RELIGION ... (1) Das Argument in Grundzügen
[...] Unser Interessengebiet sind die großen Weltreligionen, die alle ihre Wurzeln in der Achsenzeit Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus haben. Während die Religionen vor der Achsenzeit im allgemeinen ihre Aufgabe darin sahen, den ruhigen Fortgang des Lebens zu sichern, war das Thema der späteren Religionen die Erlösung/Befreiung als Konkretisierung einer unendlich besseren Möglichkeit. Diese Traditionen bekräftigen, daß diese Möglichkeit in der Wirklichkeit gründet und uns daher tatsächlich offensteht [...].Die Welt ist religiös mehrdeutig, weil es möglich ist, sie im Denken und im Erfahren sowohl religiös als auch naturalistisch zu deuten. Die theistischen und antitheistischen Argumente sind sämtlich nicht zwingend, denn die speziellen Anhaltspunkte, auf die sie sich stützen, lassen sich jeweils auch auf der Grundlage der gegenteiligen Weltauffassung interpretieren. Darüber hinaus lassen sich den gegensätzlichen Anhaltspunkten keine objektiv quantifizierbaren Werte zuweisen [...].
Diese religiöse Mehrdeutigkeit ist ein Sonderfall der allgemeinen Tatsache, daß sich unsere Umwelt in den sinnlichen ebenso wie den ethischen und religiösen Aspekten in unterschiedlicher Weise deuten läßt. Wir bilden in einem beständigen Interpretationsprozeß, der üblicherweise unbewußt und gewohnheitsmäßig abläuft, Hypothesen über ihre Eigenschaften und ihre praktische Bedeutung für uns, die wir dann mittels unseres Verhaltens überprüfen. Die Bedeutung eines Objekts oder einer Situation ist seine/ihre (falsch oder richtig) wahrgenommene Eigenart, und diese oder jene Eigenart an ihm/ihr wahrzunehmen heißt, sich in einer ganz bestimmten Haltung ihm/ihr gegenüber zu befinden. Wir erfahren fortwährend, daß Aspekte unserer Umwelt eine bestimmte Bedeutung haben, aufgrund deren es für uns sinnvoll ist, uns in ihr in dieser oder jener Weise zu verhalten. Damit ist alles bewußte Erfahren ein "Erfahren-als".
Es sind seit langem drei Bedeutungs- oder Interpretationsebenen anerkannt: Die physische, die ethische und die religiöse. Hinsichtlich ihrer physikalischen Bedeutung erfahren wir die Welt als eine Umgebung, in der wir lernen als tierischer Organismus zu überleben und zu gedeihen. In diesem Rahmen üben wir nur ein Mindestmaß kognitiver Freiheit aus. Die ethische Bedeutung setzt eine physikalische Interpretation voraus, beinhaltet aber ein weit höheres Maß an kognitiver Freiheit. Auf dieser Ebene sind wir uns anderer Menschen als Personen bewußt, deren Zusammensein mit uns wechselseitige Ansprüche und Verpflichtungen erzeugt. Der religiöse Erfahrungsmodus schließlich beinhaltet eine noch größere Ausübung kognitiver Freiheit, weshalb er viele verschiedene Formen annehmen kann. Als religiöse Wesen leben wir weiterhin in der von der physikalischen und ethischen Bedeutung geprägten Welt, aber wir tun dies auf jenen Wegen, die ihre religiöse Bedeutung erfordert.
Die religiöse Wahrnehmung der Welt und unseres Lebens in ihr reicht zum Beispiel von der Erfahrung der alten hebräischen Propheten, für die historische Ereignisse göttliche Akte waren, bis zum Mahayana-Buddhisten, der den Samsara, den Kreislauf von Geburt, Tod und Leiden, als Nirvana erfährt. Die religiöse wie die naturalistische Weltinterpretation entspringen einer grundlegenden kognitiven Entscheidung, die ich Glauben nenne, die auf einer Linie mit dem interpretativen Element unserer Erfahrung der physischen und ethischen Eigenschaften unserer Umgebung liegt [...].
Der religiöse und der naturalistische Erfahrungsmodus stehen in einem Zusammenhang mit Auffassungen über die Struktur der Welt und Erwartungen bezüglich des Ablaufs künftiger Erfahrungen innerhalb und (im Falle der Religion) jenseits unseres gegenwärtigen Lebens. Der Streit zwischen ihnen ist letztlich faktischer Natur, wobei die konkurrierenden Weltauffassungen der endgültigen empirischen Bestätigung oder Widerlegung unterliegen [...]. Diese Sicht der Dinge wird von zeitgenössischen nicht-realistischen Religionsauffassungen bestritten, die letztlich jedoch selbst naturalistisch sind, wodurch die grundlegenden Optionen dieselben bleiben [...].
Vor diese Entscheidung gestellt, ist es für diejenigen, die ihr Leben in einem Bezug auf das Transzendente erfahren, vernünftigerweise angemessen ihren eigenen Erfahrungen sowie denjenigen des Stroms religiösen Lebens, an dem sie teilhaben, und denjenigen der großen Gestalten zu vertrauen, die ihre vorrangigen Zeugen sind, und auf dieser Grundlage zu glauben und zu leben. Ebenso ist es für diejenigen, die in keiner Weise am weiten Feld der religiösen Erfahrung teilnehmen, vernünftigerweise angemessen, jeglichen Glauben an das Transzendente bis auf weiteres zu verwerfen. Angesichts des letztlich faktischen Charakters des Problems müssen beide Gruppen das Risiko eingehen, in einem schweren Irrtum zu leben, und beide haben in dieser Situation das Recht, die Entscheidung zu treffen, zu der ihre eigene Erfahrung sie hinleitet [...].
Das Argument, daß es (mit verschiedenen Einschränkungen und Vorbehalten) vernünftig ist zu glauben, was uns unsere Erfahrung zu glauben eingibt, führt zum Problem der religiösen Pluralität, denn verschiedene Formen religiöser Erfahrung rechtfertigen veschiedene und oft miteinander unverträgliche Überzeugungen. Die Hypothese, die an diesem Punkt vorgeschlagen wird, beruht auf der (erstmals von Kant in ihrer philosophischen Bedeutung erkannten) Unterscheidung zwischen dem Ding "an sich" und wie es einem Bewußtsein abhängig von einem bestimmten Wahrnehmungsapparat erscheint, der mit einem bestimmten System von Interpretationskonzepten ausgestattet ist, die wiederum in ein linguistisches System gegossen sind. Eine ähnliche Unterscheidung wird in jeder der großen religiösen Traditionen zwischen dem WIRKLICHEN an sich und dem WIRKLICHEN getroffen, wie es der Mensch sich denkt und vorstellt. Diese Unterscheidung führt zusammen mit dem Grundsatz, daß es für den Menschen innerhalb einer jeden Tradition vernünftig ist, ihrer eigenen Form religiöser Erfahrung zu vertrauen, zu der Hypothese, daß das unendlich WIRKLICHE, das an sich jenseits der Reichweite aller, ausgenommen rein formaler Begriffe liegt, innerhalb der verschiedenen kulturellen Ausprägungen des Menschseins jeweils anders vorgestellt, erfahren und beantwortet wird.
Die Erfahrung des Transzendenten wird entweder durch den Begriff der Gottheit strukturiert, wie er in den theistischen Traditionen vorherrscht, oder durch den Begriff des Absoluten, wie er in den nicht-theistischen Traditionen vorherrscht. Beide Begriffe sind in der tatsächlichen menschlichen Erfahrung so schematisiert, daß sie einerseits die erfahrbaren göttlichen personae (wie Jahwe, den himmlischen Vater, Allah, Vishnu, Shiva) und andererseits die metaphysischen impersonae (wie Brahman, Tao, Dharmakaya, Shunyata) hervorbringen, auf die sich der Mensch in Kult oder Meditation bezieht. Die Funktion der Religion ist es beide Male, einen Kontext für die Erlösung/Befreiung zu liefern, die in unterschiedlichen Formen der Transformation des menschlichen Daseins aus der Selbstzentriertheit in die WIRKLICHKEITSzentriertheit besteht [...]. Gibt es vor dem Hintergrund dieser Interpretationshypothese Kriterien, anhand deren man bestimmte religiöse Phänomene und die religiösen Traditionen als ganze bewerten könnte? Das grundlegende Kriterium ist soteriologischer Art, und die heilbringende Transformation läßt sich am einfachsten anhand ihrer moralischen Früchte feststellen, die sich mittels des allen großen Traditionen gemeinsamen ethischen Ideals der Agape/Karuna (Liebe/Mitleid) erkennen lassen [...].
Die gegensätzlichen und oft widerstreitenden Überzeugungen der verschiedenen Traditionen sind von unterschiedlicher Art. Es gibt gegensätzliche historische Überzeugungen, die im Prinzip durch historische Evidenz entscheidbar wären, was faktisch allerdings meist nicht der Fall ist; diese sollten einfach anerkannt und toleriert werden. Es gibt weiterhin Konflikte transhistorischer Überzeugungen, die Herkunft (Schöpfung/Emanation/anfangsloses Fließen) und Ziel betreffen (Auferstehung/Reinkarnation/Himmel und Hölle/Transzendenz der Ichhaftigkeit). Hierbei geht es entweder um Fragen, auf die wir keine Antwort wissen und im Zusammenhang mit Erlösung/Befreiung auch nicht zu wissen brauchen, oder Fragen, die mit unseren derzeitigen irdischen Begriffssystemen nicht beantwortet werden können. Unsere menschliche Reaktion auf letztere war die Hervorbringung von Mythen, wobei unterschiedliche Mythen, die in ihren jeweils eigenen mythischen Räumen wirksam sind, nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Schließlich gibt es die unterschiedlichen Möglichkeiten, das WIRKLICHE zu denken und zu erfahren. Nach unserer Hypothese stellen diese unterschiedliche phänomenale Wahrnehmungen derselben noumenalen Wirklichkeit dar und bewirken ähnliche erlösende Transformationen des menschlichen Lebens. Keine dieser Unterschiedlichkeiten ist also mit unserer allgemeinen Hypothese unvereinbar [...].
Schließlich werden [...] die Auswirkungen einer solchen Hypothese auf die noch bestehenden religiösen Traditionen und auf die Spiritualität in einem pluralistischen Zeitalter erwogen.
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Quelle: John Hick, Religion – Die menschlichen Antworten auf die Frage nach Leben und Tod, [An Interpretation of Religion, Macmillan, London 1989], Eugen Diederichs Verlag, München 1996, S. 28-31.
Diakritische Zeichen in fremdsprachlichen Wörtern sind hier weggelassen. G.d.Th.