[8] La Divina Commedia - Inferno, canto VIII --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 8. Gesang \\
Achter Gesang.
Ueberfahrt. Filippo Argenti. Zum VI. Kreis. Kampf um den Eingang zur Stadt Dis.
1
Lang’ eh wir noch, so fahr’ ich fort zu sagen,[84]
Dem Fuß des hohen Thurms uns konnten nahn,[85]
War unser Blick zur Zinn emporgeschlagen,
4
Weil wir zwei Flämmchen dort entzünden sahn,
Als Rücksignal ein andres, so entlegen,
Daß es das Auge kaum noch konnt’ erfahn.
7
Da kehrt’ ich meinem Weisen mich entgegen:
„„Was ist dies? welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu’r? Wer sind sie, die’s erregen?““
10
Und Er zu mir: „Sieh hin, dein Aug’ entdeckt.
Was unsrer harrt, dort auf den schmutz’gen Wogen,
Wenn dir’s der Qualm des Sumpfes nicht versteckt.“
[46]
13
Und schnell, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah,
Kam durch das Moor ein kleiner Kahn gezogen.
16
Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rudrer nur gefahren,
Der schrie: „Verruchte Seele, bist du da?“[86]
19
„Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,“[87]
So sprach mein Herr, „umsonst ist’s angestimmt;
Wir sind nur dein, so lang wir überfahren.“
22
Wie wer von einem großen Trug vernimmt,
Den man ihm angethan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.
25
Mein Führer stieg ins Schiff von den Gestaden.
Und zu sich setzen hieß er mich sodann,
Und als ich drin war, schien es erst beladen.[88]
28
Sobald wir beid’ uns eingesetzt, begann
Des Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen,
Als er mit andrer Bürde furchen kann.
31
Indessen wir die todte Moorflut theilen,
Kommt Einer, kothbedeckt, vor mich, und spricht.
„Wer heißt dich vor der Zeit herniedereilen?“
34
„„Ich komme,““ sprach ich, „„aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, so widrig und abscheulich?““ –
„Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht.“
37
Und ich zu ihm: „„mit Heulen, unerfreulich,
[47] Verfluchter Geist, verbleib’ an diesem Ort!
Ich kenne dich, ob auch besudelt gräulich.““
40
Die Hände nun voll Gier legt’ er an Bord,
Und mit Gewalt mußt’ ihn mein Herr verjagen,
Der sprach: „Zu andern Hunden, weiche fort!“
43
Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen,
Und küßte mich und sprach: „Erzürnter Geist,[89]
Beglückt die Mutter, welche dich getragen!
46
Stolz war im Leben dieser – Niemand preis’t
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wuth zerreißt.
49
Viel Fürsten gibt’s, die dort sich stolz geberden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau’n
Im Schlamme hier auf ewig wühlen werden.“
52
Und ich: „„Begierig wär’ ich wohl, zu schau’n,
Wie er in diesem Schlamm versinken müßte,
Eh’ wir verlassen diesen See voll Grau’n.““
55
Und er zu mir: „Bevor sich noch die Küste
Dir sehen läßt, erfreut dich der Genuß,
Befriedigung gebühret dem Gelüste.“
58
Bald sah ich, wie zu Qual ihm und Verdruß
Die Kothigen mit ihm beschäftigt waren.
Drob ich Gott loben noch und danken muß.
61
Frisch auf, Philipp Argenti! schrien die Schaaren;[90]
Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sich los
Den tollen Geist des Florentiners fahren.
64
Und dies erzähl’ ich nur von seinem Loos.
Ich ließ ihn dort, und hört’ ein Schmerzens-Brüllen,
Und macht’, um vorzuschau’n, die Augen groß.
[48]
67
„Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,"
So sprach mein guter Meister, „Dis genannt,
Die schaarenweis’ unsel’ge Bürger füllen.“
70
Und ich: „„Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab’ ich im Thale jener Stadt Moscheen,[91]
Glutroth, als ragten sie aus lichtem Brand.““
73
Drauf sprach mein Führer: „Ew’ge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im rothen Schein
Sind sie in diesem Höllengrund zu sehen.“
76
Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.
79
Dann aber hörten wir des Steurers Worte
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: „Steigt aus, hier ist die Pforte.“[92]
82
Wohl tausend standen auf dem Thor bereit,
Vom Himmel hergestürzt. Es schrien die Frechen
„Wer wagt’s, noch lebend, voll Verwegenheit
85
In’s tiefe Reich der Todten einzubrechen?“
[49] Mein Meister aber ihnen winkend lud
Sie klüglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.
88
Da legte sich ein wenig ihre Wuth.
Sie sprachen: „Komm allein, laß gehn den Thoren,
Der hier hereindrang mit so keckem Muth.
91
Find’ er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,[93]
Allein zurück! – erprob’ er doch, wie Er
Sich durch die Nacht führt, wenn er dich verloren!“
94
Und nun bedenk’, o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrückte,
Denn ich verzweifelt’ an der Wiederkehr.
97
„„Mein theurer Führer, du, durch den mir’s glückte,
Daß ich gerettet ward schon siebenmal,[94]
Deß Schutz mich drohender Gefahr entrückte,
100
Verlaß mich““, sprach ich, „„nicht in dieser Qual,
Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen,
So komm mit mir zurück durch’s dunkle Thal.““
103
Und Er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: „Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.
106
Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guter Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass’ ich dich in solchem Drang.“
109
So ging er. – Ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein[95]
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.
112
Nicht hört’ ich, was sein Antrag mochte sein,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn Alle rannten in die Stadt hinein,
115
Und schlugen ihm das Thor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu, und sperrten ihn heraus.
Da kehrt’ er sich zu mir mit schwerem Gange,
118
Den Blick gesenkt, die Stirn’ verstört und kraus,
[50]
Ließ er in Seufzern diese Worte hören:
„Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus?“
121
Und dann zu mir: „Nicht mög’ es dich verstören,
Wenn du mich zürnen siehst – ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empören.
124
Schon früher stieg ihr kecker Muth so hoch,
An einem Thor, nicht so geheim gelegen,[96]
Und ohne Schloß und Riegel heute noch,
127
Am Thor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht, – doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunkeln Wegen
130
Ein Andrer her und öffnet uns den Ort.“
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Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource
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