[37] La Divina Commedia - Purgatorio, canto IV e V --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Läuterungsberg, 4. & 5. Gesang \\
Vierter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige b), welche ihre Buße bis zum Sterbelager aufschoben. Belacqua.
1
Wenn etwas, was uns wohlthut oder kränkt,[49]
Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel’ in diese ganz versenkt,
4
Dann scheint’s, als ob sie keiner andern achte;
Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte.
7
Indem wir etwas hören oder sehn,
Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wir’s glauben und es uns versehn.
10
Denn anders ist die Kraft, womit empfunden
Wird, anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die letzte; erst’re scheint gebunden.
13
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft.
[219]
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft,
16
War funfzig Grad die Sonn’ emporgestiegen,[50]
Eh’ ich’s bemerkt – da ward ein Ruf mir kund
Von den gesammten Seelen: „Seht die Stiegen!“
19
Die Oeffnung, die mit einem Dorngebund,[51]
Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen,
Ist weiter oft, als hier der Felsenschlund,
22
Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen.
Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die Andern uns verließen.
25
Empor zu Bismantova und bergein[52]
Bei Noli kann man auf den Füßen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein;
28
Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen,
Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab, und Hoffnung zum Gelingen.
31
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,
Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen
Und Füßen unter uns am Boden Halt.
34
Nachdem wir aus den rauhen schroffen Wänden
Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt’ ich: „„Meister, sprich, wohin uns wenden?““
37
Und Er: „Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad!
Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kund’ger Führer naht!“
40
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;
Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen.[53]
[220]
43
Ich war bereits ermattet und begann:
„„O süßer Vater, ich erlieg’ der Reise!
Verweile, weil ich so nicht folgen kann!““
46
„Bis dorthin schleppe dich!“ So sprach der Weise,
Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort,[54]
Von dem es schien, daß er den Berg umkreise.
49
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,
Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort.
52
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,
Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen.
55
Die Augen kehrt’ ich erst zum tiefen Strand;[55]
Dann, als ich sie zur Sonn’ emporgeschlagen,
Die jetzt zur Linken, Gluten sprühend, stand,
58
Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen
Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahin zu jagen,
61
Und sprach: „Wenn jenem Spiegel ew’ger Macht
Castor und Pollux jetzt Begleiter wären,
[221]
Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht,
64
So würd’ er, kreisend näher bei den Bären,
Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklären.
67
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,
Daß dieser Berg mit Zions heil’gen Höhen
Begränzt von einem Horizonte wird,
70
Doch Beid’ auf andern Hemisphären stehen;
Die Bahn, die Phaëton, der Thor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen,
73
Indeß sie dorten sich zur rechten weist –
So hoff’ ich denn, daß du zur klaren Kenntniß,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist.“
76
„„Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständniß,
Als hier““ begann ich, „„wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntniß.
79
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,
Den man Aequator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn’ und Wintereis,
82
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red’ erkannte,
Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte.
85
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?[56]
Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan.““
88
Und Er: „Wer ihn zu steigen unternommen,
Trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß,
[222]
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen.
91
Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß,
Erscheint dir’s dann so leicht empor zu steigen,
Als ging’s im Kahn hinab den schnellen Fluß;
94
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,
Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruhn.
Dies ist gewiß, vom Andern muß ich schweigen.“
97
Er sprach’s und eine Stimm’ ertönte nun
Ganz nah’ bei uns: „Eh’ ihr so weit gegangen
Wird euch vielleicht zu sitzen nöthig thun.“
100
Wir sahn dorthin, woher die Wort’ erklangen,
Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen.
103
Hin schritten wir und fanden Leute da
Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Trägheit sah.
106
Und Einer, wie im gänzlichen Ermatten,[57]
Saß dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunk’ne Haupt inmitten hatten.
109
„„Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh,““
Begann ich, „„sieh nur hin, mein süßer Leiter,
Denn sicher sahst du einen Trägern nie.““
112
Da kehrt’ er sich zu mir und dem Begleiter,
Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht,
Und sprach: „Bist du so stark, so geh’ nur weiter.“
115
Und da erkannt’ ich ihn und säumte nicht,
Noch athemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht
118
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.
„Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort,“
Begann er nun, „hast du wohl Acht gegeben?“
[223]
121
Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort
Und bei den faulen langsamen Geberden;
Worauf ich sprach: „„Belacqua, dieser Ort
124
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.
Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier?
Wie? oder treibst du’s hier noch wie auf Erden?““
127
Und Er: „Was, Bruder, hilft das Steigen hier?
Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr.
130
Hier außen muß um mich der Himmel rollen,[58]
So oft als er im Leben that, da spät
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,
133
Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet,
Das sich aus gläub’ger Brust emporgerungen.
Was hülf’ ein andres, da es Gott verschmäht?“
136
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,
Und rief: „Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen,
139
Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht.“[59]
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Fünfter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige. c), welche die Buße bis zu einem plötzlichen Tode aufsparten. (Ermordete, die noch im letzten Moment Gottes Gnade suchten, aber die Absolution nicht mehr empfingen.) Cassero. Buonconte.
1
Schon hatt’ ich, auf der Spur des Führers steigend,
Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als Ein’, auf mich mit ihrem Finger zeigend,
4
Mir nachrief: „Seht den Untern linker Hand
Die Sonne theilen und den Grund beschatten,[60]
[224]
Und thun, als lebt er noch in jenem Land.“
7
Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten,
Kehrt’ ich mich ihnen zu, und Jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten.
10
Da sprach Virgil: „Was zieht dich also an,[61]
Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben?
Und jenes Flüstern, was hat dir’s gethan?
13
Was man auch spreche, folge mir nach oben!
Steh’ wie ein fester Thurm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben.
16
Das Ziel entweicht, dem man sich nah’ geglaubt,
Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt.“
19
„„Ich komme schon!““ was konnt’ ich anders sagen,
Da mich mein Fehler zum Erröthen zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen?
22
Indessen sahn wir quer am Bergeshang
Nah’ vor uns eine Schaar von Seelen kommen,
Die Vers für Vers ihr Miserere sang.
25
Wie sie an meinem Leib nun wahrgenommen,
Daß er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum O! lang und beklommen.
28
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer Zwei,
Uns beide zu befragen, wer wir wären,
In vollem Laufe bis zu uns herbei.
31
Da rief Virgil: „Ihr könnt zurückekehren,
Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches mögt ihr Jenen dort erklären.
34
Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein
Um seinen Schatten anzuseh’n, verweilen,
[225]
So wissen sie genug, um froh zu sein.“[62]
37
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuer-Pfeilen,[63]
Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt,
Durch’s heitere Gewölb’ des Himmels eilen;
40
So kehrten sie empor, um dann geschwind
Sich mit den Andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schaar, die ohne Zaum entrinnt.
43
„Sieh, dichtgedränget jetzt, dich anzuflehen
Gar Viele kommen, sprach mein Meister drauf,
Doch geh nur immer fort, und horch’ im Gehen.“
46
„O du, der du zum Heil den Berg herauf[64]
Die Glieder trägst, die immer dich umfingen,“
So riefen sie, „hemm’ etwas deinen Lauf.
49
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,
Uns an – erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? was eilst du, vorzudringen?[65]
52
Getödtet sind wir alle durch Gewalt;
Der Sünd’ uns bis zur letzten Stunde weihend,
Und erst im Tod von Himmelsglanz umwallt,
55
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,
Und fühlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschau’n Sehnsucht uns verleihend.“
58
Und ich: „„Zwar kenn’ ich Keinen von Gesicht,
Doch fordert nur, ihr, die zum Heil geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr’ ich nicht.
61
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,
Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren.““
64
Darauf begann der Eine: „Hindert nur
Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur.
[226]
67
Und solltest du, ein Lebender, die Auen
Der Mark Ankona jemals wiedersehn,[66]
So will ich fest auf deine Güte bauen.
70
Laß die von Fano gläubig für mich flehn,
Daß mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn.
73
Von dort war ich – allein die tiefen Spalten,
Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß,
Hab’ ich in Paduas Bezirk erhalten,
76
Deß Schooß mich, den Vertrauenden, umschloß.
Zum Mord hatt’ Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall’, als recht, auf mich ergoß.
79
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,[67]
Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,[68]
So würd’ ich dort noch, wo man athmet, leben.
82
Ich lief zum Sumpf und dort in Schlamm und Rohr
Verstrickt’ ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blut’gen Moor.“
85
Ein Andrer: „Wie dein Wunsch befriedigt werde,
Deß Fittig hin zum Bergesgipfel fleugt,
So kürz’ auch mir mitleidig die Beschwerde.
88
In Montefeltro hat mich Guid’ erzeugt;
Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte,
Nicht ging ich mehr mit diesem hier gebeugt.“
91
„„Welche Gewaltthat, welch’ Verhängniß führte,““
So sprach ich, „„dich so weit vom Campaldin,
[227]
Daß Niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte?““
94
„O,“ sprach er drauf, „am Fuß des Casentin
Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen[69]
Beim Kloster oberhalb im Apennin.
97
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,
Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen,
100
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,
Um mit Maria’s Namen wohl zu enden,
Und fiel und ließ die leere Hülle dort.
103
Da fühlt’ ich mich in eines Engels Händen,[70]
Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
„Wie, du vom Himmel willst mir den entwenden?
106
Wahr ist’s, was ewig ist, erbeutest du
Nur durch ein Thränlein, das ihn mir entzogen;[71]
Doch gönn’ ich nun dem Andern keine Ruh’.“
109
Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgesogen[72]
Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann
Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen.
112
Zum Willen nun, der stets nur Böses sann,[73]
Fügt’ er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann.
115
Als drauf der Tag erloschen war, belegte
Er Pratomagno’s Thal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte.
118
Zu Fluten wurde nun die schwang’re Luft,
Zum Strombett rann, was von den Regengüssen
[228]
Der Grund nicht trank, hervor aus Thal und Kluft.
121
Der Archian, gleich andern großen Flüssen,
Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf,[74]
Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen.
124
Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf
Von seiner Mündung, jene Flut gefunden,
Da löste sie das Kreuz am Busen auf,[75]
127
Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden,
Und wirbelte zum Strom die träge Last.
Dort liegt sie nun im Grund, vom Schlamm umwunden.“
130
Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt,
Sprach er: „Wenn du, zur Welt zurückgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast,
133
So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.[76]
Siena gebar, Maremma tilgte mich.
Und Er, von dem ich einst den Ring bekommen,
136
Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich.
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PURGATORIO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio – Wikisource