Unglaubwürdigkeit aller Wunderberichte?
Es ist lediglich die Behauptung der Unmöglichkeit der Wunder, wenn man sagt: man könne Wundererzählungen nie glauben, da Wunder mit der Natur und deßhalb mit der Vernunft in Widerspruch stünden. So z. B. Spinoza und nach ihm Strauß. Es ist ein von Hume aufgebrachtes und in verschiedenen Formen wiederholtes Sophisma, wenn man sagt: „kein historischer Beweis könne jemals die Gewißheit eines Wunders herstellen, da immer demselben ein weit stärkerer Gegenbeweis entgegenstehe; denn die physikalische Gewißheit der Naturgesetze, welche Wunder ausschlössen, sei stärker als die blos moralische Gewißheit irgend welcher historischen Zeugnisse; ferner stehe den historischen Zeugnissen Einzelner für Wunderereignisse die allgemeine Erfahrung entgegen, welche darthue, daß keine Wunder geschehen.“ Die Auflösung dieser Sophismen liegt auf der Hand. Die Naturwissenschaft lehrt, daß durch die bloßen Kräfte der Natur Thatsachen, wie die Wunder, unmöglich stattfinden können – und gerade Das behaupten auch wir mit der größten Entschiedenheit und ziehen daraus den Schluß, daß diese wunderbaren Thatsachen aus keiner natürlichen Ursache entspringen. Daß aber diese Thatsachen geschehen sind, ist historisch bewiesen und diese historische Gewißheit wird von der physikalischen Gewißheit der Naturgesetze gar nicht berührt. Daß die Wunder nichts Alltägliches, sondern etwas Außerordentliches sind, behaupten auch wir auf das Allerentschiedenste; die alltägliche Erfahrung, daß gewöhnlich keine Wunder geschehen, steht aber mit der nicht minder feststehenden Erfahrung, daß ausnahmsweise Wunder geschehen, in vollem Einklang.Dogmatische Theologie von Dr. J. B. Heinrich, Domdekan, Generalvikar und Professor der Dogmatik am bischöflichen Seminar zu Mainz, erster Band, Mainz 1873, S. 369-370, Anm. 1.