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Guntherus de Thuringia

[23] La Divina Commedia - Inferno, canto XXIII --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 23. Gesang \\
Dreiundzwanzigster Gesang.[282]

VIII. Kreis. 6. Bulge. Heuchler in glänzenden Bleimänteln. Kaiphas. Hannas u. A.
1
Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet,
Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
Wie auf dem Weg ein Minorite schreitet.
4
Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß
Aesopens Fabel ins Gedächtniß bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus.[283]
[128]
7
Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen
Mit reiflicher Erwägung wohl verglich,
Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen.
10
Und wie aus einem der Gedanken sich
Der zweit’ entspinnt, so mußt’ ich weiter denken,
Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich.
13
Ich dachte so: Die sind in ihren Ränken
Durch uns gestört, beschädigt und geneckt,
Und müssen drob sich ärgern und sich kränken.
16
Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,
So werden sie uns nach im Fluge brausen,
Wie wild ein Hund sich nach dem Hasen streckt.
19
Schon fühlt’ ich mir das Haar gesträubt vor Grausen,
Und rückwärts lauschend, rief ich: „„Meister, flieh!
Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen;
22
Die Grimmetatzen kommen schon; o sieh,
Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
Als ob sie da schon wären, hör’ ich sie!““
25
Und er zu mir: „Wenn ich ein Spiegel wäre,
Kaum faßt’ ich doch dein äußres Bild so klar,
Als ich dein inneres mir leicht erkläre.
28
Jetzt aber nimmst du auch mein Innres wahr,
Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was für uns Beid’ in mir beschlossen war.
31
Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,
Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann,
So sollen sie umsonst die Flügel regen.“
34
Kaum sprach er’s, als die Teufelsjagd begann,
Und mit gespreizter Schwing’, um uns zu fangen,
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran.
37
Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen,
Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos,
Und nahe sieht die Flammen aufgegangen,
40
[129] Ihr Kind erfaßt, und, nur um dessen Loos
Bekümmert, nicht um ihr’s, enteilt ins Weite
Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloß.
43
Daß er herab am harten Felsen gleite,[284]
Streckt’ er sich rücklings an den steilen Hang,
Der jene Bulge sperrt von einer Seite.
46
Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang
Aufs Mühlenrad durch seine Rinn’ ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang,
49
Von jenem Felsenhang herabgeschossen,
Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt,
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen.
52
Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest,
So hörten wir sie über jenem Grunde.
Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt
55
Die ew’ge Vorsicht, die im fünften Runde
Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde.
58
Getünchte Leute sahn wir unten jetzt[285]
Im Kreise ziehn mit langsam schweren Tritten,
Matt und erschöpft, von Thränen ganz benetzt.
61
Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten
Sie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht
Der Mönch’ im Kloster Clügny zugeschnitten;[286]
[130]
64
Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht,
Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen,
Die Friedrich für den Hochverrath erdacht.[287]
67
O Mantel, lastend unter ew’gen Peinen!
Mit ihnen links uns wendend gingen mit[288]
Wir, horchend auf ihr jammervolles Weinen.[289]
70
Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,
Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten,
Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt.
73
Ich sprach: „„O sieh dich um! ist wohl durch Thaten
Und Namen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mir’s, sobald wir Einem nahten!““
76
Und Einer, der Toscanisch wohl verstand,
Rief hinter uns: „O bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land.
79
Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!“
Da wandte sich mein Herr und sprach: „Halt’ an,
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen.“
82
Ich stand und sah nun Zwei, die, um zu nahn,
Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten,
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn,
85
Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,
Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend, dieses sagten:
88
Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,[290]
Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Daß der und jener ohne Bleirock geht?“
91
Zu mir dann: „Tusker, der du zu der Gilde
Der Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid,
Wer bist du? sag’ es uns mit Huld und Milde.“
94
Und ich: „„Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit
[131] Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Körper trug ich jederzeit.
97
Doch wer seid ihr, von deren Wang’ in Wogen
Ein Thränenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch’ Uebel zugezogen?““
100
Und Einer sprach: „Die gelben Kutten sind
Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage,[291]
Die’s trägt, ein heulend Knarren abgewinnt.
103
Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage,[292]
Ich Catalano, Loderingo Er,
Von deiner Stadt erwählt an einem Tage,
106
So wie man einen Einzigen vorher,
Als Friedenswahrer wählt’ – und wie wir waren
Zeigt beim Gardingo noch sich rings umher.“
109
Und ich begann: „„Das Leid, das ihr erfahren –““[293]
Doch schwieg und mußt’ an dreien Pfählen dort
Gekreuzigt Einen auf dem Grund gewahren.
112
Als er mich sah, verrenkt’ er sich sofort,
Und haucht in seinen Bart mit lautem Stöhnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort:
115
„Der Angepfählte, dessen Klagen tönen,
[132]
Gab einst den Pharisäern diesen Rath:[294]
Mög’ Eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen!
118
Nun liegt er, nackt und quer auf unserm Pfad,
Und fühlen muß er, wenn wir drüber wallen,
Wie viel Gewicht von uns ein Jeder hat.
121
So wird sein Schwäher auch gestraft, mit Allen
Vom Pharisäer-Rath, durch den so viel
Der schlimmen Saat für Juda’s Volk gefallen.“
124
Und, wie ich sah, so staunte selbst Virgil,[295]
Daß der, gestreckt am Kreuz an diesem Orte
So schmählich lag im ewigen Exil.
127
Zum Bruder richtet’ er dann diese Worte:
„Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei,
Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte
130
Zu brauchen ist zum Ausgang für uns Zwei,
Ohn’ einen von den Teufeln erst zu bannen,
Daß er zum Weitergehn uns Führer sei?“
133
Und Jener drauf: „Ihr geht nicht weit von dannen,
So seht ihr einen Stein vom großen Rund
Als Steg sich über alle Thäler spannen.
136
Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund,[296]
Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen,[297]
Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund.“
139
Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen,
Drauf sprach er: „Mußte doch der Teufel hier[298]
[133] Sich wiederum in schlechtem Rathschlag zeigen.“
142
Und Jener: „In Bologna merkt’ ich’s mir,
Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister,
Ja, aller Lügen Vater für und für.“
145
Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister
Und schien ein wenig zornig und erboßt,
Und ich verließ die bleibeschwerten Geister,
148
Und folgete der theuren Spur getrost.
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INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource

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