Tina 13
Das Gottesgericht in der Geschichte



Die unendliche Gerechtigkeit Gottes

Die unendliche Gerechtigkeit Gottes manifestiert sich in zwei verschiedenen Urteilen, die den Menschen am Ende seines Lebens erwarten: dem besonderen Gericht, dem jede Seele im Moment des Todes unterworfen ist, und dem Weltgericht, dem alle Menschen unterworfen sein werden, mit Leib und Seele, nach dem Ende der Welt.
Es ist Glaube der Kirche: Am Ende seines Lebens tritt jeder Mensch vor Gott, den Herrn und Obersten Richter, um seinen Lohn oder seine Strafe zu erhalten. Aus diesem Grund sagt der Priester beim Begräbnis: Memor esto judicii mei, sic enim erit et tuum (Sir 38). Sei eingedenk meines Urteils, wenn auch du lernen willst, gut zu urteilen.
Im besonderen Urteil, so Pater Garrigou-Lagrange, versteht die Seele geistlich, daß sie von Gott gerichtet wird, und im göttlichen Licht spricht sich das Gewissen selbst das göttliche Urteil. „Das geschieht im ersten Moment, in dem die Seele vom Körper getrennt wird, sodaß gilt: So wahr es ist, von einem Menschen zu sagen, daß er gestorben ist, so wahr ist es auch, zu sagen, daß er gerichtet ist“[1]. Das Urteil ist endgültig und seine Vollstreckung erfolgt sofort.
Gottes Urteil unterscheidet sich von dem der Menschen. Berühmt ist der Fall von Raimund Diocre, Professor an der Sorbonne, der im Jahr 1082 starb. Bei seiner Beerdigung in Notre-Dame in Paris war eine Vielzahl von Menschen anwesend, darunter sein Schüler, der heilige Bruno von Köln. Während der Zeremonie ereignete sich ein schockierendes Ereignis, das von den bollandistischen Gelehrten bis ins kleinste Detail untersucht wurde.
Der Körper war in der Mitte des Mittelschiffs aufgebahrt und der damaligen Zeit entsprechend von einem einfachen Tuch bedeckt. Als die Begräbnisfeier begann, sprach der Priester die Worte:

„Antworte mir: Wie viele Missetaten und Sünden hast Du begangen …?“,
Plötzlich hörte man unter dem Leichentuch eine Stimme wie aus dem Jenseits:

„Durch das gerechte Urteil Gottes bin ich angeklagt!“
Das Leichentuch wurde sofort entfernt, aber der Verstorbene war unbeweglich und kalt. Die plötzlich unterbrochene Zelebration wurde nach dieser allgemeinen Unruhe sofort wiederaufgenommen. Die Frage wurde wiederholt und der Verstorbene schrie mit noch lauterer Stimme:

„Nach dem gerechten Urteil Gottes bin ich gerichtet!“
Der Schrecken unter den Anwesenden erreichte einen Höhepunkt. Einige Ärzte näherten sich der Leiche und stellten fest, daß Raimund wirklich tot war. Wegen des Entsetzens und der allgemeinen Unruhe beschlossen die kirchlichen Autoritäten, die Beerdigung auf den nächsten Tag zu verschieben.
Am nächsten Tag wurde die Totenmesse wiederholt. Als der Zelebrant zum selben Satz des Totenritus kam und ihn aussprach, erhob sich die Leiche unter dem Leichentuch und rief:

„Nach dem gerechten Urteil Gottes bin ich für immer in die Hölle verdammt!“[2]
Nach diesem schrecklichen Zeugnis wurde das Begräbnis abgebrochen und beschlossen, die Leiche nicht auf dem Friedhof zu begraben. Auf den Sarg des Verdammten wurden die Worte geschrieben, die er im Moment der Auferstehung sprechen wird:

„Justo Dei judicio accusatus sum, justo Dei judicio judicatus sum, justo Dei judicio condemnatus sum.“
Die Anklage, das Urteil, die Verdammung: Das wird die Verworfenen am Tag des Jüngsten Gerichts erwarten.
Aus diesem Grund sagt der heilige Augustinus in seiner Civitas Dei:

„Diejenigen, die zwangsläufig sterben, haben sich nicht so sehr darum zu sorgen, was sie sterben lassen wird, sondern über den Ort, an den sie nach dem Tod zu gehen gezwungen sein werden.“[3]
Und dieser Ort, wie wir hinzufügen, ist die Hölle oder der Himmel.
Die Botschaft von Fatima beginnt mit der schrecklichen Höllenvision und erinnert uns daran, daß unser Leben auf Erden sehr ernst ist, weil es uns vor eine dramatische Entscheidung stellt: Himmel oder Hölle, ewiges Glück oder ewige Verdammnis. Je nach unserer Entscheidung werden wir gerichtet und das Urteil wird sofort umgesetzt.

Das Jüngste Gericht

Aber nach dem Tod erwartet uns ein zweites Gericht: das Weltgericht.
Die Existenz eines Weltgerichts, das dem besonderen Urteil folgt, ist ein Glaubenssatz. Der heilige Augustinus faßt die Lehre der Kirche folgendermaßen zusammen:

„Niemand bezweifle oder leugne, daß Jesus Christus, wie es die Heilige Schrift verkündet, das letzte Urteil sprechen wird“[4].
Es wird das letzte Urteil sein, dem sich niemand entziehen kann.
In der Stunde des Jüngsten Gerichts wird Jesus Christus, dem das Kreuz vorausgeht, von den Höhen des Himmels erscheinen, umgeben von Heerscharen von Engeln und Heiligen (Mt 24, 30–31) und auf einem Thron sitzend (Mt 25, 30). Die Rolle des Richters wurde ihm vom Vater zugesprochen, wie Jesus selbst im Evangelium sagt:

„Von mir selbst aus kann ich nichts tun; ich richte, wie ich es (vom Vater) höre, und mein Gericht ist gerecht, weil es mir nicht um meinen Willen geht, sondern um den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 5,30).
Aber warum ist ein Weltgericht notwendig, da Gott jede Seele unmittelbar nach dem Tod richtet und im Jüngsten Gericht das bereits im besonderen Urteil ergangene Urteil bestätigt wird? Wäre ein Urteil nicht genug?
Der heilige Thomas von Aquin antwortet:

„Jeder Mensch ist eine Person für sich und gleichzeitig Teil der gesamten Menschheit; deshalb kommt ihm ein doppeltes Urteil zu: das besondere nach seinem Tod, wenn er in Entsprechung dessen bekommen wird, was er im Leben getan hat, wenn auch nicht ganz, weil er (es) nicht für den Körper, sondern nur für die Seele erhalten wird, daher muß es ein anderes Urteil geben, nach dem wir Teil der Menschheit sind: das Weltgericht der gesamten Menschheit durch die universelle Trennung der Guten von den Bösen.“[5]
Der gleiche Kirchenlehrer erklärt an anderer Stelle, daß das irdische Leben des Menschen zwar mit dem Tod endet, sich aber irgendwie in die Zukunft erstreckt, weil er weiterhin in der Erinnerung der Menschen lebt, besonders in den Kindern. Darüber hinaus setzt sich das Leben des Menschen in den Auswirkungen seiner Werke fort. Zum Beispiel, sagt der heilige Thomas, „vom Trug des Arius und anderer fließt der Irrtum bis zum Ende der Welt unter die Menschen, und aus den Worten der Apostel der Glaube, (…) Alles dies unterliegt der Wertschätzung des göttlichen Gerichts.“[6]
Das Gericht Gottes endet daher nicht mit dem Tod, sondern erstreckt sich bis zum Ende der Zeit, denn bis zum Ende der Zeit kann sich der gute Einfluß der Heiligen oder der schlechte Einfluß der Verworfenen erstrecken. Der heilige Benedikt, der heilige Franziskus und der heilige Dominikus verdienen es, für all das Gute belohnt zu werden, das ihr Wirken bis zum Ende der Welt geleistet hat, während Luther, Voltaire und Marx am Ende der Welt für all das Böse bestraft werden müssen, das ihre Werke angerichtet haben. Deshalb muß es ein letztes Urteil geben, in dem alles, was jeden Menschen betrifft, in irgendeiner Weise perfekt und klar beurteilt wird. Während im besonderen Gericht über den Einzelnen geurteilt wird, insbesondere in Bezug auf die Richtigkeit der Absicht seines Handelns, werden im Weltgericht seine objektiven Werke beurteilt, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen, die sie auf die Gesellschaft hatten.
Nach dem unmittelbaren Gericht vor Gott, im Moment des Todes, ist es notwendig, daß ein öffentliches Gericht folgt, nicht nur vor Gott, sondern auch vor allen Menschen, Engeln, Heiligen und der allerseligsten Jungfrau Maria, denn das Evangelium sagt:

„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird“ (Lk 12, 2).
Es ist richtig, daß jene, die sich durch Leiden und Verfolgung den Himmel erworben haben, verherrlicht werden, und daß böse und perverse Menschen, die ein glückliches Leben vor den Menschen geführt haben, öffentlich entehrt werden. Pater Schmaus sagt, daß im endgültigen Urteil Wahrheit oder Lüge der kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Werke der Menschen offenbart werden; die Wahrheit oder die Lüge der philosophischen Richtungen, der politischen Institutionen, der religiösen und moralischen Kräfte, die die Geschichte bewegt haben; die Bedeutung von Sekten und Häresien, Kriegen und Revolutionen.[7] Die Leichname von Arius, Luther, Robespierre und Marx liegen bereits im Staub, aber am Tag des Gerichts müssen ihre Bücher, ihre Statuen, ihre Namen öffentlich entweiht werden.
Wir fügen hinzu, daß der Mensch in eine Nation hineingeboren wird und in ihr lebt und sein Handeln dazu beiträgt, die Nationen und Völker, in denen er lebt, im Guten oder Schlechten zu verändern, und auch diese Völker und diese Nationen werden in ihrer Kultur, ihren Institutionen und in ihren Gesetzen gerichtet werden. Aus diesem Grund sagt das Evangelium, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, „werden alle Nationen vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken trennt, und die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zur Linken versammeln“ (Mt 25, 31–46).
Das Urteil wird daher nicht nur über einzelne gesprochen, Menschen und Engel, sondern auch die Nationen sind aufgerufen, die Pläne der Göttlichen Vorsehung zu erfüllen, und müssen sich daher dem göttlichen Willen angleichen, der das Universum regelt und regiert. Beim Jüngsten Gericht wird offengelegt, wann und wie sehr jedes Volk die ihm von Gott übertragene Aufgabe erfüllt hat.[8]

„Gründe der Weisheit bewahren im Lauf der Zeit Geheimnisse“, schreibt Msgr. Antonio Piolanti, „aber die Zeit wird am Ende ihren Schatz vor den Augen der Weltversammlung ausschütten müssen. Alle Masken werden fallen und das glückliche Pharisäertum wird das Mal einer unauslöschlichen Schande tragen.“[9]
Das Gericht wird sich auf die gesamte Menschheitsgeschichte erstrecken, die in aller Öffentlichkeit zur größeren Herrlichkeit Gottes offenbar wird. Es wird der Triumph der Göttlichen Vorsehung sein, die im Laufe der Geschichte auf unsichtbare und undurchdringliche Weise das Schicksal von Menschen und Völkern lenkt.
Alle im Tal Josaphat werden vor dem letzten Urteil das große Wort verkünden:

„Iustus es Domine, et rectum iudicium tuum“ (Ps 117, 137).
„Herr, du bist gerecht, und dein Urteil ist richtig.“
Das besondere Gericht und das Jüngste Gericht sind die beiden höchsten Momente, in denen sich das Urteil Gottes über Menschen und Nationen manifestiert. Auf dieses göttliche Urteil folgt eine Belohnung oder eine Bestrafung. Der Lohn oder die Strafe wird auf den Menschen sowohl für das Leben als auch für die Ewigkeit nach dem Tod angewandt, während für Nationen, die kein ewiges Leben haben, der Lohn oder die Strafe nur in der Geschichte zur Anwendung kommt. Und da das Weltgericht die Geschichte abschließt, verurteilt Jesus Christus in diesem Moment die Nationen nicht zur ewigen Strafe, sondern offenbart den Augen aller versammelten Menschen, wie die Nationen nach ihren Tugenden oder ihren Sünden im Laufe der Geschichte belohnt oder bestraft wurden.
Es ist wichtig zu verstehen, daß sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Nationen das Jüngste Gericht der Höhepunkt des göttlichen Gerichts ist, aber Gott sich nicht darauf beschränkt, nur in dieser Stunde zu urteilen: Er urteilt, so kann man sagen, vom Moment der Erschaffung des Universums an. Am Ursprung der Weltgeschichte steht ein Urteil: das Gottesurteil gegen Luzifer und die abtrünnigen Engel, ebenso am Ursprung der Erschaffung des Menschen das Urteil gegen Adam und Eva. Seitdem hört Gottes Urteil über seine Geschöpfe bis zum Ende der Zeit nicht auf, weil die Göttliche Vorsehung das Werden des erschaffenen Universums aufrechterhält und bis zu seinem Ende lenkt. Alle Bewegungen der physischen Welt, der moralischen Welt und der übernatürlichen Welt sind von Gott gewollt, mit Ausnahme der Sünde, deren einzige Ursache das freie Geschöpf ist.
Jesus sagt, daß alle Haare unseres Kopfes gezählt sind (Lk 12, 8). Umso mehr wird jede Handlung, und sei sie noch so klein, von Gott beurteilt. Aber Gott ist nicht nur unendlich gerecht, er ist auch unendlich barmherzig[10], und es gibt kein göttliches Urteil, das unbarmherzig wäre, so wie es keinen Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit gibt, die nicht ohne tiefste Gerechtigkeit ist. Das vielleicht schönste Beispiel für diese Verschränkung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist uns durch das immense Geschenk des Bußsakraments gegeben. In diesem Sakrament, in dem der Sünder gerichtet und losgesprochen wird, übt der Priester, der in persona Christi handelt, die richterliche Gewalt der Kirche aus. Er übt aber auch die mütterliche Barmherzigkeit Gottes aus, indem er uns von unseren Sünden losspricht. Die Gerechtigkeit Gottes greift ein, um durch die Strafen die Ordnung wiederherzustellen, die die Schuld verdient. Die göttliche Barmherzigkeit manifestiert sich durch die Vergebung unserer Sünden, dank derer Gott uns von ewigen Schmerzen befreit.

Die Bestrafung der Nationen

Das gilt für die Menschen, aber auch für die Nationen. Gott ist in der Geschichte nicht abwesend, er ist vielmehr mit seiner Unermeßlichkeit immer gegenwärtig, und es gibt keinen Punkt oder Moment der Zeit, in dem sich Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes in den Völkern nicht manifestieren. Auch alle Unglücke und Katastrophen, welche die Nationen in ihrer Geschichte betreffen, haben eine Bedeutung. Die Ursachen entziehen sich uns manchmal, aber sicher ist, daß der Ursprung eines jeden von Gott zugelassenen Übels in der Sünde des Menschen liegt. Der heilige Prosper von Aquitanien, ein Schüler des heiligen Augustinus, sagt, daß „die Ursachen des göttlichen Wirkens oft verborgen bleiben und nur die Auswirkungen sichtbar sind“[11]. Eine Sache ist sicher: Was auch immer die Sekundärursachen sein mögen, Gott ist immer die Causa prima, alles hängt von Ihm ab.
An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie Gott das Verhalten der Menschen in der Geschichte beurteilt und bestraft. Die Antwort der Heiligen Schrift, der Theologen und Heiligen ist eindeutig. Tria sunt flagella quibus dominus castigat: Krieg, Pest und Hunger. Mit diesen drei Geißeln, wie der heilige Bernhard von Siena erklärt[12], bestraft Gott die drei Hauptlaster der Menschen: Stolz, Lust und Geiz: Stolz, wenn die Seele gegen Gott rebelliert (Offb 12, 7–9), Lust, wenn der Körper gegen die Seele rebelliert (Gen 6, 5–7), und Geiz, wenn Dinge gegen den Menschen rebellieren (Ps 96, 3). Krieg ist die Strafe gegen den Stolz der Völker, Epidemien sind die Strafe gegen ihre Lust und Hunger ist die Strafe gegen ihren Geiz.

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Tina 13

„An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie Gott das Verhalten der Menschen in der Geschichte beurteilt und bestraft. Die Antwort der Heiligen Schrift, der Theologen und Heiligen ist eindeutig. Tria sunt flagella quibus dominus castigat: Krieg, Pest und Hunger. Mit diesen drei Geißeln, wie der heilige Bernhard von Siena erklärt[12], bestraft Gott die drei Hauptlaster der Menschen: Stolz, Lust und Geiz: Stolz, wenn die Seele gegen Gott rebelliert (Offb 12, 7–9), Lust, wenn der Körper gegen die Seele rebelliert (Gen 6, 5–7), und Geiz, wenn Dinge gegen den Menschen rebellieren (Ps 96, 3). Krieg ist die Strafe gegen den Stolz der Völker, Epidemien sind die Strafe gegen ihre Lust und Hunger ist die Strafe gegen ihren Geiz.“

Tina 13

„Auch alle Unglücke und Katastrophen, welche die Nationen in ihrer Geschichte betreffen, haben eine Bedeutung. Die Ursachen entziehen sich uns manchmal, aber sicher ist, daß der Ursprung eines jeden von Gott zugelassenen Übels in der Sünde des Menschen liegt.“