Der Rabbi und der Papst
Ein Schmetterling tanzt verirrt im Raum. Kein Mensch da. Doch ganz und gar vergessen scheint Professor Zollis Grab nicht. Drei Blumentöpfe verstauben davor auf dem Steinregal – und einige Kiesel. Neben einer Kerze mit hebräischen Schriftzeichen steht eine zweite, größere mit dem eingeritzten Lamm Gottes. Lämpchen flackern, batteriebetrieben. Die Ewigkeit als Fotoalbum – Emaillefotos zeigen die Gesichter der Mitbewohner des Professors. Von ihm und seiner Frau allerdings gibt es kein Bild – nur ein Wort, ein letztes. Unter den ausgebleichten Papierblumen steckt verborgen ein handgeschriebenes Zettelchen auf Hebräisch und Italienisch: „Avinu Malkenu – unser Vater, unser König! Herr Jesus, Sohn Abrahams, erbarme dich unser!“ Mattes Licht fällt durch eine Milchglaswand in dieses Mietshaus der Gebeine auf dem Campo Verano, der riesigen Totenstadt im Westen Roms. Ich zünde die Kerzen an. Denn Israel Eugenio Zolli ist ein verschollener Kronzeuge. Der Oberrabbiner Roms in der Zeit des Krieges …