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[38] La Divina Commedia - Purgatorio, riassunto dal VI al XXVII canto --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Läuterungsberg, 6. bis 27. Gesang (Resümee) \\
Sechster Gesang.

Fortsetzung. Sordello. Weheruf über Italien.
1
Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,[77]
Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich,
Und wirft und wirft, um’s besser zu erlernen.
[229]
4
Doch Alles drängt um den Gewinner sich,
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein Andrer seitwärts, spricht: Gedenk’ an mich!
7
Doch er verweilt nicht, hört auf Keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lästigen Gedrange.
10
So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und mußte hier- den Kopf und dorthin wenden,
Und löste mich durch manch’ Verheißungswort;
13
Sah Benincasa, der den Wüthrichs-Händen[78]
Des Ghin’ erlag und sah darauf auch ihn,[79]
Deß Loos war, jagend in der Flut zu enden.
16
Novello bat mich flehend, zu verziehn;[80]
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,[81]
Der wackere Marzucco stark erschien.
19
Graf Orso auch und der im Frevelmuthe[82][83]
Vertilgt ward, wie er sagt’, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte.
22
Den Broccia mein’ ich – mag sich demuthsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll.
[230]
25
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie
Zur Heiligung mit größrer Eile kämen;
28
Da sprach ich: „„Du, der stets mir Licht verlieh[84],
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie.
31
Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.
Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schaar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?““
34
„Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,“
So sprach er drauf, „du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dir’s offenbar.
37
Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb,
Was Jenen oblag und sie nicht vollbrachten?
40
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da sühnte man durch Bitten keine Sünden,
Weil ungehört von Gott die Bitte blieb.
43
Doch kannst du jetzt so Tiefes nicht ergründen,
So harr’ auf Sie, die zwischen deinem Geist
Und ew’ger Wahrheit wird ein Licht entzünden.
46
Beatrix ist’s, wenn du’s vielleicht nicht weißt,
Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheißt.“
[231]
49
Und ich: „„Mein Meister, laß uns schneller gehen![85]
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen.““
52
„Wir gehn so weit als möglich diesen Tag,“
Entgegnet’ Er, „doch Andres wirst du finden,[86]
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.
55
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.
58
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest,
Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt.“
61
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,[87]
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest!
64
Er ließ uns Beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leu’n, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.
67
Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,
Befragt’ ihn: „Wo erklimmt man diese Wand?“
Doch Jener, nicht auf seine Fragen achtend,
70
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: „Mantua“ – begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,
73
Sich schnell vom Sitz und ward theilnehmend heiter.
Sordell bin ich, dein Landsmann!“ rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt’ er meinen Leiter. –[88]
[232]
76
Italien, Sclavin, Schlund voll Schmerz und Graus,[89]
Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;
79
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim süßen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.
82
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.
85
Elende, such’ an deinen Meeresborden,
Im Innern such’ und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glück im Süden und im Norden.
88
Was hilft dir’s, da dein Sattel unbesetzt,[90]
Daß Justinian die Zügel dir erneute?
Ohn’ ihn wär’ minder deine Schande jetzt.
91
Ihr hättet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,[91]
Zu Cäsar’s Sitz den Sattel eingeräumt,
Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute.
94
Seht, wie das wilde Thier sich tückisch bäumt,
[233]
Seit Niemand es die Sporen fühlen lassen,
Und ihr es, die ihr’s zähmen wollt’, entzäumt.
97
O deutscher Albrecht, der dies Thier verlassen,[92]
Das drum nun tobt in ungezähmter Wuth,
Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen,
100
Gerechtes Strafgericht fall’ auf dein Blut!
Und neu und offen mög’ es deiner warten.
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.
103
Schuld bist du sammt dem Vater an dem harten
Geschick Italiens, da ihr, deutsche Gau’n
Nur pflegend, ganz versäumt des Reiches Garten.
106
Komm her jetzt, der Montecchi Stamm zu schau’n,[93]
Leichtsinniger, komm, sieh die Capelletten,[WS 4]
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Grau’n!
109
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind!
Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten!
112
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und höre Tag und Nacht die Wittwe stöhnen:
[234]
Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint?
115
Komm her und sieh, wie alle dich verhöhnen,[94]
Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht,
So schäme dich, daß Alle dich verhöhnen. –
118
Verzeih’, o höchster Gott im ew’gen Licht,
Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwärts gewandt dein Angesicht?
121
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug’ entdeckt,
Nach deinem tiefen Rath bereitet werden?
124
Wie voll Italien von Tyrannen steckt![95]
Will sich ein Bauer der Partei verschwören,
Gleich heißt’s von ihm, Marcell sei auferweckt.
127
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,[96]
Da dieser Abschweif nimmer dich berührt.
Nie ließ sich ja dein wackres Volk bethören.
130
Gerechtigkeit hegt Vieler Herz, nur spürt
Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen,
Indeß dein Volk sie stets im Munde führt.
133
Wenn Bürgerämtern Viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Nur her! Ich werd’ nicht krumm dadurch gebogen!
136
Nun freue dich, denn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise –
Ich red’ im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.
139
Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt’ ihr Gesetz wohl werth der Rede sein,
Wie sehr man’s anpreist, neben deinem Preise?
142
Denn dein Gesetz, es ist so klug und fein,[97]
[235]
Daß, hast du’s im October angesponnen,
Zerreißt es im November kurz und klein!
145
Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast über Münz’ und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen?
148
Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,
So mußt du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh’ findet sie auf ihren Kissen nicht,
51
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.
_______________
Siebenter Gesang.
Vorfegefeuer, Schluß. Die Säumigen, d), welche über Staatsgeschäften die Buße vernachlässigten. Die Blumenwiese. Kaiser Rudolph u. a. Fürsten.
1
Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurück: „Sprecht, wer ihr seid?“ –
4
„Eh’ sich zu diesem Berg gewendet haben[98]
Die Seelen, welche Gott zu schauen werth,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.
7
Ich bin Virgil. – des Himmels Eingang wehrt[99]
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde.“
So sprach Virgil, als jener es begehrt.
10
Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, daß man’s ergründe:
13
So schien Sordell – dann neigt’ er das Gesicht,[100]
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.
16
„O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
[236]
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ew’ger Preis der Stadt, die mich erzeugte,
19
Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?
Und wenn ich werth mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?“
22
Virgil darauf: „Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.
25
Nicht Thun, nein, Nichtthun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,[101]
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt,
28
Zu jenen tiefen, nachterfüllten Thalen,[102]
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;
31
Wo um mich her die Schaar der Kindlein stöhnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt;
34
Wo die sind, die mit ird’schem Werth zufrieden,
Die Tugenden bis auf die heil’gen Drei,[103]
Sämmtlich geübt und jede Schuld gemieden.
37
Doch, wenn du kannst, so bring’ uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Läut’rung wahrer Anfang sei.“
40
Und Er: „Ich darf umher und aufwärts schreiten,[104]
[237]
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
So weit ich gehn darf, will ich dich begleiten.
43
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Hölle klimmt.
46
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, führ’ ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen.“ –
49
Virgil: „Wenn’s Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,[105]
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann Jemand sich?“
52
Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: „Nicht hoffe, daß bei Nacht
Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde.
55
Am Steigen hindert sonst dich keine Macht,
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.
58
Hinab zu gehn und rückwärts ist gestattet,
Und irrend rings umher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet.“
61
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
„Wie du versprachst,“ so hört’ ich drauf ihn bitten,
„Geleit’ uns an den angenehmen Ort.“
64
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Thal, das dort den Felsenrand durchschnitten.
67
„Dorthin“, so sprach der Schatten, „laß uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Höhlung theilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn.“
70
Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen[106]
[238]
Felshöh’n und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen.
73
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,[107]
Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum – in dieser Bucht,
76
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine,
Schwänd’ ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Größern unterliegt das Kleine.
79
Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit tausend wunderbar gemischten Düften
Ergötzte sie auch des Geruches Sinn.
82
Salve Regina, tönt’ es in den Lüften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hier innen zwischen Felsenklüften.
85
„Bevor die Sonne ganz zur Rüste geht,[108]
Gehn“, sprach Sordell, „wir nicht hinab zu ihnen;
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,
88
Erkennt ihr besser Aller Art und Mienen,
Als sie im Thale selber, im Gedrang
So vieler großen Schatten, euch erschienen.
91
Der höher sitzt und scheint, als hätt’ er lang
Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der Andern Sang,
94
Ist Kaiser Rudolph, der Italiens Wunden[109]
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So daß es spät durch Andre wird gefunden.
97
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost ertheilt,[110]
[239]
Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet,
Der in die Elb’, in ihr zur Meerflut eilt,
100
Hieß Ott’kar, der, mit Windeln noch umkleidet,
Besser als Wenzeslaus, sein Sohn, erschien,[111]
Der Bärt’ge, der an Ueppigkeit sich weidet.
103
Dort der Stumpfnas’ge scheint zu Rath zu ziehn[112]
Den Güt’gen dort – er ist es, der, geschlagen,
Entblätternd Frankreichs Lilien, starb im Fliehn.
106
Seht ihn die Brust in bitterm Kummer schlagen!
Den Andern seht – zum Bett für sein Gesicht
Macht er die Hand mit Seufzern und mit Klagen:
109
An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,
Den Sohn und Eidam denken sie, deß Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht.
112
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,[113]
Dem Adlernas’gen, singt er im Accord,
Und ragt’ einst hoch in jedem wackren Streben.
115
Und konnt’, als er verstarb, der Jüngling dort,[114]
Der hinten sitzt, den Königsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.
118
Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
[240]
Doch nicht des Vaters bess’res Gut erwerben.
121
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel schlagen,
Weil Er nur sie auf frommes Flehn verleiht.
124
Dem Adlernas’gen ist dies auch zu sagen,[115]
So gut als Petern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,
127
Weil so viel schlechtern Keim sein Same bringt,
Als höher sich Konstanza’s Gatt’ im Preise[116]
Vor Beatricens und Margrethens schwingt.
130
Den König seht von schlichter Lebensweise,[117]
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise.
133
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen[118]
In Montferrat, in Canaveser Land,
136
Um Alessandria’s Tück’ und Krieg beweinen.“
_______________
Achter Gesang.
Vorfegefeuer. Schluß. Abend im Thal der Fürsten. Das Dreigestirn. Die Schlange. Malaspina.
1
Die Stunde war es, die zu stillem Weinen[119]
Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,
[241]
Am Tag, da er verließ die theuren Seinen,
4
Die Liebesleid dem neuen Pilgrim bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.
7
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor,
Und heischt’ Aufmerksamkeit mit einem Zeichen,
10
Und naht’ und hob die beiden Händ’ empor
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.
13
Te lucis ante – diese Worte brachten[120]
Dann ihre Lippen vor, so fromm, so schön,
Daß sie mich meiner selbst vergessen machten.
16
Mit andachtsvollem lieblichen Getön
Stimmt’ ein der Chor zu reichen Wohllauts Fülle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshöh’n.
19
Und nun, o Leser unter leichter Hülle[121]
Such’ jetzt die Wahrheit du mit Blicken klar!
Wiß’, daß nur leis der Schleier sie verhülle!
22
Demüthiglich sah ich die edle Schaar
Nach oben schau’n, erwartungsvoll und schweigend,
[242]
Und sah aus himmlischem Gewölb’ ein Paar
25
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;
28
Grün, wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der grünen Flügel Weh’n gehoben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.
31
Der Eine blieb nah’ über uns, und droben,
Jenseit des Thales, blieb der Andre stehn;
Die Schatten, in der Mitte, sahn nach oben.
34
Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn’ am Uebermaß vergehn.
37
„Dies Paar ist aus Maria’s Schooß gesendet,
Zur Hut des Thales, weil die Schlange naht.“
So sprach Sordell, uns Beiden zugewendet.
40
Und ich, der ich nicht wußt’, auf welchem Pfad,[122]
Ich schaut’ umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Führers Schultern trat.
43
Sordell begann auf’s Neu’: „Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wird’s ihnen sein, euch hier zu schauen.“
46
Ich war im Grund, als ich drei Schritt gethan,
Und nach mir forschend spähn sah ich den Einen,
Als säh’ er ein bekanntes Antlitz nah’n.
49
Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken ließ sie, nah’, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.
52
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
„„Mein edler Richter Nino, welch’ Vergnügen![123]
Hier – nicht bei den Verdammten – find’ ich dich.““
55
Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.
Und Er: „Wann bist du aus dem fernen Meer
[243]
Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?“
58
„„Heut Morgen kam ich aus der Hölle her,““
Entgegnet’ ich, „„und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des künftigen Gewähr.““
61
Ich sah, als ich die Antwort ihm gegeben,[124]
Zurückgetreten den Sordell und ihn,
Erstaunt, als hätt’ ein Wunder sich begeben.
64
Sordell, gekehrt zu dem Virgil, und Nin
Zu Einem, der dort saß am Thalgestade:
„Sieh, Konrad, welche Huld uns Gott verlieh’n!“
67
Und drauf zu mir: „Erwies besondre Gnade
Dir Der, deß erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,
70
So sag’ einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,[125]
Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld thut.
73
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch, wie ehe,
Da sie den Wittwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.
76
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Von Blicken und Berührung wird erregt.
79
Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte
Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
Als sie geschmückt der Hahn Gallura’s hätte.“
82
Er sprach’s, und ihm im Antlitz ausgedrückt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt.
85
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen,
[244]
Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,[126]
Sowie, der Achse nah’, des Rades Kreisen.
88
Mein Führer sprach: „Was blickst du dort hinauf?
Und ich: „„Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen[127]
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf.““
91
Und Er: „Die vier, die dir heut’ Morgen schienen,
Sind tief jetzt unter’m Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell’ erschienen.“
94
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
„Den Widersacher seht!“ Er sprach’s und zeigte[128]
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,
97
Wo sich das kleine Thal geöffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.
100
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
Verdreht empor und leckt’ und putzte sich.
103
Nicht sah ich, und vermag’s nicht auszudrücken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzücken.
106
Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,
Entfloh die Schlang’, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug.
[245]
109
Der Schatten, der, von Nino’s Ruf bewogen,[129]
Sich uns genähert, hatte bei dem Straus
Den Blick von mir doch nimmer abgezogen.
112
„Soll jener Leuchte, die zu Gottes Haus[130]
Dich führt, in deinem Willen und Verstande
Das Oel der Nahrung niemals gehen aus,“
115
Begann er, „laß, wenn von der Magra Strande,
Du wahre Kunde hast, sie werden mir;
Denn wiss’, ich war einst groß in jenem Lande.
118
Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt’ ich stets, doch reiner hier.“
121
„„O,““ sprach ich, „„nimmer noch ist mir’s gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam’ und Werth
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.
124
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herr’n, schallt zu des Landes Preise,
So daß, wer dort nicht war, davon erfährt.
127
Ich schwör’ es dir beim Ziele meiner Reise,
Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
Des Muths, der Gastlichkeit, der edlen Weise.
130
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt’ und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Daß es allein den schlechten Weg verschmäht.““
133
Und Er: „Jetzt geh’, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn’ im Bett an jenem Ort,
Den rings umher des Widders Füß’ umschränken,
[246]
136
So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Nägeln als mit fremdem Wort,
139
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden.“
_______________
Neunter Gesang.
Dante wird im Schlaf vor das Thor des eigentlichen Fegefeuers getragen und erhält Absolution und Einlaß. Lucia. Die sieben P.
1
Schon hob sich Thithons Buhlerin, entgleitend[131]
Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz
Von weißem Licht im Orient verbreitend,
4
Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Thiers Gestaltung zeigen,
Das tödtlich sticht mit seinem gift’gen Schwanz.
7
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht gethan, um sich zum dritten jetzt
Mit ihren Fittigen herabzuneigen:
10
Als meine Sinne, da ich herversetzt,
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank
, wo wir uns gesetzt.
13
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,[132]
16
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
[247]
Im Traumgesicht beinahe göttlich wird.
19
Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen
Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Flügel, um herabzufallen.
22
Mir schien’s der Ort, wo Ganymedes war,[133]
Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrückt ward zu der ew’gen Götter Schaar.
25
„„Er ist gewohnt sich hier herabzuschwingen,““
So dacht’ ich, „„und verschmäht von anderm Ort
Die sich’re Beute sich empor zu bringen.““
28
Ein wenig kreist’ er erst im Bogen dort,
Dann schoß er schrecklich, wie ein Blitz, hernieder,
Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort.[134]
31
Mir schien, ich brenn’, auch brenne sein Gefieder,
Und ganz erglüht von dem erträumten Brand,
Erwacht’ ich jäh aus meinem Schlummer wieder.
34
So fuhr Achill empor im fremden Land[135]
Und drehte die erwachten Blick’ im Kreise,
Weil er nicht wußte, wo er sich befand,
37
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise
Entführt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise:
40
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;
Doch fühlt’ ich Frost sich über mich verbreiten,
Gleich Einem, den der Schreck erstarren macht.
43
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten.
Hoch stand die Sonn’, als ich mich aufgerafft,
[248]
Zwei Stunden schon, ich sah das Meer sich breiten,
46
Da sprach mein Herr: „Nicht sei durch Furcht erschlafft!
Muth, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Verengre nichte – erweitre jede Kraft.
49
Du hast zum Läut’rungsort dich aufgeschwungen.[136]
Den Felsen sieh, der’s einschließt – sieh das Thor
Dort, wo, wie’s scheint, der Stein entzwei gesprungen.
52
Noch glänzt’ Aurora nicht dem Tage vor,
Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Thale dort auf jenem Blumenflor,
55
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.
„„Lucien seht – den Schläfer nehm’ ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.““
58
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;
Sie faßte dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort.
61
Ich folgt’ ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen
Das Thor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen.“
64
Gleich wie wir, wenn uns offenen Gewinn
Die Wahrheit zeigte. Sorg’ und Furcht verjagen,
Von Muth und Lust erfüllt den freien Sinn,
67
So ich – und da mich frei von Angst und Zagen
[249]
Mein Meister sah, so schritt er zu den Höh’n,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen.
70
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöhn,
Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemäß sich aussucht, stark und schön.
73
Wir gingen fort und nahten einem Orte,
Der erst als Felsenspalt’ erschien; doch nah’
Erkannt’ ich in der Oeffnung eine Pforte.
76
Drei Stufen von verschiednen Farben, sah
Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt’ ich einen Pförtner da,
79
Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen;
Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, mußt’ ich’s wieder neigen.
82
Er hatt’ ein nacktes Schwert in seiner Hand,
Und wollt’ ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt’ es her der Sonne Glanz und Brand.
85
„Von dorten sprecht, was mögt ihr hier begehren?“
Sprach er, „wer bracht’ euch bis zu mir empor?“
Habt Acht, sonst wird das Kommen euch beschweren.“
88
Mein Meister drauf: „Uns sagte kurz zuvor
Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Thor!“
91
Da hört’ ich gleich den edlen Pförtner rufen:
„So mögt ihr denn durch Sie zum Heile ziehn;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!“
94
Wir kamen hin – die erste Stufe schien
Von Marmor, weiß, von höchster Glätt’ und Reine,
Drin spiegelt’ ich mich ab, wie ich erschien.
97
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,
Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwärzlich dunkle Bräune.
100
Die dritte höchste Stuf’ erschien mir itzt
Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt.
103
Dem Engel diente sie zur Ruhestelle
Für seine Füß’, und höher saß er dann
Auf der durchsicht’gen diamantnen Schwelle.
106
Mein Führer zog die Stufen mich hinan,
[250]
Und sprach: „Jetzt geh’, ihn flehend zu begrüßen,
Denn Er ist’s, der das Schloß dir öffnen kann.“
109
Demüthig sank ich zu des heil’gen Füßen,
Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich,
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen.
112
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich
Er sieben P auf meine Stirn
und machte
Sie wund und sprach: „Dort drinnen wasche dich.“[137]
115
Noch, wenn ich Asch’ und Erdenstaub betrachte,
Seh’ ich des Kleides Farb’, aus welchem Er[138]
Mit seiner Hand hervor zwei Schlüssel brachte.
118
Von Gold war dieser und von Silber der.
Den weißen sah ich ihn, den gelben drehn,
Und sieh, verschlossen war das Thor nicht mehr.
121
Er sprach darauf: „Trifft einer von den zween
Im Schloß beim Umdrehn irgend Widerstand,
So bleibt die Thüre fest verschlossen stehen.
[251]
124
Mehr Werth hat der von Gold, doch mehr Verstand
Und Kunst wird jener, eh’ er wirkt, bedürfen,
Denn er nur löst das vielverschlungne Band.
127
Beim Oeffnen sollt’ ich eher irren dürfen,
Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß,
Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen.“
130
Er stieß ans heil’ge Thor und sprach zum Schluß:
„So geht denn ein, doch daß euch’s nicht entfalle,
Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß.“
133
Beim Oeffnen drehte so mit lautem Schalle[139]
Die heil’ge Pfort’ in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle,
136
Daß es dem Knarren jenes Thores glich
Beim Berg Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich.
139
Ich horcht’ aufmerksam hin, denn Stimmen sangen[140]
Und ein Te Deum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle süße Tön’ erklangen.
142
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,
War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen,
Und wir von ihrem vollen hellen Klang
145
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.
_______________
Zehnter Gesang.
II. Abtheilung. I. Kreis. Die (noch zu) Stolzen.
1
Kaum war ich innerhalb der Thür der Gnade[141]
Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,
[252]
Der grad’ erscheinen läßt die krummen Pfade,
4
Da hört’ ich, wie sie beim Verschließen klang.
Wie ward’s auch wohl entschuldigt, wie verziehen,[142]
Wenn nach ihr umzuschau’n mich Neugier zwang?
7
Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen,[143]
Der vor und rückwärts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen.
10
„Jetzt gilt es Kunst“, so fing mein Führer an!
„Bald hier, bald dorten angeschmiegt den Seiten,
Wo sie zurückeweichen, zieht die Bahn!“[144]
13
Wir durften drum nur langsam vorwärts schreiten,
Und schon war Luna’s Rand dem Meer genaht,[145]
Schon sah ich sie hinab in’s Bette gleiten,
16
Eh’ wir zurückgelegt den engen Pfad;
Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zurücke trat,
19
Ich matt, und fremd wir Beid’ in diesem Lande,
In Zweifeln stehn an einem ebnen Ort,
Der öd’ war, wie ein Berg in Lybiens Sande.
22
Von wo sein Rand ans Leere gränzt, bis dort[146]
Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort.
25
So weit grad’ aus der Blicke Flügel schweben,
Schien solch ein Raum zur recht’ und linken Hand
Den Berg als Kranz vorspringend zu umgeben.
[253]
28
Wie ich dort still mit meinem Führer stand,[147]
Erkannt’ ich, daß der Felsrand’ uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand,
31
Von weißem Marmor war, und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.
34
Der mit dem Friedensschluß, den längst in Gram[148]
Die Welt ersehnt, auf’s irdische Gefilde,
Den lang verschlossnen Himmel öffnend, kam,
37
Der Engel war dort eingehau’n, und Milde
Und Liebe that so wahr sein Wesen kund,
Daß Niemand glaubt’, es sei ein stumm Gebilde.
40
Man schwor, ein Ave schweb’ auf seinem Mund,
Denn Sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Höchste löst’ im neuen Liebesbund.
43
Es zeigte der Geberde reiner Spiegel
Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt,
Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel.
46
„Was schaust du“, sprach Virgil, „so unbewegt,
Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?“ –
Ich ging zur Seit’ ihm, wo das Herz uns schlägt,
49
Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte;
Und hinter der Maria war der Stein,
[254]
Zur andern Seite dessen, der mich führte,
52
Geschmückt mit andern schönen Schilderei’n.
Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm näher, um zum Schaun bequem zu sein.
55
Der Wagen war, in Marmor eingeschnitten,[149]
Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf’ erlitten.
58
Das Volk voraus, in sieben Chören, sah
Ich jubelnd ziehn, und fragt’ ich: ob sie singen?
So sagt’ ein Sinn mir Nein, der andre Ja!
61
Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen,
Und auch bei diesem Bilde ließen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen.
64
Im Tanze vor der heil’gen Lade her,
Sah ich erhöht in Demuth den Psalmisten,
Der minder hier, als König war, und mehr,
67
Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen,
Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort
Spöttisch bewundernd, sich die Michal brüsten.
70
Darauf bewegt’ ich mich von meinem Ort,
Um weiter hin ein andres Bild zu schauen,[150]
Und sah den edlen Römerherrscher dort
73
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,
Ihn, der zum großen Siege den Gregor
[255]
Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen.
76
Trajan, den Imperator, stellt’ es vor,
Und eine Wittw’, ihm in den Zügel fallend,
Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor.
79
Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend
– So schien’s dem Aug’ – als goldenes Panier
Die Adler drüberhin im Winde wallend.
82
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:
„Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du räche mich, die Rache ziemet dir.“
85
„„So warte, bis ich kehre!““ Dies zu sagen
Schien Er, und Sie darauf: „Und wenn du nun“
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen)
88
„Nicht wiederkehrst?“ – „„So wird’s mein Folger thun!““ –
„Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indeß die Pflicht vergessen ruhn!“ –
91
„„So tröste dich,““ entgegnet’ er der Armen,
„„Bevor ich ziehe, lös’ ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeut’s, mich hält Erbarmen!““ –
94
Sichtbar macht’ Er die Red’, Er, deß Gesicht[151]
Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen;
Nur uns ist’s neu; denn diese Welt kennt’s nicht!
97
Indeß ich mich ergötzte hinzuspähen
Nach solcher Demuth Bildern, deren Werth
Noch Er erhöht, durch welchen sie entstehen,
100
Da flüsterte Virgil, mir zugekehrt:
„Sieh Jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt.“
103
Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten
Mein Streben war, vor Freud’ und Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten.
106
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld[152]
[256]
Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau’ auf seine Huld!
109
Nicht sieh auf dieser Qualen Form und Zeichen;
Denk’ an die Folg’ – im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen.
112
Ich sprach: „„Nur unklar seh’ ich und verwirrt[153]
Was dort sich naht. Sind’s menschliche Gestalten,
Was unstät jetzt vor meinen Augen flirrt?““
115
„Kaum seh’ ich jetzt ihr Bild sich klar entfalten,“
Entgegnet’ Er, „weil erdwärts tief gebückt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten.
118
Sieh, was dort unter Steinen näher rückt,
Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten,
Und siehst genau, was Jeden niederdrückt.“
121
O stolze Christen, o ihr Armen, Matten!
Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, am Geiste blind,
Glaubt ihr vortrefflich geh’ eu’r Lauf von statten.
124
Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind,
Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Deß Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt.
127
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?
Gewürm, das öfters, wenn’s der Pupp’ entflieht,
Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung!
130
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,[154]
Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht,
133
Die im Beschauer wahres Leid erwecken,
[257]
Durch falschen Schmerz – so konnt’ ich jetzo klar
Bei schärferm Hinschau’n Jene dort entdecken,
136
Den mehr, den minder tief gebogen zwar,
Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war,
139
Schien thränenvoll zu sagen: Ich erliege!
_______________
Eilfter Gesang.
I. Kreis. Fortsetzung. Das Vaterunser. Oderisi der Maler und Andere.
1
„O Vater Unser, in den Himmeln wohnend,[155]
Du, nimmer zwar von ihrer Schrank’ umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend, 4 Es preise deinen Namen, deinen Geist, Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden[156] Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist. 7 Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden, Den Keiner je durch eigne Kraft errang, Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden. 10 Gleichwie die Engel beim Hosiannah-Sang Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken, So opfre dir der Mensch des Herzens Hang. 13 Woll’ unser täglich Manna heut uns schenken;[157] Darohn’ zurück auf dieser wüsten Bahn Wir gehn, ob wie auch vorzuschreiten denken. 16 Wie wir, was Andre Böses uns gethan, Verzeihn, o so verzeih’ uns du in Hulden, Und sieh nicht das, was wir verdienen, an. 19 Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden [258] Vom alten Feinde, sondern mache los[158] Von ihm, deß Arglist reizt zu Sünd’ und Schulden. 22 Für uns nicht, theurer Herr, für jene blos, Geschieht, thut Noth die letzte dieser Bitten, Die dort noch sind in unentschiednem Loos.“ 25 So für sich selbst, für uns auch betend, schritten Die Schatten langsam unter schwerer Last, Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten, 28 Im ersten Vorsprung, der den Berg umfaßt; Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast. 31 Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,[159] Was kann für sie von solchen hier geschehn, Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen? 34 Sie unterstütze treulich unser Flehn, Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen Und leicht und rein die Sternenkreise sehn. 37 „Soll Recht und Mitleid euch Erleicht’rung bringen,[160] Um zu dem Ziel, das euch die Sehnsucht zeigt, Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen, 40 So zeigt’ uns jetzo, wo man aufwärts steigt; Weis’t uns den Weg, und gibt es mehr als einen, So lehrt uns den, der minder steil sich neigt. 43 Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen[161] Von Adam her bekleidet und beschwert, Muß wider Willen träg im Steigen scheinen.“ 46 So sprach mein Führer, Jenen zugekehrt, Und diese Rede ward darauf vernommen, Doch wußt’ ich nicht, von wem ich sie gehört: 49 „Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen, Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß Des Lebenden schon anderwärts erklommen. 52 Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß [259] Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen, So daß ich stets zu Boden blicken muß, 55 So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen, Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt, Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen. 58 Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,[162] Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte, Erzeugte mich und ist euch wohl bekannt. 61 Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen, machte So übermühtig mich und stolz und roh, Daß ich nicht mehr der Mutter Aller dachte. 64 Und ich verachtete die Menschen so, Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen Und jedes Kind in Campagnatico. 67 Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen Befleckt den Stolz, er hat auch Alle schier Von meinem Stamm in’s Elend fortgerissen. 70 Bis ich dem Herrn genug that, ruht auf mir Die schwere Last, und was ich dort im Leben Nicht that, das thu’ ich bei den Todten hier.“ 73 Ich horcht’ und ging gesenkten Haupts daneben, Ein Andrer aber, unterm Steine, fing Sich an zu winden, um den Blick zu heben. 76 Er sah, erkannt’ und nannte mich und hing, Kaum fähig doch den Blick vom Grund zu trennen, An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging.[163] 79 „„Du, Odris!““ rief ich, froh ihn zu erkennen,[164] „„Scheinst Gubbio’s Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,[165] [260] Die Miniaturkunst die Pariser nennen.““ 82 „Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei’n,“ Versetzte Jener, „Franks, des Bolognesen,[166] Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Theil nur mein. 85 So edel wär’ ich, lebend, nicht gewesen, Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen. 88 Für solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll; Trug ich nicht lebend noch der Reu’ Beschwerden, Wär’ ich nicht hier, wo man sich läutern soll! 91 O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden![167] Wie wenig dauert deines Gipfels Grün, Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden. 94 Als Maler sah man Cimabue blühn,[168] Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen, Und Jenes Glanz in trüber Nacht verglühn. 97 Den Ruhm der Sprachen nahm in diesen Tagen[169] Ein Guid’ dem andern, und ein Andrer lauscht Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen. 100 Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen, Indem er Seit’ und Namen nur vertauscht. 103 Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen, Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist, [261] Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen, 106 Eh’ tausend Jahr’ entfliehn? – wohl kürz’re Frist[170] Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise Des Himmels deines Augen Blinken ist. 109 Toskana ganz scholl einst von dessen Preise,[171] Der dort vor mir so träg und langsam schleicht, Jetzt flüstert’s kaum von ihm in Siena leise, 112 Wo er geherrscht, als, vom Geschick erreicht, Firenza’s Wuth erlag, der stolzen, kühnen, Der Stadt, die der Verworfnen jetzo gleicht. 115 Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen, Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt, Durch die es blühend aus der Erd’ erschienen! 118 Und ich: „„Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort Und weiß mir trefflich Demuth einzuprägen; Doch sprich: wer geht so schwer belastet dort?“ 121 „Salvani,“ sprach er, „ist es, hier deswegen, Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß, Dem freien Siena Ketten anzulegen. 124 Drum ging er so und geht ohn’ Unterlaß, Seitdem er starb – der Zoll wird hier erhoben Von Jedem, der sich dort zu hoch vermaß.“ 127 Und ich: „„Weilt Jeder, welcher aufgeschoben Bis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid, [262] Dort unten erst und dringet nicht nach oben, 130 Wenn ihm nicht Hülfe gläubig Flehn verleiht, Bis so viel Jahr’, als er gelebt, vergangen,[172] Wie kam denn Er herauf in kürz’rer Zeit?““ 133 Und Er: „Er ist auf Siena’s Markt gegangen[173] Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt, Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen; 136 Nein, weil sein Freund in Carlo’s Haft gelebt, Um Hülf’ ihm und Befreiung zu gewähren, Hat er als Bettler zitternd dort gebebt. 139 Ich red’ unklar, doch wird’s nicht lange währen, So handelt also deine Nachbarschaft, Daß du vermagst, dir Alles zu erklären. 142 Die That hat jene Schrank’ ihm weggeschafft.“ _______________ Zwölfter Gesang. Zum zweiten Kreise. Bilder am Ausgang. Der Engel nimmt dem Dichter das erste P. von der Stirn. 1 Gleichmäßig, wie zwei Stier’ im Joche ziehn,[174] Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten, So lang’ es gut dem süßen Lehrer schien. 4 Doch als er sprach: „Laß ihn, um vorzuschreiten, Hier gilt’s, so viel man immer kann, den Kahn [263] Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!“ 7 Da richtet’ ich mich auf zur weitern Bahn Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange[175] Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn, 10 Und folgte meinem Hort im regen Drange Der Wißbegier und beide zeigten wir, Wie leicht uns war, schon mit dem raschen Gange,[176] 13 Bis daß er sprach: „Zu Boden blicke hier, Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren, Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir.“ 16 Wie, um der Freund’ Erinn’rung zu bewahren, Auf ird’schen Gräbern dargestellt erscheint, Was, die drin ruhen, einst im Leben waren, 19 So daß bei diesem Anblick Jeder weint, Wenn die Erinn’rung schmerzt in frischer Wunde,[177] Die den nur spornt, der’s fromm und redlich meint; 22 So wies der Vorsprung mir, der in der Runde, Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß, Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde.[178] 25 Ihn, edler, als was je der Erd’ entsproß,[179] Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß. 28 Dort aber auf des Weges anderm Theile,[180] [264] In starrem Todesfrost und träg und schwer, Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.[181] 31 Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr, Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend, Bewaffnet noch um ihren Vater her. 34 Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,[182] Erblickt’ ich dann, und wie verwirrt und toll Nach den Genossen seiner Arbeit spähend. 37 Dich Niobe, dich sah ich jammervoll, – Hier sieben Kinder todt, dort andre sieben – Wie jedem Aug’ ein Thränenstrom entquoll. 40 O Saul, du schienst, in’s eigne Schwert getrieben, Todt, wie auf Gilboa, das seit der Zeit Von Thau und Regen unbenetzt geblieben! 43 Arachne, Thörin, einst voll Eitelkeit,[183] Halb Spinn’ jetzt, auf den Fetzen von Gewebe, Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid! 46 Rehabeam – es schien, als ob er bebe, Als ob er, statt wie immer sonst zu drohn, Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe. 49 Man sah Eriphylen sich mit dem Lohn,[184] Für den Verrath am Gatten, frevelnd schmücken; [265] Doch theuer macht ihr das Geschmeid’ ihr Sohn! 52 Sah den Sennacherib – im Tempel zücken[185] Auf ihn die Söhn’ ihr Schwert voll Frevelmuth, Und kehren dem Erschlagnen dann den Rücken. 55 Des Cyrus Tod und der Tomyris Wuth –[186] Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen: Dein Durst war Blut, nun füll’ ich dich mit Blut. 58 Dann der Assyrer Heer – es floh, geschlagen,[187] Nach Holofernes Tod, noch hinterdrein Verfolgt der Feind noch die, so nicht erlagen. 61 O Ilion, wie niedrig und wie klein! Wohl standest du auf Troja’s Fluren dreister, Als hier, in Asch’ und Schutt, auf dem Gestein! 64 Wer war des Griffels und des Pinsels Meister, Der Formen und Geberden ausgedrückt Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister? 67 Mir schien, wie ich dahin ging, tief gebückt, Was todt war, todt, was lebend war, zu leben, Nicht besser hat’s, wer’s wirklich sah, erblickt. 70 Stolzirt nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben, Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben! – 73 Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist, Schon war die Sonne weiter fortgegangen, Als ich bemerkt’ mit dem befangnen Geist: 76 Als Er, deß Fuß und Seele vorwärts drangen, Begann: „Blick’ auf, erhebe Haupt und Sinn! Nicht ist’s mehr Zeit, den Bildern anzuhangen. 79 Ein Engel naht – drum blick’ empor, dorthin! Schon kehrt, von schnellen Fittigen getragen, Zurück des Tages sechste Dienerin.[188] [266] 82 Schmück’ jetzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen, Dann führt er wohl mit Freuden uns empor. Denk’, nie wird dieser Tag dir wieder tagen.“ 85 Und da er mich ermahnt schon oft zuvor, Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor. 88 Das schöne Wesen naht’ – ein weißer Schimmer War sein Gewand; dem Stern des Morgens war Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer. 91 Die Arm’ erschloß er, dann das Flügelpaar, Und sprach: „Komm jetzt, denn nahe sind die Stufen Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr. 94 Nur Wen’ge nahn von Vielen, die berufen. O Mensch, du fällst bei jedes Windes Wehn, Du, den zum Aufflug Gottes Händ’ erschufen.“ 97 Bald ließ er uns des Felsens Oeffnung sehn. Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel Und hieß mich dann gesichert weiter gehn. 100 Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel[189] So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht, Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel, 103 Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht, Die man gebaut in jenen guten Zeiten, Wo sicher war das Maß und das Gewicht; 106 So war der Fels durch Stufen zu beschreiten, Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand, Doch streift man das Gestein von beiden Seiten. 109 Laut klang’s, indem ich dort mich aufwärts wand, „Den geistlich Armen Heil!“ – mit einem Sange,[190] Wie ich so süß noch keinen je empfand. [267] 112 Wie anders war es hier, als bei dem Gange Durch’s Höllenreich. Bei Liedern klomm ich auf Und dort hinab bei wildem Jammerklange. 115 Die heil’gen Stiegen klommen wir hinauf, Und leichter schien mir’s hier, empor zu kommen, Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf. 118 „„Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,““ So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt, „„Daß ich fast mühelos empor geklommen?““ 121 Und Er: „Sind diese P, die zwar noch jetzt[191] Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwinden, Erst, wie das Eine, völlig ausgewetzt, 124 Dann wird den Fuß dein Streben überwinden, So daß ihm Klimmen keine Mühe macht, Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden.“ 127 Da that ich Jenen gleich, die, sonder Acht, Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen, Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht; 130 Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen, Mit dieser suchen, finden und damit Zuletzt erschau’n, was nicht die Augen sehen. 133 Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt Ich an der Stirne hin und, sieh, vergangen War eins der Zeichen, das der Engel schnitt. 136 Da schwebt’ ein Lächeln um des Meisters Wangen. _______________ [268] Dreizehnter Gesang. II. Kreis. Die Neidischen, Blindheit erduldend. Sapia. 1 Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen, Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt, Des Bergs, der läutert, die hinauf gestiegen. 4 Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt, Der, gleich dem ersten, rings die Höh’ umwindet, Nur daß sein Bogen noch sich schneller neigt,[192] 7 Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet, Einförmig man den Weg und das Gestad Nur von des Steines düstrer Farbe findet. 10 „Dafern wir harrten, bis der Führer naht,“ So sprach Virgil darauf, „hier säumig stehend, So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad.“ 13 Dann macht’ er festen Blicks zur Sonne sehend, Für die Bewegung seinen rechten Fuß Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.[193] 16 „O süßes Licht, du flößest den Entschluß Zum neuen Weg mir ein, du führ’ uns weiter,“ Begann er, „wie ein treuer Führer muß. 19 „Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter! Stets wollen wir, wenn Andres nicht befiehlt Besondrer Grund, nur dich zu unsrem Leiter! 22 So viel auf Erden eine Miglie gilt, So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden In wenig Zeit, vom regen Trieb erfüllt. 25 Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden, Gehört, doch nicht gesehn, herbei, und schien Zum Tisch der Lieb’ uns freundlich einzuladen. [269] 28 Der erste Geist rief im Vorüberfliehn:[194] Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn. 31 Und eh’ sie, sich entfernend, ganz verklangen, Da rief: Ich bin Orest! – ein zweiter Geist, Und war im schnellen Flug vorbeigegangen. 34 „„O,““, sprach ich, „„Vater, sage, was dies heißt?““ Da klang die dritte Stimm’ in meine Frage, Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist. 37 Und Er: „Du findest hier des Neides Plage! Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage. 40 Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.[195] Du wirst ihn hören, eh’ im Weitergehen Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt. 43 Versuch’ es jetzo, scharf dorthin zu spähen, Und vor uns wirst du Leute, lang gereiht, Entlang der Felsenhöhlung sitzen sehen! 46 Da öffnet’ ich sogleich die Augen weit, Und sah die Schatten an der Felsenhalle, An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid. 49 Und, näher, hört’ ich sie mit lautem Schalle „Bitte für uns, Maria!“ brünstig schrei’n, „Michael und Petrus und ihr Heil’gen Alle!“ 52 Möcht’ Einer noch so hart und grausam sein, Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen, Hätt’ er, wie ich, gesehn der Armen Pein. 55 Denn als ich nun so nahe hingekommen, Daß ich Geberd’ und Angesicht erkannt, Da ward mein Herz durch’s Auge schwer beklommen. [270] 58 Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;[196] Sie lehnten sich an sich, und ihren Rücken Sie allesammt an jene Felsenwand; 61 Den Blinden gleich, die Noth und Hunger drücken,[197] Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn, Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken, 64 Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn, Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen, Als mit den lauten Jammerworten flehn. 67 Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen Den bangen Schatten, welchen ich genaht, Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen. 70 Gebohrt war durch die Augenlider Draht, Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähend,[198] Der, wild, nicht nach des Jägers Willen that. 73 Mir aber schien es Unrecht, daß ich sehend, Doch ungesehn dort ging, drum wandt’ ich mich Zum weisen Rath, nach seiner Meinung spähend. 76 Er, der sogleich errieth, weswegen ich Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte, Sprach: „Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich.“ 79 An jener Seite, wo der Fels sich senkte, Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war, Weil keine Brustwehr dort den Rand verschränkte; 82 Zur andern Seite saß die fromme Schaar, [271] Und durch die grause Nacht gepreßte Zähren, Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr. 85 „„Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,““ Begann ich nun, „„das einzig euer Traum, Das einzig euer Wunsch ist und Begehren, 88 Die Gnade lös’ euch des Gewissens Schaum[199] Und mache drin auf reinem lautern Grunde Der Seele klarem Fluß zum Strömen Raum. 91 Doch bitt’ ich euch, gebt mir gefällig Kunde: Ist eine Seel’ aus Latium hier? – Ich bin Für sie vielleicht dann hier zu guter Stunde.““ 94 „O Bruder, jede Seel’ ist Bürgerin[200] Von einer wahren Stadt – doch willst du fragen, Ob ein’ in Welschland lebt’ als Pilgerin.“ 97 So schien’s von mir noch etwas fern zu sagen, Daher ich, weil ich fast das Wort verlor, Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen. 100 Und Eine wartete, so kam mir’s vor, Auf Antwort, und, um’s deutlicher zu zeigen Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor. 103 „„Du, die der Qual sich beugt, um aufzusteigen, Warst du’s, die Antwort gab, so magst du mir Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen.““ 106 „Ich war von Siena, und mit diesen hier,“ So sprach sie, „läutr’ ich mich vom Lasterleben Und weinend flehn um Gottes Gnade wir. 109 Sapia hieß ich und ich war ergeben[201] Der Thorheit, denn mir schien der Andern Leid [272] Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben. 112 Doch zweifelst du an meinem tollen Neid, So höre nur! – Die Jugend war verflossen, Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit 115 Als nah’ bei Colle meine Landsgenossen Den kampfbereiten starken Feind erreicht; Da bat ich Gott um das, was er beschlossen. 118 Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,[202] Und ich, erblickend, wie der Feind es jage, Fühl’ eine Lust, der keine weiter gleicht, 121 So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage, Und rufe: „Gott, nicht fürcht’ ich mehr dich jetzt“, Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.[203] 124 Nach Gottes Frieden sehnt’ ich mich zuletzt Am Rand des Lebens, aber meine Schulden Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt, 127 Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden[204] Gedacht in seinem heiligen Gebet; Noch müßt’ ich vor dem Throne harrend dulden. 130 Doch wer bist du, der offnen Auges geht, So scheint’s, um unsern Zustand zu erkunden, Und dessen Athem noch beim Sprechen weht?“ 133 „„Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,““[205] So sprach ich, „„doch ich hoffe kurze Frist, Weil man’s nur selten scheel vor Neid gefunden. 136 Mehr als das Leid, ob deß du traurig bist, [273] Hat Sorge mir die untre Qual bereitet. Schon fühl’ ich, wie die Bürde drückend ist.““ 139 Und Sie: „Wer also hat dich hergeleitet, Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?“ „„Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet. 142 Ich leb’, erwählter Geist, und wenn ich einst Jenseits als Sterblicher für dich bewegen Die Füße soll, so fordre, was du meinst.““[206] 145 „So neu ist, was du sagst,“ sprach Sie dagegen, „Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt. Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen. 148 Ich bitte dich, bei Allem, was dir werth, Wirst du dich je im Tuscier-Land befinden, So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt. 151 Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,[207] Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn; Und wie bei Diana’s Quelle wird er schwinden – 154 Doch setzen mehr die Admiräle dran.“ _______________ Vierzehnter Gesang. II. Kreis. Fortsetzung. Guido del Duca und Rinier de Calboli. Strafrede gegen Florenz und Pisa. 1 „Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht, Eh’ ihn der Tod beschwingt – dem nach Behagen [274] Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?“ – 4 „Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen, Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin, Magst du, damit er red’, ihn höflich fragen.“ 7 So redeten, von mir zur Rechten hin, Zwei Geister dort sich zu einander neigend, Dann um zu sprechen hoben sie das Kinn.[208] 10 „O Seele, die, empor zum Himmel steigend,“ Sprach dann der Eine, „noch im Körper steckt, O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend, 13 Woher? wer bist du? denn solch’ Staunen weckt Die Gnade, die wir an dir schauen sollen, Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt.“ 16 Und ich: „Ein Fluß, der Falteron’ entquollen,[209] Lustwandelt mitten durch das Tuscier-Land, Dem hundert Miglien Laufs nicht g’nügen wollen. 19 Ich bringe diesen Leib von seinem Strand. Doch sagt’ ich, wer ich sei – nicht würd’ euch’s frommen,[210] Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand.““ 22 „Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen, Meinst du den Arno und sein Thalgebiet?“ So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen. 25 Der Zweite sprach darauf: „„Warum vermied Er jenes Flusses Namen zu verkünden, Wie’s sonst mit Grauenvollem nur geschieht? [275] 28 Und Jener sprach: „Nicht kann ich dies ergründen, Doch werth des Untergangs ist jenes Wort, Das nur Erinn’rung weckt an Schmach und Sünden. 31 Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,[211] (Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,) Wo’s wasserreich, wie sonst an keinem Ort, 34 Bis dahin, wo der Fluß mit ew’gen Güssen Das, was dem Meer die Sonn’ entsaugt, ersetzt, Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen – 37 Wird, sei’s durch schlechte Sitt’ und Neigung jetzt, Sei’s, daß der Ort an einem Fluche leide, Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt. 40 Die Menschen drum in diesem Thal voll Leide So gänzlich haben die Natur verkehrt, Als ob sie kämen von der Circe Weide![212] 43 Zu garst’gen Schweinen, mehr der Eicheln werth,[213] Als dessen, was Natur den Menschen spendet, Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt. 46 Dann, wie er weiter seine Wogen sendet, Trifft er ohnmächt’ge kleine Kläffer an, Von welchen er die Stirn unwillig wendet. 49 Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn, Sieht der unselige, verfluchte Graben Die Hund’ an Art sich mehr den Wölfen nahn. 52 In tiefen Klüften scheint er drauf vergraben, Und trifft dann Füchs’, in List so eingeweiht, [276] Daß keine Angst sie vor dem Schlau’sten haben. 55 Frei red’ ich, sei der Hörer auch nicht weit,[214] Und gut wird’s diesem sein, das zu behalten, Was der wahrhafte Geist mir prophezeit. 58 Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten[215] Am grausen Strom, der so zu jagen weiß[216] Die Wölfe dort, daß sie vor Schreck erkalten. 61 Denn er verkauft sie lebend schaarenweis, Dann sticht er sie, gleich altem Schlachtvieh, nieder. Das Leben raubt er Vielen, sich den Preis. 64 Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,[217] Den Wald, gefällt und ringsum öd’ und todt, Und tausend Jahr’ erneu’n sein Laub nicht wieder.“ 67 Wie bei Verkündigung zukünft’ger Noth Des bangen Hörers Züge sich umschatten, Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht, 70 So sah ich jetzo jenen andern Schatten, Der zugehorcht, verstört und bange stehn, Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten. 73 Was ich von dem gehört, von dem gesehn, Mich reizt’ es, ihren Namen nachzufragen, Und bittend ließ ich meine Frag’ ergehn. 76 Und den, der erst gesprochen, hört’ ich sagen: „Du also willst, für dich thun soll ich dies, Was du für mich zu thun mir abgeschlagen? [277] 79 Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ Gott in dir strahlen seine Huld und Güte. Drum wisse, daß ich Guid’ del Duca hieß. 82 Von Neid verbrannt war also mein Geblüte, Daß, wenn ich sah, ein Andrer sei erfreut, Ich schwarz vor Gall’ in bitterm Ingrimm glühte. 85 Hier mäh’ ich Saat, die ich dort ausgestreut. O Sterbliche, was müßt ihr das begehren, Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut![218] 88 Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren Das Haus von Calboli gebracht, deß Muth Und Kraft und Werth die Erben ganz entbehren. 91 Und nicht nur Alle jetzt aus seinem Blut[219] Der Lust und Wahrheit Güter träg versäumen,[220] Vom Po zum Berg, von Ren’ zur Meeresfluth: 94 Das ganze Land ist voll von gift’gen Bäumen! Vergeblich wär’s, durch Anbau, dieser Art Dichtwucherndes Gewimmel wegzuräumen. 97 Wo findt’ ein Lizio heut’, wo ein Manard,[221] Carpigna, Traversaro seines Gleichen? Romagner, ist eur’ jeder ein Bastard? 100 Wer in Bologna mag Fabbro erreichen?[222] [278] Wann in Faënza wird, gleich Bernardin,[223] So edler Sproß aus niedrem Stamm entsteigen? 103 Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,[224] Wenn ich des Guid’ von Prata noch gedenke, Und deß, der mit uns war, des Ugolin, 106 Dann auf Tignoso die Erinn’rung lenke, Auf Traversar’s und Anastasens Haus, Und ob des unbeerbten Stamms mich kränke! 109 Auf Ritter, Frau’n, auf Spiele, Kampf und Straus, Was wir aus Lieb’ und Edelsinn begannen, Wo jetzt die Herzen sind voll Tück’ und Graus! 112 O Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,[225] Da, um zu fliehn Verderben, Schand’ und Hohn, Dein ganzes Haus und Viele mit entrannen! 115 Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn![226] Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohn! 118 Gut werden thun, wird erst ihr Dämon sterben,[227] Faënza’s Herrn, doch nimmer werden sie Des Ruhmes reines Zeugniß sich erwerben. 121 Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie[228] Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen, Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh! 124 Doch jetzt, Toskaner, geh, denn nicht zum Sprechen, [279] Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land, Und preßt mein Herz durch Unthat und Verbrechen.“ 127 Durchs Ohr ward Jenen unser Gehn bekannt,[229] Drum wußten wir, da sie es schweigend litten, Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt. 130 Indem wir einsam nun von dannen schritten, Scholl eine Stimm’ uns zu, eh’ wir’s gedacht, Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten: 133 Mich tödtet, wer mich trifft! sie rief’s mit Macht[230] Und floh im schnellen Flug dann, und verhallte, Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht. 136 Und wie sie kaum an uns vorüberwallte, Braust’ eine zweite schon an unser Ohr, Die schrecklich, wie ein Donnerschlag erschallte: 139 Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror![231] Und als ich an Virgil mich drängen wollte,[232] Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor. 142 Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte, Da sprach Virgil: „Dies ist der harte Zaum, Der auf der rechten Bahn euch halten sollte. 145 Doch winkt des alten Feindes Köder kaum, So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen, Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum. 148 Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen, [280] Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht, Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen, 151 Und deshalb schlägt euch der, der Alles sieht.“ _______________ Fünfzehnter Gesang. Das zweite P. verschwindet unmerklich. III. Kreis, Zornige, im Rauch. Vision der Sanftmuth. Abend. 1 So viel, als, bis zum Schluß der dritten Stunde,[233] Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht, Die wie ein Kindlein tanzt im ew’gen Runde: 4 So viel des Weges hatt’, eh’ noch vollbracht Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen; Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.[234] 7 Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,[235] Schien jetzt die Sonn’ uns mitten in’s Gesicht, Weil wir gerade gegen Westen gingen. 10 Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht[236] Mir auf die Stirn, mich mehr, als erst, zu blenden. Ich staunt’, und was er war, begriff ich nicht. [281] 13 Schnell deckt’ ich mir die Augen mit den Händen,[237] Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden. 16 Gleichwie der Strahl vom Spiegel, von der Flut Zurückprallt, nur, um wieder aufzusteigen, Und dies so, wie er eingefallen, thut, 19 Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen, So hier, wie dort abweicht in gleichem Zug, Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen: 22 So ward mein Auge jetzt in jähem Flug Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte, Drob ich’s in Eile schloß und niederschlug. 25 „„Was, süßer Vater, ist dies? dem Gesichte Will, was ich thue, nicht zum Schutz gedeihn. Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!““ 28 Drauf Er: „Nicht staune, wenn in solchem Schein,[238] Noch blendend dir des Himmels Diener nahen. Ein Bote kommt und läd’t zum Steigen ein. 31 Bald wird, was erst die Augen thränend sahen, Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit, Sie zu empfinden von Natur empfahen.“ 34 Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit: „Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,[239] Als jene sind, die ihr gestiegen seid.“ 37 Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen, Sang’s hinter uns: „Heil den Barmherz’gen, Heil!“ Und wieder klang’s: „Sei froh in deinen Siegen!“[240] [282] 40 Und da wir Beid’ allein, und minder steil Die Treppen waren, dacht’ ich: Noch im Gehen Wird Lehre wohl vom Meister dir zu Theil. 43 „„Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,[241] Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?““ Ich sprach’s, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen. 46 „Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut,“ Sprach drauf Virgil, „will er dich weiser machen, Und tadelt drum, was er nun schwer bereut. 49 Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen, Die Mitbesitz verringert, die durch Neid In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen. 52 Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit Des Menschen Wünsch’ ihr rechtes Ziel erkennen, Wär’ eure Brust von solcher Angst befreit. 55 Je Mehrere dies Gut ihr eigen nennen, Je mehr besitzt des Guts ein Jeder dort, Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen.“ 58 „„Noch fass’ ich nichts,““ versetzt’ ich meinem Hort, Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen In meiner Seel’ erweckt, als jetzt dein Wort. 61 Kann höher je der Reichthum Vieler steigen, Wenn man ein Gut vertheilt, als wenn es nicht Gemeinsam wäre, sondern Einem eigen?““ 64 Und Er: „Weil, nur auf Erdengut erpicht, Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen, Drum schöpfst du Finsterniß aus wahrem Licht. 67 Des Himmels unaussprechlich große Wonnen, Sie eilen so in’s liebende Gemüth, Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen. 70 Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht, Und reicher strömt die ew’ge Kraft hernieder, Je freudiger des Herzens Lieb’ erblüht. 73 Erhebt die Seel’ erst aufwärts ihr Gefieder[WS 7], [283] Liebt mehr’re sie, je mehr zu lieben ist, Denn Eine strahlt den Glanz der andern wieder – 76 Und g’nügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,[242] Durch welche du dann ganz befriedigt bist. 79 Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden[243] Die fünf sich schließen wie das erste Paar; Sie schließen sich, wenn du ihr Weh empfunden.“ 82 Schon wollt’ ich sagen: Deine Red’ ist klar! Da war ich an des andern Kreises Saume, Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war. 85 In einen Tempel schien, von wachem Traume[244] Dahingerissen, meine Seel’ entflohn, Und Leute sah ich viel’ in seinem Raume. 88 Am Eingang schien mit süßem Mutterton[245] Und zärtlicher Geberd’ ein Weib zu sagen: „Was hast du dies an uns gethan, mein Sohn? 91 Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen, Ich und der Vater“ – sprach’s, und wundersam Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen. 94 Drauf vors Gesicht mir eine Zweite kam,[246] Von Zähren naß, die – wohl war’s zu erkennen – Dem Aug’ entpreßte zornerzeugter Gram. [284] 97 Sie rief: „Willst du den Herrn der Stadt dich nennen, Ob deren Namen Götter sich gegrollt,[247] Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen, 100 Dann, Pisistrat, zahl’ ihm der Frechheit Sold, Der’s wagte, deine Tochter zu umfassen!“ Allein der Herr, der liebreich schien und hold, 103 Entgegnet’ ihr, die also rief, gelassen: „Wird Jener, der uns liebt, von uns verdammt, Was thun wir dann an solchen, die uns hassen?“ 106 Dann sah ich eine Schaar, von Zorn entflammt,[248] Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt, Todt! Todt! so schrie’n sie wüthend allesammt. 109 Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt, Deß Last ihn zu der Erde niederrang, Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt, 112 Und fleht empor zu Gott in solchem Drang: „Vergieb der Wuth, die gegen mich entbrannte!“ Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang. 115 Als meine Seele sich nach außen wandte,[249] Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr, Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte, 118 Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir, Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte: „Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir? 121 Bereits seit einer halben Stunde knickte Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach, Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte.“ 124 „„O süßer Vater, hörst du’s an““ – dies sprach Ich drauf zu ihm – „„so will ich dir verkünden, [285] Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach.““ 127 „Ob mir entgegen hundert Masken stünden,“ Entgegnet’ er, „und deckten dein Gesicht, Doch würd’ ich, was du denkst, genau ergründen. 130 Das, was du sahst, du sahst’s, damit du nicht Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,[250] Deß Strom hervor aus ew’ger Quelle bricht. 133 Was ist dir? fragt’ ich nicht, wie der danieden Zu fragen pflegt, deß Auge nicht mehr schaut, Sobald die Seel’ aus seinem Leib geschieden. 136 Die Füße dir zu kräft’gen, fragt’ ich laut, Denn treiben muß man so den wachen Trägen, Den Tag zu nützen, eh’ der Abend graut.“ 139 Wir gingen Beid’ in sinnigem Erwägen Dem Abend zu, und sahn, so weit man kann,[251] Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen. 142 Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran, Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte, Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,[252] 145 Daher er bald uns Aug’ und Himmel deckte. _______________ Sechszehnter Gesang. III. Kreis. Fortsetzung. Marco Lombardo’s Rede von den zwei Sonnen. Dante’s politisches Glaubensbekenntniß. 1 Das Schwarz der Höll’ und einer Nacht, durchfunkelt[253] Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein, [286] Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt, 4 Nie schloß es mich in gröbern Schleier ein, Als jener Rauch, der dorten uns umflossen; Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein. 7 Nicht konnt’ ich stehn, die Augen unverschlossen,[254] Drum nahte sich und seine Schulter bot Mein Führer mir, treu, weis’ und unverdrossen. 10 So wie der Blinde gern in seiner Noth Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen An was Gefahr bringt und vielleicht den Tod, 13 So folgt’ ich ihm, ohn’ etwas zu erkennen, Durch widrig bittern Qualm, und horcht’ auf ihn, Der sprach: „Gieb Achtung, daß wir uns nicht trennen.“ 16 Ich hörte Stimmen dort, und jede schien Um Gnad’ und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen, Ob deß der Herr die Sünden uns verziehn. 19 Agnus Dei, hört’ ich den Anfang tönen, Wobei sich Aller Wort und Weise glich, Und voller Einklang herrscht’ in ihren Tönen.[255] 22 „„Dies sind wohl Geister, Herr!““ so wandt’ ich mich An ihn, und Er: „Es ist, wie du entscheidest; Sie lösen von der Zornwuth Schlingen sich.“ 25 „Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest, Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt, Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?“ 28 Die Rede ward von einem angestimmt, Drum sprach mein Meister: „Stille sein Begehren, [287] Und frag’ ihn, ob man hier nach oben klimmt.“ 31 „„Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren, Sich reiniget und schön wird, wie zuvor, Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!““ 34 So ich, und Er: „Ich schreite mit dir vor, So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden, Führ’ uns im Rauch an Auges-Statt das Ohr.“ 37 Drauf ich: „„Obschon die Hüllen mich umkleiden, Die nur der Tod lös’t, schreit’ ich doch hinauf, Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden. 40 Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf, Daß ich vermag zu ihm empor zu streben, Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,[256] 43 So sage mir, wer warst du einst im Leben, Und ob ich hier die rechte Straße hielt, Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben.““ 46 „Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,[257] Ich kannt’ es wohl und strebte nach dem Preise, Nach welchem jetzt auf Erden Keiner zielt. 49 Grad’ vor dir ist der Weg zum höhern Kreise.“ Er sprach’s: „Noch bitt’ ich dich,“ so fügt’ er bei, „Fürbittend denke mein am Ziel der Reise.“ 52 Und ich zu ihm: „„Bei meiner Treu’, es sei! Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,[258] An dem ich berste, sag’ ich ihn nicht frei. 55 Er war einst einfach, doppelt jetzt empfinde Ich ihn in mir, nach dem was du gesagt, Wenn ich das schon Gehörte mit verbinde. 58 Wahr ist’s, die Welt, so wie du mir geklagt, [288] Ist öd’ an jeder Tugend, jeder Ehre, Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt, 61 Doch daß ich sie erkenn’ und Andern lehre, So bitt’ ich, deute jetzt die Ursach’ mir. Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphäre.““ 64 Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier Laut seiner Brust, und dann begann er: „Wisse, Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr. 67 Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse Der Himmel selber Schuld an Allem sein, Als ob er euch gewaltsam mit sich risse. 70 Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein[259] Von freiem Willen? wie entspräch’s dem Rechte, Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein? 73 Anstoß leih’n eurer Regung Sternenmächte;[260] Nicht jeglicher; jedoch auch dies gesetzt. So ward Erkenntniß euch für’s Gut’ und Schlechte 76 Und freier Wille, der, wenn er auch jetzt Zuerst nur mühsam mit den Sternen streitet, Vom Kampf gestählt, gewißlich siegt zuletzt. 79 Und seid ihr frei, so ist das, was euch leitet, Bess’re Natur und größre Kraft – ein Geist, Dem keine Hindrung mehr ein Stern bereitet. 82 Drum, wenn die Welt mit sich der Irrthum reißt, In euch nur liegt der Grund, liegt in euch Allen, Wie, was ich sage, deutlich dir beweist: – 85 Es kommt aus dessen Hand, deß Wohlgefallen[261] [289] Ihr lächelt, eh’ sie ist, gleich einem Kind, Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen, 88 Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt, Als, daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen, Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind. 91 Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält, Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen. 94 Gesetz, als Zaum, ist nöthig drum der Welt,[262] Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren, Im Auge mindestens den Thurm behält. 97 Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?[263] Kein Mensch, denn seht, ein Hirt, der wiederkaut, Doch nicht gespaltne Klau’n hat, führt die Schaaren; 100 Daher die Heerde, die dem Führer traut, Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert, Nur dies begehrt und nicht nach Höherm schaut. 103 Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert, Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt, Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert. 106 Rom hatte, da’s zum Glück die Welt bekehrt, Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt’ Eine,[264] [290] Die andere den Weg zu Gott verklärt. 109 Verlöscht ward eine von der andern Scheine, Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand Gefaßt im übel passenden Vereine. 112 Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,[265] Sich Hirtenstab und Schwert – du kannst’s begreifen, Denn an den Früchten wird der Baum erkannt. 115 Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen,[266] Eh’ man dem Kaiser Widerstand gethan, Stets edle Sitt’ und Kraft und Tugend reifen. 118 Jetzt finden, die den Guten sich zu nahn Und sie zu sprechen, sich erröthend scheuen, In jenem Land vollkommen sichre Bahn. 121 Die alten Zeiten schelten dort die neuen Noch durch drei Greise von der ächten Art, Die, harrend, sich des nahen Todes freuen. 124 Konrad Pallazzo ist es und Gherard[267] Und Guid’ Castel, der besser heißen würde Nach fränk’scher Art: der ehrliche Lombard. 127 Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,[268] Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt, [291] In Koth besudelnd sich und ihre Bürde.“ – 130 „„Mein Marco,““ sprach ich, „„klares Licht empfängt Durch deine Rede jetzt mein Geist – ich sehe[269] Was aus der Erbschaft Levi’s Stamm verdrängt. 133 Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe Als Denkmal noch versunkner guter Zeit, So, daß er dieser Zeit Verderbniß schmähe?““ 136 „Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?“ So Er: "Du, Tuskisch sprechend, thust dergleichen, Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit? 139 Den Namen kenn’ ich, sonst kein andres Zeichen, Wenn man’s von seiner Gaja nicht entnimmt,[270] Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen. 142 Sieh, wie im weißen Glanz der Rauch entglimmt. – Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten; Ich scheid’, eh’ er mich wahr hier sprechend nimmt.“ 145 Er sprach’s, und horchte nicht mehr meinen Worten. _______________ Siebenzehnter Gesang. Vision der Bilder des Zorns. IV. Kreis: Träge Christen, eilig laufend. Abend. Excurs über die moralische Eintheilung des Fegefeuers. 1 Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte Auf Alpenhöh’n, durch den, wie durch die Haut Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte, 4 Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut, Nun dünn wird und beginnt sich zu erhellen, Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut; [292] 7 Und doch vermagst du kaum dir vorzustellen, Wie ich die Sonn’ jetzt wiedersah, die sich Jetzt eben senken wollt’ ins Bett der Wellen. 10 So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich Ich aus der Wolk’, als wie aus dunkler Klause, Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich. 13 O Phantasie, die du aus ihrem Hause[271] Weithin die Seel’ entrückst, daß man’s nicht spürt, Ob rings umher Trompetenschall erbrause, 16 Was regt dich auf, wenn nichts dein Sinn berührt? Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder Oft selber strömt, oft auch ein Wille führt. 19 Die Arge sah ich, die sich im Gefieder[272] Des Vogels barg, der ewig Reu’ und Gram Verhaucht im Klang der süßen Klagelieder. 22 Und ganz zurückgedrängt ward wundersam Hier meine Seel’ in sich, zu nichts sich neigend, Und nichts aufnehmend, was von außen kam. 25 Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,[273] Ein Mann am Kreuz, so trotzig stolz, wie er Im Leben war, sich auch im Tode zeigend. 28 Ich sah dabei den großen Ahasver, Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen, In Wort und That – sie standen um ihn her. 31 Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen, Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein Im Wasser glänzt, wenn sie emporgeschwommen. 34 Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein.[274] [293] „O Fürstin, Mutter!“ rief die Thränenvolle, „Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein! 37 Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle. Bin ich nun dein? Vor seinem Tode zwingt Der deine mich zu bittrem Thränen-Zolle.“ 40 Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt, Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen, Doch eh’ er ganz erstirbt, sich sträubt und ringt, 43 So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen, Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar, Wie’s nie zur Erde strömt aus Himmelshallen. 46 Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war, Als eine Stimm’ erklang: „Hier müßt ihr steigen!“ Und ich vergaß des Andern ganz und gar. 49 Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen, Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt, Die Unruh’ nicht in meinem Innern schweigen. 52 Wie von der Sonne, die den Blick beschwert, Durch zu viel Licht ihr eignes Bild bedeckend, Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt. 55 „Ein Himmelsbot’ ist’s, uns den Weg entdeckend, Der aufwärts führt, auch ohne daß wir flehn, Und selber sich in seinem Licht versteckend. 58 Wie wir uns selber thun, ist uns geschehn;[275] Denn wer die Noth erblickt und harrt der Bitte, Ist böslich schon geneigt, sie zu verschmähn. 61 Auf! solchem Rufe nach mit raschem Tritte![276] Wir müssen aufwärts, eh’ das Dunkel naht, Sonst sind gehemmt bis Morgens unsre Schritte.“ 64 Mein Führer sprach’s, worauf zum Felsgestad’ Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen, Und wie ich auf die erste Stufe trat, [294] 67 Fühlt’ ich ein Weh’n, wie von bewegten Schwingen,[277] Im Angesicht, und laut erklang’s, mir nah’: „Heil den Friedfert’gen, die den Zorn bezwingen.“ 70 Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah Ich über uns, gefolgt von nächt’gen Schatten. Und schon erschienen Sternlein hier und da. 73 „„O, meine Kraft, was mußt du so ermatten!““[278] So sprach ich still bei mir, denn ich empfand, Daß sich gelöst der Füße Kräfte hatten. 76 Wir waren auf der höchsten Stufe Rand, Und standen fest, wie angeheftet, dorten, Gleich einem Kahn in des Gestades Sand. 79 Aufmerksam lauscht’ ich erst nach allen Orten, Ob nichts zu hören sei, und wandte nun Zu meinem Meister mich mit diesen Worten: 82 „„Mein süßer Vater, sprich, welch übles Thun Führt uns zur Läuterung in diesem Kreise? Laß nicht die Rede, gleich den Füßen, ruhn.““ 85 „Trägheit zum Guten,“ Sprach darauf der Weise Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst; Hier wird der träge Rudrer schnell zur Reise. 88 Merk’ auf, damit du’s deutlicher erfährst, Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe. Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst: – 91 Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe,[279] [295] Noch war es je. Du weißt, in der Natur Und in der Seel’ entkeimen ihre Triebe. 94 Nie irrt die erste von der rechten Spur. Die zweite kann im Gegenstande fehlen, Und bald zu stark sein, bald zu lässig nur. 97 Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen, Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt, Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen. 100 Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie bald Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen, So thut dem Schöpfer das Geschöpf Gewalt. 103 So muß die Liebe, wie du wirst erkennen, In euch die Saat zu jeder Tugend streu’n, Doch auch zu Allem, was wir Laster nennen. 106 Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden, Drum hat kein Ding den Selbsthaß je zu scheu’n! 109 Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden Und ohne dieses für sich selbst bestehn, Muß dies zu hassen jeder Trieb vermeiden.[280] 112 Drum kannst du, folgr’ ich richtig, deutlich sehn: Am Nächsten nur hat Liebe man zum Schlimmen, Sie kann aus dreifach schmutz’gem Quell entstehn. 115 Der hofft zur Herrlichkeit empor zu klimmen Durch Andrer Fall, und dieses muß zur Lust, [296] Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen. 118 Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust Scheut der, wenn sich ein Andrer aufgeschwungen, Und liebt das Gegentheil mit banger Brust. 121 Der ist entrüstet von Beleidigungen, Drob Durst nach Rach’ in ihm sich offenbart, Bis ihm dem Andern weh zu thun gelungen. 124 Ob dieser Liebe von dreifacher Art Weint man dort unten – jetzt vernimm von Liebe, Die nicht durch rechtes Maß geregelt ward. 127 Nach einem Gute strebt mit dunklem Triebe Der Mensch, und fühlt, daß seiner Wünsche Glut, Erreicht er’s nicht, ihm unbefriedigt bliebe. 130 Die träge Lieb’ ist’s zu dem wahren Gut, Die säumt, es zu erschau’n, es zu erringen, Die hier nach echter Reue Buße thut.[281] 133 Gut scheinen andre Güter, doch sie bringen Nicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht, Aus welchen Früchte wahren Heils entspringen. 136 Die Lieb’, auf solches Gut zu sehr erpicht, Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren;[282] Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht, 139 Das sollst du selbst dir suchen und erklären.“ _______________ Achtzehnter Gesang. Fortsetzung des Excurses über die Liebe. Die Schatten. Albertus von S. Zeno. 1 Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre Ein Ziel gesetzt, und blickt’ aufmerksam mir Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre. 4 Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr, Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im Stillen: „Beschwert ihn wohl zu viele Wißbegier?“ 7 Doch der wahrhafte Vater, der den Willen, [297] Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt Mir neuen Muth, des Sprechens Lust zu stillen. 10 Drum ich: „„Dein Licht, mein theurer Meister, letzt Mein Auge so, daß es an allen Dingen, Die du beschreibst, klar schauend sich ergötzt. 13 Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen. Was ist doch jene Lieb’ – ich bitte, sprich! – Aus welcher gut’ und schlechte Werk’ entspringen?““ 16 „Scharf richte deines Geistes Aug’ auf mich,“ Versetzt’ er, „und den Irrthum jener Blinden, Die sich zu Führern machen, lehr’ ich dich. 19 Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,[283] Bewegt sich schnell zu Allem, was gefällt, Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden. 22 Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt, Faßt der Begriff, dem Willen es zu zeigen, Der dann dorthin nur sich gerichtet hält. 25 Und diese Richtung, dies Entgegenneigen, [298] Lieb’ ist es, ist Natur, die dem, was schön Und reizend ist, sich hingiebt als ihm eigen. 28 Dann, wie die Flamm’ emporglüht zu den Höhn, Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,[284] Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn, 31 So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben, Der geistigen Bewegung, die nicht ruht, Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben. 34 Drum sieh, wie noth die Wahrheit Jenen thut, Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen, Jedwede Lieb’ an sich sei recht und gut. 37 Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen; Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist Das Bild, drin abgedrückt, noch nicht deswegen.“ 40 Drauf ich: „„Dein Wort und mein folgsamer Geist, Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen, Obgleich der Geist noch zweifelsschwanger kreist. 43 Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb’ entstehen, Lenkt die Natur die Seele, wie ist’s dann Verdienstlich, ob wir krumm, ob grade gehen?““ 46 „Hör’ jetzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,“[285] So Er, „dort stellt Beatrix dich zufrieden, Denn jenseits fängt das Werk des Glaubens an. 49 Die wesentliche Form – sie ist geschieden Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden. 52 Sie kann, nicht fühlbar bis sie wirkt und schafft, Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren, Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft. 55 Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären, Woher zuerst in ihm Begriff’ entstehn, Woher das erste Sehnen und Begehren. 58 Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn, Die Bien’ erhielt, so habt ihr es erhalten, Das nicht zu loben ist und nicht zu schmähn. [299] 61 Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rath giebt, walten, Und sie, der andern Haupt und Herrscherin, Soll Wach’ an eures Beifalls Schwelle halten. 64 Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn, Nimmt, wie euch gut’ und schlechte Lieb’ entzündet, Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin. 67 Drum haben Jene, so die Sach’ ergründet,[286] Die angeborne Freiheit wohl bedacht, Und euch die Lehren der Moral verkündet. 70 Mag wirklich nun im Innern, angefacht Von der Nothwendigkeit, die Lieb’ entbrennen, So habt ihr doch auch sie zu zügeln Macht. 73 Die edle Kraft wird Beatrice nennen, Wenn sie dir kund vom freien Willen thut, Drum merk’ es, um des Wortes Sinn zu kennen.“ 76 Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,[287] Kam jetzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend, Gleich einem Kessel anzusehn von Glut, 79 Den Pfad dem Himmelslauf entgegen lenkend, [300] Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglüht, Inmitten Sard’ und Cors’ ins Meer sich senkend. 82 Der edle Geist, ob deß im Ruhme blüht[288] Pietola vor Mantua’s andern Orten, War jetzt nicht mehr durch meine Last bemüht. 85 Ich, der die Zweifel all in seinen Worten Gelöset sah, und alles hell und klar, Stand wie ein Schläfriger hinbrütend dorten.[289] 88 Doch plötzlich naht’ im Kreislauf eine Schaar,[290] Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten, Da sie bereits in unserm Rücken war. 91 Und wie Böotiens Flüss’ in nächt’gen Schatten[291] Ein wild Gedräng’ an ihrem Strande sahn, Wenn die Thebaner Bacchus nöthig hatten, 94 So sah ich Jen’ im Kreise trabend nahn Und alle trieb – so wollte mir’s erscheinen – Die rechte Lieb’ und wackrer Eifer an. 97 Und schon bei uns, denn zögern sah ich Keinen, War angelangt der ganze große Hauf’. Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen: 100 „Rasch zum Gebirge ging Mariens Lauf![292] [301] Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen,[293] Umschloß Marseill’ und brach nach Spanien auf.“ 103 „Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,“ Schrie’n Alle nun, „es macht der rege Fleiß Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen.“ 106 „O Ihr, in denen Eifer scharf und heiß Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet, Was ihr versäumt, wohl zu ersetzen weiß, 109 Der, welcher lebt – nicht sag’ ich Lügen – trachtet Emporzusteigen, wenn der Morgen wach, Drum sagt den Weg, den ihr den nächsten achtet.“ 112 Mein Führer sagte dies, und Einer sprach: „Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten Zur Schluft, euch durchziehn läßt, so folgt uns nach. 115 Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten, Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht, Was für uns Pflicht ist, für unhöflich halten. 118 Ich übt’ in Zeno’s Haus des Abtes Pflicht,[294] Unter des guten Rothbart Herrscherstabe, Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht. 121 Und Einer, schon mit einem Fuß im Grabe, Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald, Daß er gehabt dort Macht und Ansehn habe, 124 Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt, Noch mehr verpfuscht am Geiste, schlecht geboren, Anstatt des wahren Hirten dort bestallt.“ – 127 Ob er noch sprach? ob schwieg? – vor meinen Ohren Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton. [302] Doch merkt’ ich dies, und hab’ es nicht verloren. 130 Und Er, in jeder Noth mein Helfer schon, Sprach: „Sieh dorthin, woher die beiden kommen, Die Trägheit scheuchend und ihr selbst entflohn.“ 133 Sie riefen Jenen nach: „Erst umgekommen[295] War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß, Bevor der Jordan seine Herrn bekommen! 136 Und Jenes, das die edle Müh’ verdroß,[296] Bis an sein Ziel Aeneen zu begleiten, Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Troß.“ 139 Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten, Als ein Gedank’ aufs Neu’ in mir entstand, Und dieser Erste zeugte bald den Zweiten, 142 Dem sich verwirrt der Dritte, Viert’ entwand, Bis wonnig mir die Augenlider sanken; Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand, 145 Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken. _______________ Neunzehnter Gesang. Vision der Weltlust und der Gnade. V. Kreis, Geizige und Verschwender, (22, 34), an der Erde, gefesselt. Fünfter Morgen der Reise. Das vierte P verschwindet. Papst Hadrian V. 1 Wenn – von der kalten Erde überwunden,[297] Auch vom Saturn – den Nachtfrost zu durchlau’n, Der Tagesglut die Kraft dahin geschwunden; 4 Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grau’n,[298] [303] Auf Wegen, drauf die Nacht bald wird vergehen, Ihr „großes Glück“ die Geomanten schau’n: 7 Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,[299] Ganz fahl, verstümmelt, stotternd, krumm gebückt, Und schielend sah ich sie die Augen drehen. 10 Ich schaut’ auf sie – wie der, den Nachtfrost drückt, Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen, So wurde sie von meinem Blick durchzückt. 13 Schnell sprang das Band, das ihre Zung’ umsponnen; Sie richtete sich auf; ein rother Schein, Färbt’ ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen. 16 Kaum fühlte sie die Zunge sich befrei’n, Als sie ein Lied begann, so holden Sanges, Daß ich auf nichts horcht’ als auf sie allein. 19 „Ich, der Sirenen süßeste,“ so klang es, „Ich bin’s, durch die vom Weg der Schiffer schweift; Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges. 22 Mir folgt’ Ulyß, der lang umhergestreift,[300] Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren, Verläßt mich Keiner, der mich ganz begreift.“ 25 Noch hört’ ich in der Luft die Töne schwirren, Da trat geschwind ein heil’ges Weib mir nah’, Die Sängerin beschämend zu verwirren. 28 „Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?“ Sie rief’s mit Streng’, als sie dies Weib entdeckte, Indeß er fest nur Ihr ins Auge sah. [304] 31 Sie aber riß das Kleid, das Jene deckte, Ihr vorn entzwei, daß mir der Leib erschien, Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte. 34 Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn. „Schon dreimal rief ich dich,“ begann der Weise. „Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung ziehn.“ 37 Ich richtete mich auf, und alle Kreise Des heil’gen Bergs erfüllte Morgenpracht, Und leuchtet’ hinter uns zu unsrer Reise.[301] 40 Ich folgt’ ihm nach, und neigte, ganz erwacht, Die Stirn, wie Einer, der in schweren Sinnen[302] Sich selbst zum halben Brückenbogen macht. 43 „Kommt, hier steigt auf!“ So hört’ ich’s nun beginnen, Mit Tönen, wie sie nie im ird’schen Land So huldvoll und so süß das Herz gewinnen. 46 Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt, Winkt’ uns der Engel vor, und beide gingen Wir durch des Felsens enge Doppelwand. 49 Er weht’ uns an mit den bewegten Schwingen,[303] Und sprach: „Heil dem, der stark das Leid erträgt, Denn reichen Trost wird seine Seel’ erringen.“ 52 „Was hast du, das dich immer noch erregt? Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?“ So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt. 55 „„Ein neu Gesicht – noch seh’ ich die Geberden““ – Versetzt’ ich, „„macht mich so in Zweifeln gehn! Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden.““ 58 „Die alte Hexe – hast du sie gesehn, Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,“ [305] Sprach Er, „und wie man’s macht, ihr zu entgehen? 61 Doch weiter jetzt. Schau auf! das mächt’ge Kreisen[304] Der Himmel in des Königes Gebiet, Des ew’gen, will dir andre Lockung weisen! 64 Wie erst der Falk auf seine Klauen sieht, Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden, Sich streckt, und fliegt, wohin die Beut’ ihn zieht; 67 So ich – so klomm ich zwischen Felsenwänden, Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund, Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden. 70 Und als ich frei im fünften Kreise stund, Da lagen Leute, die sich weinend plagten,[305] Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund. 73 „Ach! meine Seele klebt’ am Staube!“ klagten Sie All’ und ihrer Seufzer laut Getön, Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten. 76 „Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen, O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höh’n?“ 79 „Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen, So nehmt nur, links den Felsen, euren Lauf, Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen.“ 82 So bat Virgil und so versetzt’ es drauf Nicht weit von uns, und, schnell errathend, klärte Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf. 85 Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte, Stimm’ er mit frohem Winke gern mir bei, Ich möge thun, was mein Gesicht begehrte. 88 Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei, So sucht’ ich ihn, deß Wort den Sinn verborgen: [306] Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei. 91 Und sprach: „„O Geist, für den des Heiles Morgen Durch Thränen früher tagt, o laß für mich Ein wenig ab von deinen größern Sorgen. 94 Wer warst du, und was kehrt dein Rücken sich Empor? und dort, woher ich, noch im Leben, Gekommen bin, dort bitt’ ich dann für dich.““ 97 „Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben, Bald hörst du’s,“ sprach er, „doch vernimm zuvor: Mir waren Petri Schlüssel übergeben.[306] 100 Bei Sestri rollt aus einem Thal hervor Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen Zu seinem ersten Titel sich erkor. 103 Ich fühlt’ als Papst fünf Wochen lang, daß Einen, Der rein die Stola hält, sie so beschwert, Daß leicht wie Flaum all’ andre Bürden scheinen. 106 Und leider ward ich nur zu spät bekehrt; Doch als ich zu dem heilgen Stuhl gelangte, Da ward ich von des Lebens Trug belehrt. 109 Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh’ erlangte, Daß jenes Leben mir nichts Höh’res bot, Daher ich heiß nach diesem nur verlangte. 112 Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott, Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven, Dafür sieh mich bestraft mit dieser Noth. 115 Die Läut’rungsqualen, die mich hier betrafen, Thun dir des Geizes Art und Wesen kund, Und auf dem Berg gibt’s keine härtern Strafen. 118 Wie einst das Auge nicht nach oben stund, Und nur gefesselt war von ird’schen Dingen, So drückt’s Gerechtigkeit hier an den Grund. 121 Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen, Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt, So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen 124 Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt; [307] So liegen wir bis uns der Herr die Glieder Einst wieder löst, hier unbeweglich fest.“ 127 Antworten wollt’ ich ihm und kniete nieder,[307] Doch da ich sprach, und er durch’s Ohr erkannt, Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder: 130 „Was kniest du hier?“ Und ich drauf: „„Ich empfand[308] Ob deiner Würde Vorwürf’ im Gewissen, Daß ich vor dir noch grad’ und aufrecht stand.““ 133 „Bruder, steh’ auf!“ – so Er – „du mußt ja wissen, Dein Mitknecht bin ich nur von Eines Macht, Dem du und ich und All’ uns beugen müssen. 136 Und hattest du des heil’gen Spruches Acht:[309] Sie freien nicht, so wirst du dir erklären, Was ich bei meiner Rede mir gedacht. 139 Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren, Die früher mir – denk’ an dein eignes Wort –[310] Das Morgenlicht des ew’gen Heils gewähren. 142 Alagia, eine Nichte, hab’ ich dort,[311] Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben Sie der Verwandten übles Beispiel fort. 145 Und sie allein ist jenseits mir geblieben.“ _______________ [308] Zwanzigster Gesang. Fortsetzung. Hugo der Große (Capet). Rede von der Würde des Papstthums an sich. 1 Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,[312] Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund, Weil Er es wünscht’, ohn’ erst den Durst zu stillen. 4 Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund[313] Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade, Gleich engem Steg am Mauer-Zinnen-Rund.[314] 7 Denn jene Schaar, die sich im Thränenbade[315] Vom Uebel, das die Welt erfüllt, befreit, Versperrt’ uns mehr nach außen hin die Pfade. 10 Du alte Wölfin, sei vermaledeit! Kein Thier erjagt sich Beute gleich der Deinen, Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit. 13 O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,[316] Der Erde Sein und Zustand wandeln soll, Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen? – 16 Wir gingen langsam fort und mühevoll, Ich horchend, als aus jener Schatten Mitte Ein jammervoller Klageton erscholl. [309] 19 „Maria, süße!“ klang’s vor meinem Schritte,[317] Und wie ein kreisend Weib zu jammern pflegt, So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte. 22 „Du warst so arm!“ so sagt’ es dann bewegt, „Der Armuth sehn wir jene Kripp’ entsprechen, In welche du die heil’ge Frucht gelegt.“ 25 „Fabricius, Wackrer!“ hört’ ich’s weiter sprechen,[318] „Tugend mit Armuth schien dir mehr Gewinn, Als der Besitz des Reichthums mit Verbrechen.“ 28 Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn, Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken Sie ausgesprochen, wandt’ ich mich dahin. 31 Und weiter sprach er noch von den Geschenken, Die Nicolas gemacht den Mägdelein,[319] Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken. 34 „„O Geist, der du so wohl sprichst,““ fiel ich ein, „„Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde Erneust du hier so würd’ges Lob allein?[320] 37 Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde, Kehr’ ich zurück zum Rest der kurzen Bahn Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde.““ 40 Und Er: „Nicht will von dort ich Hülf’ empfahn,[321] Doch red’ ich, denn mir strahlt im hellen Lichte Die Huld, die Gott dir vor dem Tod gethan. 43 Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte[322] [310] Umschattung hüllt die ganze Christenheit, Von dem man selten nur pflückt gute Früchte. 46 Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit, Wenn Macht Gent, Brügge, Lill’ und Douais hätten, Auch bitt’ ich drum des Herrn Gerechtigkeit. 49 Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten, Philipp’ und Ludwige, die auf dem Thron Des schönen Frankreichs neuerdings sich betten. 52 Als ich lebt’ in Paris, ein Metzgersohn, Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen Und nur noch Einer lebt’ in Schmach und Hohn, 55 Da macht’ ich mir des Reiches Zaum zu eigen, Und so vermehrt’ ich meine Macht alsdann, So sah ich sie durch Land und Freunde steigen, 58 Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann, Von welchem nach dem Walten ew’ger Mächte Die Reihe der Gesalbten dort begann. 61 Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte Der Meinen nicht die heil’ge Scham entriß, Galt’s wenig zwar, allein vermied das Schlechte. 64 Seitdem verübt’ es That der Finsterniß, Log, raubt’ und stahl, worauf’s aus Reu’ und Buße, Die Normandie und Ponthieu an sich riß. 67 Karl kam nach Welschland, und, aus Reu’ und Buße, Köpft’ er den Konradin, und sandte drauf Den Thomas heim zu Gott, aus Reu’ und Buße. [311] 70 Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,[323] Damit man möge besser noch erkennen, Was seines Stammes Art, aus Frankreich auf. 73 Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen, Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir, Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen. 76 Nicht Land, nur Sünd’ und Schmach gewinnt er hier, Und trägt er sie gar leicht und unbefangen, So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr. 79 Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,[324] Verschachert, wie die Sclavin der Corsar, Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen. 82 O Habgier, was vermagst du nicht! Sogar Sein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar. 85 Doch ist der Frevel schon in Nichts verschwunden![325] [312] Ich seh’ Alagna, wo die Lilie weht! Seh’ im Statthalter Christum selbst gebunden. 88 Seh’ ihn darauf verspottet und geschmäht! Seh’ ihm auf’s Neue Gall’ und Essig bieten! Seh’ ihn, der unter Räubern dann vergeht! 91 Den grimmigen Pilatus seh’ ich wüthen,[326] Seh’ nimmersatt und ohne Freibrief ihn Brechen mit gier’ger Hand des Tempels Frieden! 94 O Herr des Himmels! Wann wird mir verlieh’n, Daß ich seh’ freudenvoll die Rache tagen, Die deine Langmuth ließ bisher verziehn? 97 Du hörtest mich vorhin von Jener sagen,[327] Die einzig ist des heil’gen Geistes Braut, Und dies bewog dich, nach dem Grund zu fragen. 100 Von ihr erklingt das Flehen leis und laut[328] Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen Tönt uns’re Klage, wenn die Nacht ergraut. 103 Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,[329] Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb Und ein Verräther aus Begier nach Schätzen; 106 Des Midas

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