Theodizee-Problem (9) Candid oder Die Beste der Welten (Schluss)
Wie Candid Kunigunde und die Alte wiederfindet
Während Candid, der Baron, Pangloß, Martin und Cacambo einander ihre Abenteuer erzählten, während sie über den Zusammenhang oder den mangelnden Zusammenhang der Dinge dieser Welt schwatzten, während sie über die Wirkungen und Ursachen, das moralische und physische Übel, über Freiheit und Notwendigkeit und die Trostgründe eines türkischen Galeerensträflings disputierten, landeten sie am Ufer des Bosporus beim Haus des Fürsten von Siebenbürgen. Das erste, was sie erblickten, waren Kunigunde und die Alte, die Handtücher zum Trocknen auf Wäscheleinen hängten.
Der Baron erbleichte bei diesem Anblick. Als Candid, der zärtliche Liebhaber, seine schöne Kunigunde lederfarben, mit erloschenen Augen, eingetrockneten Brüsten, runzligen Wangen und roten, rissigen Armen wiedersah, wich er entsetzt drei Schritte zurück und ging dann aus Wohlerzogenheit wieder auf sie zu. Sie umarmte Candid und ihren Bruder; die Alte wurde ebenfalls umarmt. Candid kaufte alle beide los.
In der Nähe lag ein kleines Landgut; die Alte schlug Candid vor, sich dort häuslich niederzulassen, bis aller Schicksal eine günstigere Wendung genommen habe. Kunigunde wußte nicht, daß sie häßlich geworden war, niemand hatte es ihr gesagt: sie erinnerte Candid an seine Versprechungen, und zwar so entschiedenen Tones, daß der gute Candid sich nicht zu widersetzen wagte. Er bedeutete also dem Baron, er wolle seine Schwester heiraten. „Niemals werde ich dulden“, sagte der Baron, „daß sie ihrerseits sich soweit erniedrigt, und daß Sie Ihrerseits so unverschämt werden; diesen Schimpf soll mir niemand vorhalten können: kein deutsches Stift würde die Kinder meiner Schwester aufnehmen. Nein, meine Schwester darf niemanden heiraten als einen Reichsbaron.“ Kunigunde warf sich ihm zu Füßen und benetzte sie mit Tränen; er blieb ungerührt. „Du Hans Narr“, sagte ihm Candid, „ich habe dich von der Galeere befreit, ich habe dein Lösegeld bezahlt und das deiner Schwester auch; sie hat hier Geschirr abgewaschen, sie ist häßlich, ich bin so gutmütig, daß ich sie zu meiner Frau machen will, und Du wagst es noch, dich zu widersetzen? Noch einmal würde ich dich totstechen, wenn ich meiner Wut nachgäbe.“ - „Meinetwegen stich mich noch einmal tot“, sagte der Baron, „aber solange ich lebe, wirst du meine Schwester nicht heiraten.“
DREISSIGSTES KAPITEL
Schluss
Candid verspürte im Grunde seines Herzens nicht die geringste Lust, Kunigunde zu heiraten. Allein die ungeheuerliche Impertinenz des Barons bestimmte ihn zur Eheschließung, und Kunigunde bedrängte ihn überdies so heftig, daß er sein Wort nicht zurücknehmen konnte. Er fragte Pangloß, Martin und den treuen Cacambo um Rat. Pangloß setzte ein schönes Memorandum auf, darin er bewies, der Baron habe keine Gewalt über seine Schwester, und gemäß den Gesetzen des Heiligen Römischen Reiches könne sie Candid zur linken Hand heiraten. Martin riet, den Baron ins Meer zu werfen; Cacambo entschied, er müsse wieder dem Galeeren-Kapitän übergeben, aufs neue an die Ruderbank geschmiedet und später könne er ja dann mit dem ersten Schiff nach Rom zum Pater General geschickt werden. Der Ratschlag fand allgemeinen Beifall; die Alte billigte ihn, seiner Schwester wurde alles verheimlicht; mit einigen Geldopfern wurde die Sache bewerkstelligt, und alle genossen des Vergnügens, einen Jesuiten überlistet und den Dünkel eines deutschen Barons bestraft zu haben.
Man könnte jetzt natürlich auf den Gedanken kommen, daß Candid nach so vielen verhängnisvollen Wechselfällen, nun er mit seiner Geliebten verheiratet, mit dem Philosophen Pangloß, dem Philosophen Martin, dem klugen Cacambo und der Alten vereint und außerdem im Besitz so vieler Diamanten aus der Heimat der alten Inkas war, nunmehr das angenehmste Leben der Welt geführt hätte; aber die Juden begaunerten ihn dermaßen, daß ihm am Ende nichts als sein kleines Landgut blieb; seine Frau wurde von Tag zu Tag häßlicher, zänkischer und unausstehlicher; die Alte wurde zitterig und hatte womöglich noch schlechtere Laune als Kunigunde. Cacambo, der die Gartenarbeit besorgte und das Gemüse zum Verkauf nach Konstantinopel brachte, war mit Arbeit überbürdet und verfluchte sein Geschick. Pangloß war verzweifelt, daß er nicht an irgendeiner deutschen Universität glänzte. Was Martin betraf, so war er felsenfest überzeugt, daß es einem überall gleich schlecht gehe; er trug alles geduldig. Candid, Martin und Pangloß disputierten zuweilen über Metaphysik und Moral. Öfter fuhren unter den Fenstern des Gutshauses Barken mit Effendis, Paschas und Kadis vorüber, die nach Lemnos, Mytilene und Erzerum ins Exil wanderten. Andere Kadis, andere Paschas, andere Effendis kamen an, nahmen die Stellen der Verstoßenen ein und wurden ihrerseits wieder verstoßen. Gelegentlich gab es säuberlich in Stroh verpackte Köpfe zu sehen, die der Hohen Pforte überreicht werden sollten. Diese Schauspiele gaben unausgesetzt neuen Stoff zu Diskussionen; und wenn nicht gestritten wurde, war die Langeweile so entsetzlich, daß die Alte sich eines Tages nicht scheute, ihnen zu sagen: „Ich möchte wissen, was schlimmer ist, hundertmal von Negerpiraten genotzüchtigt zu werden, eine abgeschnittene Hinterbacke zu haben, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafé ausgepeitscht und gehängt und dann seziert zu werden, Galeerensklave zu sein, kurz, all das Elend zu erdulden, das wir durchgemacht haben, oder hier herumzusitzen und nichts zu tun?“ - „Ja, da ist eine schwierige Frage“, sagte Candid.
Diese Rede gab Veranlassung zu neuen Überlegungen, und zumal Martin kam zu dem Ergebnis, der Mensch werde geboren, um entweder in den Krämpfen der Unrast oder in der Ohnmacht der Langeweile zu leben. Candid leugnete das, konnte indessen nichts dagegen vorbringen. Pangloß gab zu, er habe Schreckliches durchmachen müssen; aber da er nun einmal behauptet hatte, alles sei wunderschön, behauptete er es nach wie vor, allein er glaubte es nicht mehr.
Ein Ereignis trug ganz besonders dazu bei, Martin in seinen abscheulichen Prinzipien zu bestärken, Candid mehr denn je zweifeln zu lassen und Pangloß in Verlegenheit zu bringen. Eines Tages nämlich landeten Paquette und Bruder Giroflée auf dem Landgut; sie waren in der äußersten Not; ihre dreitausend Piaster hatten sie sehr schnell durchgebracht, sie hatten sich getrennt, sich wieder vertragen, sich erzürnt, waren ins Gefängnis gewandert, waren entflohen, und schließlich war Bruder Giroflée Türke geworden. Paquette übte ihr Gewerbe überall aus, aber sie verdiente nichts mehr dabei. „Ich habe es vorausgesehen“, sagte Martin zu Candid, „daß ihre Geschenke bald vergeudet sein würden und die beiden eben dadurch noch elender. Sie und Cacambo haben in Millionen von Piastern geschwommen, und Sie sind nicht besser daran als Bruder Giroflée und Paquette.“ - „Ach, ach!“ sagte Pangloß zu Paquette, „also führt der Himmel Sie wieder in unsere Mitte, Sie armes Kind! Wissen Sie denn auch, daß Sie mich die Nasenspitze, ein Auge und ein Ohr gekostet haben? Und wie Sie jetzt ausschauen! Ja, das ist der Lauf der Welt!“ Dieses Abenteuer veranlaßte sie, mehr als je zuvor zu philosophieren.
In der Nachbarschaft lebte ein sehr berühmter Derwisch, der als der beste Philosoph der Türkei galt; den fragten sie um Rat; Pangloß war Wortführer und fragte: „Meister, wir sind gekommen, Sie zu bitten, daß Sie uns sagen, warum ein so merkwürdiges Viehzeug wie der Mensch geschaffen worden ist?“ - „Wohinein steckst du deine Nase?“ sagte der Derwisch, „ist das deine Sache?“ - „Ach, ehrwürdiger Vater“, sagte Candid, „es gibt so entsetzlich viel Böses auf Erden.“ - „Was kommt’s darauf an, ob es Böses oder Gutes gibt? Wenn Seine Hoheit ein Schiff nach Ägypten sendet, kümmert er sich dann darum, ob die Ratten im Kielraum sich wohlbefinden oder nicht?“ - „Was muß man also tun?“ fragte Pangloß. - „Schweigen“, sagte der Derwisch. - „Und ich schmeichelte mir“, sagte Pangloß, „mit Ihnen ein bißchen über Ursachen und Wirkungen, die beste aller möglichen Welten, den Ursprung des Bösen, die Natur der Seele und die prästabilierte Harmonie plaudern zu können!“ Bei diesen Worten schlug ihm der Derwisch die Tür vor der Nase zu.
Während dieser Unterredung hatte sich die Nachricht verbreitet, soeben seien in Konstantinopel zwei Bankveziere und der Mufti erdrosselt und mehrere ihrer Freunde gepfählt worden. Diese Katastrophe machte für ein paar Stunden viel Lärm. Als Pangloß, Candid und Martin zu dem kleinen Landgut zurückkehrten, trafen sie unterwegs einen guten Greis, der vor seiner Tür unter einer Laube aus Orangenbäumen der Abendkühle genoß. Pangloß, der ebenso neugierig wie geschwätzig war, fragte ihn, wie der Mufti heiße, der soeben erdrosselt worden sei. „Ich weiß nichts davon“, antwortete der gute Mann, „und ich habe niemals den Namen irgendeines Muftis oder Vezirs gekannt. Ich weiß nicht das mindeste von der Begebenheit, von der Ihr mir erzählt; aber ich bin der Ansicht, daß im allgemeinen diejenigen, die sich in öffentliche Angelegenheiten mischen, eines elenden Todes sterben, und zwar mit Recht; ich kümmere mich nie darum, was in Konstantinopel vorgeht; ich bescheide mich, die Früchte des Gartens, den ich bebaue, dorthin zum Verkauf zu senden.“ Mit diesen Worten lud er die Fremden zum Nähertreten ein: seine beiden Töchter und seine beiden Söhne boten ihnen verschiedene selbstbereitete Sorbets an, Kaimatz mit Zitronat, Orangen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien sowie Mokkakaffee ohne Beimischung des schlechten Kaffees aus Batavia und Westindien. Danach parfümierten die beiden Töchter des guten Muselmanns Candid, Pangloß und Martin die Bärte.
„Sie haben gewiß“, sagte Candid zu dem Türken, „einen großen, prächtigen Grundbesitz?“ - „Nur zwanzig Morgen“, antwortete der Türke; „ich behaue sie mit meinen Kindern; die Arbeit hält uns drei große Übel fern: Langeweile, Laster und Not.“
Auf dem Rückweg zu seinem Landgut stellte Candid tiefsinnige Überlegungen über die Worte des Türken an. Er sagte zu Pangloß und Martin: „Dieser gute Greis hat sich, wie mir scheint, ein Dasein erschaffen, das dem der sechs Könige, mit denen zu Abend zu essen wir die Ehre genossen haben, bei weitem vorzuziehen ist.“ - „Größe“, sagte Pangloß, „ist nach dem einstimmigen Urteil aller Philosophen etwas sehr Gefährliches, denn schließlich wurde der Moabiterkönig Eglon von Aod ermordet; Absalom hängte sich an den Haaren auf und wurde von drei Wurfspießen durchbohrt; König Nadab, der Sohn Jerobeams, wurde von Baza getötet, König Ela von Zambri, Ochozias von Jehu; die Könige Joachim, Jechonias und Zedekias wurden Sklaven. Ihr wißt, wie Krösus, Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero Otho, Vitellius, Domitian, Richard II. von England, Eduard II., Heinrich VI., Richard III., Maria Stuart, Karl I., die drei Heinriche von Frankreich, Kaiser Heinrich IV. geendet haben? Ihr wißt - - -.“ - „Ich weiß auch“, sagte Candid, „daß wir unseren Garten bebauen müssen.“ - „Sie haben recht“, sagte Pangloß; „denn als der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde, geschah es, ut operaretur eum, damit er ihn bebaue; das beweist, daß der Mensch nicht zum Faulenzen geschaffen worden ist.“ - „Wir wollen arbeiten, ohne uns zu zergrübeln“, sagte Martin; „das ist das einzige Mittel, das Dasein erträglich zu gestalten.“
Alle Glieder der kleinen Gemeinschaft stimmten diesem löblichen Vorsatz zu; ein jeder suchte seine Anlagen zu betätigen. Der kleine Erdenfleck gab reichliche Erträge. Kunigunde war tatsächlich recht häßlich; aber sie lernte vorzügliche Pasteten zu bereiten; Paquette stickte; die Alte besorgte die Wäsche. Selbst Bruder Giroflée machte sich nützlich, er wurde ein ausgezeichneter Schreiner und schließlich sogar ein ordentlicher Mensch; und Pangloß sagte bisweilen zu Candid: „Alle Begebenheiten in dieser besten aller möglichen Welten sind miteinander verkettet; denn wenn Sie nicht durch wuchtige Fußtritte in den Hintern um Ihrer Liebe zu Fräulein Kunigunde willen aus einem schönen Schlosse hinausgeworfen worden wären, wenn Sie nicht vor dem Inquisitionstribunal gestanden hätten, wenn Sie nicht zu Fuß durch ganz Amerika gelaufen wären, wenn Sie dem Baron nicht einen mächtigen Degenstich versetzt, wenn Sie nicht alle Ihre Widder aus dem schönen Lande Eldorado eingebüßt hätten, so würden Sie hier kein Zitronat und keine Pistazien essen.“ - „Wohlgesprochen“, erwiderte Candid, „allein es gilt, unseren Garten zu bebauen.“
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Aus: Voltaire, Candid oder Die beste der Welten. Deutsche Übertragung und Nachwort von Ernst Sander, Reclam, Stuttgart 2020
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