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[27] La Divina Commedia - Inferno, canto XXVII --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 27. Gesang \\
Siebenundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 8. Bulge. Fortsetzung. Guido von Montefeltro. Strafrede wider das Papstthum.
1
Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,
Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der süße Dichter ihr’s erlaubt.[348]
4
Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen,
Und ein verwirrt Gestöhn’ das ihr entquoll,
Macht’ unsern Blick zu ihrer Spitze steigen.
7
Gleichwie Siciliens Stier – der jammervoll[349]
Erstmals von seines Bildners Schrei’n erbrüllte
(Und so war’s Recht!) – von dessen Stimm’ erscholl,
[152]
10
Den er in seinem ehr’nen Bauch verhüllte,
Und so von eignem Schmerze schien durchbohrt,
Er, den nur Menschenangstruf bang erfüllte:
13
So schien zuerst das wehevolle Wort,
Eh’ es sich Weg und Ausgang hatt’ errungen,
Wie knisterndes Getön der Flamme dort.
16
Doch, als zur Spitze es emporgedrungen,
Und die Bewegungen der Zunge, sich
Mittheilend ihr, sie hin und her geschwungen,
19
Erklang dies Wort: „O du, an welchen ich[350]
Mich wende, der du mit lombard’schem Klange
Gesprochen: geh’ jetzt, ich entlasse dich! –
22
Obwohl ich etwas spät hierher gelange,
Doch weil’ und gib auf meine Fragen Acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange.
25
Bist du zur Reif’ in diesen finstern Schacht
Erst jetzt vom süßen Latier-Land geschieden,
Von dem ich meine Schuld hierher gebracht,
28
So sprich: Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schöne Land auch mich erzeugt,
So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden.“
31
Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,
Da stieß Virgil mich leis’ und sagte: „Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt.“
34
Worauf ich, schon bereit zur Gegenrede,
Ihn also sonder Zögerung beschied:
„„O Seele, hier verborgen, sonder Fehde
37
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,
Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüthen;
Doch offenbar war keine, da ich schied.[351]
40
[153] Ravenna ist, wie’s war; dort pflegt zu brüten,[352]
So wie seit Jahren schon, Polenta’s Aar,
Deß Flügel unter sich auch Cervia hüten.
43
Die Stadt, die fest in langer Probe war,[353]
Wo jüngst ein Frankenhauf’ im Blut gelegen,
Beugt sich dem grünen Leu’n nun ganz und gar.
46
Verucchio’s alt und neuer Bluthund hegen[354]
Die Tück’ noch, die Montagna’s Tod erlauscht,
Und hauen noch die Zähn’ ein, wo sie pflegen.
49
Die Stadt, dran Lamon und Santerno rauscht,[355]
Läßt sich vom Leu’n im weißen Neste leiten,
Der die Partei mit jedem Mond vertauscht.
52
Sie, welchen Savio’s Flut benetzt die Seiten,[356]
Lebt zwischen Sclaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten.
55
Jetzt bitt’ ich, mach’ uns, wer du bist, bekannt;
Daß der Vergessenheit dein Nam’ enttauche,
[154]
So sei nicht härter, als ich andre fand.““
58
Da grunzt’ und braust es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche:
61
„Spräch’ ich zu Einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.
64
Doch da dies Keinem je die Höll’ erlaubte,
So sag’ ich ohne Furcht vor Schand’ und Schmach,
Was mich hierher stieß und des Heils beraubte.
67
Ich war erst Kriegesmann und Mönch hernach,[357]
Um mich vom Fall durch Buß’ emporzurichten;
Gewiß geschah auch, was ich mir versprach.
70
Allein der Erzpfaff – mög’ ihn Gott vernichten –[358]
Er hat mich neu den Sündern beigesellt;
Wie und warum? das will ich jetzt berichten.
73
Als ich noch oben lebt’ in eurer Welt,
Da ward ich nimmer mit dem Leu’n verglichen,
Doch öfters wohl dem Fuchse gleichgestellt.
76
In allen Ränken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, in ihrer Uebung schlau,
Und drum berühmt in allen Himmelsstrichen.
79
[155] Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau
Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen,
Und einzuziehn das Segel und das Tau,
82
Da mußt’ ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Mönch und that nun Buß’ am heil’gen Ort,
Ach, und noch konnt’ ich mich des Heils erfreuen!
85
Allein der neuen Pharisäer Hort –[359]
Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenschaaren,
Vielmehr am Lateran und nahe dort,
88
(Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mitgesiegt, und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren!) –
91
Nicht achtet’ er an sich die höchste Pflicht,
Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der Jeden mager macht, den er umflicht.
94
Wie Constantin Sylvestern angegangen,[360]
Ihm Hülf’ und Rath beim Aussatz zu verleihn,
So sollt’ ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen
97
Vom Fieber seines Hochmuths ihn befrein.
Im Anfang wollt’ ich mich der Antwort schämen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein.
100
Da sprach er: darfst nicht sorgen, noch dich grämen,
Ablaß ertheil’ ich dir, mich lehre du:
Wie fang ich’s an, Preneste wegzunehmen?
103
Du weißt, den Himmel schließ’ ich auf und zu,
Denn beide Schlüssel sind mir übergeben,
Die Cölestin vertauscht um träge Ruh.[361]
106
Nicht war so trift’gem Grund zu widerstreben,
Und da nun Schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben
109
Die Sünde, die ich thun soll, mir verziehn,
[156]
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,[362]
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn. –
112
Sanct Franz wollt’, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzuführen; doch ein Teufel kam,
Und sprach: Halt’ ein, denn den muß ich erhalten.
115
Er kommt mit mir hinab zu ew’gem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug gerathen,
Ihn bei dem Schopf als meine Beute nahm.
118
Wer Ablaß will, bereu’ erst seine Thaten.
Doch wer bereut und Böses will, der muß
Wohl mit sich selbst in Widerspruch gerathen.
121
Ach! wie ich zuckt’ in Schrecken und Verdruß,
Als er mich faßt’ und, mich von dannen reißend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logicus?
124
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend[363]
Den harten Rücken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend:
127
Der wird der Flamme Raub im achten Thal!
Und also ward ich von dem Schlund verschlungen,
Und geh’ im Feuerkleid zu ew’ger Qual.“
130
Hier endet’ er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und hergeschwungen.
133
Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur nächsten Brück’ auf rauhen Felsenpfaden,
[157] Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort
136
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource

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