[24] La Divina Commedia - Inferno, canto XXIV --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 24. Gesang \\
Vierundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis.[WS 8] 7. Bulge. Diebe als Schlangen. Fuccio.
1
In jenem Theil vom jugendlichen Jahre,[299]
Wo Nacht den halben Tag nur deckt und mild
Im Wassermann erglänzen Phöbus Haare,
4
Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften
Vom Bruder Schnee ein schnell verwischtes Bild.
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7
Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
Gar nöthig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften,
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Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort,
Und weiß nicht, was zu thun vor großem Leide –
Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort,
13
Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;
Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide.
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So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei,
Daß ungewohnter Mißmuth ihn bedrücke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.
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Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,
Kehrt ihm die Huld, mit der er zu mir trat
Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke.[300]
22
Die Arme breitet’ er, nachdem er Rath[301]
Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
Und dann erfaßt’ er mich mit rascher That.
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Und wie ein Mann, der wohl auf Alles achtend,
Im Voran scharf erwägt, was er vermag,
Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend,
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Daß nahe dort ein andrer Zacken lag,
Und sprach: Anklammre dich, doch wahrgenommen
Sei durch Versuch erst, ob’s dich tragen mag.
31
Kein Kuttenträger wär’ hinaufgekommen,
Da wir, ich fortgeschoben, Er so leicht,
Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen.
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Auch hätt’ ich nimmermehr, und er vielleicht,
Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Höh’ erreicht,
37
Doch weil sich Uebelsäcken nach dem Munde[302]
Des tiefen Brunnens hin allmälig neigt,
So liegt’s von selbst im Bau von jedem Runde,
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Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.
[135] Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt.
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Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze,
Daß ich, sobald ich mich hinaufgerafft,
Mich keuchend niederließ auf einem Sitze.
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Mein Meister sprach: „Jetzt ziemt dir frische Kraft,
Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft;
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Und wer durch’s Leben ruhmlos hingezogen,[303]
Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen.
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Drum auf! wenn Mattigkeit dich hier befällt,
Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn ihn der schwere Leib nicht niederhält.
55
Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen;[304]
Nicht gnügt’s, von hier gerettet fortzuziehn;
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!“ –
58
Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien[305]
Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben,
Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn!
61
Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,[306]
Von Höckern voll und schwierig zu begehn,
Bei weitem steiler auch, als weiter oben.
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Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn.
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Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,
Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,
Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen.
70
Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: „„Meister, komm zum nächsten Strand,[307]
73
Und führe mich hinab von dieser Mauer.
Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer.““
76
„Die That“, sprach er mit freundlichem Gesicht,
„Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen
Zu thun, was der verständ’gen Bitt’ entspricht.“
79
Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,
Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,[308]
Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.
82
Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,
Und denk’ ich heut’ der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut.
85
[137] Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,
Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen;
88
Und ganz Aethiopien solche Pest nicht trägt,[309]
Noch tönt am ganzen Strand ein solch’ Gezische,
An den die Flut des rothen Meeres schlägt.
91
Und unter diesem gräulichen Gemische
Lief eine nackte, schreckensvolle Schaar,
Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische.[310]
94
Rücklings band die Händ’ ein Schlangenpaar,
Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem Knäul verschlungen war.
97
Da stürzt’ auf Einen, den ich dort entdeckte,
Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.
100
Und eh’ man Amen sagt und O und Ach,
Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.
103
Und wie die Glieder kaum in Nichts verschwammen,
So fügte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.
106
So stirbt der Phönix fünf Jahrhundert’ alt,
(Die großen Weisen sagen’s), sich bekleidend
Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,
109
Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,
Von Weihrauchthränen und von Balsam nur,
Im Sterbebett aus Nard’ und Myrrhe scheidend.[311]
112
Und gleichwie der, der ohne Lebensspur
[138]
Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr,
115
Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, entsetzt
Von großer Todesangst, die er empfunden;
118
So war der aufgestandne Sünder jetzt. –
O möge keiner Gottes Rach’ entzünden,
Der solche Streich’ in seinem Zorn versetzt!
121
Gebeten, seinen Namen zu verkünden,
Entgegnet’ er: „Ich bin seit Kurzem hier,
Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden,
124
Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Thier,
Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.[312]
Und würd’ge Höhle war Pistoja mir.“
127
Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
„„Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Mordlust brannte?““
130
Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrückt von trüber Scham:
133
„Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,
Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n,
Als daß ich oben meinen Lauf geendet.
136
Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:
Daß ich im Heiligthum zu stehlen wagte,
Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n,
139
Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –
Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n,
Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte.
142
Drum hör’, um jetzt dein Hiersein zu bereu’n:
[139] Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,[313]
Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n.[314]
145
Aus Nebeln, die auf Magra’s Thale lagen,
Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Stürme tosen dann und Blitze schlagen
148
Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,
Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,
Und alle Weißen fliehn in Angst und Graus.
151
Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken.“
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource