Doris

Betrachtung am 1. Adventssonntag, Bischof Sailer von Regensbur, 1751-1832

Betrachtung am 1. Adventssonntag (Bischof Johann Michael Sailer, 1751-1832)

Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde

1. Gott ist!
Die ganze Natur, Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Erde und Wasser, Luft und Feuer, und vor allem der Mensch, die Vernunft, das Gewissen, Alles, Alles in mir und außer mir, ruft mir zu: Es ist ein Gott; Gott ist! Gott! Du höchstes, bestes Wesen, Du Quelle alles Guten! Ja, Du bist, und ohne Dich wäre nichts! Du, die höchste Allmacht, hast alle Dinge erschaffen; Du, die höchste Weisheit, hast alle Dinge geordnet; und was deine Macht erschaffen, und deine Weisheit geordnet hat, das erhält und regiert deine gütige Vorsehung. Du bist; und nur ein Tor kann sprechen: Es ist kein Gott!
Gott ist: denn die Welt muss einen Schöpfer, der Mensch einen Vater, unser freier Wille einen Gesetzgeber, die Tugend einen Belohner, das Laster einen Bestrafer, die unterdrückte Wahrheit einen Erretter, die gequälte Unschuld einen Vergelter, Alles, was ist, einen Herrn und König haben.

2. Und der Gott, der ist, und der dies Alles gemacht hat, ist die Liebe selbst, sagt der heilige Johannes.
Gott ist mächtig, ist die Allmacht selbst, also eine mächtige, ja, die allmächtige Liebe.
Gott ist heilig, ist die Heiligkeit selbst, also eine heilige, ja, die heiligste Liebe.
Gott ist weise, ist die Weisheit selbst, also eine weise, ja die weiseste Liebe.
Gott ist gerecht, die Gerechtigkeit selbst, also eine gerechte, ja die gerechteste Liebe.
Was wir nicht begreifen können, das können, das sollen wir glauben - Gott - die Liebe.
Gott ist die Liebe in sich und in Allem, was Er schafft, tut, ordnet, fügt.
Gott ist ewig, also die ewige Liebe.
Gott ist unwandelbar, also eine unwandelbare Liebe, gestern und heute und ewig - sich gleich.
O Wort der Freude: unser Gott, unser Schöpfer, die Liebe selbst!

3. Und der Gott, der die Liebe ist, hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen.
O, wie schön und herrlich muss der Mensch gewesen sein, wie er aus der Hand Gottes hervorgegangen, seinem Schöpfer in Anbetung und Liebe huldigte!
Das Ebenbild Gottes leuchtete in dem Menschen: Gottes Güte, Weisheit und Macht spiegelte sich in ihm ungleich herrlicher als die Sonne im Tautropfen.
Das Ebenbild Gottes leuchtete in dem Menschen: Gottes Licht strahlte in seinem Verstand, Gottes Licht brannte in seinem Willen, Gottes Ordnung herrschte in seinen Handlungen.
Das Ebenbild Gottes leuchtete im Menschen: der Mensch erkannte und liebte und verehrte seinen Gott, redete mit Ihm wie ein Freund mit seinem Freunde. Der Mensch war Gottes Lust, und Gott des Menschen Freude.
Alles im Menschen gehorchte dem Geist, der von Gott gekommen war, und der Geist gehorchte Gott; der ganze Mensch war lauter Ordnung, Liebe, Unschuld, Zufriedenheit, Seligkeit.
Der erste Mensch, bekleidet mit Unschuld und Unsterblichkeit, wandelnd in Licht und Liebe, war also, wie die Schrift sagt, in Heiligkeit und Gerechtigkeit erschaffen.
O Du heilige Liebe, die Du den Menschen nach deinem Bilde erschaffen hast! Preisen und verherrlichen möchte ich Dich, wie der erste Mensch, in seiner Unschuld und Würde, Dich gepriesen und verherrlicht hat!
(WW 36,203-205)
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