[6] La Divina Commedia - Inferno, canto VI --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 6. Gesang \\
Sechster Gesang.
III. Kreis. Die Schlemmer. Cerberus. Ciacco weissagt.
1
Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]
Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,
[36]
4
Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.
7
Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]
In ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.
10
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stark qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.
13
Ein Unthier, wild und seltsam, Cerberus,[68]
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß.
16
Schwarz, feucht der Bart, die Augen rothe Höhlen,
Mit weitem Bauch, die Tatzen scharf beklaut,
Viertheilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.
19
Sie heulen, wie die Hund’, im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch öft’res Drehen
Auf einer Seite mindstens trockne Haut.
22
Der große Höllenwurm, der uns ersehen,
Riß auf die Rachen, zeigt’ uns ihr Gebiß,
Und ließ kein Glied am Leibe stille stehen.
25
Virgil streckt’ aus die offnen Händ’ und riß
Erd’ aus dem Grund, die in die gier’gen Rachen
Er alsogleich mit vollen Fäusten schmiß.
28
Wie’s pflegt ein keifig böser Hund zu machen,
Deß Bellen schweigt, wenn er den Fraß erbeißt,
Der g’nügend war, die Wuth ihm anzufachen,
31
[37] So jetzt mit schmutz’gen Schlünden jener Geist,
Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten,
Daß jeder hochbeglückt die Taubheit preist.
34
Wir gingen über die gequälten Schatten,
Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien,[69]
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten.
37
Sie lagen allesammt am Boden hin,
Nur Einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt’ im Weiterziehn.
40
Er sprach: „Der du zur Hölle dich begeben,
Erkenne mich, dafern dir’s möglich ist;
Du lebtest, eh’ ich aufgehört zu leben.“
43
Und ich zu ihm: „„Die Qual, in der du bist,
Entzieht vielleicht dich meinem Angedenken;
Mir scheint, ich sahe dich zu keiner Frist.
46
Wer bist du? sprich, was konnte dich versenken
In eine Qual, die, gibt’s auch größre Pein,
Nicht widriger kann sein, noch ärger kränken.““
49
„In eurer Stadt,“ so sprach er, „die allein
Der Neid erfüllt, und bis zum Ueberfließen,
Genoß ich einst des Tages heitern Schein.
52
Ich bin’s, den Ciacco eure Bürger hießen;[70]
[38]
Zur Qual für schnöde Schuld des Gaumens muß,
Du siehst’s, auf mich sich ew’ger Regen gießen.
55
Und mich allein nicht züchtigt dieser Guß.
Nein, alle diese leiden gleiche Plagen
Für gleiche Schuld.“ – So seiner Rede Schluß.
58
Und ich: „„Mich haben, Ciacco, deine Klagen,
Zum Mitleid und zu Thränen fast gerührt.
Allein, wenn du es weißt, so magst du sagen,
61
Wohin noch unsrer Stadt Parteiung führt?[71]
Ob wer gerecht ist? was in diesen Zeiten
In ihr die Glut der wilden Zwietracht schürt?““
64
Und Er darauf zu mir: „Nach langem Streiten[72]
Kommt’s dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten.
67
Doch in drei Sonnen ist’s mit ihr vorbei,
Neu günstig sind der andern die Gestirne,
Durch Eines Mannes Macht und Heuchelei.
70
Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne
Und drückt den Feind, ob auch, zur Wuth empört,
Er sich beklag’ und schäm’ und sich erzürne.
73
Zwei sind gerecht dort, aber nicht gehört.[73]
Neid, Geiz und Hochmuth – diese drei sind Gluten,
In deren Brand sich jedes Herz zerstört.
76
[39] Als hier des Schatten Jammertöne ruhten,
Sprach ich zu ihm: „„Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuthen.
79
Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,
Arrigo, Rusticucci, Mosca – sage! –
Und Andre, nur auf wackres Thun erpicht,
82
Wo sind sie? welches ist ihr Loos? Ich trage
Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspähn,
Ob’s Himmelswonne sei, ob Höllenplage?““
85
Und Er: „Sie stürzte mancherlei Vergehn
Zu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn –
88
Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden,
Bring’ ins Gedächtniß dann der Menschen mich.
Mehr sag’ ich nicht, mehr darf ich nicht verkünden.“
91
Scheel ward sein grades Aug’ und wandte sich
Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder,
So daß er ganz den andern Blinden glich.[74]
94
Drauf sprach mein Führer: „Nie erwacht er wieder,
Bis er vor englischer Posaun’ ergraust,[75]
Und der Gewalt, dem Sündervolk zuwider.
97
Zum Grab kehrt Jeder, wo sein Körper haust,
Wird neu mit Fleisch und mit Gestalt umgeben
Und hört, was ewig wiederhallend braust.“ –
100
Indem langsamen Schritt’s wir weiter streben,
Durch’s wüst’ Gemisch von Schatten und von Flut.
Besprachen wir, doch kurz, das künft’ge Leben.
103
Drum ich: „„Mein Meister, wird der Qualen Wuth[76]
[40]
Sich nach dem großen Urtheilsspruch vermehren?
Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?““
106
Und Er: „Gedenk’ an deines Weisen Lehren (Aristoteles):
Je mehr ein Ding vollkommen ist, je mehr
Wird sich’s im Glücke freun, im Schmerz verzehren.
109
Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer
Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr.“
112
Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen,
115
Und fanden Plutus dort, den großen Feind.
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Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource
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