Dann geh und handle genauso!
Origenes (um 185-253), Priester und Theologe
„Dann geh und handle genauso!“
Es steht geschrieben: „wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott“ (1 Joh 4,7), und gleich darauf: „Gott ist die Liebe“ (4,8). Das weist darauf hin, dass Gott selbst die Liebe ist und dass Liebe ist, wer aus Gott ist. Wer aber sonst ist aus Gott, wenn nicht der, der sagt: „Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen“ (Joh 16,28)? Wenn Gottvater Liebe ist, ist auch der Sohn Liebe [...] Vater und Sohn sind eins und unterscheiden sich in nichts. Deshalb trägt Jesus neben den Titeln: Weisheit, Macht, Gerechtigkeit, Wort und Wahrheit zu Recht auch den Titel Liebe [...]
Weil Gott Liebe ist und der Sohn, der von Gott ist, Liebe ist, erwartet er in uns etwas Gleichartiges, so dass durch diese Liebe, die in Jesus Christus ist [...] wir mit ihm dank dieses Namens durch eine Art Verwandtschaftsband verbunden sind. Paulus, der mit ihm innig verbunden war, sagt es so: „Was kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn?“ (vgl. Röm 8,38−39).
Diese innige Liebe erkennt, dass jeder Mensch für uns der Nächste ist. Deshalb hat der Erlöser einen Mann getadelt, der glaubte, ein Gerechter müsse den Verpflichtungen gegenüber dem Nächsten nicht in allen Fällen nachkommen [...] Er hat das Gleichnis von dem Mann erzählt, der von Jerusalem nach Jericho hinabging und von Räubern überfallen wurde. Jesus rügt den Priester und den Leviten, die beide den halbtoten Mann sahen und vorübergingen; dagegen lobt er den Samariter, der die Nächstenliebe praktizierte. Mit der Antwort des Fragestellers bringt Jesus zum Ausdruck, dass der Samariter der Nächste des Verletzten war. Er sagt zu ihm: „Dann geh und handle genauso!“ Unserer Natur nach sind wir tatsächlich alle einander die Nächsten; durch Werke der Nächstenliebe aber wird der, welcher Gutes tun kann, zum Nächsten dessen, der es nicht kann. Deshalb wurde unser Erlöser zu unserem Nächsten und ging nicht vorbei an uns, als wir, „von Wegelagerern verletzt, halbtot dalagen“.
Kommentar zum Hohenlied, Prolog 2, 26−31