[30] La Divina Commedia - Inferno, canto XXX --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 30. Gesang \\
Dreißigster Gesang.
Fortsetzung. Personen-Fälscher. Falschmünzer. Lügner. Meister Adam. Sinon.
1
Zur Zeit, da Juno’s Herz in Zorn gerathen[392]
Ob Semele’s, in Zorn auf Thebens Blut,
[169] Wie sie so manches Mal gezeigt durch Thaten,
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Ergriff den Athamas so tolle Wuth,
Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud,
7
Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen:
„Die Löwin sammt den Jungen sei gefaßt!“
Dann streckt’ er aus die mitleidlosen Krallen;
10
Und wie er einen, den Learch, mit Hast
Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertränkte sie sich mit der zweiten Last.
13
Und als das Glück, das Alles kühn zu wagen,
Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen,
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Und Hekuba, gefangen und verbannt,[393]
Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraciens Strand
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Zum Leichnam ihres Polydorus schickte:
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt’ und ganz bestrickte.
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Doch nichts in Theben ward noch Troja kund
Von einer Wuth, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund.[394]
[170]
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Ein Paar von Geistern, todtenfahle, nackte,
Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indem’s auf Alles mit den Zähnen hackte.
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Der schlug sie in den Hals Capocchio’s ein,
Und schleppt’ ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein.
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Der Aretiner, der voll Angst geblieben,
Sprach: „Schicchi ist’s, der tolle Poltergeist,[395]
Der solch ein wüthend Spiel schon oft getrieben.“
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„„Wie du geschützt vor Jenes Zähnen seist,““
Entgegnet’ ich, „„so sprich, eh’ er entronnen,
Wer dieser Schatten ist, und wie er heißt.““
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„Die Myrrha ist’s, die schnöden Trug ersonnen,“[396]
Erwiedert’ er, „die mehr als sich gebührt,
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen,
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Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie Jener, der Capocchio dort entführt,
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Weil Simon ihn durch’s beste Roß verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet.“
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Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,
Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen,
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt.
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[171] Der Eine war der Laute zu vergleichen,[397]
Hätt’ ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen.
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Die Wassersucht, durch schlecht verkochten Saft
Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft,
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Hielt ihm die beiden Lippen offenstehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und dem Schwindsücht’gen gleich, vor Durst vergehend.
58
„Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,
Wie? weiß ich nicht in diesen Schmerzens-Thalen,“
Er sprach’s, „o schaut und merkt und seid belehrt
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Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.
Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn;
Dort konnt’ ich, was ich nur gewünscht, bezahlen.
64
Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün
Des Casentin zum Arno niederrollen,[398]
Und kühl und lind des Bettes Rand besprühn,
67
Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst – mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen!
70
So nützt Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Noch selbst den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Um zu vermehren meiner Seufzer Flucht.
[172]
73
Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringern Werths verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm’ anheimgefallen.
76
Doch wäre Guido nur mir beigesellt,[399]
Und Jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt.[400]
79
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte
Er jüngst den Einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies Uebel meine Glieder schnürte,
82
Was hilft es mir? Hätt’ ich nur so viel Macht,
Um im Jahrhundert einen Zoll zu schreiten,
Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht,
85
Ihn suchend durch dies Thal nach allen Seiten,
Mag’s in der Rund’ auch sich eilf Miglien ziehn,[401]
Und minder nicht als eine halbe breiten.
88
Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn.“
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Und ich: „„Was mochten jene Zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?““
94
Er sprach: „Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hierher geschneit nach Minos Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt.
97
Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken[402]
Liegt Sinon mir, berühmt durch Troja’s Roß.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken –“
100
Und dieser Letzte, den’s vielleicht verdroß,[403]
[173] Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß,
103
Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.
Doch in das Angesicht des Andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte:
106
„Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,
Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf.“
109
„Als du zum Feuer gingst,“ rief Sinon, „rührtest
Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest.“
112
Der Wassersücht’ge: „Darin sprichst du wahr,
Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaft’gen Zeugniß dar.“
115
„Fälscht’ ich das Wort, so fälschtest du den Stempel.
Hier bin ich doch für einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel.“
118
So Sinon. „Denk’ an’s Roß, du Schelm!“ so fuhr
Ihn Jener an mit dem geschwollnen Bauche,
„Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr.“
121
„Und dir sei Qual“, der Grieche rief, „die Jauche,
Die stets zum Bollwerk blähet deinen Wanst,
Und Durst, der deine Zung’ in Flammen tauche!“
124
Der Münzer: „Der du stets auf Lügen sannst,
Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen!
Wenn du mich dürstend, schwellend sehen kannst,
127
Mög’ dich die Hitze quälen, Kopfweh stechen.
Spräch’ Einer kurz: Sauf’ aus den ganzen Bach!
Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen.“
130
Ich horchte stumm, was Der und Jener sprach,
Da rief Virgil: „Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah’ ich schon der Neugier nach.“
133
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt’ ich voll Scham zu ihm das Angesicht,
Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen.
[174]
136
Wie man im schreckenvollen Traumgesicht
Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge,
Und das, was ist, ersehnt, als wär’ es nicht;
139
So bangt’ ich, daß mir Scham das Wort entzöge;[404]
Entschuld’gen wollt’ ich mich – Entschuld’gung kam,
Indem ich glaubte, daß ich’s nicht vermöge.
142
Es sprach mein guter Meister: „Mindre Scham
Wäscht größern Fehler ab, als du begangen;
Darum entlaste dich von jedem Gram;
145
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen,
148
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn.“
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource