfassende Untersuchung, unterzogen habe, wage ich dieses Resümee:
Blicken wir auf das 2. Vatikanum und die Zeit seither zurück, so können wir feststellen, dass die Aussagen des Konzils zu den nichtchristlichen Religionen zwar wahrscheinlich nicht häretisch waren. Von dort nahm jedoch eine Entwicklung ihren Ausgang, deren zwischenzeitiger Stand – im Pontifikat von Papst Franziskus - auf christlicher Seite charakterisiert ist durch grundsätzliche Identifizierung des christlichen Glaubens mit dem jüdischen und dem islamischen Glauben mittels Subsumierung dieser Religionen unter den Glauben Abrahams, unter Absehung vom Herzstück des christlichen Glaubens (Trinität, Inkarnation, Soteriologie…) und durch totale Verschweigung des Namens Jesu Christi. Zudem werden neue Elemente eingeführt, die keiner der drei religiösen Traditionen eigentümlich sind. Wie soll wohl diese Entwicklung weitergehen?

#58
Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf die Predigt von Gerhard Ludwig Kardinal Müller zurückkommen. Darin sagte er auch: „Er [der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner] hatte nur die eine Wahrheit des katholischen Glaubens zum Ausdruck gebracht, dass Christen seit der Selbstoffenbarung Gottes in der Menschwerdung des Sohnes und der endzeitlichen Ausgießung des Heiligen Geistes nur im Heiligen Geist durch Jesus zu Gott, Abba Vater sagen können. Christen glauben an den dreifaltigen Gott und beten so zu ihm wie er sich uns geoffenbart hat.“ (kath.net/news/15640)
Dagegen mag man geltend machen: Auch die Gerechten des Alten Bundes beteten zu Gott nicht im Heiligen Geist, denn im Alten Bund kam der Heilige Geist nur über Gläubige, wohnte ihnen nicht inne. Und auch Hiob, der nicht einmal ein Sohn Abrahams war, betete zu Gott und opferte ihm nicht im Heiligen Geist. Und doch hörte und erhörte Gott sie. Warum sollte er nicht die Muslime hören, und warum sollten wir daher nicht mit ihnen zusammen beten?
Doch scheint Kardinal Müller sagen zu wollen, dass, nachdem eine vollere, die endgültige Offenbarung Gottes an die Christen ergangen ist, sie nicht das Recht haben, hinter diese wieder zurückzufallen.
Und dann ist da noch die unmittelbare innere religiöse Erfahrung. Vor einigen Jahren sah ich ein Video mit einem Priester der russisch-orthodoxen Kirche. Dieses Video könnte ich, auch wenn ich danach suchte, nicht mehr auffinden. Aber eine Aussage daraus hat sich mir tief eingeprägt. Der Priester schilderte, wie er, amtlich gedrängt, an einem interreligiösen Gebetstreffen teilgenommen hatte. Danach habe er eine seelische Beschmutzung empfunden in einer Weise wie nie zuvor in seinem Leben.

#59
Nachtrag. Oben nicht behandelt, aber zu erwähnen ist ein weiterer Zug in den abrahamitischen Gebeten von Papst Franziskus. Er ist der Verschweigung von Prinzipiell-Christlichem gegenläufig, nämlich die Einschiebung spezifisch christlicher Elemente, wie die Anrede Vater, der Begriff ewige Herrlichkeit, die göttlichen Tugenden Glauben, Hoffnung, Liebe. Den christlichen Teilnehmern werden die abrahamitischen Papstgebete durch solche vertraut klingenden Elemente schmackhaft und annehmbarer gemacht. Die jüdischen und/oder islamischen Gebetsteilnehmer, denen sie fremdartig sein müssen, werden durch sie übermächtigt und vereinnahmt - falls sie ihre Übereinstimmung um des Dialogs willen nicht nur äußerlich mimen, sondern innerlich bejahend aufrichtig mitvollziehen.

#60
Wir erhalten also dieses vorläufige Gesamtbild als Bausteine (Konstruktionsformel) für die interreligiös-abrahamitische mutmaßliche Neureligion:
Katholischer jüdisch-christlich-islamischer Interfaith-Abrahamismus = 1. Formal gemeinsame Glaubenselemente; 2. Ausblendung "prinzipieller" (Kard. Müller) religiöser Gegensätze; 3. Unterschiebung einzelner vertrauter spezifisch-christlicher Elemente (als captatio benevolentiae für die christlichen Gläubigen?); 4. Einführung neuer Elemente, die keiner der drei abrahamitischen Religionen eigentümlich sind.
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Bild: The Latest: Pope arrives in Iraq's Ur for interfaith meeting
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