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[10] La Divina Commedia - Inferno, canto X --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 10. Gesang \\
Zehnter Gesang.
VI. Kreis, Fortsetzung. — Farinata, Cavalcante, Friedrich II.
1
Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,
Auf still verborgnem Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein.
4
„„Der du mich führst durch die verruchten Kreise,““
Sprach ich, „„ich wünsche, daß, wenn dir’s gefällt,
[56]
Dein Wort auch ferner hier mich unterweise.
7
Darf man die sehn, die jedes Grab enthält?
Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider,
Auch ist zur Wache Niemand aufgestellt.““
10
„Jedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,“
Sprach Er, „wenn sie gekehrt von Josaphat,[104]
Mitbringend ihre dort gelassnen Glieder.
13
Wiss’, Epicurus liegt an dieser Statt,
Sammt seinen Jüngern, die vom Tode lehren,
Daß er so Seel’ als Leib vernichtet hat.
16
Befriedigung soll also dem Begehren,[105]
Daß du entdecktest, dies Begräbniß hier,
So wie dem Wunsch, den du verschwiegst, gewähren.“
19
Und ich: „„Mein Herz verberg’ ich nimmer dir,[106]
Nur redet’ ich in bündig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir.““
22
„Toscaner, du, der lebend durch die Pforte
Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil’, ich bitte dich, an diesem Orte.
25
O, ich erkenn’ an deiner Sprache Klang,
Du seist dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu lästig, auch entsprang.“
28
Urplötzlich war dies einem Sarg entklungen,
Drum trat ich etwas näher meinem Hort,
Denn wieder war mein Herz von Furcht durchdrungen.
31
„Was thust du? Wende dich!“ rief er sofort,
[57] „Sieh grad’ empor den Farinata ragen,[107]
Vom Gürtel bis zum Haupte sieh ihn dort!“
34
Ich, auf sein Angesicht den Blick geschlagen,
Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach’ er nur der Höll’ und ihrer Plagen.
37
Mein Führer, der mich schnell an muth’ger Hand
Durch Gräberreih’n bis zu ihm hin genommen,
Sprach: „Was er fragt, das mach’ ihm klar bekannt.“
40
Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,
Ein wenig an. „Wer deine Väter? sprich!“
So fragt’ er mich und schien von Zorn entglommen.
43
Gern fügt’ ich dem Befehl des Meisters mich,
Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich.
46
Er sprach darauf: „Furchtbare Gegner waren
Sie meinen Ahnen, mir und meinem Theil,
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Schaaren.[108]
49
„„Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil,““
Sprach ich, „„zweimal zurück von ihrem Fliehen
Doch nicht den Euren war die Kunst zum Heil.““[109]
52
Hier hob’ das Haupt aus seines Grabes Glühen
Ein andrer Schatten plötzlich bis zum Kinn,[110]
Empor sich raffend, schien es, auf den Knieen.
[58]
55
Er blickt’ um mich nach beiden Seiten hin,
Als woll’ er sehn, ob Jemand mich begleite,
Doch floh der Irrthum bald aus seinem Sinn,
58
Und weinend sprach er dann: „Wenn dein Geleite
Des Geistes Hoheit ist durch diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? warum nicht dir zur Seite?“ –
61
„„Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht.[111]
Der dort harr’, führte mich ins Land der Klagen,
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht Acht.““
64
So ich – beim Wort und bei der Art der Plagen
Könnt’ ich wohl seines Namens sicher sein,
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen.
67
Schnell richtet’ er sich auf mit lautem Schrei’n:[112]
Er hatte, sagst du? ist er nicht am Leben.
Saugt nicht sein Auge mehr den süßen Schein?“
70
Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,
Noch zauderte, so fiel er rücklings hin,
Um fürder sich nicht wieder zu erheben.
73
Doch jener Andre mit dem stolzen Sinn,
Der mich gerufen, blieb auf seiner Stätte,
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin.
76
Dann, neu verknüpfend seiner Rede Kette:
„Ward jene Kunst zu Theil den Meinen nicht?
[59] Dies martert mehr mich noch als dieses Bette.
79
Doch wird nicht funfzigmal sich das Gesicht[113]
Der Herrin dieses Dunkels neu entzünden,
So wirst du fühlen dieser Kunst Gewicht.
82
Sprich, willst du je zurück aus diesen Gründen,[114]
Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wuth
Das Volk in jeglichem Gesetz verkünden?“
85
Ich sprach: „„Das große Morden ist’s, das Blut,
Das rothgefärbt der Arbia klare Wogen,
Das eu’r Geschlecht mit solchem Fluch belud.““
88
Er seufzt’ und schüttelte das Haupt: „Vollzogen
Hab’ ich allein nicht diese blut’ge That,
Und Alle hat uns trift’ger Grund bewogen.
91
Doch ich allein war’s, der dem grausen Rath:
Es müsse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Mit offnem Angesicht entgegentrat.“
94
„„Soll euer Same jemals Ruhe finden,““
So sprach ich bittend, „„löst die Schlingen hier,
Die noch, mein Urtheil hemmend, mich umwinden.
97
Versteh’ ich recht, so scheint es wohl, daß ihr
Erkennen mögt, was künft’ge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheint’s anders mir.““
100
Er sprach: „Uns trägt der Blick nach fernen Dingen,
Wie’s öfters wohl der schwachen Sehkraft geht,[115]
Denn soweit läßt der höchste Herr uns dringen.
[60]
103
Doch naht sich und erscheint, was wir erspäht,
Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wie’s jetzt auf Erden steht.
106
Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,
Wenn sich der Zukunft Thor auf ewig schließt,
Ganz wird dann unser Willen sein zu nichte.“
109
Drauf ich: „„Wie jetzt mein Fehler mich verdrießt![116]
O sagt dem Hingesunknen, Trostentblößten,
Daß noch sein Sohn das heitre Licht genießt.
112
Und war ich vorhin säumig, ihn zu trösten,
So sagt ihm, daß ich Raum dem Irrthum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte lösten.““
115
Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,
Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzählen,
Wer noch verborgen sei in seinem Grab.
118
Er sprach: „Hier liegen mehr als tausend Seelen,
Der Kardinal, der zweite Friederich,[117]
Und Andre, die’s nicht Noth thut, aufzuzählen.“
121
Und er versank, ich aber kehrte mich
Zum alten Dichter, jene Red’ erwägend,
Die einer Unglücks-Prophezeiung glich.[118]
124
Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,
Zu mir gewandt: „Was bist du so verstört?“
Ich that’s ihm kund, die Angst im Herzen hegend.
127
„Behalte, was du Widriges gehört,“
Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
„Und merk’ jetzt auf, daß dich kein Trug bethört.
130
[61] Bist du dereinst in Ihrem Strahlenkreise,
Die mit dem schönen Auge Alles sieht,
Dann deutet sie dir deine Lebensreise.“
133
Nun ging es links ins höllische Gebiet,
Um von der Mau’r der Mitte zuzuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Thale zieht,
136
Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.
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