Theodizee-Problem (4) – Karl Jaspers: Der Nihilismus und seine Überwindung
Doch stößt Philosophie dabei an Grenzen, wo ein Denken und Leben geschieht, in dem die Glaubensursprünge preisgegeben zu sein scheinen, ohne welche die Philosophie ihren Gehalt verlieren muß. Dieses Denken nennen wir Unphilosophie, wenn es als Philosophie auftritt, sich als Philosophie versteht, von anderen als Philosophie anerkannt wird. Unphilosophie wendet sich im Gewande der Philosophie gegen Philosophie. Da sie Verneinung der Philosophie bedeutet, muß Philosophie sich durch ihr Denken gegen sie wehren. Sie ist nicht nur ein Irrtum innerhalb des Philosophierens, der dann durch Einsicht korrigierbar ist, sondern ein grundsätzliches Irren in einer völligen Negation, die doch in durchschaubaren Ersatzbildungen positiv zu sein scheint. Sie ist korrigierbar in einer Wiedergeburt des im denkenden Zusichkommen sich selbst geschenkten Menschen. Das Scheinphilosophieren geht in breiten Strömen durch die Geschichte. Jeder Philosophierende muß in Übergängen diesem Schein verfallen. Der philosophische Mensch verwirklicht sich im Überwinden der ständig gegenwärtigen Unphilosophie in ihm selber.
Unglaube nennen wir jede Haltung, welche in der vermeintlich absoluten Immanenz steht unter Leugnung der Transzendenz.
[…]
Ich wähle drei Beispiele des philosophischen Unglaubens, die Dämonologie, die Menschenvergötterung, den Nihilismus.
[...]
Während Dämonologie und Menschenvergötterung einen Glaubensersatz bringen, heißt die offene Glaubenslosigkeit der Nihilismus. Er wagt es, aufzutreten ohne Verkleidung. Alle Glaubensinhalte sind ihm hinfällig geworden, alle Auslegungen der Welt und des Seins hat er als Täuschung entlarvt; alles ist ihm bedingt und relativ; es gibt keinen Boden, kein Unbedingtes, kein Sein an sich. Alles ist fraglich. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.
Der Nihilismus kann nur da sein, wenn sein Träger lebt aus Antrieben der Vitalität, der Lebenslust, des Willens zur Macht. Indem er diese bejaht, hebt der Nihilismus sich auf zugunsten eines vitalen Glaubens.
Oder er ist wirklich ernst in der Erfahrung des Nichts. Ich kann nichts fühlen, nichts lieben, nichts schätzen. Meine Seele ist leer. Der nihilistische Gedanke begründet mir, daß ich darin recht habe.
Oder eine grenzenlose Enttäuschung läßt mich den Zusammenbruch von allem, woran ich glaubte, erfahren – in der Treulosigkeit des Geliebten, im Betrug der Staatsführung, in der Lüge der autoritativ verkündeten Sätze. Der Weltlauf offenbart, wie alles, was galt, als Illusion versinkt. Der nihilistische Gedanke will mir begründen, daß meine Erfahrung nicht eine besondere sei, sondern das All des Seins in seinem Wesen offenbare.
Der nihilistische Gedanke kann aber negieren nur, wenn er ausgeht von einem Anerkannten, an dem gemessen das Nichts, die Enttäuschung, der Betrug, die Lüge, die Illusion sich zeigen. Der Nihilismus bedarf, um sich auszusprechen, eines Bodens, der, wenn er wirklich ergriffen würde, den Nihilismus aufheben müßte zugunsten des Positiven, das auf diesem Boden gilt. Der radikale Nihilismus verfährt daher im Denken so, daß er zunächst an selbstverständlich anerkannten Maßstäben verwirft, um dann alles in einem einzigen Wirbel sich gegenseitigen Verneinens verschwinden zu lassen.
[...]
Ganz anders als dieser Nihilismus, den man den der Philister nennen könnte, ist der Nihilismus, wenn in seinem Ursprung das Entsetzen spricht vor der Realität von Welt und Menschenleben. Der Gottesgedanke selber – die Idee Gottes als Güte, Liebe, Wahrheit und Allmacht – wird zum Maßstab, um Gott und die Welt zu verwerfen.
Wollte Gott Wahrheit, Güte, Liebe, so hätte er den Menschen und die Welt anders geschaffen. Also ist Gott entweder nicht allmächtig oder nicht gütig.
Durch die Geschichte hören wir die verzweifelten Anklagen des Menschen gegen Gott. Nicht Gott ist es, sondern ein böser Dämon, dem diese Welt ihr Dasein verdankt. Und diese Anklagen brechen zusammen in dem Nihilismus: es fehlt ja der Gegenstand der Anklage, es gibt weder Gott noch böse Dämonen, es ist so, wie es ist, - es ist nichts als diese Nichtigkeit und Teufelei des Menschentums.
[…]
Der Nihilismus ist anders als Dämonologie und Menschenvergötterung, in die er ausweicht: der offenbare Nihilismus ist unwiderlegbar, wie umgekehrt kein Glaube beweisbar ist. Es liegt etwas Empörendes im hochmütigen Verachten des Nihilismus. Wer angesichts der entsetzlichen Sinnlosigkeiten und Ungerechtigkeiten diese nicht in ihrer vollen Realität vergegenwärtigt, sondern in einer fast automatischen Selbstverständlichkeit über sie hinweggeht durch Reden von Gott, kann uns unwahrhaftiger erscheinen als der Nihilist selber. Dostojewski zeigt auf das Quälen und Morden unschuldiger Kinder. Was ist das für ein Sein, eine Welt, ein Gott, durch die das möglich ist und zugelassen wird! Wem das Entsetzlichste angetan ist, und wer von da an mit Haß und Empörung durch die Welt geht, zur Rache bereit, der ist gewiß der unbequemste Nachbar. Er selber flößt wiederum Furcht und Entsetzen ein. Gegen ihn erheben sich die Instinkte der Selbstbewahrung, die ihn vernichten möchten wie einen Wahnsinnigen. Wie der Mensch durch die Natur in Wahnsinn verfallen kann, so durch Menschen in dieses Entsetzen, das ihn schlechthin nihilistisch macht. Wir werden es nicht bejahen, nicht anerkennen, daß er das Recht hat, und erklären, daß das Böse böse bleibt, auch wenn es in Fortsetzung und in Gegenwirkung gegen vorhergehendes Böses geschieht. Aber wir werden unfähig, eine Harmonie des Seins zu glauben. Grenzenloses Mitleid, Ratlosigkeit im Schweigen, Hoffnungslosigkeit muß uns befallen. Man kann eher fragen: wie ist es möglich, daß wir nicht alle Nihilisten werden? - als daß man den Grund der Erfahrungen, die zum Nihilismus führen können, übersehe.
Und doch sind meine Vorlesungen durchgehends ein Versuch, den Nihilismus abzuwehren. Ich rede gerade das, was ich eben zu verwerfen schien, rede von Gott. Darum meine Zurückhaltung. Ich habe nichts zu verkündigen. Es bleibt der Anspruch an den Hörer, daß dieser aus seinem eigenen Wesen prüfe, den Sätzen des Vortragenden nicht einfach folge, vielmehr sie bestenfalls zum Anlaß nehme für eigene Vergewisserung.
Und so wage ich denn, wieder zu sagen: Dämonologie, Menschenvergötterung und Nihilismus vollziehen auf verschiedene Weise denselben Irrtum, in einem zu kurz langenden Zugriff das Wahre fassen zu wollen. Wo der eine Satz gegenwärtig ist: Gott ist, da muß all dieses Falsche wie Nebel vor der Sonne vergehen. Aber der Nebel drängt sich uns auf, denn in diesen Zugriffen nach ihm haben wir Leibhaftigkeit in der Welt, real Gegenwärtiges, Anschauliches, - das Wahre jedoch scheint im Unanschaulichen ungreifbar und damit wie nichts zu werden. Daher erreichen wir es nur auf dem Umwege über das Weltsein, verfallen immer wieder in jene Falschheiten, in deren Überwinden wir erst der Tiefe des eigentlichen Seins, der Gottheit, inne zu werden vermögen.
Gott ist das Fernste, ist die Transzendenz, vor der alles andere, wenn es absolut genommen wird, als in zu kurzem Zugriff gewonnen wird. Was aber Gott, die Transzendenz, sei, das ist wohl ins Unendliche zu erörtern, mit Negationen zu umkreisen, aber nie wirklich zu fassen.
__________
Aus: Karl Jaspers, Über Philosophie und Religion, Sechs Vorlesungen aus dem Jahr 1947, Fünfte Vorlesung, Philosophie und Unphilosophie; zit. nach: Karl Jaspers, Der philosophische Glaube, © 1948, 1974 Piper Verlag GmbH, München 2012 (3. Aufl. München 2020), S. 90-91, 103-104, 106, 108-110.