Guntherus de Thuringia

Theodor Heuss (1884-1963): Mut zur Liebe

Aus der Ansprache des Bundespräsidenten Theodor Heuss am 7. Dezember 1949 in Wiesbaden anläßlich einer Feierstunde der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit:

Es hat keinen Sinn, um die Dinge herumzureden. Das scheußliche Unrecht, das sich am jüdischen Volke vollzogen hat, muß zur Sprache gebracht werden in dem Sinne: Sind wir, bin ich, bist du schuld, weil wir in Deutschland lebten, sind wir mitschuldig an diesem teuflischen Verbrechen? Das hat vor vier Jahren die Menschen im Inland und Ausland bewegt. Man hat von einer „Kollektivschuld“ des deutschen Volkes gesprochen. Das Wort Kollektivschuld und was dahintersteht, ist aber eine simple Vereinfachung, es ist eine Umdrehung, nämlich der Art, wie die Nazis es gewohnt waren, die Juden anzusehen: daß die Tatsache, Jude zu sein, bereits das Schuldphänomen in sich eingeschlossen habe.

Aber etwas wie eine Kollektivschuld ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben. Das Schlimmste, was Hitler uns angetan hat – und er hat uns vieles angetan -, ist doch dies gewesen, daß er uns in die Scham gezwungen hat, mit ihm und seinen Gesellen gemeinsam den Namen Deutsche zu tragen.

Ich weiß: das, was ich hier sagen werde, wird manche Leute ärgern. Ich werde in den kommenden Wochen darüber Brief erhalten, anonyme Briefe und auch offene Briefe. Das ist ja sozusagen eine passive Berufsfunktion meines Amtes geworden, Briefe zu empfangen. Aber selbst wenn diese Worte die Zahl dieser Briefe vermehren würden, kann mich das nicht stören. Wir dürfen nicht einfach vergessen, dürfen nicht Dinge vergessen, die die Menschen gerne vergessen möchten, weil das so angenehm ist. Wir dürfen nicht vergessen die Nürnberger Gesetze, den Judenstern, die Synagogenbrände, den Abtransport von jüdischen Menschen in die Fremde, in das Unglück, in den Tod. Das sind Tatbestände, die wir nicht vergessen sollen, die wir nicht vergessen dürfen, weil wir es uns nicht bequem machen dürfen. Das Schauerliche an diesen Vorgängen, von denen wir offen sprechen, ist dies: Es handelte sich nicht um den aufgestörten Fanatismus der Pogrome, von denen wir ehedem in den Zeitungen lasen, daß in Rußland, Rumänien dieses oder jenes geschehen sei, sondern es handelt sich um die kalte Grausamkeit der rationalen Pedanterie. Das war der sonderlich deutsche Beitrag zu diesem Geschehen. Und das Schrecklichste ist, daß dieser Vorgang sich nicht sozusagen emotional vollzog, sondern sich der Paragraphen bediente und eine Weltanschauung für lange Zeit sein sollte. Was war denn das für eine „Weltanschauung“? Das war der biologische Materialismus, der keine moralischen Kategorien kannte, aber sie vertreten wollte, und der nichts wußte davon, daß es individuelle Wertsetzungen zwischen Mensch und Mensch gibt.

Lassen Sie mich ein persönliches Wort zu dem jüdisch-deutschen und jüdisch-christlichen Problem aus meinen eigenen Erfahrungen heraus sprechen. Wenn ich an die vier oder fünf nächsten Freunde in meinem Leben denke, die mich begleitet und mein Leben mit aufgebaut haben, so waren zwei oder drei davon Juden. War ich mit ihnen befreundet, weil sie oder obgleich sie Juden waren? Ich war mit ihnen befreundet, weil der Funke der menschlichen Liebe zwischen uns sprang. Es hat auch Juden gegeben, denen ich in einem schlichten Bogen ausgewichen bin; aber nicht, weil sie Juden waren, sondern weil sie mir nicht lagen. Ich weiche auch heute noch manchen Leuten aus, die – sagen wir es in diesem Falle – „Arier“ sind. Warum sage ich das? Ich sage es deshalb, weil wir, auch wenn wir vor einem allgemeinen Problem stehen, dies begreifen müssen: daß wir aus den globalen Wertungen des Menschen herauskommen müssen. Wir dürfen nicht immer sagen: Er ist ein Franzose – also; er ist ein Engländer – also; er ist ein Deutscher – also; er ist ein Jude – also. Nein, so geht es nicht. Wir müssen im Verhältnis Mensch zu Mensch eine freie Bewertung des Menschen zurückgewinnen.

Zu den merkwürdigen Erfahrungen dieser Zeit, die ich sammeln darf, gehören viele Briefe, die ich aus allen Kontinenten dieses Globus bekomme. Es sind viele, viele Briefe jüdischer Menschen darunter, denen die Heimat geraubt wurde. Ich glaube, fast die ganze Gemeinde von Heilbronn – verzeihen Sie das persönliche Wort – ist stolz darauf, daß ein Mann aus der gemeinsamen Heimat nun an dieser Stelle steht, obwohl sie nun wirklich unbeteiligt waren. Sehr bewegend – und wir müssen etwas davon spüren, was in der Seele dieser Menschen vor sich geht, denen die Heimat geraubt worden ist, nur weil sie eben Juden oder „Halbjuden“ gewesen sind – sind die in die Heimat gehenden Gedanken dieser Leute (von allen Briefen, die ich erhielt, hat nur ein einziger ein bitteres Wort enthalten); hier in Deutschland, dessen Sprache ihre Sprache, dessen Landschaft auch ihre Landschaft war, sind die Erinnerungen ihrer Jugend, ihrer wachsenden Jahre verwurzelt, hier liegen die Gräber ihrer Eltern. Dann aber lesen sie in der Zeitung, daß die Steine dieser Gräber umgeworfen werden, daß Schändungen jüdischer Friedhöfe jetzt noch vorkommen. Ich habe neulich einmal dazu dies gesagt: Jede solche Friedhofsschändung ist für Deutschland in seinem Kampfe um seine Stellung unter den Nationen eine verlorene Schlacht; aber sie hat nichts zu tun mit Antisemitismus, sondern das ist die bewußte politische Lausbüberei von Menschen, die diesen Staat, in dem es Juden als Mitwirkende erst wenige gibt, die die Stellung dieses Staates zwischen den Völkern gefährden will.

Es mag für uns sehr schwer sein, uns in die Lage dieser Menschen hineinzudenken, die ein Stück deutscher Geschichte und deutscher Geistigkeit mit sich hinausgetragen haben und die nun nicht wissen, wie sie zu dem Lande stehen, das ihnen die Sprache und die Erinnerungen ihrer Jugend gegeben hat. Es ist die tragische Frage von ehedem: Die Frage des bewußten Juden, der ein Stück Deutschland noch immer in sich trug, wie er sich auch entwickelte. Ich möche heute gern eine Unterhaltung pflegen können mit einem Manne wie Martin Buber in Israel, der ein bewußter Jude und ein Mehrer des jüdischen Geistesgutes in religiösen Dingen ist und der doch aus der deutschen Geistesgeschichte der letzten vierzig Jahre einfach nicht wegzudenken ist und der mit seiner schönen Sprache auch ein Anreicherer des deutschen Geistes geworden ist.

Für uns in Deutschland sind diese Fragen besonders gestellt. Aber sie gehen die ganze Welt an. Wir zuerst müssen sie in aller Ernsthaftigkeit aufnehmen, weil sie bei uns in dieser sinnlosen teuflischen Art behandelt wurden. Aber auch die andere Welt hat mit die Aufgabe, diese Dinge zu behandeln, nicht nur wir selbst. Ich glaube, das Wort des Präsidenten Truman, das er vor einigen Wochen gesprochen hat, richtig zu deuten, als er davon sprach, daß im kommenden Februar die Probleme Judentum – Christentum, Volkszusammengehörigkeit bei religiöser Sonderhaltung im großen Lande der Vereinigten Staaten zur Aussprache kommen werden. Es geht alle Völker an, alle Kirchen. Seine letzte Antwort findet es in der Seele des einzelnen Menschen.

Und nun würde es mir als ein Unrecht erscheinen, wenn an einem Nachmittag wie an diesem, in einer solchen Stunde, ein Name nicht genannt werden würde, der in dieses Gespräch hereingehört, wenn man ein Gefühl der Dankbarkeit und Würde besitzt. Und dieser Name heißt Victor Gollancz. Ich kenne den Mann nicht. Ich habe einiges von seinen Schriften gelesen und habe mir manches von ihm erzählen lassen. Aber wie immer es sei in Bezug auf geistige Qualität und Originalität: als ich zuerst von ihm hörte, schien er mir ein Zeichen zu sein, ein Zeichen dafür, daß es noch etwas gibt, das ich den „Mut zur Liebe“ nennen möchte. Mut zur Liebe? Bedarf es dessen? Ja! Der Haß folgt der Trägheit des Herzens; er ist billig und bequem. Die Liebe ist immer ein Wagnis. Aber nur im Wagen wird gewonnen.

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Hans Joachim Schoeps (Hg.): Jüdische Geisteswelt. Zeugnisse aus zwei Jahrtausenden, Fourier Verlag Wiesbaden (o.J.; © Abi Melzer Production, Dreieich Lizenzausgabe für Fourier Verlag), S. 326-330.
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