Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr
Wenn Trump mit dem Iran nur verhandelt hat, um Netanjahu mehr Zeit für die Vorbereitung seines Enthauptungsschlages zu verschaffen, dann hat sich Trump als Warlord geoutet und Steve Bannon wird seine liebe Not haben, seinen Helden noch im Licht von MAGA erscheinen zu lassen. Die erhoffte Epiphanie bleibt aus, denn America first ist das nicht.In der Bildersprache der antiken Mythologie könnten wir das aktuelle Desaster mit dem Machtkampf zweier Götter oder Halbgötter vergleichen. Christologisch müssten wir einen Vater-Sohn-Konflikt erkennen. Gelingt es Netanjahu, Amerika in den Krieg mit dem Iran hineinzuziehen, dann ist Netanjahu Gottvater und Trump sein eingeborener Sohn, der den bitteren Willen des Vaters auf sich nehmen muss. Sollte aber Trump sich nicht in den direkten Krieg hineinziehen lassen, dann könnte er als Gottvater bestehen und MAGA-mäßig in Erscheinung treten. Netanjahu müsste den bitteren Kelch des Sohnes austrinken. Auferstehung ungewiss.
Der Krieg zwischen Israel und dem Iran ist schrecklich, für beide Länder. Aber der Krieg Israels ist auch ein Angriff auf das moderne Christentum. Ich durfte mir am dritten Advents-Sonntag die Predigt einer Seelsorgerin anhören, in der die Sehnsucht des Jesaja nach dem Messias in die Jetztzeit übersprang. Die sich öffnenden Tore des Advents verschoben sich nach Damaskus, und der Messias, der in diese Jetztzeit sollte, hatte plötzlich das Antlitz von Netanjahu und aus der Knechtschaft befreit war al-Schaara. Eine schlimmere Interpretation des Arabischen Frühlings ist mir bis dahin nicht begegnet. Aber im Grunde hat die Pastoralreferentin etwas auf dem Punkt gebracht und ich habe ihr zu danken. Vielleicht würde die geübte Vorsicht eines Priesters mich geschützt haben. Und doch, die ungeschönte Wahrheit ist eine sehr bittere, aber vielleicht bessere Medizin. Denn wie wollen wir all diese wunderbar schönen Adventslieder noch singen können, wenn uns die Bilder von den toten Frauen und Kinder aus Gaza vor Augen springen? Und das geliebte Israel sich in eine Mordmaschine verwandelt?
Der Völkermord in Gaza, der Traum von Großisrael und dem Bau des dritten Tempels sind der bisher schwerste Angriff auf das Zentrum des modernen Christentums. Das Zweite Vatikanische Konzil holt den „fernen“ Gott vom Himmel herunter und lässt Ihn in die Alltäglichkeit unserer Sorgen einströmen. Hier und jetzt wird uns fortan das Göttliche berühren, und ganz besonders in der Liebe, die den Nächsten liebt wie sich selbst. Das Alltägliche soll heilig werden, und das Heilige alltäglich.
Das klingt nach der Ansprache Mose: „11 Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? 14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“
Und doch wird die neue Alltäglichkeit des Heiligen Mitte der 60er-Jahre in einen veränderten zeitlichen Kontext gesprochen, der es uns schwer machen wird. Im Jahre 71 nach Christus zerstört Rom unter der Führung von Titus die Stadt Jerusalem und der jüdische Staat endet. Was aus nationalrevolutionärer Sicht eine Katastrophe ist, umgibt die junge Christengemeinde mit der Aura hellsichtiger Prophetie, denn ihr Reich und ihre Hoffnung sind nicht von dieser Welt. Der Hebräerbrief und die Offenbarung des Johannes auf Patmos liefern Texte, die der juden-christlichen Seele eine Brücke bauen, um mit dem Schmerz des Untergangs des irdischen Jerusalems leben zu können, denn nun bricht die Zeit des wirklichen, des himmlischen Jerusalems an. Und dieses himmlische Jerusalem besingen wir und das in vielen Liedern.
Der moderne Staat Israel ist die Hoffnung und Schutzgemeinschaft der Überlebenden des deutschen und europäischen Holocaustums. In dieser Rolle tritt Israel in die Rolle des neuen irdischen Jerusalems ein und das Zweite Vatikanische Konzil liefert dazu die theologische Form, den heilsgeschichtlichen Mantel. Das Herabsteigen der Heiligkeit vom Himmel in die menschliche Alltäglichkeit hat eine ungeheure Kraft und Motivation für gesellschaftliche Reformen freigesetzt. Im Gotteslob, Lied 479, singen wir: „Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit.“ Noch braucht diese Stadt nicht Sonne noch Mond, denn „Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit.“ Aber schon 1967 klingen andere Töne an. Naomi Schemer hat kurz vor dem Sechstagekrieg einen Song komponiert, der im Original „Jerusalem aus Gold“ heißt. Das Lied wird schnell populär und zum Schlachtruf der israelischen Truppen. Am 7. Juni 1967 stimmen es die Fallschirmjäger vor der Klagemauer an, die sie an diesem Tage eingenommen haben. Der Refrain: „Jerusalem aus Gold, aus Bronze und aus Licht, ich bin eine Laute für alle Deine Lieder“ klingt nun schon anders: „Jerusalem von Stahl, Eisen und Finsternis, Durch Deine Mauern haben wir Dich befreit. Die Soldaten rannten hinein in Blut und Rauch, Und nach dem Tod kam die Trauer…“ Im Gotteslob für Köln hat dieses Lied unter der Nummer 872 und dem Titel „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen“ Eingang gefunden. Der Text stammt von Christine Heuser und er nimmt die Sehnsucht nach Befreiung auf.
1. Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr.
Zions Lied hab ich begraben in meinen Wunden groß.
Ich halte meine Augen offen, liegt die Stadt auch fern.
In die Hand hat Gott versprochen, er führt uns endlich heim.
In deinen Toren werd' ich stehen, du freie Stadt Jerusalem,
in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.
In deinen Toren werd' ich stehen, du freie Stadt Jerusalem,
in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.
2. Die Mauern sind aus schweren Steinen, Kerker, die gesprengt,
von den Grenzen, von den Gräbern, aus der Last der Welt.
Die Tore sind aus reinen Perlen, Tränen, die gezählt.
Gott wusch sie aus ihren Augen, dass wir nun fröhlich sind.
3. Die Brunnen, wie sie überfließen, in den Straßen aus Gold.
Durst und Staub der langen Reise: Wer denkt daran zurück.
Noch klarer als die Sonnenstrahlen ist Gottes Angesicht.
Seine Wohnung bei den Menschen: mitten unter uns.
Das Lied beschreibt die Sehnsucht jener Befreiung, die in den 60er-Jahren vom Himmel in den menschlichen Alltag herabsteigt. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen und das himmlische Jerusalem hat sich in eine Mordmaschine verwandelt, wie wir sie aus dem Buch Joshua kennen. Freund und Feind sind zu unterscheiden. Und der Feind ist auszulöschen mit Frau, den Kindern und auch seinem Vieh. Seine Wurzel sei auszurotten. Das sei Gottes Wille. Joshua ist zwar nur erfolgreich, weil er Kompromisse eingeht und dem göttlichen Mordauftrag nicht vollständig nachkommt. Aber Mose an den Haderwassern ist für alle Zeiten gebrandmarkt, weil er nicht gegen Edom in den Krieg ziehen wollte. Das haben die Fanatiker ihm nie verziehen und einen Verstoß gegen den Willen Gottes ins Heilige Buch eintragen lassen. Das gelobte Land durfte er nur von Ferne sehen.
Aber wir? Was bleibt uns von den Adventsliedern, von „Tochter Zion“ bis „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, wenn Israel sich als alttestamentarische Mordmaschine geriert? Welcher Ausweg bleibt uns?
Eine Option liegt in einer Art theologischer Vorne-Verteidigung: Um das Dilemma von Gewalt und Tod vom Christentum abzuhalten, ist Israels Handeln als heilig einzustufen. Eine Art neuer Heiliger Krieg und Kreuzzug könnte das Morden als eine gottgewollte Handlung nicht nur rechtfertigen, sondern gerade zu fordern. Wer nicht mitmacht oder wenigstens Beifall klatscht, lädt schwere Schuld auf sich und dann gnade ihm Gott. Aus deutscher Sicht hat diese Vorne-Verteidigung noch einen weiteren Aspekt: denn wird Netanjahu heilig gesprochen, ist auch uns und unserer Vergangenheit eine schwere Last abgenommen.
Ich selbst will diesen Weg nicht mitgehen. Und wer den Weg des Heiligen Krieges nicht gehen will, muss sich auf die schwierige Suche machen, wo, warum und wie wir auf unserem Weg des christlichen Glaubens falsch abgebogen sind.