03:52

[20] La Divina Commedia - Inferno, canto XX --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 20. Gesang \\
Zwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 4. Bulge. Zauberer. Tiresias, Manto etc.
1
Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt,[242]
Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt.
4
Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff,
Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde,
Der ganz von angsterpreßten Zähren troff.
7
Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt,
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.
10
Als tiefer ich den Blick auf sie gesenkt,[243]
[112]
Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet –
Vom Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,
13
Das Angesicht zum Rücken hingerichtet;
Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn,
Und ihnen war das Vorwärts-Schau’n vernichtet.
16
So soll ein Schlagfluß wohl das Haupt verdrehn,
Wie man erzählt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub’ ich’s nicht, da ich es nie gesehn.
19
Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen,[244]
So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen mußt und ganz verzagen,
22
Als ich des Menschen Ebenbild so nah
Verrenkt, verdreht, und von der Augen Thränen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah?
25
Wahr ist’s, auf eine von den Felsenlehnen
Stand ich gestützt, und weinte ganz verzagt;
Da sprach mein Herr: „Willst du, gleich Thoren, wähnen?
28
Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.[245]
Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen
Durch sein Bedauern Gottes Urtheil wagt?
31
Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,[246]
Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;“
[113] Drob alle schrie’n: Wohin, was ist geschehen?
34
Amphiaraus, wird der Kampf zu lang? –
Doch stürzt’ er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang.
37
Schau, wie er ihm die Brust zum Rücken machte!
Schau, wie er rückwärts schreitet, rückwärts sieht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte.
40
Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.[247]
Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe
Verwandelt in ein Weib an jedem Glied.
43
Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe
Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein,
Damit er wieder Mannsgestaltung habe.
46
Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,
Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte,[248]
Der lebend einst in Luni’s Felsenreihn
49
Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte,
Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte. –
52
Die mit den wilden Haaren ohne Band
Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst am Leib ist, hinterwärts gewandt,
55
War Manto, die in Ländern und auf Meeren[249]
Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Von dieser will ich näher dich belehren.
58
Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war,
Und Bacchus Stadt verfiel in Sclavenbande,
Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr.
[114]
61
Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande,
Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt,
Benaco heißend, beim Tyroler Lande.[250]
64
Zwischen Camonica und Gard’ ergießt,
Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen,
Die in besagtem See zusammenfließt.
67
Inmitten aber liegen ebne Flächen,
Und drei verschied’ne Hirten könnten dort[251]
Auf einem Gränzpunkt ihren Segen sprechen,
70
Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort,
Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort.
73
Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden,
Das nicht mehr Raum in seinem Schooß gewinnt,
Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden.
76
Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,
Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wo’s im Po verrinnt.
79
Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,
Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten.
82
Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,
Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben,
Entblößt von Leuten und unangebaut,
85
Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben,
Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei,
Und lebt’ und ward in diesem Land begraben.
88
Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei,
Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen,
Und sahn, daß durch das Moor kein Zugang sei,
91
Sich auf dem Grabe Manto’s niederließen,
Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt,
[115] Die Stadt, ohn’ andres Zeichen, Mantua hießen.
94
Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt,
Eh’ Pinamont, den Thoren zu betrügen,[252]
Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt.
97
Drum merke wohl, und sollt’ es je sich fügen,
Daß Mantua’s Ursprung man nicht so erklärt,
So laß der Wahrheit nichts entziehn durch Lügen.“
100
Und ich: „„Mein Meister, was dein Wort mich lehrt,
Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen,
All’ Andres ist nur todte Kohl’ an Werth.
103
Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen,
Ist irgend wer bemerkenswerther Art?
Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen.““
106
Und Er: „Des Augurs Trug hat der, deß Bart[253]
Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben,
Als Griechenland so leer an Männern ward,
109
Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben.
In Aulis sagt’ er da mit Kalchas wahr,
Zeit wär’s, daß sie das erste Tau zerhieben.
112
Kund thut mein tragisch Lied dir, wer er war.[254]
Du wirst dich des Eurypylus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar.
115
Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen,[255]
Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt,
Und solches Spiel verstanden zu gewinnen.
118
Bonatti sieh – Asdent, den’s jetzo kränkt,
Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten
[116]
Doch nicht auf seinen Leisten sich beschränkt.
121
Sieh Vetteln, die statt Spill’ und Rad zu achten
Und Weberschiff, wie’s einem Weib gebührt,
Mit Kraut und Bildern Hexereien machten.
124
Jetzt komm! Indeß ich dich hierher geführt,[256]
Hat an der Gränze beider Hemisphären
Der Mond im Westen schon die Flut berührt.
127
Du sahst ihn gestern sich zum Rund verklären,
Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald[257]
Verschiedne Mal willkommnes Licht gewähren.“
130
Er sprach’s, doch gingen wir ohn’ Aufenthalt.
_______________
INFERNO
Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno – Wikisource

59