P. Walbert Bühlmann (3) Über das auserwählte Volk Israel
Die traditionelle Einteilung dieser Geschichte in Patriarchenzeit, Ägyptenaufenthalt, Auszug, Landnahme und Richterzeit wird dem komplizierten Prozeß der Volkwerdung Israels nicht genügend gerecht. Wir entwerfen hier nur einen großen Rahmen dieser Geschichte, um das Nachfolgende besser einordnen und im Lichte der heutigen kritischen Forschug, die neben der Bibel auch andere Quellen benützt, verstehen zu können.
Die Auswanderung Abrahams wird kein Einzelfall gewesen sein, sondern stand offenbar im Rahmen der amoritischen Völkerwanderung in der Zeit um 1800 v. Chr. Nach Wanderungen in Palästina, womöglich bis Ägypten, ließ sich sein Clan in Südpalästina nieder. Ähnlich die andern Clans, die des Isaak, Jakob, Josef. Die Ahnherren dieser Sippen werden heute allgemein als historische Gestalten anerkannt, aber sie waren untereinander nicht blutsverwandt. Die verwandschaftlichen Beziehungen wurden erst später beim Zusammenschluß der Stämme legendenhaft konstruiert.
Beim Mangel an Siedlungs- und Weideplätzen mag der Clan Josef um 1350 v. Chr. nach Ägypten ausgewandert sein. Zuerst fanden seine Leute die Gunst des dortigen Volkes. Aber unter Ramses II. (1290 bis 1224) änderte sich die Semiten-freundliche Politik. Die Hebräer wurden nur noch als billige Arbeitskräfte zum Städtebau gebraucht. In dieser Zeit der Unterdrückung trat ein Mann auf, Mose, und entwarf Fluchtpläne für die Hebräer. Er selber stammte wahrscheinlich nicht aus dem Josefclan, sondern war ein Midianiter. Nach einem Gotteserlebnis fühlte er sich angetrieben, für die Hebräer und andere unzufriedene Untertanen die Flucht zu organisieren. Es war kaum ein aufsehenerregendes Ereignis. Ägyptische Quellen berichten gar nichts darüber. Für die kleine Gruppe aber stellte es das entscheidene Erlebnis ihrer Geschichte dar. Der Gott des Mose, Jahwe, hat sich dabei als der starke Gott erwiesen. Die Flucht kann auf circa 1230 angesetzt werden. Mose führte die Gruppe über die Karawanenstraße durch die Sinai-Halbinsel in seine Heimat Midian, wo er sie am heiligen Berg auf die Verehrung seines Gottes Jahwe verpflichtete. Dann brachen sie wieder auf, um in ihre alten Siedlungsgebiete in Mittelpalästina zurückzukehren. Jericho wurde dabei nicht zerstört. Es lag damals schon in Trümmern. Die Josefsippe schloß sich dann mit den dort schon ansässigen Clans Israel und Jakob zusammen und bewog auch sie zur Verehrung Jahwes. Die kommenden 200 Jahre sahen einen intensiven Prozeß der Seßhaftwerdung, des Überganges zum bäuerlichen Leben, des Anwachsens der Clans zu Stämmen, des wachsenden Bewußtseins der Zusammengehörigkeit aufgrund der gleichen Sprache und der Verehrung Jahwes.
Um der Gefahr durch die Philister besser zu wehren und das Volk noch mehr zu einen, wählte man das Königtum mit Saul als erstem König. Nach dessen Tod verstand es David, zur Macht zu gelangen. Er eroberte mit einem Handstreich Jerusalem, machte es zur Hauptstadt, dehnte das Reich von Damaskus bis ans Rote Meer aus. Unter Salomo, mehr Poet und Kaufmann als König, kam es zu verschiedenen Aufständen. Mehrere Gebiete sprangen wieder ab, was zur Spaltung in Nord- und Südstämme führte. Fortan läuft die Geschichte der Reiche Juda und Israel getrennt. Der Nordstaat, Israel, fiel 722/21 den Assyrern zum Opfer, welche in mehreren Wellen die Oberschicht deportierten.
In Juda (Jerusalem) herrschte weiterhin die davidische Dynastie, welche durch die Natansverheißung religiös untermauert und darum innenpolitisch nicht gefährdet war. Ihnen aber setzten die Babylonier zu, die 587/86 Jerusalem zerstörten und die Oberschicht nach Babylonien brachten. Dem babylonischen Reich wiederum rückte der persisch-medische Großkönig Kyros II. auf den Leib. Dieser erlaubte 538 den exilierten Judäern, in ihre Heimat zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. 515 konnte der neue Tempel eingeweiht werden. Juda aber blieb eine persische Provinz. In diese Zeit fällt die Geburtsstunde des eigentlichen Judentums. Es entstand das messianisch-eschatologische Denken. Es verschwand aber auch die ursprüngliche Weite des Alten Testaments zugunsten einer Buch- und Gesetzesreligion mit der entsprechenden Intoleranz. Um 331 beginnt unter Alexander d. Gr. die hellenistische, von 64 an unter Pompeius die römische Zeit Palästinas.
Auf dem Hintergrund einer so zerstrittenen und wenig geglückten Geschichte hielt Israel trotz allem am Glauben fest, daß Jahwe mit seinem Volk wandere und dessen Geschichte bedeutungsvoll mache.
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Walbert Bühlmann: Wenn Gott zu allen Menschen geht – Der biblische Glaube, die Weltreligionen und die Zukunft der Menschheit, Matthias-Grünewald-Verl., Mainz 1992, S. 15-18.
Bild: Darstellung des gehörnten Mose (Stiftskirche zu St. Georg, Tübingen) | CC BY-SA 3.0 Urheber: LepoRello (Wikipedia)