(gloria.tv) Über Perspektiven des Papstbesuches im «Land Luthers», auch im Vorfeld des 500-Jahr-Gedenkens der Reformation, äußert sich der Präsident des vatikanischen Einheitsrates, der Schweizer Kardinal Kurt Koch, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Rom. Von Johannes Schidelko (KNA).
KNA: Der Papst hat für seinen Besuch in Deutschland ausdrücklich mehr Zeit für die Ökumene-Treffen gefordert als zunächst vorgesehen.
Was bedeutet das?
Koch: Deutschland ist ein zentrales Land der Reformation, in dem evangelische und katholische Christen zahlenmäßig fast gleichgewichtig nebeneinander leben. Zudem stammt der Papst selbst aus Deutschland und hat bereits als Theologe sehr viel zum ökumenischen Dialog beigetragen. Die Erklärung über die Rechtfertigungslehre ist in ihrer letzten schwierigen Phase wesentlich seinen Bemühungen zu verdanken. Daher ist es selbstverständlich, dass der Heilige Vater in Deutschland einen besonderen Akzent in der Ökumene setzen möchte - und es sicher auch tun wird. Der Vorschlag, mehr Zeit vorzusehen, kam von ihm.
KNA: Welche ökumenische Botschaft erwarten Sie von der Reise?
Koch: Ich will natürlich keine falschen Hoffnungen wecken; wir werden gespannt sein dürfen auf das, was der Papst dann wirklich sagt. Ich bin überzeugt, dass er ein Wort der Ermutigung sagen wird. Und er wird sicher neu in Erinnerung rufen, dass die Ökumene für die katholische Kirche eine Aufgabe und eine Pflicht ist, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden kann.
KNA: Mit seinem Wunsch nach mehr Zeit für die Ökumene hat der Papst besondere Erwartungen geweckt - gerade im «Land Luthers», im Vorfeld des 500-Jahr-Gedenkens der Reformation. Was könnte der Papst zur Reformation sagen?
Koch: Da wäre natürlich sehr viel zu sagen. Ich sehe bei der Reformation eine positive und eine negative Seite. Die Reformation hat Impulse ausgelöst, vor allem eine Rückbesinnung auf das Wort Gottes, auf die zentrale Stellung der Heiligen Schrift im Leben der Kirche. Aber die Reformation hat auch zur Kirchenspaltung geführt - was gerade nicht das Anliegen Martin Luthers war. Luther wollte eine Erneuerung der ganzen Kirche; er wollte keine neue Kirche. Dass dann neue Kirchen entstanden sind, kann somit nicht als Gelingen der Reformation beurteilt werden. Wenn man das 500-Jahr-Gedenken der Reformation würdigen will, dann muss man beide Seiten in den Blick nehmen.
KNA: Ihre Behörde, der Einheitsrat, hat soeben mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) beraten, wie man das Gedenken an 1517 gemeinsam begehen soll. Was ist geplant, was ist möglich?
Koch: Wir arbeiten mit dem LWB auf eine gemeinsame Erklärung im Blick auf 2017 hin. Eine Grundfrage besteht für mich darin, dass man nicht nur über die Reformation allein redet. Die Reformation ist ein Ereignis in einer 2.000-jährigen Geschichte, von der uns 1.500 Jahre gemeinsam sind. Nur vor diesem größeren Hintergrund können wir sehen und überlegen, was die Reformation bedeutet. Steht sie in einer grundlegenden Kontinuität mit diesen 1.500 Jahren? Oder ist sie ein völlig neuer Anfang, ist mit ihr etwas völlig Neues entstanden? Von der Beantwortung dieser Frage hängt entscheidend ab, wohin unser gemeinsamer Weg in der Zukunft geht.
KNA: Bei der LWB-Vollversammlung in Stuttgart 2010 gab es einen Versöhnungsakt mit den Mennoniten mit einem gegenseitigen Schuldbekenntnis. Könnte das auch ein Modell für ein gemeinsames Begehen von Katholiken und Lutheranern 2017 sein?
Koch: Schon vor der Stuttgarter Versammlung hat Papst Johannes Paul II. am ersten Fastensonntag im Heiligen Jahr 2000 ein solches Schuldbekenntnis abgelegt. Dazu gehörte das Bekenntnis, dass auch die katholische Kirche bei Kirchenspaltungen eine wesentliche Rolle gespielt und Schuld auf sich geladen hat. Ich denke, dass auch für das Gedenken der Reformation ein gemeinsames Schuldbekenntnis den Anfang bilden könnte. Allerdings sollte man nicht dabei stehen bleiben. Aber ohne eine gemeinsame Rückbesinnung, ohne eine gemeinsame Reinigung des Gedächtnisses und ohne ein Schuldbekenntnis auf beiden Seiten wird es meines Erachtens kein ehrliches Gedenken der Reformation geben können.
KNA: Das nächste Großereignis mit starker ökumenischer Komponente ist Ende Oktober das Friedenstreffen der Religionen in Assisi. Was erwarten Sie? Was ist 2011 anders als beim ersten Treffen 1986?
Koch: Die Welt ist seit 1986 eine völlig andere geworden. Ich denke an die Wende in Europa 1989 mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Diktaturen im Osten. Dann gab es am Beginn des Jahrtausends die Herausforderungen der Terroranschläge. Für den Papst ist es ein zentrales Anliegen, dass sich alle christlichen Kirchen und alle Religionen für den Frieden verpflichten. Dass die Zwillingsschwester der Religion die Vernunft ist - und nicht die Gewalt. Dass es keine Legitimation von Gewalt im Namen der Religion geben kann. Neu ist diesmal, dass der Papst auch einige Agnostiker eingeladen hat; das entspricht einem besonderen Akzent seines Pontifikats.
KNA: Haben Sie aus dem Bereich der Ökumene eine Resonanz erhalten?
Koch: Die Reaktionen, die eingetroffen sind und weiterhin eintreffen, sind sehr positiv. Man begrüßt die Initiative des Papstes, signalisiert seine Teilnahme, auch wenn der jeweilige Patriarch nicht immer selbst kommt, sondern eine Delegation schickt.
Das sind sehr positive Zeichen.
KNA: Werden alle Patriarchate, alle Kirchen vertreten sein?
Koch: Das kann ich momentan noch nicht sagen. Ich hoffe, dass möglichst viele kommen.
KNA: Welche Erwartung haben Sie an das Treffen des Papstes mit den Juden in Deutschland?
Koch: Der Papst wird wieder seine Grundüberzeugung neu in die Erinnerung rufen: dass es aufgrund der gemeinsamen Wurzeln eine unabdingbare Bezogenheit von Kirche und Israel, von Christentum und Judentum gibt und dass wir aus diesen gemeinsamen Wurzeln heraus leben sollen. Manche Anfeindungen - der Papst habe ein gebrochenes Verhältnis zum Judentum - entsprechen einfach nicht der Wahrheit.