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[17] La Divina Commedia - Inferno, canto XVII --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 17. Gesang \\
Siebzehnter Gesang.
Geryon. Letzte des 3. Rings: Wucherer. Abfahrt.
1
„Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,[205]
Der Berge spaltet, Mauer bricht und Thor!
[95] Sieh, was mit Stank erfüllt das große Ganze!“
4
So hob mein Führer seine Stimm’ empor,
Und rief mit seinem Wink das Thier zum Rande,
Bis nah zu unserm Marmorpfade vor.[206]
7
Da kam des Truges Gräuelbild zum Lande,
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande.
10
Von Antlitz glich es einem Biedermann,
Und ließ von außen Mild und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an,
13
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;
16
Vielfarbig, wie kein Werk Arachne’s strahlt,
Wie, was auch Türk’ und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.
19
Wie man den Kahn, im Wasser bald, bald oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben,
22
Der Biber in der deutschen Fresser Land;[207]
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,
25
Wild zappelnd, mit dem Schweif durch’s Leere schlagend,
Und, mit der Scorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend, und sie aufwärts tragend.
28
Mein Führer sprach: „Jetzt müssen wir uns drehn,
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer,
Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn.“
31
Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer[208]
[96]
Nur wenig Schritt hinab am Rande fort,
Den heißen Sand vermeidend und das Feuer.
34
Und unten angelangt, erkannt’ ich dort
Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord.
37
Mein Meister sprach: „Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh’ und sieh, was jenes Volk bedeute.
40
Doch kurz nur dürfen deine Worte sein.
Ich will indeß mich mit dem Thier vernehmen,
Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leihn.“
43
So mußt’ ich einsam mich zu gehn bequemen
Am Rand des siebenten der Kreis’ und nahm
Den Weg zum Sitze der betrübten Schemen.
46
Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indeß die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hülfe kam.
49
So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,
Wenn Floh’ sie oder Flieg’ und Wespe sticht,
Jetzt mit dem einen Fuß, jetzt mit dem Munde.
52
Die Augen wandt’ ich Manchem in’s Gesicht,
Der dort im Feuer saß und heißer Asche;
Und Keinen kannt’ ich, doch entging mir nicht,
55
Vom Halse hänge Jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.
58
Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Thier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.
61
[87] Dann blickt’ ich weiter durch dies Qualgefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutig roth,
Zeigt’ eine butterweiße Gans im Bilde.
64
Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot
Sich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben
Hört’ ich den Träger: „Du hier vor dem Tod?
67
Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben,
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,[209]
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.
70
Oft schrein mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht aller Ritter Ausbund endlich nahn!
73
Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?“ –
Hier zerrt’ er’s Maul schief und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.
76
Schon fürchtet ich, da ich so lang verzog,
Den Zorn des Meisters, der auf Eil’ gedrungen,
Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog.
79
Auch fand ich, daß er schon sich aufgeschwungen
Und auf das Kreuz des Ungethüms gesetzt.
Er sprach: „Stark sei dein Muth und unbezwungen!
82
Hinunter geht’s auf solchen Leitern jetzt.
Steig’ vorn nur auf, ich wills inmitten fassen,
Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt.“
85
Wie Einer, dem die Nägel schon erblassen[210]
Beim Wechselfieber-Anfall – der nicht wagt,
Ob zitternd schon, den Schatten zu verlassen;
[98]
88
So war ich jetzt bei dem, was er gesagt,
Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte,
Wenn ihm ein güt’ger Herr droht, unverzagt.
91
Drum setzt’ ich auf dem Unthier mich zurechte.
Und bitten wollt’ ich (doch erstarb der Ton),
Daß er mich fest mit seinem Arm umflechte.
94
Doch Er, der oft bei der Dämonen Drohn
Mich unterstützt und der Gefahr entzogen,
Umfaßte mich mit seinen Armen schon.
97
Und sprach: „Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,[211]
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen.“
100
Wie rückwärts sich vom Strand der Kahn bewegt,[212]
Schob sich’s vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.
103
Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.
106
So, glaub’ ich, war nicht Phaëton erschreckt,
Als einst die Zügel seiner Hand entgingen,
Beim Himmelsbrand, deß Spur man noch entdeckt;[213]
109
Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen
Das Wachs herniedertropft’, bei Dädal’s Schrei’n:
„Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen;“ –
112
[99] Wie ich, nichts sehend, als das Thier allein,
Und rings umher von öder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.
115
Daß wir uns langsam, langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt’ ich nur beim Wehn
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen.
118
Rechts hört’ ich schon das Wirbeln und das Drehn
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn.
121
Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag’ und Glut, die ich vernahm und sah,
Duckt’ ich mich hin und zitterte vor Grausen.
124
Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen,
Und sah mich überall den Qualen nah.
127
Gleichwie ein Falk, wenn er nach langem Wiegen
In hoher Luft nicht Raub noch Lockbild sieht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,
130
So schnell er stieg, so langsam niederzieht,
Dann, zürnend seinem Herrn, auf luft’gen Pfaden
Im Bogenflug zum fernsten Baume flieht;
133
So setzt’ uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab und flog in großer Eil’,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen,
136
Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource

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