Theodizee-Problem (8) Candid oder Die Beste der Welten
„Auf Leibniz also zurückzukommen, kann ich der Theodizee, dieser methodischen und breiten Entfaltung des Optimismus, in solcher Eigenschaft, kein anderes Verdienst zugestehn, als dieses, daß sie später Anlaß gegeben hat zum unsterblichen ’Candid’ des großen Voltaire.“ - Arthur SchopenhauerWie Candid in einem schönen Schlosse erzogen und wie er von dort verjagt wurde
In Westfalen, im Schlosse des Barons von Thunder-ten-tronckh, lebte ein Jüngling, der von Natur sehr sanftmütig geartet war. Sein Antlitz war seiner Seele Spiegel. Er war aufrichtigen und einfachen Geistes, und eben deshalb, glaube ich, war er Candid genannt worden. Die alten Bedienten des Hauses munkelten, er sei der Sohn der Schwester des Herrn Baron und eines guten, ehrenwerten Landjunkers aus der Nachbarschaft, den das gnädige Fräulein niemals habe heiraten wollen, weil er nur einundsiebzig Ahnen nachzuweisen vermochte, während der Rest des Stammbaumes vom Zahn der Zeit abgenagt worden war.
Der Herr Baron war einer der mächtigsten Edelherren Westfalens, denn sein Schloß hatte eine Tür und Fenster. Im großen Saal hing sogar ein Gobelin. Seine Kettenhunde gaben zur Not eine Meute ab, die Stallknechte Piqueure, und der Dorfpfarrer war der Großalmosenier. Alt und jung nannte ihn Hochfreiherrliche Gnaden, und wenn er Geschichten zum besten gab, wurde gelacht.
Die Frau Baronin wog gut dreihundertfünfzig Pfund und genoß deswegen großes Ansehen, das sie durch die Würde, mit der sie die Honneurs des Hauses erwies, noch zu steigern wußte. Ihre siebzehnjährige Tochter Kunigunde war rotbäckig, frisch, rundlich und appetitlich. Der Sohn des Barons war ein würdiges Abbild seines Herrn Papa. Das Hausorakel stellte Magister Pangloß dar, und der kleine Candid nahm jede seiner weisen Lehren mit der Treuherzigkeit seines Alters und Charakters auf.
Pangloß lehrte die Metaphysiko-Kosmolo-Nigologie. Bewundernswürdig bewies er, keine Wirkung könne ohne Ursache sein, und in dieser besten aller möglichen Welten sei das Schloß des Barons das schönste der Schlösser, die gnädige Frau die beste aller möglichen Baroninnen.
„Die Dinge können nicht anders sein, als sie sind“, demonstrierte er: „denn da alles zu einem Zweck geschaffen worden ist, muß es natürlich zum besten Zweck sein. Seht eure Nasen an: sie wurden gemacht, damit ihr Brillen tragen könnt; folglich gibt es Brillen. Wie der Augenschein dartut, habt ihr Beine, um Stiefel zu tragen; deshalb gibt es Stiefel. Die Steine sind dazu da, daß man sie behaut und Schlösser daraus baut; daher haben Seine hochfreiherrliche Gnaden ein prächtiges Schloß, denn der mächtigste Edelherr des Landes muß auch am besten wohnen. Die Schweine sind da, daß man sie ißt, deshalb essen wir das ganze Jahr Speck. Aus alledem ergibt sich klar und einleuchtend: eine Dummheit sagt, wer da behauptet, alles sei gut geschaffen worden; nein, man muß sagen: alles wurde auf das beste gemacht.“
Mit beiden Ohren lauschte der junge Candid, und in seiner Einfalt glaubte er alles. Denn er fand Fräulein Kunigunde außerordentlich schön; noch nie hatte er den Mut gehabt, es ihr zu sagen. Nächst dem Glück, als Baron von Thunder-ten-tronckh geboren zu werden, so glaubte er, sei die zweite Stufe irdischer Seligkeit, Fräulein Kunigunde zu sein; die dritte, sie täglich zu sehen; und die vierte endlich, Magister Pangloß zuzuhören, dem größten Philosophen des Landes und folglich der ganzen Welt.
Als Kunigunde eines Tages in dem Wäldchen beim Schlosse, dem „Park“, lustwandelnd sich erging, sah sie hinter Buschwerk den Doktor Pangloß, wie er Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Mutter Kammerzofe anstellte, einem niedlichen, dunkelhäutigen, gar gefügigen kleinen Mädchen. Fräulein Kunigunde hatte ungemein große Anlagen für die Wissenschaften; so beobachtete sie mit atemloser Spannung die Experimente, deren Zeugin sie war; deutlich sah sie des Doktors zureichenden Grund, die Ursachen und die Wirkung; ganz außer sich und angestrengt nachdenkend schlich sie fort; die Begierde, gelehrt zu werden, erfüllte sie völlig, und da fiel ihr ein, daß sie vielleicht des jungen Candid zureichender Grund werden könne, und er der ihrige.
Vor dem Schloß traf sie Candid und errötete; Candid errötete gleichfalls. Sie begrüßte ihn mit versagender Stimme, und Candid antwortete ihr und wußte nicht, was er sagte. Am folgenden Tag trafen sie sich nach aufgehobener Tafel hinter einem Wandschirm. Kunigunde ließ ihr Taschentuch fallen, Candid hob es auf. In aller Unschuld bot sie ihm die Hand, die der Jüngling küßte, gleichfalls in aller Unschuld, jedoch lebhaft, gefühlvoll und höchst anmutig. Ihre Lippen begegneten einander, ihre Blicke entflammten sich, ihre Knie bebten, ihre Hände verirrten sich. Just ging der Herr Baron von Thunder-ten-tronckh an dem Wandschirm vorbei, und als er diese Ursachen und Wirkungen sah, jagte er Candid mit wuchtigen Tritten in den Hintern zum Schloß hinaus. Kundigunde sank in Ohnmacht; als sie sich ein wenig erholt hatte, wurde sie von der Frau Baronin geohrfeigt, und in dem schönsten und angenehmsten aller Schlösser herrschte allgemeine Bestürzung.
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VIERTES KAPITEL
Wie Candid seinen alten Lehrer der Philosophie wieder traf, den Doktor Pangloß, und was sich darauf ereignete
Candid fühlte mehr Mitleid als Abscheu; er schenkte diesem übelaussehenden Bettler die beiden Gulden, die der wackere Wiedertäufer Jakob ihm gegeben hatte. Die Lazarusgestalt sah ihn starr an, brach in Tränen aus und fiel ihm um den Hals. Entsetzt fuhr Candid zurück. „Ach!“ sagte der Elende zum andern Elenden, „kennen Sie wirklich Ihren lieben Pangloß nicht mehr?“ - „Was muß ich hören? Sie sind mein teurer Lehrer? Und in diesem furchtbaren Zustand? Was ist Ihnen geschehen? Warum sind Sie nicht mehr im schönsten der Schlösser? Was ist aus Fräulein Kunigunde geworden, der Perle unter den Mädchen, dem Meisterwerk der Natur?“ - „Ich kann nicht mehr“, stöhnte Pangloß. Candid führte ihn schleunigst in des Wiedertäufers Stall, wo er ihm ein wenig Brot gab, und als Pangloß sich erholt hatte, fragte er ihn: „Und Kunigunde?“ - „Ist tot!“ entgegnete der andere. Candid fiel in Ohnmacht. Mit ein wenig schlechtem Essig, der sich zufällig in dem Stall befand, brachte sein Freund ihn wieder zu sich. Candid schlägt die Augen auf: „Kunigunde tot? O beste der Welten, wo bist du? Aber woran starb sie? Sicher doch aus Kummer über die wuchtigen Fußtritte, mit denen ich aus ihres Herrn Vaters schönem Schloß hinausgeworfen wurde?“ - „Nein“, sagte Pangloß, „bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie so fürchterlich genotzüchtigt worden war, wie das nur möglich ist. Dem Herrn Baron, der ihr beistehen wollte, haben sie den Schädel eingeschlagen; die Frau Baronin wurde in Stücke gehauen, und meinen armen Zögling haben sie genau wie seine Schwester behandelt. Und das Schloß – kein Stein blieb über dem andern, keine Scheune, kein Hammel, keine Ente, weder Baum noch Strauch: doch wir sind vollauf gerächt worden, denn mit einer benachbarten Baronie, die einem bulgarischen Edelmann gehörte, haben es die Abaren genauso gemacht.“
Candid fiel bei dieser Erzählung noch einmal in Ohnmacht; nachdem er jedoch wieder zu sich gekommen war und alles gesagt hatte, was er sagen mußte, erkundigte er sich nach der Ursache, Wirkung und dem zureichenden Grunde, die Pangloß in einen so bejammernswerten Zustand versetzt hatten. „Ach“, entgegnete dieser, „die Liebe war’s, die Liebe, die Trösterin des Menschengeschlechts, die Erhalterin des Weltalls, die Seele aller fühlenden Wesen, die süße Liebe.“ - „Oh“, sagte Candid, „ich habe sie auch kennengelernt, diese Liebe, die Beherrscherin der Herzen, die Seele unserer Seele. Mir hat sie nichts eingetragen als einen Kuß und zwanzig Fußtritte in den Hintern. Wie aber hat diese schöne Ursache bei Ihnen solch abscheuliche Wirkung hervorbringen können?“
Pangloß antwortete folgendermaßen: „O mein lieber Candid, Sie haben doch Paquette gekannt, jenes liebliche Kammermädchen unserer erlauchten Baronin? Ich habe in ihren Armen alle Wonnen des Paradieses genossen, und die haben die Höllenqualen hervorgebracht, die mich verzehren, wie Sie sehen: sie war damit angesteckt und ist vielleicht daran gestorben. Paquette erhielt dieses Geschenk von einem hochgelahrten Franziskaner, der es sich an der Quelle geholt hatte: denn er bekam es von einer alten Gräfin, die es von einem Rittmeister empfangen hatte, welcher es einer Marquise verdankte, die es von einem Pagen besaß, dem es ein Jesuit beigebracht hatte, der es während seiner Novizenschaft in gerader Linie von einem Gefährten des Christoph Columbus bekommen hatte. Was mich betrifft: ich werde es an niemanden weitergeben können, mit mir geht’s zu Ende.“
„O Pangloß“, rief Candid, „welch absonderlicher Stammbaum! Sollte die Wurzel nicht der Teufel sein“ – „Durchaus nicht!“, erwiderte der große Mann, „es ist etwas Unentbehrliches für die beste aller Welten, ein notwendiger Bestandteil. Denn hätte Columbus sich nicht auf einer Insel Amerikas diese Krankheit zugezogen, die die Quelle der Zeugung vergiftet, ja häufig sogar diese verhindert und dem großen Zweck der Natur offenbar entgegenwirkt – wir würden weder Schokolade noch Cochenille haben. Und ferner muß man bedenken, daß diese Krankheit bis auf den heutigen Tag eine Eigentümlichkeit unseres Erdteils geblieben ist, genau wie die Religionsstreitigkeiten. Die Türken, Inder, Perser, Chinesen, Siamesen und Japaner kennen sie noch nicht, doch ist ein zureichender Grund für die Annahme vorhanden, daß auch sie in einigen Jahrhunderten sie kennenlernen werden. Inzwischen hat sie bei uns die herrlichsten Fortschritte gemacht, namentlich in den großen, aus ehrenwerten und wohlerzogenen Söldnern bestehenden Heeren, die über die Schicksale der Staaten entscheiden. Wirklich, man muß schon sagen, daß, wenn dreißigtausend Mann gegen ein gleich großes Heer eine Schlacht liefern, sich auf jeder Seite ungefähr zwanzigtausend mit dieser Seuche Behaftete befinden.“
„Das ist bewundernswert!“ rief Candid, „aber Sie müssen geheilt werden.“ - „Wie sollte das geschehen?“ fragte Pangloß, „ich besitze keinen roten Heller, lieber Freund, und auf dem ganzen Erdenrund gibt’s weder einen Aderlaß noch ein Klistier, ohne daß man bezahlt oder jemand anders zahlen läßt.“
Diese letzten Worte gaben Candid einen Gedanken ein: er warf sich sogleich seinem barmherzigen Wiedertäufer Jakob zu Füßen und gab ihm eine so rührende Schilderung von seines Freundes Zustand, daß der biedere Mann ohne Zaudern den Doktor Pangloß zu sich nahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ. Pangloß verlor während der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Er schrieb gut und verstand vortrefflich zu rechnen. Der Wiedertäufer Jakob machte ihn deshalb zu seinem Buchhalter. Als er nach Verlauf zweier Monate in Handelsgeschäften nach Lissabon reisen mußte, nahm er seine beiden Philosophen zu sich aufs Schiff. Pangloß erklärte ihm, daß alles auf der Welt vortrefflich eingerichtet sei. Jakob war nicht dieser Ansicht. „Die Menschen“, sagte er, „müssen wohl die ursprünglich vollkommene Natur ein wenig verdorben haben; sie sind nicht als Wölfe geboren, sondern sind erst zu Wölfen geworden. Gott hat ihnen weder vierundzwanzigpfündige Kanonen noch Bajonette gegeben: sie haben Bajonette und Kanonen erst erfunden, um sich gegenseitig umzubringen. Auch die Bankrotte könnte ich erwähnen und die Justiz, die sich der Vermögen der Bankrotten bemächtigt, um die Gläubiger darum zu betrügen!“ - „All dieses ist unerläßlich“, entgegnete der einäugige Doktor, „das Unglück des einzelnen begründet das Wohl der Gesamtheit, so daß es ums allgemeine Wohl desto besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.“ Während er dergestalt philosophierte, verfinsterte der Himmel sich, aus allen vier Ecken der Welt bliesen die Winde, und angesichts des Hafens von Lissabon wurde das Schiff vom füchterlichsten Unwetter überfallen.
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SECHSTES KAPITEL
Wie man zur Verhinderung der Erdbeben ein schönes Autodafé veranstaltete, und wie Candid ausgepeitscht wurde
Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört hatte, wußten die Weisen des Landes kein wirksameres Mittel gegen den völligen Untergang der Stadt zu finden, als dem Volke den Anblick eines schönen Autodafé zu gewähren. Die Universität Coimbra hatte das entscheidende Wort gesprochen, daß das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannter Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu hindern.
Man hatte infolgedessen einen Biskayer aufgegriffen, der der Ehe mit einer Gevatterin überführt worden war, und zwei Portugiesen, die beim Verzehren eines Huhnes den Speck fortgeworfen hatten: und nach Tisch fesselte man den Doktor Pangloß und seinen Schüler Candid, den einen, weil er gesprochen, den andern, weil er mit beistimmender Miene zugehört hatte; beide wurden getrennt in zwei außerordentlich kühle Gemächer gebracht, in denen einen die Sonne niemals belästigt. Acht Tage später wurden sie beide mit einem Sanbenito bekleidet, ihre Häupter schmückte man mit Papiermitren. Candids Mitra und Sanbenito waren mit umgekehrten Flammen und mit Teufeln ohne Schwanz und Klauen bemalt; Pangloß’ Teufel jedoch hatten Klauen und Schwänze, und die Flammen standen aufrecht. So gekleidet schritten sie in einer Prozession einher und mußten eine sehr pathetische Predigt anhören, der eine schöne Trauermusik folgte. Candid wurde während des Gesanges mit Ruten gepeitscht; der Biskayer und jene beiden, die durchaus keinen Speck hatten essen wollen, wurden verbrannt, und Pangloß hängte man, obschon das sonst nicht Brauch war. Selbigen Tages bebte die Erde noch einmal unter fürchterlichem Getöse.
Entsetzt, bestürzt, seiner Sinne nicht mächtig, über und über blutend und zitternd, sagte Candid sich: „Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die andern sein? Wäre ich wenigstens nur geprügelt worden, denn das kannte ich ja schon von den Bulgaren her! Doch du, o teurer Pangloß, größter aller Philosophen, mußte ich es erleben, wie man dich hängte, ohne zu wissen warum? Und du, geliebter Wiedertäufer, bester der Menschen, mußtest du angesichts des Hafens ersäuft werden? Und – o Fräulein Kunigunde, Sie Perle der Mädchen, mußte man Ihnen den Bauch aufschlitzen?“
Kaum konnte er sich auf den Füßen halten und wandte sich um, ermahnt, gepeitscht, losgesprochen und gesegnet, als ein altes Weib ihn anstieß und ihm zuflüsterte: „Fasse Mut, mein Sohn, und folge mir.“
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ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Was Candid, Kunigunde, Pangloß, Martin und die anderen erlebten
„Ich bitte Sie nochmals um Verzeihung, ehrwürdiger Vater“, sagte Candid zum Baron, „daß ich Ihnen einen so gewaltigen Degenstich durch den Leib gegeben habe.“ - „Sprechen wir nicht davon“, sagte der Baron; „ich gebe zu, daß ich ein wenig hitzig war; allein, da Sie zu wissen begehren, durch welchen Zufall Sie mich als Galeerensträfling gesehen haben, muß ich Ihnen sagen, daß ich, nachdem der Bruder Apotheker des Kollegiums mich von meiner Blessur geheilt hatte, von einem Trupp Spanier aufgegriffen und gefangengenommen wurde; ich wurde ins Gefängnis zu Buenos Aires gesteckt, um die Zeit, da meine Schwester dort abreiste. Ich erbat die Erlaubnis, nach Rom zum Pater General zurückzukehren. Ich wurde als Almosenier des französischen Gesandten nach Konstantinopel geschickt. Erst acht Tage war ich im Amt, als ich eines Abends einem wunderschönen Itschoglan begegnete. Es war sehr warm; der junge Mann wollte baden; ich nahm die Gelegenheit wahr, auch zu baden. Ich wußte nicht, daß es für einen Christen ein Kapitelverbrechen ist, wenn er splitternackt bei einem jungen Muselmanen gefunden wird. Ein Kadi ließ mir hundert Stockschläge auf die Fußsohlen verabreichen und verurteilte mich zur Galeere. Ich glaube nicht, daß jemals eine größere Ungerechtigkeit begangen worden ist. Aber ich möchte gern wissen, weshalb meine Schwester Küchenmagd eines zu den Türken geflohenen Herrschers von Siebenbürgen ist.“
„Und Sie, mein teurer Pangloß, wie kommt es, daß ich Sie wiedersehe?“ - „Es stimmt“, sagte Pangloß, „Sie haben gesehen, wie ich aufgehängt wurde; natürlicherweise hätte ich verbrannt werden müssen; allein, Sie erinnern sich wohl, daß es in Strömen zu regnen anfing, als ich gebraten werden sollte: das Unwetter war so fürchterlich, daß das Feuer unter keinen Umständen brennen wollte; es ging nicht anders, ich wurde gehängt; ein Chirurg kaufte meine Leiche, beförderte sie in sein Haus und sezierte sie. Zuerst machte er mir einen Kreuzschnitt vom Nabel bis zum Schlüsselbein. Schlechter als ich konnte man nicht gehängt werden. Der Vollstrecker der hohen Beschlüsse der heiligen Inquisition, ein Subdiakonus, verbrannte die Leute wirklich wundervoll, aber das Hängen war er nicht gewöhnt: der Strick war naß und rutschte schlecht, er verknotete sich; kurz und gut, ich atmete noch: bei dem Kreuzschnitt stieß ich einen so lauten Schrei aus, daß mein Chirurg rücklings umfiel, und da er glaubte, er seziere den Teufel, rannte er, zu Tode erschrocken, davon und fiel auf der Flucht noch die Treppe hinab. Bei dem Lärm lief seine Frau aus dem Nachbarzimmer herbei; sie sah mich mit meinem Kreuzschnitt längelang auf dem Tische liegen; sie bekam es noch mehr mit der Angst als ihr Mann, rannte ebenfalls fort und stolperte über ihn. Als sie sich wieder ein bißchen erholt hatten, hörte ich die Chirurgin zum Chirurgen sagen: ‚Mein Guter, wie konntest du auch nur auf den Einfall kommen, einen Ketzer zu sezieren? Weißt du denn nicht, daß diese Leute immer den Teufel im Leib haben? Ich will schnell einen Priester holen, damit er ihn wegbannt.‘ Bei diesen Worten erzitterte ich, raffte den schwachen Rest meiner Kräfte zusammen und rief: ‚Habt Mitleid!‘ Endlich faßte der portugiesische Barbier sich ein Herz; er nähte meine Haut wieder zusammen, seine Frau pflegte mich sogar, und nach vierzehn Tagen war ich wieder auf den Beinen. Der Barbier machte eine Stellung für mich ausfindig, und ich wurde Lakai eines Malteserritters, der nach Venedig reiste; aber da mein Herr mir keinen Lohn zahlen konnte, trat ich in den Dienst eines venezianischen Kaufmanns und folgte diesem nach Konstantinopel.
Eines Tages bekam ich Lust, in eine Moschee zu gehen; niemand war darin als ein alter Imam und eine junge, wunderhübsche Andächtige, die ihre Paternoster murmelte: sie trug zwischen ihren Brüsten einen Strauß von Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Aurikeln; sie ließ ihren Strauß fallen; ich hob ihn auf und steckte ihn ihr mit höchst achtungsvollem Eifer wieder an. Ich steckte ihn so lange an, daß der Imam wütend wurde, und als er sah, dass ich Christ war, rief er um Hilfe. Ich wurde zum Kadi gebracht, der mir hundert Rutenstreiche auf die Fußsohlen geben ließ und mich auf die Galeere schickte. Ich wurde auf just derselben Galeere und just derselben Bank angekettet wie der Herr Baron. Auf jener Galeere waren fünf Marseiller, fünf Priester aus Neapel und zwei Mönche aus Korfu, die uns sagten, dergleichen Dinge kämen tagtäglich vor. Der Herr Baron behauptete, er habe größere Unbill erlitten als ich; ich meinerseits behauptete, es sei weit eher erlaubt, einen Strauß zwischen die Brüste einer Frau zu stecken, als splitternackt bei einem Sultanspagen zu sein. Wir disputierten unaufhörlich und bekamen täglich zwanzig Hiebe mit dem Ochsenziemer, bis die Verkettung der Ereignisse dieser Welt Sie auf unsere Galeere leitete und Sie uns dann loskauften.“
„Nun, mein teurer Pangloß“, fragte ihn Candid, „als Sie gehängt, seziert, geprügelt wurden und dann auf der Galeere rudern mußten, haben Sie da noch immer geglaubt, alles in der Welt sei aufs beste eingerichtet?“ - „Ich habe stets an meiner ersten Meinung festgehalten“, antwortete Pangloß, „denn schließlich bin ich Philosoph, und als solcher darf ich nichts widerrufen, und die prästabilierte Harmonie ist doch das Schönste, was es gibt, so gut wie der Weltprozeß und die Urmonaden.“
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Aus: Voltaire, Candid oder Die beste der Welten. Deutsche Übertragung und Nachwort von Ernst Sander, Reclam, Stuttgart 2020