[40] Divina Commedia - Purgatorio, riassunto dal canto XXX al XXXIII canto --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Läuterungsberg, 30. bis 33. Gesang (Resümee) \\
Dreißigster Gesang.
Der Zug steht still. Beatrix, noch verschleiert, redet über Dante’s Liebe zu ihr und Abfall von ihr und ihre Veranstaltung zu seiner Rettung – also Grundgedanke der göttl. Kom. parallel mit Hölle, Ges. 2.
1
Sobald das Nordgestirn der Empyreen[500]
(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
[368]
Das nur duch Sünde je man trüb gesehen;
4
Bei welchem Jeder dort der Pflicht gedenkt,
Zu der es leitet, wie den Kahn hinieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),
7
Still stand, da wandten, die’s vom Greifen schieden,[501]
Die zweimal zwölf wahrhaften Zeugen sich
Zum Wagen hin, als wie zu ihrem Frieden.
10
Und Einer, der des Himmels Boten glich,
Rief dreimal singend zu der Andern Sange:
„Komm, Braut, vom Libanon, und zeige dich!“[502]
13
Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
Der Sel’gen Schaar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eil’gem Drange,
16
So hoben von des heil’gen Wagens Bahn[503]
Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ew’gen Lebens Diener, himmelan.
19
„Heil dir, der kommt!“ so klang’s im Wiederhalle,[504]
„Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!“
Und Blumen warfen rings und oben Alle.
22
Oft sah ich bei des Tages Anbeginn
Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Königin
25
Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,
So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß,
[369]
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.
28
So, durch die Blumenflut, die sie umschloß,
Und niederstürzend um und in den Wagen
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß,
31
Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,[505]
Olivenzweig’ ihr Kranz, und um’s Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen.
34
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demüth’gen Staunens bange Lust empfand,
37
Fühlt’, eh’ das Aug’ ihm Kunde noch gegeben,
Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe mächtig sich erheben.
40
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,
43
So wandt’ ich links mich hin, mit dem Verlangen,
Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Muth
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,
46
Um zu Virgil zu sagen: „„Ach mein Blut!
Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke,
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut,““
[370]
49
Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,[506]
Virgil, der väterliche Freund – Virgil,
Dem sie mich übergab zu meinem Glücke.
52
Was Eva einst verloren, da sie fiel,
Nicht half es mir, die Thränen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.
55
„O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,[507]
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht:
Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!“
58
Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
Ein Admiral, der, musternd seine Schaaren
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht:
61
So war Sie links im Wagen zu gewahren,
Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Noth mich zwang, zu offenbaren.
64
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
Als sie erschien, in jener Engelfeier,[508]
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.
67
Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,[509]
Der von Minervens Laub umkränzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.
70
Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,
Gleich Einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das härtre Wort für’s Ende spart:
73
„Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
Führt dich zu diesen Höh’n? Wie? weißt du nicht,
Beglückte wohnen nur in diesen Auen.“
76
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
[371]
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.
79
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.
82
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort[510]
Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis: Stellest meine Füß’ auf weiten Ort.
85
Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen
Den Stürmen ragt, der Schnee, im Forst gehäuft,
Zu Eis erstarrt, vom slav’schen Wind getroffen,[511]
88
Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,
Wenn laue Wind’ aus Libyen ihn verzehren,
So wie, dem Feuer nah’, das Wachs zerläuft;
91
So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ew’gen Sphären.
94
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
Wohl heller klang, als hätten sie gesungen:
„Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?“
97
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser bald, und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.
100
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und that den heil’gen Schaaren dieses kund: –
103
„Ihr wacht im ew’gen Tag und nimmer mögen
Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert thut auf seinen Wegen.
106
Drum ist die Antwort mehr für ihn bedacht,
[372]
Der drüben weint, damit sie klar beweise,
Daß große Schuld auch große Schmerzen macht.
109
Nicht durch die Kraft allein der ew’gen Kreise,
Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise:
112
Durch das auch, was der Gnade Regen schenkt,[512]
(Der aus so hohem Dunstkreis, daß zu schweben
Dahin kein Blick vermag, sich niedersenkt,)
115
War dieser einst in seinem neuen Leben[513]
Gar hoch begabt, um ganz zur Trefflichkeit
Durch recht gewöhnte Kraft sich zu erheben.
118
Doch wilder wird in schnöder Ueppigkeit
Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je kräft’ger ist des Bodens Fruchtbarkeit.
121
Wohl wußt’ ich ein’ge Zeit ihn festzuhalten,
Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da ließ er gern als Führerin mich walten.
124
Doch hatt’ er, als ich kaum die Welt verließ,
Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er Andern ganz sich überließ.
127
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,
Und höh’re Tugend, höhern Reiz empfahn,
Da war er minder hold mir und gewogen.
130
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,[514]
[373]
Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens,
Und falschen Lockungen und leerem Wahn.
133
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
Und Mahnung haucht’ ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eitlen Strebens.
136
Ein Mittel konnt’ ihm nur zum Heil gedeihn,
So tief schon hatt’ er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ew’ger Pein.
139
Deswegen drang ich zu der Hölle Thoren,
Und habe den, der ihn heraufgeführt,
Mit Bitten und mit Thränen dort beschworen.
142
Nicht wär’s, wie sich’s nach ew’gem Rath gebührt,
Wenn er durch Lethe ging’ und sie genösse,
Und nicht vorher, bußfertig und gerührt
145
In Reuezähren seine Schuld ergösse.“
_______________
Einunddreißigster Gesang.[515]
Fortsetzung. Dante’s Generalbeichte vor Beatrix. Eintauchung und Uebergang über den Bach in’s Paradies. Beatrix entschleiert sich.
1
„Du, jenseits dort am heil’gen Strom,“ so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,[516]
[374]
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte,
4
Fortfahrend ohne Säumen: „Sprich, o sprich,
Ist dieses wahr? erkennst du deine Fehle?
[375]
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich.“
7
Die Stimme regte sich, doch in der Kehle
Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finst’re Strenge meine Seele.
10
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:
„Was sinnst du? sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinn’rung deiner Schuld.“
13
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen
Ein Ja aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen.
16
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,
Und, wenn sich Sehn’ und Bogen überschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele schickt,
19
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,
Ich jetzt in Seufzer aus und Thränenflut,
Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen.
22
Drum Sie zu mir: „In meiner Wünsche Glut,[517]
Die einst nach jenem Gut dich lehrte streben,
Das uns’rem Wunsch entrückt all’ andres Gut –
25
Was fandest du für Ketten, was für Gräben,
Die dich bewogen, mit verzagtem Sinn,
Des Weiterschreitens Hoffnung aufzugeben?
[376]
28
Und welche Förd’rung, welcherlei Gewinn,
Die lockend dir von Andrer Stirne lachten?
Was führte dich zu ihrem Wege hin?“
31
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten
Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten.
34
„„Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,““
So weint’ ich, „„hat, als eure Blick’ entschwanden,
Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt.““
37
„Verschwiegst, verneintest du, was du gestanden,“
Sprach Sie, „nicht minder wär’s dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden.
40
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund,[518]
So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Sünders Herz gesund.
43
Drum, daß dein Wahn dich mehr erröthen mache,
Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit[519]
Die Lockung der Sirenen kühn verlache,
46
Laß ab von Weinen jetzt und Traurigkeit;
Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit.
49
Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen,
Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Deß schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen.
52
Und sahest du die höchste Wonn’ entfliehn[520]
Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch’ ird’sche Lust dich fürder an sich ziehn?
55
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen,
Bei ihrem ersten Pfeil, war’s ziemend mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen.
58
Nicht niederzieh’n sollt’ er die Schwingen dir,
[377]
Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Mägdleins nicht, noch andrer eitlen Zier!
61
Der junge Vogel harrt in träger Weile
Des zweiten Pfeils, doch der Beschwingte flieht
Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile.“
64
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,
Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht;
67
So stand ich dort: „Betrübt dich schon das Hören,“
Sie sprach’s, „so sei emporgewandt dein Bart;[521]
Mein Anblick wird noch deinen Schmerz vermehren.“
70
Der Eiche Widerstand ist nicht so hart,
Läßt ihre Wurzel sie dem Grund entreißen,
Wenn sie von Südsturm’s Macht durchschüttelt ward –
73
Als meiner, da sie dieses mich geheißen!
Auch fühlt’ ich, da sie Bart für Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen.
76
Das Antlitz hob ich zögernd und gemach,
Und sieh, die schönen englischen Gestalten,
Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach.[522]
79
Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten,
Erschaute Sie, dem Greifen zugewandt,[523]
[378]
In dem, dem Einen, zwei Naturen walten.
82
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,
Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden,
Wie sie vordem die Andern überwand.
85
Wie mußt’ ich da der Reue Schmerz empfinden!
Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eitlen Welt jetzt hassenswürdig finden!
88
So nagte Selbstbewußtsein meine Brust,
Daß ich hinsank – mit welchem inn’ren Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ist’s bewußt.
91
Als äuß’re Kraft das Herz mir neu gegeben,
Sprach über mir sie, die mir einst allein
Erschienen war: „Mich fass’, um dich zu heben! – (Matilde –.)
94
Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein,
Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Fläch’ und zog mich hinterdrein,
97
Um mich zum sel’gen Ufer hinzulenken.
Dort klang’s: „Entsünd’ge mich!“ so süß – ich kann[524]
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken.
100
Die schöne Frau erschloß die Arme dann,
Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann.
103
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,
Bot sie zum Tanze mich den schönen Vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen.
106
„Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.
Noch eh’ zur Welt Beatrix kam, so gingen[525]
[379]
Wir aus, bestimmt zu Dienerinnen ihr.
109
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;
Dir schärfen dann, für’s heitre Licht darin
Den Blick die Drei, die schauend tiefer dringen.“
112
Sie sangen diese Worte zum Beginn,
Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.[526]
Dort wandte Sie nach uns das Antlitz hin.
115
Sie sprachen dann: „Hier darfst du frei betrachten,
Wir stellten dich vor jener Augen Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten.
118
Mir weckt’ ein glühend Sehnen ihr Gesicht,
Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen von dem Greifen nicht.
121
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,[527]
Gleichwie die Sonn’ im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen.
124
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,
Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war!
127
Indeß die Seel’ in Staunen und Entzücken
Die Speise kostete, die größerm Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken,
130
Da sah ich jene Drei vom höchsten Rang,[528]
Dies zeigte die Geberd’, uns nahe kommen,
[380]
Der Engeltanz begleitend mit Gesang.
133
„Beatrix, laß den Blick, den heil’gen, frommen,“
So sangen sie, „auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schau’n so hoch emporgeklommen.
136
Enthüll’ aus’ Gnad’ ihm deinen Mund, wir flehn!
Die zweite Schönheit, die du noch verborgen,
O laß sie auf vor seinen Augen gehn!“
139
O Glanz lebend’gen Lichts! o ew’ger Morgen![529]
Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Müh’n und Sorgen,
142
Daß er vermag, mit freiem, kühnem Muth
Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Als du bei Himmels-Harmonie’n, in Glut
145
Den unbewölkten Lüften aufgegangen?
_______________
Zweiunddreißigster Gesang.
Wiedersehen mit Beatrix – Vereinigung mit der göttl. Gnade. Der Zug schwenkt rechts zurück, am „Baum der Erkenntniß“ haltend. Der Wagen wird dort angebunden, Christus und die Seligen verschwinden. Beatrix steigt ab. Vision der Geschichte der sichtbaren, streitenden Kirche.
1
Den zehenjähr’gen Durst zu löschen, hingen[530]
An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Daß mir die andern Sinne ganz vergingen.
4
Alles was um mich war, so dort wie hier,
Nicht achtet’ ich’s, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heil’ges Lächeln hin zu Ihr.
7
Da wandten mir die himmlischen Gestalten
[381]
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten![531]
10
Nun stand ich dort, wie Einer, den das Licht
Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.
13
Doch als das Wen’ge sie mir neu gespendet
– Nach jenem Vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet –
16
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
Sich rechts zu kehren an, indem’s den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn’ entgegenging.
19
Wie wenn die Schaaren auf den Sieg verzichten,
Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn,
Eh’ sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten,[532]
22
So war die Schaar des Himmelreichs zu sehn,
Und eh’ sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor und vorüber gehn.
25
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte[533]
Der Greif die heil’ge Last mit stiller Macht,
So daß an ihm sich keine Feder regte.
28
Ich, Statius, Sie, die mich zum Furt gebracht,
Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das umgeschwenkt den kleinern Bogen macht.
31
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
Oed’, weil der Schlang’ einst Eva Glauben gab,[534]
Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte.
34
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
[382]
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab.
37
„Adam!“ so ward ein Murmeln rings vernommen,
Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,[535]
[383]
Umringt’ im Kreise nun die Schaar der Frommen.
40
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr[536]
Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
Durch seine Höhe zum Erstaunen wär’.
43
„Heil dir, o Greif! mit deinem Schnabel plündern
Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
Dem Gaumen giebt, doch Marter dann den Sündern.“
46
So rief rings um den starken Baum die Schaar.
Und Er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
„So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr.“
49
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
[384]
Schob er zum öden Stamm, und ließ am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.
52
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum[537]
Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum,
55
Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen,
Jede gefärbt nach der Natur Gebot,
Eh’ Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;
58
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder roth
Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und todt.
61
Und wie sie nun erblüht’ im neuen Glanze,
Scholl ein hier nie gehörter Lobgesang –
Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze.
64
Könnt’ ich euch malen, wie, mit süßem Klang[538]
Von Pan und Syrinx, einst Merkur den Späher,
Den unbarmherz’gen, zum Entschlummern zwang,
67
So zeigt’ ich, wie nach einem Urbild, eher,
Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht;
Doch das Entschlummern sing’ ein bess’rer Seher.
70
Ich übergeh’ die Zeit, bis ich erwacht,
Bis mir ein Glanz zerriß den dunklen Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh’ auf, hab’ Acht!
73
Wie, zu der Blüt’ des Baums (deß Aepfel theuer[539]
Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
Der Speise giebt zur ew’gen Hochzeitsfeier),
76
Geführt, Jacobus, Petrus und Johann
Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,
79
Und nun vermindert ihre Schule fanden,
– Denn Moses und Elias waren fort –
Und ihren Herrn in anderen Gewanden:
[385]
82
So ich; und über mich gebogen dort[540]
Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,[541]
Die mich geführt entlang des Flusses Bord.
85
„„Wo ist Beatrix?““ rief ich, und mir glühten
Vor Angst die Wangen. „Auf der Wurzel“, sprach
Die Schöne, „sitzt sie unter neuen Blüten.
88
Sieh hin, wer sie umgiebt. Dem Greifen nach
Entflohn empor die Anderen, mit Sange,
Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach.“
91
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.
94
Sie saß allein auf jenem reinen Land,
Wie’s schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestalt’ge band.
[386]
97
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen.
100
„Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist,[542]
Und wirst mit mir als ew’ger Bürger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Römer ist.[543]
103
Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben
Schau auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben.“
106
Beatrix sprach’s – wie konnt’ ich widerstehn?
Ganz so, wie’s der Gebieterin gefallen,
Ließ ich voll Demuth Geist und Auge gehn
109
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen,
Aus dichter Wolk’, ein flammendes Geschoß,
Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen,
112
Als durch den Baum herab Zeus’ Vogel schoß,[544]
[387]
Nicht wühlend blos in Blüten und in Blättern,
Die Rind’ auch brechend, die sein Mark umschloß;
115
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.
118
Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,
Ins Inn’re selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach bessrer Speise zog.
121
Doch mit dem Vorwurf deß, was er verbrochen,
Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen.
124
Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,
Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,[545]
Und ließ ihm viel von seinen Federn dort.
127
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
Klang aus dem Himmel eine Stimm’ und sprach:
„Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!“
130
Und unten, zwischen beiden Rädern, brach
Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,[546]
Der durch den Wagen mit dem Schwanze stach.
133
Dann zog er ihn zurück, wie’s Wespen machen,
Nahm einen Theil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.
136
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
[388]
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn.
139
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
Bevor die Brust ein O! und Ach! beendet.
142
Und Häupter trieb, als er verwandelt war,[547]
Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,
[389]
145
Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,
Die ersten vier mit einem Horn versehn[WS 10];
So glich er nie geschautem Wunderthiere.
148
Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,
Saß eine zügellose Hure drinnen
Und ließ umher die flinken Augen spähn.
151
Und, gleich als solle sie ihm nicht entrinnen,
Stand ihr zur Seit’ ein Ries’ und diese Zwei
Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen.
154
Allein, weil sie die Augen gierig frei
Auf mich gewandt, schlug sie der grimme Freier
Vom Kopf zum Fuß mit wüthendem Geschrei.
157
Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer,
Von wildem Zorn erfüllt und bösem Arg,
Und zog es durch den Wald, deß dichter Schleier
160
Die Hure sammt dem neuen Thier verbarg.
_______________
Dreiunddreißigster Gesang.
Beatrix erhebt sich mit den Frauen. Ihre Weissagung von der Errettung der Kirche und Wiederherstellung der göttlichen Ordnung. Eunoë, Eintauchung in dieselbe. Schluß.
1
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,[548]
Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang,
Doch thränenvoll, die Frauen an zu singen.
4
Beatrix horchte seufzend dem Gesang,
Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.
7
Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
Erst Raum gegeben, sah ich Sie erstehn,
Grad’ aufrecht, roth wie Feuer anzuschauen.
10
„Ueber ein Kleines sollt ihr nicht mich sehn,[549]
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
Ueber ein Kleines werdet ihr mich sehn.“
13
Sie sprach’s und stellte vor sich alle Sieben,[550]
[390]
Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.
16
Sie ging, doch mochten’s kaum zehn Schritte sein,
Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt’ in’s Auge mir des Ihren Schein.
19
„Geh jetzt geschwinder,“ sagte sie gelassen,
„Komm’ näher her, daß, red’ ich nun mit dir,
Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen.“
22
Kaum war ich, wie ich sollte, nah’ bei Ihr,[551]
Da sprach sie: „Bruder, bist mir nah’ gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?“
25
Wie wenn von zu viel Ehrfurcht schwer beklommen
Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,
28
So sprach ich jetzt, da ich zu Ihr begann:
„„O Herrin, ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch’ und was mir frommen kann.““
31
Und Sie: „Mach jetzt dich los von Scham und Bangen,
Ich will’s, und rede sicher nun und wach
Und nicht wie Einer, der im Traum befangen.
34
Es war der Wagen, den der Wurm zerbrach,
Er ist nicht; doch der Schuld’ge wiss’: es scheute,
Vor keinem Zauber je sich Gottes Rach’![552]
37
Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
Der Adler sein, der ihm die Federn ließ,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.
40
Schon nahen Sterne sich – wie ich’s gewiß
[391]
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen –
Da kommt, von Schranke frei und Hinderniß,
43
Fünfhundertzehn und fünf hervorgebrochen,
Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt
Zusammt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.[553]
[392]
46
Und hab’ ich jetzt dir Worte vorgelegt,
Wie Sphinx und Themis, schwierig zu errathen,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,
49
So lösen bald dies Räthsel dir die Thaten
Statt der Najaden auf, und unbedroht[554]
[393]
Verbleiben drob die Heerden und die Saaten.
52
Merk, was ich sagt’ und höre mein Gebot:
Du sollst es dort den Lebenden erzählen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.
55
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.[555]
58
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
Verletzt, kränkt Gott mit thät’gen Lästerungen,
Denn Er schuf heilig nur den Baum für sich.
61
Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen
Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist[556]
Nach Ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.
64
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,[557]
So hoch sei jener Baum aus tiefern Gründen,[558]
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.
[394]
67
Und hätte nicht, wie Elsa’s Flut, mit Rinden[559]
Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt,
Und wär’ ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden,
70
So hättest du, was das Verbot bezweckt,
Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.
73
Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,
Befleckt von Schuld, verworren und berückt,
Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine,
76
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt
Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt.“[560]
79
Und ich: „„So fest, als nur im Wachse drinnen
Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt,
Trag’ ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.
82
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
Fliegt eu’r ersehntes Wort in solche Sphären,
Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt?““
85
„Auf daß du wissest, welcher Schule Lehren,“[561]
So sprach sie, „du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren;
88
Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
[395]
Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit.“
91
Und ich: „„Nicht will’s mir klar im Geiste werden,
Daß ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fühl’ ich im Gewissen drob Beschwerden.““
94
„Entsinnst du dessen dich nicht mehr?“ so fuhr
Sie lächelnd fort; „doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, deß gedenke nur.
97
Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,
So siehest du durch dies Vergessen klar,[562]
Daß du dich abgewandt vom wahren Guten.
100
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,
So viel, im engen Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar.“
103
Und flammender, sich trägern Schrittes regend,[563]
Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend.
106
Da standen still, wie, wer als Führer zieht
Vor einer Schaar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,
109
Die sieben Frau’n an dichten Schattens Rande,[564]
Wie grünbelaubt schwarz-ästig Waldgeheg
Auf kalte Flüss’ ihn wirft im Alpenlande.
112
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg[565]
Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg.
[396]
115
„„O Licht, der Menschheit Ruhm, welch’ Wasser sprießen
Seh ich aus Einem Ursprung hier und dann,
Sich von sich selbst entfernend, weiter fließen?““
118
Auf diese Bitte hob Beatrix an:
„Mathilden bitt’,“ – und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann:
121
„Dies und noch Anderes ihm auszulegen[566]
Versäumt ich nicht, was, deß bin ich gewiß,
Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen.“
124
Beatrix drauf: „Die größ’re Sorg’ entriß,[567]
Wie’s oft geschieht, dies seinem Angedenken,
Und ließ sein Auge hier in Finsterniß.
127
Doch Eunoe sieh – eil’ ihn dahin zu lenken,
Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken.“
130
Wie ohn’ Entschuldigung, wer, mild und gut,
Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, thut:
133
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schöne Frau, und sagte weiblich mild
Zu Statius: „Auch du sollst mit ihm kommen.“
136
Hätt’ ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,[568]
So würd’ ich dir zum Theil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.
139
Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,
Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.
142
Ich ging aus jener heil’gen Flut hervor,[569]
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
Gleich neuer Pflanz’ in neuen Lenzes Flor,
145
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
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PURGATORIO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio – Wikisource