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[36] La Divina Commedia - Purgatorio, canto III --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Läuterungsberg, 3. Gesang \\
Dritter Gesang.

I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Die Säumigen. a) Im Kirchenbann Gestorbene. Manfred.
1
Trieb jähe Flucht auch Alles, was vereinigt
Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt,[36]
4
Doch drängt’ ich’ mich dem treuen Führer an.
Wie konnt’ ich ihn auch bei der Reise missen?
Wie kam ich wohl ohn’ ihn den Berg hinan?
7
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.[37]
O würdig reine Seele, wie empört,
Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen!
[213]
10
Als seines Laufes Eil’ nun aufgehört,
Bei welcher Würd’ und Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstört,
13
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,
Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihn hochgestaltet.
16
Der Sonne Licht, das hinter mir im Brand,
Durch meines Körpers Umriß und Geberde
Verdeckt war’s, da mein Leib ihm widerstand.
19
Und bang, daß ich allein gelassen werde,[38]
Kehrt’ ich mich schleunig seitwärts, da ich sah,
Beschattet sei von mir allein die Erde.
22
„Was argwöhnst du?“ begann mein Tröster da,
Zu mir gewandt, errathend, was ich dachte,
„Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah’?
25
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,[39]
An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man von Brindisi einst ihn brachte.
28
Beschatt’ ich jetzt vor mir die Erde nicht,
So staune nicht darum – hemmt doch der Schimmer[40]
Des einen Himmels nie des andern Licht.
31
Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer,
Und sie empfinden Hitz’ und Frost und Pein;
Doch wie er’s macht, entschleiert er uns nimmer.[41]
34
Thor, wer da hofft, er dring’ in Alles ein
Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären
,
Wo Er, der Ew’ge, Einer ist in Drei’n.
[214]
37
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären;
Denn wär’s gestattet, Alles zu erschau’n,
Nicht brauchte dann Maria zu gebären.
40
Wohl Mancher durft’ auf seinen Geist vertrau’n,
Dem doch die Sehnsucht, Alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichen Grau’n.
43
Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden
Und Manchen sonst.“ – Er schwieg, die Stirn geneigt,[42]
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden.
46
Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt.
Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Daß sich kein Raum zu einem Tritte zeigt.
49
Der rauhste von den öden Felsenwegen[43]
Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen.
52
„Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt,“
Der Meister sprach’s, und hielt jetzt ein im Schreiten,
„So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?“
55
Er ließ indeß den Blick zum Boden gleiten,
Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr.
Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten,
58
Und da erschien mir linksher eine Schaar,
Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Daß kaum Bewegung zu bemerken war.
61
„„Laß,““ sprach ich, „„Meister, deinen Blick sich heben,
Die Rath ertheilen können, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben.““
[215]
64
Frei schaut’ er auf, und alle Sorgen flohn.
„Nur langsam,“ sprach er, „geht ihr Gang von statten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!“
67
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten,
Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir gethan an tausend Schritte hatten.
70
Da drängten Alle sich an’s Felsgestad’
Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad.
73
„O Auserwählte, die ihr wohl geendet,“[44]
Begann Virgil, „wie einst euch Friede letzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch Allen spendet,
76
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt
Und laßt uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeit verlieren schmerzt den, der sie schätzt.“
79
Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen,[45]
Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Köpfen stehen,
82
Bis was das erste that, nun jedes wagt,
Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt;
85
So sah ich jetzt von der beglückten Heerde
Die Vordern sich bewegen und uns nahn,
Das Antlitz züchtig, ehrbar die Geberde.
88
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn[46]
Getheilt, und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn,
91
Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen.
Die Andern wußten zwar nicht, was geschehn,
[216]
Doch Alle thaten sie sofort desgleichen.
94
„Ohn’ eure Frage will ich euch gestehn,
Noch einem Menschen ist der Körper eigen,
Von welchem ihr das Licht getheilt gesehn.
97
Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen;
Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen.“
100
Mein Hort sprach’s, und die würd’ge Schaar begann,
Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend:[47]
„Kehrt wieder um, und schreitet uns voran!“
103
Und einer drauf, zu mir die Stimm’ erhebend:
„Wer du auch seist, blick’ um, mich anzuschau’n,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend?“
106
Ich wandt’ auf ihn die Augen voll Vertrau’n[WS 2].
Blond war er, schön, von würdigen Geberden,[48]
[217]
Doch war gespalten eine seiner Brau’n.
109
Demüthig sagt’ ich, daß ich ihn auf Erden
Niemals gesehn; da aber hieß er mich
Aufmerksam auf die Wund’ am Busen werden,
112
Und lächelnd sprach er dann: Manfred bin ich!
Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh’, ich bitte dich,
115
Die unter’m Herzen jenes Paar getragen,
Das Arragonien und Sicilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man Andres sagt, zu sagen.
118
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,
Da übergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt.
121
O groß und schrecklich waren meine Fehle,
Doch groß ist Gottes Gnadenarm, und faßt,
Was sich ihm zukehrt, so, daß Keiner fehle.
124
Und wenn Cosenza’s Hirt, der sonder Rast,
Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhab’ne Wort der Schrift wohl aufgefaßt,
127
So lägen dort noch meines Leib’s Gebeine
Am Brückenkopf bei Benevent, vom Maal
Geschützt der schweren aufgehäuften Steine.
130
Nun netzt’s der Regen, dorrt’s der Sonnenstrahl,
Dort, wo er’s hinwarf, mit verlöschten Lichten,
Dem Reich entführt, entlang dem Verde-Thal.
133
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,
Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,
[218]
An ew’ger Liebe neu sich aufzurichten.
136
Wahr ist’s, daß, wer im Kirchenbann erbleicht,
Wär’ auch zuletzt in ihm die Reu’ entglommen,
Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht,
139
Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen
Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Kürzt diese Zeit nicht ab das Flehn der Frommen.
142
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,
Wenn du Constanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkündest jene Frist,
145
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen.“
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PURGATORIO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio – Wikisource

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