Die Sündhaftigkeit des Streites. Nach dem heiligen Thomas von Aquin.
Eigentlich besteht der Streit in Worten, wenn nämlich einer der Rede eines anderen widerspricht. In einer solchen Widerrede kann nun zweierlei beachtet werden: Mitunter nämlich geschieht die Widerrede wegen der Person des Sprechenden, dem der Widersprechende seine Zustimmung verweigert aus mangelnder Liebe, welche die Seelen eint. Und das scheint Zwietracht zu sein, die unvereinbar ist mit der Liebe.Mitunter entsteht der Widerspruch wegen der Person, die jemand zu kränken sich nicht scheut. So entwickelt sich der Streit, der unvereinbar ist mit der Freundschaft oder Freundlichkeit, die verträglich mit den anderen leben will. Deswegen sagt der Philosoph:" Solche, die in allem widersprechen und sich in keiner Weise kümmern, ob sie jemand wehtun, werden eigensinnig und streitsüchtig genannt."
Die Tugend der Freundlichkeit sucht nun vornehmlicher zu erfreuen als zu betrüben; darum fehlt der Streitsüchtige, der übermässig wehtut, schwerer als der Gefallsüchtige oder Schmeichler, der im Freudemachen zu weit geht.
Der Geist des Widerspruchs, der sich in der Rede offenbart, will mitunter den anderen treffen und ihm wehe tun, ihm also die Freude nehmen, aber nicht eigentlich Zwietracht säen. Das alles ist unmittelbar gegen die Leutseligkeit gerichtet, die ja im Verkehr mit anderen Freude bereiten und bewahren will. Dabei brauchen solch "schwierige Charaktere" nicht ausdrücklich zu beabsichtigen, den anderen die Freude zu verderben und das Zusammenleben schwer zu machen. Diese Wirkungen ergeben sich einfach aus der Art, wie diese Menschen mit den anderen umgehen, aus ihrem mürrischen, kantigen Wesen, das oft das Ergebnis einer mangelhaften Erziehung, ungenügender Selbstbeherrschung und besonderer Charakterveranlagung ist.
Im Vergleich mit der Schmeichelei ist unter sonst gleichen Umständen die Streitsucht die schwerere Sünde, da sie mehr als sie gegen die tugendhafte Leutseligkeit verstösst. Was die Schmeichelei bringen und erhalten will, das versagt oder zerstört die Streitsucht.
Quelle : Summa Theologica, Thomas von Aquin, Band 20 , 116. Frage und Kommentar