Guntherus de Thuringia

RELIGION … (3) Die religiöse Mehrdeutigkeit der Welt: Das anthropische Prinzip

Einstein soll einmal gesagt haben, daß das Unverständlichste an der Welt die Tatsache ist, daß sie verständlich ist. Manche sind in der Tat der Auffassung, daß diese zumindest teilweise Verständlichkeit der Welt die theistische Hypothese stützt. F.R. Tennant unterschied zwei Aspekte, wie diese „gegenseitige Anpassung von Gedanken und Dingen“ für den teleologischen Gedankengang spricht (1930, 81). Der eine

besteht in der Tatsache, daß die Welt mehr oder weniger verstehbar ist, daß sie mehr oder weniger ein Kosmos ist, wo sie doch mit guten Gründen ein sich selbst erhaltendes und determiniertes „Chaos“ sein könnte, in der niemals ähnliche Ereignisse auftreten, kein Ereignis sich je wiederholt, für Allgemeinbegriffe kein Platz ist, Relationen nicht fest sind, Dinge keinen Kausalzusammenhang haben und „wirkliche“ Kategorien keine Grundlage. (1930, 82)

Zweifellos ist die Tatsache, daß die Welt ein Kosmos, kein Chaos ist, vollständig mit dem Theismus vereinbar, und man könnte noch darüber hinausgehen und sagen, daß ein chaotisches Universum nicht mit der Existenz eines rationalen und moralischen Schöpfers vereinbar wäre. Insoweit spricht der geordnete und damit (unter der Voraussetzung des Vorhandenseins denkender Wesen) erkennbare Charakter der Welt für, nicht gegen den Theismus. Aber er beweist ihn nicht, denn die Tatsachen sind ebenso vollständig mit dem Atheismus vereinbar. Aus einer naturalistischen Sicht ist die Welt als einfach gegebene Tatsache eben geordnet. Der Theist könnte einwenden, daß der Naturalismus wahrscheinlicher wäre als der Theismus, wenn die Welt ein Chaos wäre, und daß es für den Theismus spricht, daß dies nicht der Fall ist. Es trifft allerdings auch zu, daß Theismus wie Atheismus als vom Menschen behauptete Hypothesen eine geordnete Welt voraussetzen, die Leben und Intelligenz hervorgebracht hat. Andernfalls gäbe es keinen menschlichen Geist, der hierüber spekulieren könnte. Und wenn er dies tut, kann er zu jeder der beiden Schlußfolgerungen kommen.

Für manche ist jedoch die Existenz des menschlichen Bewußtseins ein entscheidender Schlüssel zur Natur der Welt, wofür in den letzten Jahrzehnten der Begriff „anthropisches Prinzip“ geprägt wurde.[] In seiner allgemeinen oder „schwächeren“ Form ist dies das Prinzip, daß „das für uns Beobachtbare durch die Bedingungen eingeschränkt sein muß, die für unsere Gegenwart als Beobachter notwendig sind“ (Carter 1974, 291), so daß „unser Platz in der Welt notwendigerweise insoweit privilegiert ist, als er mit unserer Existenz als Beobachter zu vereinbaren ist“ (293). Einige haben dies jedoch auf das „starke“ anthropische Prinzip erweitert, daß „die Welt viele ihrer außergewöhnlichen Merkmale besitzt, weil diese für die Existenz von Leben und Beobachtern notwendig sind“ (Barrow und Silk 1984, 233). Daher „müssen die Welt (und damit die grundlegenden Parameter, von denen sie abhängt) die Hervorbringung von Beobachtern in ihr auf irgendeiner Stufe zulassen. Um Descartes zu paraphrasieren: ‚Cogito ergo mundus talis est‘“ (Carter 1974, 294). Mit anderen Worten, weil es uns gibt, mußte die Welt so geartet sein, daß sie uns hervorgebracht hat. Der Irrtum in der Sache liegt in dem Schluß, daß die Welt so geartet sein mußte, daß sie uns hervorbrachte, und daß es daher keine andere Welt ohne uns geben könnte: aus der Tatsache, daß ein Kosmos ohne Beobachter nicht beobachtet werden würde, kann man keineswegs schließen, daß es keine andere Welt ohne Beobachter geben könnte.

Tennants andere und ihm wichtigere Erwägung besteht darin, daß „die Natur ein reicheres Denken wachruft, als es wissenschaftliche Erkenntnis umfaßt, und auf dieses Denken in einer Weise reagiert, die weder logisch zwangsläufig noch biologisch notwendig ist, so daß man ein Jenseits annehmen muß“ (1930, 83). Es scheint in der Tat, daß sich das menschliche Denken weit über die biologische Notwendigkeit hinaus entwickelt hat. Ein intelligentes Tier wird, um überleben zu können, versuchen, das Funktionieren seiner Umwelt zu begreifen, und man kann daher erwarten, daß es ein gewisses Maß an Wissenschaft und Technik entwickelt. Warum aber sollte es als bloß intelligenter Organismus auch Philosophie, Kunst, Literatur, religiöse Spekulation und Religion hervorbringen? Legt dies nicht den Schluß nahe, daß der Mensch nicht bloß ein intelligentes Tier, sondern ein Geschöpf ist, durch das irgendein weitreichenderer Zweck erfüllt wird?

Zweifellos ist dieses „reichere Denken, als es naturwissenschaftliche Erkenntnis umfaßt“, mit dem Theismus sehr gut vereinbar, während sein Fehlen dies kaum wäre. Man kann jedoch auch eine naturalistische Deutung dieses kulturellen Überschusses geben: Es könnte sein, daß der Komplexitätsgrad des Gehirns und damit die Ebene des geistigen Lebens, die für das Verständnis und die Manipulation unserer Umwelt notwendig sind, sich zwangsläufig auf einem weiteren Feld betätigen und philosophische und religiöse Spekulation hervorbringen, sobald sie einmal in Tätigkeit sind. Vielleicht kann der Homo sapiens nicht ständig pragmatisch auf ein einziges Ziel gerichtet sein und vielleicht sind Philosophie, Religion und Dichtung das Ergebnis einer überschüssigen Geistesenergie, die nicht für den Kampf ums Dasein benötigt wird. Vielleicht bringt auch, wie Wittgenstein meint, die Sprache selbst, die ursprünglich für die Auseinandersetzung mit der Welt entwickelt wurde, im „Leerlauf“ die philosophischen Ideen und Probleme hervor, die Denker seit zweieinhalbtausend Jahren beschäftigen. Vielleicht sind Belletristik und tröstende Religion biologisch nützliche Phantasien, die jene Ängste beschwichtigen, für die uns unsere Intelligenz anfällig macht. Eine düstere Möglichkeit wäre schließlich noch, daß dieser kulturelle Überschuß keineswegs biologisch nützlich, sondern im Gegenteil biologisch gefährlich ist und langfristig durch die Hervorbringung spaltender Ideologien und von Kernwaffen zur Selbstauslöschung der menschlichen Art führen wird.

Es gibt also eine naturalistische wie eine theistische Deutung unserer kognitiven Fähigkeiten und geistigen Aktivitäten, weshalb die generelle religiöse Ambiguität bestehenbleibt. Ganz ähnliche Überlegungen können auch für einen anderen von Tennant behandelten Bereich angestellt werden, nämlich die ästhetischen Werte der Natur. Die Natur bringt überall Schönheit hervor: In der Pracht von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, in den Farben und Gerüchen von Blumen, Bäumen und Sträuchern, in der Majestät von Bergketten, im beweglichen Kaleidoskop der Wolken, in der Stille der Wüste, in den Spiegelungen auf einem See, in der beherrschten Kraft der Bewegung von Tieren und im Anmut ihrer Jungen. „Die Schönheit der Natur“, sagt Tennant, „ist von der Erkennbarkeit der Welt und der Tatsache nicht zu trennen, daß sie der Schauplatz für moralisches Leben ist, und insofern stützen auch ästhetische Erwägungen die Behauptung des Theismus“ (Tennant 1930, 93).

Die Tatsache, daß ein großer Teil der Natur ästhetisch reizvoll ist und Geist und Auge des Menschen erfreut, ist selbstverständlich vollständig mit dem Theismus verträglich. Aber auch hier wiederum kann man eine alternative naturalistische Deutung finden. Es könnte nämlich sein, daß „Schönheit im Auge des Betrachters ist“ und nicht eine Eigenschaft physischer Objekte als solcher, sondern die Reaktion des Wahrnehmenden auf sie. Es könnte sein, daß bestimmte Kombinationen von Farbe, Form, Proportion, Perspektive und Bewegung in uns eben jene Reaktionen wecken, für die wir unsere ästhetische Sprache entwickelt haben. Diese Stimulation könnte teils physiologisch (vielleicht analog zur den Wirkungen von Farben beim Paarungsverhalten mancher Tiere) und teils durch geistige Assoziationen auf einer höheren Ebene bedingt sein, die weitreichende emotionale Reaktionen auslösen. Es könnte aber auch noch andere natürliche Erklärungen geben. Die Forderung eines göttlichen Ursprungs natürlicher Schönheit ist daher nicht zwingend, und wiederum bleibt die religiöse Ambiguität der Welt unangetastet.

__________

John Hick: Religion – Die menschlichen Antworten auf die Frage nach Leben und Tod, © Eugen Diederichs Verlag, München 1996, 106-109.

Bild: Untersberg, Salzburg, Austria | Arne Müseler / arne-mueseler.com, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
61