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[31] La Divina Commedia - Inferno, canto XXXI --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 31. Gesang \\
Einunddreißigster Gesang.
Zum IX. Kreis. Der Brunnen. Die Giganten. Antäus setzt sie auf den Grund.
1
Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte[405]
Und beide Wangen überzog mit Roth,
War’s, die mich dann mit Arzeneien letzte.
4
So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht,
Und seines Vaters, der mit einem Zücken
Verletzt’ und mit dem andern Hülfe bot.
7
Wir kehrten nun dem Jammerthal den Rücken,[406]
Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
[175] Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken.
10
Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,
Daher die Blicke wenig vorwärts gingen;
Doch tönt’ ein Horn. Der stärkste Donner mag
13
Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen,
Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.
16
Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Straus,[407]
Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.
19
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt’ ich, viel hohe Thürme zu ersehn,
Und sprach: „„Ist eine Veste dort errichtet?““
22
Mein Meister drauf: „Weil du zu weit zu spähn[408]
Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
Mußt du dich selber öfters hintergehn.
25
Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen
Aus der Entfernung das Geschaute schwoll;
Drum schreite vorwärts ohne lang zu säumen.“
28
Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll,
Und sprach: „Ich will dir die Bewandtniß sagen,
Weil’s nah dann minder seltsam scheinen soll.
31
Ob’s Thürme wären, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen.“
34
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
In Dunst gehüllt, allmälig unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand;
37
So, spähend durch die Luft, die trübe dicke,
Scheucht’ ich den Wahn, genaht dem tiefen Schlund,
Doch fühlte, daß mich neu die Furcht bestricke.
[176]
40
Gleichwie Montereggione’s Zinnen-Rund[409]
Zahlreiche Thürme ringsum mächtig krönen:
Thürmten sich, halb aufragend aus dem Grund,
43
Die Leiber von den wilden Erdensöhnen,
Von den Giganten, denen Jovis Droh’n
Noch immer gilt, wenn seine Donner dröhnen.
46
Vom nächsten sah das Angesicht ich schon,
Auch Schultern, Brust und großen Theil vom Bauche
Und hängend beide Arm’ abwärts davon.
49
Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so thut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.
52
Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
Der Elephanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urtheilt, sie hierin gerecht,
55
Weil, wenn die Ueberlegung sich verbindet
Mit bösem Willen und mit großer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.
58
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Sanct Peters Pinienzapfen zu vergleichen,[410]
[177] Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht.
61
Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,[411]
64
Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt,
Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.
67
„Raphel mai amech zabi almen!“[412]
So tönt’ es aus den dicken Lippen vor,
Die nicht sich eigneten für sanftre Psalmen.
70
Mein Führer rief: „Nimm doch dein Horn, du Thor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl’ ihn flugs durch seinen Bauch hervor.
73
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Verwirrter Geist, der’s angebunden hält.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!“
76
Darauf zu mir: „Sich selbst verklagt der Held;
Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach’ übt in der Welt.
79
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort,
Und er kann keines Andern Wort verstehen.“
82
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten größern, wildern Riesen dort.
85
Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im Streite
Ihn fing und band; doch vorn geschnürt erschien
Sein linker Arm und hinterwärts der zweite!
88
Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn,
[178]
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fünfmale zu umziehn.
91
Da sprach mein Meister: „Mit dem Donn’rer wagte
Sein kühner Stolz des großen Kampfes Loos.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.
94
Ephialtes ist’s. Sein Thun war kühn und groß[413]
Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
Nun ist sein droh’nder Arm bewegungslos.“
97
Und ich zu ihm: „„Den ungeheuren Recken,
Den Briareus, wenn dies geschehen kann,[414]
Möcht’ ich wohl gern in diesem Thal entdecken.““
100
Mein Führer drauf: „Du siehst hier neben an[415]
Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden,
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.
103
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden.“
106
Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun!
Kein Erdenstoß, von dem die Thürme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Grau’n.
109
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß,
So gnügten mich zu tödten die Gedanken.
112
Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,
Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen
Fünf Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß.
115
„Der du im Thal, das ew’gen Ruhm gewonnen,
[179] Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
Mit seiner Schaar vor Scipio’s Muth entronnen,
118
Einst tausend Löwen fingst! – wenn du, vereint
Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint,
121
Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kälte den Cocyt bezwungen.
124
Zu Tityus noch Typhäus schick’ uns nicht,[416]
Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Verzerre drum nicht also dein Gesicht!
127
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben.“
130
Er sprach’s, und Jener, schnell zum Griff bereit,
Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fühlt’ im großen Streit.
133
Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren,[417]
Rief: „Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!“
Drauf macht’ er’s, daß wir Zwei ein Bündel waren.
136
Wie Carisend’, von unten her erblickt,[418]
[180]
Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr der Wind entgegenschickt:
139
So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,
Als er sich niederbog, und großen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.
142
Doch leicht zum Grund, der Lucifern verschlang
Und Judas, setzt’ er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt’ er dort nicht lang,
145
Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.[419]
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource

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