[12] La Divina Commedia - Inferno, canto XII --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 12. Gesang \\
Zwölfter Gesang.
III. Abtheilung. VII. Kreis 1. Ring. Gewaltsame gegen Andere; Centauren, Chiron, Attila und andere Tyrannen und Mörder.
1
Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,
Ob deß, was sonst dort war, der Schauer groß,[127]
Und jedem Auge drum der Ort zuwider.
4
Dem Bergsturz gleich bei Trento – in den Schooß[128]
Der Etsch ist seitwärts Trümmerschutt geschmissen,
Durch Unterwühlung oder Erdenstoß –
7
Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,
Der Fels so schräg ist, daß zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen:
10
So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand
War’s, wo von Felsentrümmern überhangen,
Sich ausgestreckt die Schande Kreta’s fand,[129]
13
Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.
[67] Sich selber biß er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen.
16
Mein Meister rief: „Bist du vom Wahn bestrickt,
Als säh’st du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur Höll’ herabgeschickt?
19
Fort, Unthier, fort. Den Weg, auf dem wir gehn,
Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Qual zu sehen.“
22
So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
Emporsetzt und nicht gehen kann, nur springen,
Und Satz um Satz hierhin und dorthin fährt,
25
So sahen wir den Minotaurus ringen;
Drum rief Virgil: „Jetzt weiter ohne Rast;
Indeß er tobt, ist’s gut, hinab zu dringen.“
28
So klommen wir, von Trümmern rings umfaßt,
Auf Trümmern sorglich fort, und oft bewegte
Ein Stein sich unter mir der neuen Last.
31
Ich ging, indem ich sinnend überlegte;
Und Er: „Du denkst an diesen Schutt, bewacht
Von Zornwuth, die vor meinem Wort sich legte.
34
Vernimm jetzt, als ich in der Hölle Nacht
Zum erstenmal so tief herabgedrungen,[130]
War dieser Fels noch nicht herabgekracht;
37
Doch kurz, eh’ jener sich herabgeschwungen
Vom höchsten Kreis des Himmels, der dem Dis
So edler Seelen großen Raub entrungen,
40
Erbebte so die grause Finsterniß,
Daß ich die Meinung faßte, Liebe zücke[131]
[68]
Durchs Weltenall und stürz’ in mächt’gem Riß
43
Ins alte Chaos neu die Welt zurücke.
Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwärts in Stücke.[132]
46
Doch blick’ ins Thal; schon naht der Strom von Blut,[133]
In welchem Jeder siedet, der dort oben
Dem Nächsten durch Gewaltthat wehe thut.“
49
O blinde Gier, o toller Zorn! eu’r Toben,[134]
Es spornt uns dort im kurzen Leben an,
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben. –
52
Hier ist ein weiter Graben, der den Plan
Ringshin umfaßt in weitem runden Bogen,
Wie mir mein weiser Führer kundgethan.
55
Centauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,
Sich folgend zwischen Fluß und Felsenwand,
Wie in der Welt, wenn sie der Jagd gepflogen.
58
Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;
Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen,
Und schußbereit den Bogen in der Hand.
61
Und einer rief von fern: „Ihr müßt verweilen!
Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen!“
64
„Dem Chiron sagen wir dort nah ein Wort,“
Sprach drauf Virgil; „zum Unheil dich verführend,
Riß vorschnell stets der blinde Trieb dich fort.“
67
[69] „Nessus ist dieser,“ sprach er, mich berührend,[135]
„Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Doch aus sich selbst die Rache noch vollführend;
70
Der in der Mitt’ ist, mit gesenktem Haupt,
Der große Chiron, der Achillen nährte;[136]
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt.[137]
73
Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte,
Und schießen die, so aus dem Pfuhl herauf
Mehr tauchen, als der Richterspruch gewährte.“
76
Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,
Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte
Das Haar nach hinten sich mit seinem Knauf.
79
Als nun der große Mund sich offenbarte,
Sprach er: „Bemerkt: der hinten kommt, bewegt,[138]
Was er berührt, wie ich es wohl gewahrte.
82
Und wie’s kein Todtenfuß zu machen pflegt.“
Da trat ihm an die Burst mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Roß sich einigt und verträgt.
85
„Lebendig ist,“ so sprach er, „der Begleiter,
Der dieses dunkle Thal mit mir bereist;
Nothwendigkeit, nicht Schaulust zieht uns weiter.
88
Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,
Kam Eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Räuber, ich kein böser Geist.
91
Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen
Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien,
Gieb einen uns von diesen, die hier jagen.
[70]
94
Daß er die Furt uns zeig’ und jenseits ihn
Trag auf dem Kreuz ans andere Gestade;
Denn er, kein Geist, kann durch die Luft nicht ziehn.“
97
„Auf Nessus! leite sie auf ihrem Pfade,“
Rief Chiron rechts gewandt, „bewahre sie,
Daß sonst kein Trupp der Unsern ihnen schade.“
100
Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,
So gingen wir am rothen Sud von hinnen.
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie.
103
Bis zu den Brauen waren Viele drinnen.
„Tyrannen sind’s, erpicht auf Gut und Blut,“
So hört’ ich den Centauren nun beginnen.
106
„Hier weinen sie ob mitleidloser Wuth.
Den Alexander sieh und Dionysen,[139]
Der auf Sicilien Schmerzensjahre lud.
109
Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,
Den Ezzelin – und jener Blonde dort[140]
Ist Obiz Este, der, wie’s klar erwiesen,[141]
112
Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord.“
Den Dichter sah ich an, der sprach: „der zweite[142]
Bin ich, der erste der, merk’ auf sein Wort.“
115
Und weiter gab uns Nessus das Geleite
Und stand bei Andern, welche bis zum Rand
Des Munds der Richterspruch vom Sud befreite.
118
Und seitwärts zeigt’ er einen mit der Hand:
[71] „Der macht’ einst am Altar das Herz verbluten,[143]
Das man noch jetzt verehrt am Themse-Strand.“
121
Und Viele hielten aus den heißen Fluten[144]
Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt’ ich Manchen in den nassen Gluten.
124
Stets seichter ward das Blut, so daß bedeckt
Am Ende nur der Schatten Füße waren,
Und dorten ward des Grabens Furt entdeckt.
127
Da sagte der Centaur: „Du wirst gewahren,
Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber, will ich, sollst du auch erfahren,
130
Daß dort der Grund je mehr und mehr sich neigt,
Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tyrannen steigt.
133
Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen[145]
Dorthin der Erde Geißel, Attila,
Pyrrhus und Sextus; und von Thränen triefen,
136
Von Thränen, ausgekocht vom Blute, da
Die beiden Rinier, arge Raubgesellen,[146]
Die man die Straßen hart bekriegen sah –“
139
Hier wandt’ er sich, rückeilend durch die Wellen.[147]
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource