Der selige Heimgang Marias.
Maria befindet sich in ihrem einsamen Zimmerchen oben auf der Terrasse. Sie ist ganz in weißes Linnen gekleidet. Sowohl das Kleid, als auch der Mantel, der am Hals geschlossen ist und über den Rücken herabfällt, und der feine Schleier, der das Haupt bedeckt – alles ist weiß. Sie ist dabei, ihre Kleider und die Gewänder Jesu, die sie immer aufbewahrt hat, zu ordnen. Sie sucht die besseren heraus. Es sind nicht viele. Von ihren Kleidern nimmt sie das Kleid und den Mantel, die sie auf dem Kalvarienberg getragen hat; von den Gewändern ihres Sohnes das Leinenkleid, das Jesus an Sommertagen getragen hat, und den im Getsemani wiedergefundenen Mantel, an dem noch die Spuren des Blutschweißes dieser furchtbaren Stunden zu sehen sind.
Nachdem sie diese Kleidungsstücke schön gefaltet und den blutigen Mantel ihres Jesus geküsst hat, begibt sie sich zu der Truhe, in der nun schon seit Jahren alle Reliquien des letzten Abendmahls und der Passion gesammelt und aufbewahrt sind. Sie tut alle diese Dinge in das obere Fach und legt die Kleider in das untere.
Johannes, der ganz leise auf die Terrasse heraufgekommen ist, schaut durch die Tür, was Maria tut. Vielleicht hat er sich Gedanken gemacht über ihre lange Abwesenheit von der Küche, die sie wohl verlassen hat, um die Morgenstunden oben zu verbringen. Sie will gerade die Truhe schließen und dreht sich mit einem Ruck um, als er fragt: »Was tust du, Mutter?«
»Ich habe alles zurechtgelegt, was wert ist, aufbewahrt zu werden. Alle Andenken . . . Alles, was Zeugnis ablegt von seiner unendlichen Liebe und seinem unendlichen Schmerz.«
»Warum, Mutter, willst du die Wunden deines Herzens wieder aufreißen durch den Anblick dieser traurigen Dinge? Du bist bleich, und deine Hand zittert . . . Du leidest also, wenn du sie betrachtest«, sagt Johannes und geht auf sie zu, fast als fürchte er, dass die so bleiche, zitternde Maria sich unwohl fühlen und ohnmächtig werden könnte.
»O nein, nicht deshalb bin ich bleich und zittere. Es ist nicht, weil die Wunden wieder aufbrechen . . . Sie haben sich in Wirklichkeit nie geschlossen, nie völlig geschlossen. Friede und Freude sind in mir, und noch nie zuvor waren sie so groß.«
»Nie zuvor? Ich verstehe nicht . . . In mir erweckt der Anblick dieser Dinge nur die furchtbare Erinnerung an die Qual dieser Stunden. Und ich bin nur einer seiner Jünger. Du aber bist die Mutter . . . «
»Und als solche müsste ich noch mehr leiden, willst du sagen. Und aus menschlicher Sicht hast du recht. Aber es ist nicht so. Ich bin es gewohnt, den Schmerz der Trennung von ihm zu ertragen. Auch das ist ein Schmerz, denn seine Gegenwart und Nähe waren mein Paradies auf Erden. Doch ich habe alles gerne und ruhigen Herzens ertragen, denn alles, was er tat, war der Wille des Vaters und war Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, und ich habe es angenommen, da auch ich immer dem Willen Gottes und seinen Plänen mit mir gehorsam gewesen bin. Als Jesus mich verließ, habe ich gelitten. Gewiss, denn ich fühlte mich verlassen. Als er mich, noch ein Knabe, unbemerkt verlassen hatte, um mit den Gelehrten im Tempel zu disputieren, nur Gott weiß, was ich da gelitten habe. Trotzdem stellte ich ihm nur die für eine Mutter gerechtfertigte Frage, warum er mich so verlassen hatte, und sagte nichts weiter. Und ich habe ihn auch nicht zurückgehalten, als er mich verließ, um der Meister zu werden . . . und doch war ich schon Witwe und allein in einer Stadt, die mich, mit Ausnahme weniger, nicht liebte. Und ich war über seine Antwort bei der Hochzeit zu Kana nicht erstaunt. Er hat ja nur den Willen seines Vaters getan. Und ich ließ ihm die Freiheit, ihn zu tun. Ich konnte vielleicht einen Rat erteilen oder ein Gebet sprechen. Einen Rat hinsichtlich der Jünger, ein Gebet für irgendeinen Unglücklichen. Doch mehr als das nicht. Ich litt, als er mich verließ, um in die Welt zu gehen, die ihm feind und so sündig war, dass das Leben in ihr für ihn zur Qual wurde. Aber welche Freude habe ich jedesmal empfunden, wenn er zu mir zurückkehrte! Wahrlich, sie war so groß, dass sie mir siebzigmal siebenmal den Schmerz der 6116 Trennung vergalt. Herzzerreißend war der Schmerz der Trennung bei seinem Tod, aber mit welchen Worten soll ich dir die Freude beschreiben, die ich empfand, als er mir nach seiner Auferstehung erschien? Unendlich groß war der Schmerz der Trennung nach seiner Rückkehr zum Vater, und ich wusste, dass er erst enden würde, wenn ich selbst dieses irdische Leben beendet habe. Nun erfüllt mich Freude, eine Freude, die so groß ist, wie der Schmerz es war, denn ich fühle, dass mein Leben beendet ist. Ich habe getan, was ich tun musste. Ich habe meine irdische Mission abgeschlossen. Die andere, die himmlische, wird kein Ende haben. Gott hat mich auf Erden gelassen, bis auch ich, wie mein Jesus, alles vollbracht habe, was ich vollbringen musste. Und ich fühle in mir die geheime Freude, den einzigen Balsamtropfen in dem letzten, über alle Maßen bitteren Leiden Jesu, die auch er fühlte, als er sagen konnte: „Es ist vollbracht.“«
»Freude bei Jesus? In jener Stunde?«
»Ja, Johannes. Eine den Menschen nicht verständliche Freude. Aber verständlich für die Seelen, die schon im Licht Gottes leben und in der Gnade dieses Lichtes die tieferen Dinge erkennen, die verborgen sind unter dem Schleier, mit dem der Ewige die Geheimnisse des Königs verhüllt. Angsterfüllt und erschüttert durch diese Ereignisse, eins mit ihm, meinem Sohn, auch in der Verlassenheit vom Vater, verstand ich damals nicht. Das Licht war für die ganze Welt erloschen in jener Stunde, für die ganze Welt, die ihn nicht hatte aufnehmen wollen. Und auch für mich; nicht im Sinne einer gerechten Strafe, sondern weil ich die Miterlöserin sein musste, musste auch ich die Qual erdulden, allen göttlichen Trostes zu entbehren, die Qual der Finsternis, der Trostlosigkeit, der Versuchung durch Satan, der mich überzeugen wollte, dass alles, was Jesus gesagt hatte, nicht möglich sei. Alles, was er von Donnerstag bis Freitag seelisch durchlitt, musste also auch ich erleiden. Aber dann verstand ich. Als das für immer auferstandene Licht mir erschien, verstand ich. Alles. Auch die geheime und höchste Freude Christi, als er sagen konnte: „Alles habe ich vollbracht, wie es der Vater wollte. Ich habe das Maß der göttlichen Liebe vollgemacht, da ich den Vater bis zum Opfer meiner selbst geliebt habe, da ich die Menschen bis in den Tod geliebt habe. Alles habe ich vollbracht, was ich zu tun hatte. Nun sterbe ich glücklich im Geist, obwohl gemartert in meinem unschuldigen Fleisch.“ Auch ich habe alles vollbracht, was mir von Ewigkeit zu vollbringen bestimmt war, von der Empfängnis des Erlösers bis zur Hilfe für euch, seine Priester, damit ihr vollkommene Priester werdet. Die Kirche hat sich nun gebildet und ist stark. Der Heilige Geist erleuchtet sie, das Blut der ersten Märtyrer festigt sie und lässt sie wachsen, und meine Mithilfe hat dazu beigetragen, sie zu einem heiligen Organismus zu machen, den die Liebe zu Gott und dem Nächsten nährt und immer mehr stärkt und in dem der Hass, die Rachsucht und der Neid, die Lästerung, die schlechten Gewächse Satans nicht gedeihen. Gott ist mit ihr zufrieden und will, dass ihr es von meinen Lippen vernehmt, wie er auch will, dass ich euch sage, dass ihr fortfahren sollt, in der Liebe zu wachsen, um so an Vollkommenheit zuzunehmen, die Zahl der Christen zu mehren und die Kraft der Lehre zu stärken. Denn die Lehre Christi ist die Lehre der Liebe. Und die Liebe war immer Leitstern und Beweggrund des Lebens Jesu, wie auch meines Lebens. Wir haben niemanden abgewiesen und allen verziehen. Einem einzigen konnten wir keine Verzeihung gewähren, da er als Diener des Hasses sich unserer grenzenlosen Liebe verweigerte. Jesus hat euch bei seinem Abschied vor dem Tod das Gebot gegeben, einander zu lieben. Und er hat euch auch das Maß der Liebe genannt, das ihr anwenden sollt, als er zu euch sagte: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe. Daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“ Die Kirche braucht die Liebe, um zu leben und zu wachsen. Vor allem die Liebe ihrer Diener. Wenn ihr einander nicht mit allen Kräften liebt und ebenso eure Brüder im Herrn, wird die Kirche unfruchtbar werden. Und nur mit Mühe und bei wenigen würde euch die Neuerschaffung, die Wiedererhebung der Menschen in ihren Rang als Kinder Gottes und Miterben des Himmels gelingen, denn Gott würde euch bei eurer Aufgabe nicht mehr helfen. Gott ist die Liebe. Alle seine Werke sind Werke der Liebe. Von der Erschaffung der Welt bis zur Menschwerdung. Von der Menschwerdung bis zur Erlösung. Von dieser bis zur Gründung der Kirche. Und endlich von dieser bis zum himmlischen Jerusalem, das alle Gerechten versammeln wird, damit sie im Herrn jubeln. Ich sage all dies zu dir, weil du der Apostel der Liebe bist und es besser als alle anderen verstehen kannst . . . «
Johannes unterbricht sie und sagt: »Auch die anderen lieben, lieben sich gegenseitig.«
»Ja. Aber du bist der vollkommen Liebende. Jeder von euch hatte immer eine für ihn charakteristische Eigenschaft, wie im übrigen jedes Geschöpf. Du warst unter den Zwölfen immer die Liebe, die reine und übernatürliche Liebe. Vielleicht, oder vielmehr gewiss bist du so voll Liebe, weil du so rein bist. Petrus dagegen war immer der Mann, der freimütige und draufgängerische Mann. Sein Bruder Andreas war schweigsam und schüchtern, ganz das Gegenteil von ihm. Jakobus, dein Bruder, war so impulsiv, dass Jesus ihn den Donnersohn nannte. Der andere Jakobus, der Bruder Jesu, war der Gerechte und Heldenhafte. Judas des Alphäus, sein Bruder, war der immer Vornehme und Getreue. Die Abstammung von David war bei ihm offensichtlich. Philippus und Bartholomäus waren die Traditionalisten. Simon der Zelote war der Kluge. Thomas der Friedfertige. Matthäus war der Demütige, der eingedenk seiner Vergangenheit bemüht war, unbemerkt zu bleiben. Und Judas Iskariot, leider das schwarze Schaf in der Herde Christi, die Schlange, die sich in Jesu Liebe sonnte, war immer der satanische Lügner. Aber du, der du ganz Liebe bist, kannst besser verstehen und dich zur Stimme der Liebe machen für all die anderen, die jetzt ferne sind, und ihnen meinen letzten Rat übermitteln. Du wirst ihnen sagen, dass sie einander und alle lieben sollen, auch ihre Verfolger, um eins zu sein mit Gott wie ich es war und so verdient habe, die auserwählte Braut der ewigen Liebe zu werden und Christus zu empfangen. Ich habe mich gänzlich Gott hingegeben, obwohl ich sofort verstanden hatte, wieviel Schmerz mir daraus erwachsen würde. Die Worte der Propheten standen vor meinem geistigen Auge und das göttliche Licht ließ sie mich in aller Klarheit erkennen. Daher wusste ich von meinem ersten „Fiat“ an, das ich zum Engel sprach, dass ich mich dem größten Schmerz weihte, den eine Mutter erleiden kann. Aber nichts konnte meiner Liebe Grenzen setzen, denn ich wusste, dass sie für alle, die sie üben, Kraft und Licht ist, der Magnet, der emporzieht, das Feuer, das alles, was es durchglüht, läutert und verschönt, verwandelt und über das Menschliche hinaushebt. Ja, die Liebe ist wahrlich eine Flamme. Die Flamme, die das Wertlose, das Verfaulte, das Schlechte, den elenden Menschen verzehrt und ihn zum reinen, des Himmels würdigen Geist macht. Wieviel Fäulnis, wie viele befleckte, verdorbene, gestrandete Menschen werdet ihr auf eurem Weg als Künder des Evangeliums finden! Verachtet keinen. Liebt sie alle, damit sie zur Liebe finden und sich retten. Flößt ihnen die Liebe ein. Oft wird ein Mensch schlecht, weil niemand ihn je geliebt oder nur schlecht geliebt hat. Ihr sollt sie lieben, damit der Heilige Geist wieder Wohnung nehmen kann in diesen Tempeln, die so vieles verödet und verunreinigt hat. Bei der Erschaffung des Menschen hat Gott weder einen Engel noch edle Materie verwendet. Er nahm Lehm, die niedrigste Materie. Dann erhob er diese niedrige Materie in den erhabenen Rang eines Adoptivkindes Gottes, indem er ihr seinen Atem, also wiederum seine Liebe, einhauchte. Mein Sohn hat auf seinem Weg viele heruntergekommene, in den Schlamm gefallene Menschen gefunden. Er zertrat sie nicht voll Verachtung. Er hob sie vielmehr liebevoll auf, nahm sie an und verwandelte sie in Erwählte des Himmels. Denkt immer daran. Und tut, was er getan hat. Erinnert euch an alle Worte und Werke meines Sohnes. Erinnert euch an seine lieblichen Gleichnisse, lebt sie, setzt sie in die Tat um. Und schreibt sie nieder, damit sie den zukünftigen Menschen bis ans Ende der Zeiten erhalten bleiben und den Menschen guten Willens immer als Richtschnur dienen, um das Leben und die ewige Herrlichkeit zu erlangen. Ihr könnt natürlich nicht alle leuchtenden 6120 Worte des ewigen Wortes, des Lebens und der Wahrheit wiederholen. Aber schreibt nieder, soviel ihr niederschreiben könnt. Der Geist Gottes, der auf mich herabgekommen ist, damit ich der Welt den Erlöser schenke, und der auch auf euch herabgekommen ist, das eine und das andere Mal, wird euch helfen, euch zu erinnern und so zu den Menschen zu sprechen, dass sie sich zum wahren Gott bekehren. So werdet ihr die geistige Mutterschaft fortsetzen, die für mich auf dem Kalvarienberg begonnen hat, um dem Herrn viele Kinder zu schenken. Und derselbe Heilige Geist wird in den wiedergeborenen Kindern des Herrn sprechen und ihnen so viel Kraft schenken, dass es ihnen süß erscheinen wird, unter Qualen zu sterben und Exil und Verfolgungen zu erdulden, um ihre Liebe zu Christus zu bekennen und ihm in den Himmel nachzufolgen, wie es Stephanus, Jakobus, mein Jakobus, und andere schon getan haben. Wenn du allein zurückgeblieben sein wirst, dann bewahre diese Truhe gut auf . . . «
Johannes erbleicht und ist noch bestürzter als zuvor, als Maria gesagt hat, sie fühle ihre Aufgabe nun beendet, und er unterbricht sie und ruft flehend: »O Mutter, warum sprichst du so? Ist dir nicht gut?«
»Nein.«
»Du willst mich also verlassen?«
»Nein. Ich werde bei dir bleiben, solange ich auf Erden bin. Aber bereite dich darauf vor, mein Johannes, allein zu sein.«
»Dann bist du also doch krank und willst es mir verbergen . . . !«
»Nein, glaube mir. Ich habe mich noch nie so bei Kräften, so voller Frieden und Freude gefühlt wie jetzt. Ich empfinde in mir einen solchen Jubel, eine solche übernatürliche Lebensfülle, dass . . . ja, dass ich glaube, es nicht mehr ertragen und weiterleben zu können. Ich bin ja nicht unsterblich. Das musst du verstehen. Meine Seele ist unsterblich, der Leib nicht. Er ist wie jeder menschliche Leib dem Tod verfallen.«
»Nein, nein, rede nicht so. Du kannst nicht, du darfst nicht sterben! Dein makelloser Leib kann nicht sterben wie der eines Sünders!«
»Du irrst, Johannes. Mein Sohn ist gestorben! Und auch ich werde sterben. Ich werde die Krankheit, den Todeskampf und die Schrecken des Todes nicht erfahren. Aber ich werde sterben. Und im übrigen sollst du wissen, mein Sohn, dass mein Wunsch, mein innigster und eigenster Wunsch, seit er mich verlassen hat, genau dies ist. Dies ist mein größter, mein einziger Wunsch. Ich kann sogar sagen: mein einziger Wille. Alles andere in meinem Leben war nur Unterordnung meines Willens unter den göttlichen Willen. Der Wille Gottes, den er selbst in mein kindliches Herz gelegt hatte, war, dass ich Jungfrau bleibe. Sein Wille war auch die Vermählung mit Josef, sein Wille war die jungfräuliche und göttliche Mutterschaft. Alles in meinem Leben war der Wille Gottes und mein Gehorsam seinem Willen gegenüber. Doch dies, mit Jesus vereint zu sein, ist mein ganz eigener Wille. Die Erde zu verlassen, um in den Himmel einzugehen und auf ewig und ununterbrochen bei ihm zu sein! Mein Wunsch seit so vielen Jahren! Und nun fühle ich, dass er bald in Erfüllung gehen wird. Sei nicht so betrübt, Johannes! Höre meinen letzten Willen. Wenn der Lebensgeist aus meinem Leib gewichen ist und er in Frieden ruht, dann unterziehe ihn nicht der bei den Hebräern üblichen Einbalsamierung. Denn ich bin keine Hebräerin mehr, sondern Christin. Die erste Christin, wenn du es recht bedenkst; denn ich trug als erste Christus mit Fleisch und Blut in mir, ich war seine erste Jüngerin, ich war die Miterlöserin und ich habe ihn fortgesetzt, hier, unter euch, seinen Dienern. Kein Lebender, mit Ausnahme meines Vaters und meiner Mutter und jener, die bei meiner Geburt anwesend waren, hat meinen Leib je gesehen. Du nennst mich oft: „Die wahre Lade, die das göttliche Wort in sich birgt.“ Nun ist dir bekannt, dass die Bundeslade nur vom Hohenpriester gesehen werden darf. Du bist Priester und viel heiliger und reiner als der Hohepriester im Tempel. Aber ich möchte, dass nur der Ewige Hohepriester zu seiner Zeit meinen Leib sieht. Darum rühre mich nicht an. Übrigens habe ich mich, wie du siehst, schon gereinigt und das saubere Gewand angelegt, das Gewand der ewigen Hochzeit . . . Warum weinst du, Johannes?«
»Weil der Sturm des Schmerzes in mir wütet. Ich verstehe, dass ich dich bald verliere! Wie werde ich ohne dich weiterleben können? Dieser Gedanke zerreißt mir das Herz! Ich werde diesem Schmerz nicht standhalten können.«
»Du wirst ihm standhalten. Gott wird dir helfen, noch lange weiterzuleben, so wie er auch mir geholfen hat. Denn hätte er mir nicht geholfen auf Golgotha und im Ölgarten, beim Tod Jesu und bei seiner Himmelfahrt, dann wäre ich gestorben, wie Isaak gestorben ist. Er wird dir helfen, zu leben und nicht zu vergessen, was ich dir zuvor gesagt habe, zum Wohl aller.«
»Oh, ich werde mich erinnern. An alles. Und ich werde deinen Willen tun, auch hinsichtlich deines Körpers. Und ich verstehe, dass die hebräischen Bräuche nicht mehr taugen für dich, die Christin, die Reinste, die, dessen bin ich gewiss, nicht der Verwesung des Fleisches anheimfallen wird. Dein Leib, der vergöttlicht ist wie kein anderer sterblicher Leib, kann dem Gesetz der Verwesung, des Zerfalls allen toten Fleisches nicht unterworfen sein, da du ohne den Makel der Erbsünde bist, und mehr noch, da du, abgesehen von der Fülle der Gnade, in dir selbst die Gnade, das Wort getragen hast und deshalb wahrlich ein Teil von ihm bist. Dieses wird das letzte Wunder Gottes an dir, in dir sein, dass du so erhalten bleibst, wie du bist . . . «
»Dann weine nicht mehr!« sagt Maria und betrachtet das so betrübte, tränenüberströmte Gesicht des Apostels. Und sie fügt hinzu: »Wenn ich erhalten bleibe, wie ich bin, wirst du mich nicht verlieren. Quäle dich also nicht!«
»Ich werde dich trotzdem verlieren, auch wenn du unverwest erhalten bleibst. Ich fühle es. Und der Schmerz tobt in mir wie ein heftiger Sturmwind. Ein Sturmwind, der mich entwurzelt und zu Boden schmettert. Du warst mein Alles, besonders seit meine Eltern gestorben und die anderen Brüder weit fort sind, die leiblichen Brüder und die Brüder in der Sendung, selbst der geliebte Margziam, den Petrus mit sich genommen hat. Nun bleibe ich allein zurück, im wildesten Sturm.« Und Johannes fällt Maria zu Füßen und weint noch verzweifelter.
Maria neigt sich über ihn, legt ihm die Hand auf das von Schluchzen geschüttelte Haupt und sagt: »Nein, nicht so. Warum quälst du mich? Du warst so stark unter dem Kreuz, und dies war doch eine Szene unvergleichlichen Schreckens, sowohl durch die Furchtbarkeit seines Martyriums als auch durch den satanischen Hass des Volkes! So stark warst du, und sein und mein Trost! Und heute, an diesem heiteren, ruhigen Sabbatabend bei mir, die ich so glücklich bin über die bevorstehende unermessliche Freude, bist du so verzweifelt?! Mache es wie alles, was uns umgibt und was in mir ist, oder besser, werde eins damit. Alles ist Frieden. Finde auch du Frieden. Nur die Ölbäume rauschen leise in der stillen Abendluft. Und dieses leise Rauschen ist so friedvoll, als würden Engel um das Haus fliegen. Und vielleicht sind sie wirklich da. Denn in jeder wichtigen Stunde meines Lebens waren mir Engel nahe, einer oder viele. Sie waren in Nazaret, als der Geist des Herrn meinen jungfräulichen Schoß fruchtbar machte; und sie waren bei Josef, als er über meinen Zustand betrübt war und nicht wusste, wie er sich mir gegenüber verhalten sollte; sie waren wieder und wieder in Betlehem, als Jesus geboren wurde und als wir nach Ägypten fliehen mussten; sie waren in Ägypten, als sie uns geboten, nach Palästina zurückzukehren; und wenn auch nicht mir – weil der König der Engel gleich nach seiner Auferstehung selbst zu mir kam – so sind sie doch den frommen Frauen am Morgen des ersten Tages nach dem Sabbat erschienen und haben sie aufgefordert, dir und Petrus zu sagen, was ihr tun sollt. Engel und Licht, immer in den entscheidenden Augenblicken meines Lebens und des Lebens Jesu. Licht und Liebesglut, die vom Thron Gottes zu mir, seiner Dienerin, herabstiegen und aus meinem Herzen zu Gott emporstiegen, die mich, seine Magd, mit ihm, meinem Herrn und König, verbanden, mich mit Gott, ihn mit mir, damit erfüllt würde, was geschrieben steht; und auch, damit ein Lichtschleier die Geheimnisse Gottes verhülle und Satan und seine Knechte nicht vor der Zeit die Erfüllung des höchsten Wunders der Menschwerdung erkennen könnten. Auch heute Abend fühle ich die Engel um mich schweben, obwohl ich sie nicht sehe. Und ich fühle das Licht in mir und um mich zunehmen, ein überwältigendes Licht gleich dem, das mich umgab, als ich Christus empfing und als ich ihn gebar. Ein Licht, das aus einer Fülle der Liebe kommt, die mächtiger ist als sonst. Durch eine ähnliche Macht der Liebe entriss ich dem Himmel das Wort vor der Zeit, damit es Mensch und Erlöser werde. Durch eine ähnlich machtvolle Liebe, wie sie mich heute Abend erfüllt, hoffe ich, vom Himmel geraubt und dorthin geführt zu werden, wohin zu gehen meine Seele sich sehnt, um mit dem Volk der Heiligen und den Chören der Engel Gott in Ewigkeit mein unsterbliches „Magnifikat“ zu singen für das Große, das er an mir, seiner Magd, getan hat.«
»Wahrscheinlich nicht nur deine Seele allein. Und die Erde wird dir antworten und dich mit ihren Völkern und Nationen verherrlichen, ehren und lieben, solange die Welt besteht, so wie Tobias es von dir, wenngleich verhüllt, vorhergesagt hat; denn du bist wahrlich jene, in der der Herr gewohnt hat. Du allein hast Gott so viel Liebe geschenkt wie alle Hohenpriester und alle anderen vom Tempel zusammen im Laufe der Jahrhunderte. Glühende und reinste Liebe. Deshalb wird Gott dich mehr als selig machen.«
»Und wird meinen einzigen Wunsch, mein einziges Verlangen erfüllen. Denn die so große Liebe, die beinahe so vollkommen ist wie die meines Sohnes und Gottes, vermag alles, auch was nach menschlichem Ermessen unmöglich erscheint. Vergiss dies nicht, Johannes. Und sage es auch deinen Brüdern. Ihr werdet so sehr bekämpft werden. Hindernisse aller Art werden euch eine Niederlage fürchten lassen; Fallen eurer Verfolger und die Abtrünnigkeit von Christen mit der Moral . . . eines Iskariot werden euch bedrücken. Fürchtet nicht. Liebt und fürchtet euch nicht. In dem Maß, in dem ihr lieben werdet, wird Gott euch helfen und euch zum Sieger über alle und alles machen. Alles erhält man, wenn man zum Seraf wird. Dann schwingt sich die Seele, dieses Wunderbare, Ewige, der Atem Gottes, den er uns eingehaucht hat, zum Himmel empor, fällt wie ein Feuerfunke am Fuß des Thrones Gottes nieder, spricht und wird von Gott angehört und erlangt vom Allmächtigen, was sie erbittet. Wenn die Menschen zu lieben wüssten, wie es das alte Gesetz gebietet und wie mein Sohn liebte und zu lieben gelehrt hat, dann würden sie alles erlangen. Daher fühle ich, dass ich aus einem Übermaß an Liebe aufhören werde, auf Erden zu sein, so wie er aus einem Übermaß an Schmerz gestorben ist. Das Maß meiner Fähigkeit zu lieben ist nun übervoll. Meine Seele und mein Fleisch können sie nicht mehr fassen! Die Liebe strömt über, überflutet mich und erhebt mich gleichzeitig zum Himmel und zu Gott, meinem Sohn. Und seine Stimme sagt zu mir: „Komm! Komm heraus! Steige herauf zu unserem Thron und in unsere dreifache Umarmung!“ Die Erde, alles, was mich umgibt, versinkt in dem großen Licht, das mir vom Himmel entgegenströmt! Alle Geräusche werden von dieser himmlischen Stimme übertönt! Die Stunde der göttlichen Umarmung ist für mich gekommen, mein Johannes!«
Johannes, obwohl immer noch betrübt, ist etwas ruhiger geworden, während er Maria zugehört hat. Bei ihren letzten Worten sieht er sie verzückt an und ist nun auch selbst fast in Ekstase und ebenso blass wie Maria, deren Blässe sich jedoch langsam in strahlend weißes Licht wandelt. Er eilt zu ihr, um sie zu stützen, und ruft aus: »Du gleichst Jesus, als er auf dem Tabor verklärt wurde! Dein Fleisch leuchtet wie der Mond, deine Kleider strahlen wie ein Diamant vor einer hellweißen Flamme! Du bist nicht mehr von dieser Welt, Mutter! Die Schwere und die Undurchsichtigkeit des Fleisches sind verschwunden. Du bist Licht. Aber du bist nicht Jesus. Er, der nicht nur Mensch, sondern auch Gott war, konnte sich selbst aufrecht halten, dort auf dem Tabor, und auch hier im Ölgarten, als er auffuhr. Du kannst es nicht. Komm. Ich will dir helfen, deinen müden, seligen Leib auf dein Lager zu betten. Ruhe dich aus.« Und voller Liebe geleitet er sie zu ihrem armen Lager, auf das Maria sich legt, ohne ihren Mantel abzulegen.
Sie kreuzt die Arme über der Brust, senkt die Lider über ihre sanften, vor Liebe leuchtenden Augen und sagt zu Johannes, der sich über sie neigt: »Ich bin in Gott. Und Gott ist in mir. Während ich ihn betrachte und seine Umarmung fühle, sprich du die Psalmen und alle die Stellen der Heiligen Schrift, die sich auf mich beziehen, besonders in dieser Stunde. Der Geist der Weisheit wird sie dir zeigen. Sprich dann das Gebet meines Sohnes, wiederhole mir die Worte des Erzengels bei der Verkündigung und die Worte Elisabets an mich, und meinen Hochgesang... Ich werde dir folgen mit dem, was von mir noch auf dieser Welt ist...«
Johannes kämpft mit den Tränen, die aus seinem Herzen aufsteigen, zwingt sich, die ihn verwirrende Rührung zu beherrschen, und mit seiner schönen Stimme, die im Laufe der Jahre der Stimme Christi sehr ähnlich geworden ist – was Maria mit einem Lächeln bemerkt: »Mir ist, als hätte ich meinen Jesus an meiner Seite« – stimmt er den Psalm 118 an, den er beinahe ganz sagt; dann folgen die drei ersten Verse des 41. Psalms, die ersten acht Verse des 38. Psalms, der 22. Psalm und der 1. Psalm. Schließlich betet er das Vaterunser, wiederholt die Worte Gabriels und Elisabets, den Gesang des Tobias, die Verse 11–46 des Kapitels 24 aus Ekklesiastes. Und zuletzt stimmt er noch das Magnifikat an. Aber als er beim neunten Vers ankommt, merkt er, dass Maria nicht mehr atmet, obwohl sie ihre natürliche Haltung und ihr Aussehen nicht verändert hat und friedlich lächelt, so als habe sie das Ende ihres Lebens nicht bemerkt.
Johannes wirft sich mit einem Aufschrei zu Boden, gegen die Einfassung des Lagers und ruft Maria wieder und wieder. Er kann es nicht fassen, dass sie ihm nicht mehr antworten kann und dass kein Leben mehr in ihrem Körper ist.
Er beugt sich über das Antlitz Marias, das einen Ausdruck übernatürlicher Freude beibehalten hat, und Tränen über Tränen fallen auf dieses sanfte Antlitz und auf die reinen Hände, die gekreuzt auf der Brust liegen. Dies ist die einzige Waschung für den Leib Marias: die Tränen des Apostels der Liebe und ihres Adoptivsohnes gemäß dem Willen Jesu.
Nachdem der erste Schmerz sich gelegt hat, erinnert Johannes sich an den Wunsch Marias und nimmt die Enden des weiten Leinenmantels, die über die Bettkante hängen, und die des Schleiers und schlägt sie über ihren Körper und ihr Antlitz.
Maria gleicht nun einer Statue aus weißem Marmor auf dem Deckel eines Sarkophags. Johannes betrachtet sie lange, und immer noch fließen Tränen über sein Gesicht.
Dann ordnet er die Dinge im Raum anders an, entfernt alles Überflüssige und lässt nur das Bett, einen kleinen Tisch an der Wand, auf den er den Schrein mit den Reliquien stellt, einen Hocker, den er zwischen die Tür zur Terrasse und das Bett, auf dem Maria ruht, stellt, und ein kleines Regal, auf dem die Lampe steht, die Johannes anzündet, da es bereits Abend wird.
Schließlich geht er rasch in den Ölgarten hinunter und sammelt, was er an Blumen finden kann, und Ölzweige, die schon Früchte tragen. In den Raum zurückgekehrt, legt er im Schein der Lampe Blumen und Zweige wie eine große Krone um den Körper Marias.
Während dieser Arbeit spricht er zu der Schlafenden, als ob Maria ihn hören könnte. Er sagt: »Du warst immer die Lilie der Täler, die wunderbare Rose, der schöne Ölbaum, der fruchtbare Weinstock, die heilige Ähre. Du hast uns deine Wohlgerüche, das Öl des Lebens, den Wein der Starken und das Brot gegeben, das den Geist jener vor dem Tod bewahrt, die sich würdig von ihm nähren. Sie passen zu dir, diese Blumen, denn sie sind einfach und rein wie du, mit Dornen geziert und friedfertig wie du. Nun wollen wir diese Lampe näherrücken. So, an dein Bett, damit sie bei dir wacht und mir Gesellschaft leistet, während ich wache und darauf warte, dass wenigstens eines der Wunder geschieht, um die ich bete. Das erste ist, dass Petrus, wie er es wollte, und auch die anderen, die ich durch den Diener des Nikodemus benachrichtigen lassen werde, dich noch einmal sehen können. Das zweite ist, dass du, da dein Schicksal in allem dem deines Sohnes ähnlich war, so wie er am dritten Tag auferstehst, damit ich nicht zum zweitenmal Waise werde. Das dritte ist, dass Gott mir Frieden schenken möge, wenn was ich für dich erhoffe nicht geschehen sollte, so wie es bei Lazarus geschah, der dir nicht gleich war. Aber warum sollte es anders sein? Die Tochter des Jaïrus, der Jüngling von Naïn, der Sohn des Theophilus wurden wieder lebendig . . . Allerdings hat der Meister dies noch bewirkt . . . Aber er ist mit dir, auch wenn ich ihn nicht sehe. Und du bist nicht an einer Krankheit gestorben, wie die durch Christus Wiedererweckten. Aber bist du denn wirklich gestorben? So gestorben, wie jeder Mensch sterben muss? Nein! Ich fühle, dass es nicht so ist. Dein Geist ist nicht mehr in dir, in deinem Körper, und in diesem Sinn könnte man von Tod sprechen. Aber in Anbetracht der Art und Weise deines Heimgangs glaube ich, dass dies nur eine vorübergehende Trennung deiner schuldlosen Seele voll der Gnade von deinem reinsten, jungfräulichen Leib ist. Es muss so sein! Es ist so! Wie und wann die Wiedervereinigung stattfinden und das Leben in dich zurückkehren wird, weiß ich nicht. Doch ich bin so sicher, dass es geschehen wird, dass ich hier an deiner Seite bleiben werde, bis Gott mir durch sein Wort oder seinen Eingriff die Wahrheit über dein Schicksal zeigt.«
Johannes, der nun alles wohl geordnet hat, setzt sich auf den Hocker, stellt die Lampe neben das Bett auf den Boden und betrachtet betend die Schlafende.
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aus: Maria Valtorta, Der Gottmensch, Band XII, S. 261-271, mit freundlicher Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano.
Johannes wirft sich mit einem Aufschrei zu Boden, gegen die Einfassung des Lagers und ruft Maria wieder und wieder. Er kann es nicht fassen, dass sie ihm nicht mehr antworten kann und dass kein Leben mehr in ihrem Körper ist.
Er beugt sich über das Antlitz Marias, das einen Ausdruck übernatürlicher Freude beibehalten hat, und Tränen über Tränen fallen auf dieses sanfte Antlitz und auf die reinen Hände, die gekreuzt auf der Brust liegen. Dies ist die einzige Waschung für den Leib Marias: die Tränen des Apostels der Liebe und ihres Adoptivsohnes gemäß dem Willen Jesu.
Nachdem der erste Schmerz sich gelegt hat, erinnert Johannes sich an den Wunsch Marias und nimmt die Enden des weiten Leinenmantels, die über die Bettkante hängen, und die des Schleiers und schlägt sie über ihren Körper und ihr Antlitz.
Maria gleicht nun einer Statue aus weißem Marmor auf dem Deckel eines Sarkophags. Johannes betrachtet sie lange, und immer noch fließen Tränen über sein Gesicht.
Dann ordnet er die Dinge im Raum anders an, entfernt alles Überflüssige und lässt nur das Bett, einen kleinen Tisch an der Wand, auf den er den Schrein mit den Reliquien stellt, einen Hocker, den er zwischen die Tür zur Terrasse und das Bett, auf dem Maria ruht, stellt, und ein kleines Regal, auf dem die Lampe steht, die Johannes anzündet, da es bereits Abend wird.
Schließlich geht er rasch in den Ölgarten hinunter und sammelt, was er an Blumen finden kann, und Ölzweige, die schon Früchte tragen. In den Raum zurückgekehrt, legt er im Schein der Lampe Blumen und Zweige wie eine große Krone um den Körper Marias.
Während dieser Arbeit spricht er zu der Schlafenden, als ob Maria ihn hören könnte. Er sagt: »Du warst immer die Lilie der Täler, die wunderbare Rose, der schöne Ölbaum, der fruchtbare Weinstock, die heilige Ähre. Du hast uns deine Wohlgerüche, das Öl des Lebens, den Wein der Starken und das Brot gegeben, das den Geist jener vor dem Tod bewahrt, die sich würdig von ihm nähren. Sie passen zu dir, diese Blumen, denn sie sind einfach und rein wie du, mit Dornen geziert und friedfertig wie du. Nun wollen wir diese Lampe näherrücken. So, an dein Bett, damit sie bei dir wacht und mir Gesellschaft leistet, während ich wache und darauf warte, dass wenigstens eines der Wunder geschieht, um die ich bete. Das erste ist, dass Petrus, wie er es wollte, und auch die anderen, die ich durch den Diener des Nikodemus benachrichtigen lassen werde, dich noch einmal sehen können. Das zweite ist, dass du, da dein Schicksal in allem dem deines Sohnes ähnlich war, so wie er am dritten Tag auferstehst, damit ich nicht zum zweitenmal Waise werde. Das dritte ist, dass Gott mir Frieden schenken möge, wenn was ich für dich erhoffe nicht geschehen sollte, so wie es bei Lazarus geschah, der dir nicht gleich war. Aber warum sollte es anders sein? Die Tochter des Jaïrus, der Jüngling von Naïn, der Sohn des Theophilus wurden wieder lebendig . . . Allerdings hat der Meister dies noch bewirkt . . . Aber er ist mit dir, auch wenn ich ihn nicht sehe. Und du bist nicht an einer Krankheit gestorben, wie die durch Christus Wiedererweckten. Aber bist du denn wirklich gestorben? So gestorben, wie jeder Mensch sterben muss? Nein! Ich fühle, dass es nicht so ist. Dein Geist ist nicht mehr in dir, in deinem Körper, und in diesem Sinn könnte man von Tod sprechen. Aber in Anbetracht der Art und Weise deines Heimgangs glaube ich, dass dies nur eine vorübergehende Trennung deiner schuldlosen Seele voll der Gnade von deinem reinsten, jungfräulichen Leib ist. Es muss so sein! Es ist so! Wie und wann die Wiedervereinigung stattfinden und das Leben in dich zurückkehren wird, weiß ich nicht. Doch ich bin so sicher, dass es geschehen wird, dass ich hier an deiner Seite bleiben werde, bis Gott mir durch sein Wort oder seinen Eingriff die Wahrheit über dein Schicksal zeigt.«
Johannes, der nun alles wohl geordnet hat, setzt sich auf den Hocker, stellt die Lampe neben das Bett auf den Boden und betrachtet betend die Schlafende.
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aus: Maria Valtorta, Der Gottmensch, Band XII, S. 261-271, mit freundlicher Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano.