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[35] La Divina Commedia - Purgatorio, canto I e II --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Läuterungsberg, 1. & 2. Gesang \\
Das Fegefeuer.

[Abfassungszeit: ca. 1308–1316 od. 1318.]
_____
Erster Gesang.[1]
Eingang. Cato von Thorn. Waschung und Gürtung. Einlaß.
1
Zur Fahrt durch bessre Fluren aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen.
4
Zum zweiten Reiche geht des Sanges Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben;
Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n.
[201]
7
Doch hier mag sich die todte Dichtung heben,
O heil’ge Musen, da ich euer bin!
Hier mög’ empor Kalliopeia streben!
10
Sie folge mir mit jenem Ton dahin,
Deß Streich, die armen Elstern einst erschreckend,[2]
Verzweiflung bracht’ in ihren stolzen Sinn. –
13
Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend
Des reinen Aethers heiteres Gebäu,
Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend,[3]
[202]
16
Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,
Sobald ich jetzt der todten Luft entklommen,
Die Aug’ und Brust getrübt in Nacht und Scheu.
19
Der schöne Stern, der Lieb’ erregt, entglommen[4]
Im Osten, hatt’ in Lächeln ihn verklärt,
Die Fisch’ umschleiernd, die mit ihm gekommen.
22
Dann rechts, des Süden’s Pole zugekehrt,[5]
Erblickt’ ich eines Viergestirnes Schimmer,
Deß Anschaun nur dem ersten Paar gewährt.
25
Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer.
O du verwaistes Land, du öder Nord,
Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer!
28
Als ich darauf vom Viergestirne fort[6]
Ein wenig hin zum andern Pole sahe,
[203]
– Der Wagen war bereits verschwunden dort –
31
Erblickt’ ich einen Greis, allein, mir nahe,
Der Ehrfurcht also werth an Mien’ und Art,
Daß mir, als ob’s mein Vater sei, geschahe.
34
Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart,
Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend
Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward.
37
Sein Angesicht, die heil’gen Strahlen trinkend
Des Viergestirnes, war so schön und klar,
Als säh ich es vom Schein der Sonne blinkend.
40
„Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,
Aus ew’ger Haft, dem blinden Strom entgegen?“[7]
Er sprach’s, bewegt des Bartes greises Haar,[8]
43
„Wer leitet’ euch? Wer leuchtet’ euren Wegen,
Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig schwarz, der Hölle Thäler hegen?
46
Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?[9]
Hat neuer Rathschluß durch der Hölle Pforte
Euch als Verdammte zu mir hergebracht?“
49
Hier fühlt’ ich mich erfaßt von meinem Horte,
Ehrfürchtig beugen hieß er Aug’ und Knie
Mich alsogleich mit Hand und Wink und Worte,
52
Und sprach: „Nicht durch mich selber bin ich hie;[10]
Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären,
Darob ich Diesem mein Geleit verlieh.
55
Doch da’s dein Will’ ist, daß ich dich belehren
Von unserm wahren Zustand soll, wie mag
Mein Will’ ein andrer sein, als zu gewähren?
58
Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,
Doch war er nah’ ihm, so vom Wahn verblendet,
Daß er gewiß in kurzer Frist erlag.
[204]
61
Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,
Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet.
64
Ich zeigt’ ihm schon der Sünder ganze Brut,
Nun aber ist er die zu sehn bereitet,
Die hier sich läutern unter deiner Hut.
67
Lang wär’s zu sagen, wie ich ihn begleitet,
Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn,
Um dich zu hören und zu sehn, geleitet.
70
Laß dir’s gefallen, daß er hier erschien.
Er sucht Freiheit – wie der sie werth zu halten,
Weiß, dem um sie das Leben nichtig schien.
73
Du weißt’s; du ließest gern, sie zu erhalten,
In Utica die Hülle blutbenetzt,
Die hell am großen Tag sich wird entfalten.
76
Nicht ward der ew’ge Schluß von uns verletzt.[11]
Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo deine Marcia jetzt,[12]
79
Noch keuschen Aug’s, dir ausspricht das Verlangen,
O heil’g Herz, als dein sie anzusehn.
Drum woll’ uns, ihr zu Liebe, wohl empfangen.
82
Laß uns durch deine sieben Reiche gehn,
Dann grüß’ ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmähn.“
85
„Gefiel auch,“ sprach er, „Marcia mir vor Allen,
Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wußt’, ihr zu gefallen,
88
Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,[13]
[205]
Da sie dort wohnt jenseits der nächt’gen Wogen,[14]
Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ.
91
Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,
Wie du gesagt, was braucht’s da Schmeichelei’n?
Sie will, dies gnügt, und treulich wird’s vollzogen,
94
Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn.[15]
Ihn muß ein Gurt von glatter Bins’ umschnüren,
Dann wasch’ ihm das Gesicht vom Schmutze rein.
97
Das Aug’ umnebelt, will sich’s nicht gebühren,
Zum ersten Diener, der vom sel’gen Land[16]
Herabgekommen ist, ihn hinzuführen.
100
Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand,
Wo Wog’ und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand.
103
Andre Gewächse, welche Blätter tragen
Und hartes Holz sind, kommen da nicht auf,
Wo’s gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen.
106
Dann kehrt hierher zurück nicht euren Lauf;
Die Sonne zeigt – seht, dort ersteht sie eben! –
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf.“
109
Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;
Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort,
In seinen Schutz und Willen ganz ergeben.
112
Er sprach: „Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort[17]
[206]
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Gränzen fort.“
115
Schon trieb das Morgenroth mit lichtem Schimmer[18]
Die Frühe vor sich her, und vom Gestad
Erkannt’ ich weit hinaus des Meers Geflimmer.
118
Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad,
Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend,
Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat.
121
Wir sahn den Thau bald, mit der Sonne streitend,[19]
Doch, weil er dort an schatt’ger Stelle war,
Sich minder schnell in leichten Dunst verbreitend,
124
Worauf mein Führer, seiner Hände Paar
Ausbreitend, sanft die frischen Gräser deckte,
Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr,
127
Ihm die bethränte Wang’ entgegenstreckte.
Rein wusch er mir die Farbe der Natur,
Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte.
130
Nun gingen wir dahin auf öder Flur
Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte,
Das wieder heim zum Vaterlande fuhr.
133
Dort, so wie der geboten, der uns schickte,
Umgürtet’ er mit schwanken Binsen mich,
Und wo er nur die nied’re Pflanze knickte,
136
Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.
_______________
[207]
Zweiter Gesang.
I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Die Ueberfahrenden. Casella.
1
Sol war zum Horizont herabgestiegen,[20]
Deß Mittagskreis, wo er am höchsten steht,
Sieht unter sich die Veste Zions liegen.
4
Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht,
War mit der Waag’ am Ganges vorgegangen,
Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht.
7
Drum hatten Eos weiß’ und rothe Wangen
Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen.
10
Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indeß der Körper stand.
13
Und wie in trüber Röthe, wenn der Morgen
Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen,
[208]
16
So sah ich jetzt ein Licht – o säh’ ich’s mehr! –[21]
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt’s auf des Meeres glattem Spiegel her.
19
Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt’ und zu dem Führer sprach,
Schien’s heller dann und größer ob den Wogen.
22
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach[22]
Ein weißer Glanz hervor, und bald erkannte,
Ich andres Weiß auch unten nach und nach.
25
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Indem der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:
28
„O eile jetzt, o eile, hinzuknie’n!
Sieh, Gottes Engel! Falte deine Hände!
Nun siehst du Solche Gottes Wink vollziehen.[23]
31
Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.
Nicht Segel, Ruder nicht – sein Flügelpaar
Braucht er zur Fahrt an’s ferneste Gelände.
34
Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar.“
37
Und wieder naht er sich indeß und wieder
In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich’s nieder.
40
Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drückt’ es kaum die Spur den Fluten ein.
43
Voll Seligkeit stand er vor meinen Sinnen,
Am Hintertheil des Schiff’s, der Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.
46
Als aus Aegypten Israel entrann,“[24]
[209]
Die Schaar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm’gen Sanges an.
49
Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen,[25]
Drauf warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.
52
Fremd schienen Alle, welche blieben, dort,
Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.
55
Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, die vom Meridian[26]
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen.
58
Da hoben, die wir eben kommen sahn,
Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
„Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn.“[27]
61
Erwidert ward darauf von meinem Horte:
„Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid,
Wir sind so fremd, wie ihr, an diesem Orte.
64
Denn kurz vorher, eh’ ihr gekommen seid,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh’ und Leid.“
67
Wie Jene nun am Athmen wahrgenommen,
Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja vor Erstaunen ängstlich und beklommen.
70
Und wie dem Boten, der den Oelzweig trägt,[28]
[210]
Die Menge folgt, vor Neubegier sich pressend,
Und Tritt und Stöße sonder Scheu erträgt,
73
So drängten jetzt, mich mit den Augen messend
Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.
76
Hervor trat Eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich.
79
O leere Schatten, die Gestalt nur schienen![29]
Dreimal hatt’ ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt’ ich zu der Brust mit ihnen.
82
Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir,
Und Jenen sah’ ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt’ ich ihm mit liebender Begier.
85
Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben:
„Verweile!“ da erkannt’ ich ihn und bat
Er möge bleiben und mir Antwort geben.
88
„Dich lieb’ ich,“ sprach er, als ich ihm genaht,
„Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil ich – doch was gehst du diesen Pfad?“
91
„„O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?““[30]
[211]
94
Und Er: „Drob ist kein Unrecht mir geschehn,
Mußt’ Er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt wann er will und wen.
97
Denn sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen;
Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
Wenn irgend wer verlangt hat, mitzureisen.
100
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Empfing er liebevoll, da ich’s begehrt.
103
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,[31]
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle.“
106
Und ich: „„Hat dir nicht jenen Liebes-Sang,
Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
Der öfters mir gestillt des Herzens Drang,
109
So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen,
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen.““
112
Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht –“[32]
Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.
115
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise[33]
Der Andern dort, und Alle so beglückt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,
118
Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.
Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:[34]
„Was, träge Geister, ist’s, das euch berückt?
121
Nachlässige, so lang’ euch aufzuhalten!
[212]
Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!“
124
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,[35]
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen,
Und keine mehr umherstolziert und girrt,
127
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jäh, mit größrer Sorg’ im Sinn,
Von ihrer Weid’ empor im Fluge brausen;
130
So lief die Schaar der Seelen jetzt dahin,
Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin;
133
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.
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PURGATORIO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio – Wikisource

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