Stunde der Auferstehung (I)
Die heilige Jungfrau war von der Auferstehung ihres Sohnes vollkommen überzeugt, da er sie ganz offen voraussagte; sie kannte aber nicht die Stunde, die in der Tat nirgendwo festgelegt war. Sie verbrachte daher die Nacht des Karsamstags, die ihr sehr lang vorkam, im Nachdenken über die mögliche Stunde der Auferstehung; Da sie wusste, dass David, mehr als die anderen Propheten, über die Passion des Messias gesprochen hat, überflog sie die Psalmen, fand aber keine Zeitangabe darüber. Doch im 56. Psalm sagt David: "Wach auf, meine Seele, wacht auf, Harfe und Saitenspiel! Ich will das Morgenrot wecken." Nun kannte die heilige Jungfrau die Stunde der Auferstehung, und ihr könnt euch denken mit welchem Eifer sie aufstand, um nachzusehen, ob das Morgenrot schon erschien. Da sie es nicht sah, schloss sie den Psalter und vergewisserte sich, ob nicht andere Propheten die Stunde der Auferstehung erwähnten. Und im Buch Hosea, im sechsten Kapitel, fand sie diesen Text: "Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf, und wir leben vor seinem Angesicht. Lasst uns Streben nach Erkenntnis des Herrn. Er kommt so sicher wie das Morgenrot."
Stunde der Auferstehung (II)
Die heilige Jungfrau Maria erhob sich und sagte: "Diese Zeugen über die Stunde der Auferstehung meines Sohnes genügen mir ...", sie blickte aus dem Fenster und sah, dass das Morgenrot erschien. Ihre Freude war gross: "Mein Sohn wird auferstehen". Dann beugte sie die Knie und betet: "Erwache, komm zu mir und sieh, und Du Herr, Gott Sabaoth, erwache." Und sogleich sandte Jesus ihr den Engel Gabriel, zu dem Er sagte: "Du, der du meiner Mutter die Menschwerdung des Wortes verkündet hast, verkünde ihr Seine Auferstehung." Alsbald flog der Engel zur heiligen Jungfrau und sprach: "Freue dich, Königin des Himmels, der, den du in deinem Schoss zu tragen würdig warst, ist auferstanden, wie Er gesagt hat." Und Christus grüsste seine Mutter, mit den Worten: "Friede sei mit dir..." Da antwortete Maria ihrem Sohn: "Bis jetzt, mein Sohn, hielt ich den Samstag in Ehren, um den Tag nach der Schöpfung zu heiligen; von nun an wird es der Sonntag sein, in Erinnerung an Deine Auferstehung und Deine Herrlichkeit." Und Jesus hiess es gut.
Stunde der Auferstehung (III)
Christus erzählte Maria, wie er in der Unterwelt Satan gefesselt hat und stellte seiner Mutter die Patriarchen vor, die er aus dem Totenreich erlöst hat. Sie alle verneigten sich tief vor ihr. Ihr könnt euch das Gefühl von Adam und Eva vorstellen, als sie zur heiligen Jungfrau Maria sagten: "Gesegnet seist du, unsere Tochter und Unsere Liebe Frau, du, über die der Herr zur Schlange sprach: "Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau." Eva fügte hinzu: "Ich habe durch meine Schuld das Tor zum Paradies verschlossen, du aber, Gnadenvolle, hast es wieder geöffnet." Und ein Prophet nach dem anderen, sagte zu ihr: "Ich habe an dieser oder jener Stelle in meinem Buch über dich prophezeit", dann verbeugten sie sich vor ihr und sprachen: "Du bist der Ruhm Jerusalems, die Freude Israels und die Ehre unseres Volkes." Und die Heilige Jungfrau empfahl sich ihnen mit den Worten: "Ich seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk, das Gott sich erworben hat um das Lob dessen zu verkünden, der euch aus der Finsternis in sein bewunderungswürdiges Licht gerufen hat." Und von neuem sangen die Engel: "Freue dich, Königin des Himmels."
Hl. Vinzenz Ferrer
Spanischer Dominikaner (1357 – 1418)