Die Gotterkenntnis Friedrich Schleiermachers im Rahmen der Aufklärung und des Deutschen Idealismus
Das alte Gottbild war wirklich abgeschrieben, und es sollte kein neues anderes wieder an seine Stelle treten.
Kant hatte das große Unbekannte bestehen lassen und erklärt, wir könnten das „Ding an sich“ nicht erkennen, weil wir bloß seine Erscheinungen sähen.
Fichte leugnete, daß hinter den Erscheinungen das stecke, was sich der gemeine Mann darunter bis jetzt vorgestellt habe. Das Ich ist zugleich Träger und Gegenstand des Vorstellens, Vorstellendes und Vorgestelltes selber.
Einfacher konnte das große Unbekannte gar nicht aus der Welt geschafft werden. Das Ich erscheint sich selber.
Diese Denkmusik, die sich nur selbst spielt und selbst hört, das war eigentlich östliche Mystik und konnte nur dem etwas geben, der sich voll in sich versenkte.
Aber die alte Doppelheit von Schöpfer und Geschöpf, von Geist und Natur war doch weithin sichtbar aufgehoben. Zur gleichen Zeit, als die Französische Revolution alles, was war, zertrümmerte, zerschlug auch Fichte die ganze bisherige Welt des Erkennens, indem er nur die Vorstellung gelten ließ.
Friedrich Schleiermacher, aus Breslau, aus ursprünglich hessischer Familie, ging nicht so weit in der letzten Auflösung. Er sieht noch eine Möglichkeit der Religion durch die Kraft des Gemütes und den Flug der Beschauung über Zeit und Raum hinweg in die Stille des Ewigen und Unendlichen. Zwischen Gott und Ich schwebt das Gemüt. Fichte ist damit überwunden. Außerhalb des Ichs ist wieder ein Seiendes da, ob es nun Universum oder einfach Gott genannt wird.
„Mitten in der Endlichkeit eins zu werden mit dem Unendlichen und so ewig zu sein in jedem Augenblick, das ist Unsterblichkeit.“
Mit solchen Sätzen ist Schleiermacher von all den Großen des deutschen Idealismus am weitesten zu einer neuen, viele befriedigenden Erkenntnis vorgestoßen. Religion ist ihm nicht Sache der Offenbarung. Der Offenbarungsglaube setzt ja schon das Wissen einer offenbarenden Tätigkeit eines Gottes voraus. In Wirklichkeit wissen wir davon ebensowenig wie vom sonstigen Wesen Gottes. Denn Gott ist unerkennbar.
Dem nicht Erkennbaren soll die Religionsphilosophie nicht nachjagen, sie soll sich mit der viel schlichteren Aufgabe zufrieden geben, das zum Bewußtsein zu bringen, was im religiösen Gefühl tatsächlich enthalten ist.
Es erweist sich, dass im Gefühl nun doch ein gewisses Wissen um das Wesen Gottes ist.
Da nun Gott der Inhalt des religiösen Gefühls ist und nicht mehr ausgesagt werden kann, ist Theologie überflüssig. Am Wesen Gottes, d.h. dessen, was wir fühlen, versagt unser Denken mit all seinen Formen. Deshalb kann man auch nicht von einer „Persönlichkeit Gottes“ sprechen. Persönlichkeit ist Verendlichung des Unendlichen. Nicht Gott ist Persönlichkeit, sondern der Mensch, zu dessen Wesen eben die Endlichkeit gehört.
Gott durchbricht den gesetzmäßigen Verlauf der Welt nicht durch Wunder. Auch der Mensch ist dieser Gesetzlichkeit nicht enthoben; was er seine Willensfreiheit nennt, ist innere Nötigung. Ebensowenig besitzt er Unsterblichkeit im Sinn ewiger Fortdauer. Der Unsterblichkeitsglaube gehört nicht zum Gehalt des frommen Gefühls. Unsterblich dagegen ist der Mensch in einem andern Sinn, oder vielmehr, er kann es sein. Nicht zeitliche Dauer ist diese Ewigkeit, in jedem Augenblick echten religiösen Lebens vollendet sie sich.
Schleiermacher schmälert nicht die Werte des Diesseits. Die Welt ist Erscheinung göttlichen Wirkens. Sie ist als Ganzes vollkommen. Alle sogenannten Unvollkommenheiten ist nur eine Sichtweise des jeweiligen einzelnen.
Die Entwicklung des religiösen Lebens der Menschheit geht nicht durch die Menge vor sich, sondern einzig durch das erlebende Planen der bedeutenden Persönlichkeiten. Und immer ist es eine neue Form des religiösen Erlebens selbst, wie die Abhängigkeit und die Innigkeit des Verhältnisses zu Gott Gestalt annimmt. Eine Umprägung von Dogmen und Satzungen hat damit gar nichts zu tun. Wo sich in der Tiefe nichts regt, da ist kein Grund, Formen zu sprengen.
Nur in den Anfängen einer neuen Bewegung ist wahres religiöses Leben schöpferisch. Immer steht es im Zeichen des Kampfes gegen die Satzung, und wo diese Platz greift, ist schon Abstieg.
Der Staat ist für Schleiermacher das Symbol eines bestimmten Volkslebens. Nicht ein umfassender Weltstaat über den Einzelstaaten darf das Ideal des Volkslebens sein. Auch nicht eine einzige „beste“ Verfassung für alle Staatswesen. In beiden Fällen wäre die Idee der nationalen Eigentümlichkeit verletzt.
Schleiermacher hat sich am weitesten von der Aufklärung entfernt, ist aber auch am weitesten vorgeschritten in einer religiösen Auffassung, die ein Gottbild ausschließt.
Hegel erscheint gegenüber Schleiermacher auf den ersten Blick wie dessen Gegenpol, wie noch einmal stark gewordene Aufklärung. Aber Hegels Werk und Bild ist durch eine in sich zerstrittene Schule für viele undeutlich geworden, zudem sein Werk nicht leicht zu lesen ist. Gar als ihn die vollendete Aufklärung in Gestalt des Marxismus zu ihrem Lehrvater im Denken – wenn auch nicht im Inhalt – machte, war er für die Deutschen des 19. Jahrhunderts fremd geworden. Der Fortschritt der positiven Wissenschaften schritt darüber hin. Der deutsche Idealismus als Vernunftidealismus, wie er von der Aufklärung herkam, wurde vom Jahrhundert des Fortschritts überrollt, nicht aber jener Idealismus des tiefen Erlebens im Erkennen, wie ihn unsere großen Denker und Dichter schufen.
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Quelle: Hans Kopp, Der geschichtliche Weg zur vollendeten Gotterkenntnis. Ein Gang durch drei Jahrtausende, © Verlag Hohe Warte – Franz von Bebenburg, Pähl 1979, S. 137-139.
(Der Text ist dem Kapitel „Das Ende aller Gottbilder (Die Aufklärung)“ entnommen. Die Artikelüberschrift ist von mir. G.d.Th.)