Zu spät, zu leise, zu angepasst:
Die Bankrotterklärung des DIHK.
Was der DIHK nun vorlegt, ist keine nüchterne Analyse der Lage, sondern ein verspätetes Eingeständnis, verpackt in jene weichgespülte Funktionärsrhetorik, die Verantwortung so lange verdünnt, bis sie sich rückstandsfrei aufgelöst hat.
Dabei handelt es sich nicht um eine plötzliche Erkenntnis, die erst gestern vom Himmel gefallen wäre, sondern um Wissen, das in den Führungsetagen dieses Verbandes seit Jahren vorhanden ist und dort auch nie ernsthaft bestritten wurde.
Dass Industrie ohne wettbewerbsfähige Energiepreise nicht überleben kann, ist keine These, sondern betriebswirtschaftliche Binsenweisheit.
Ebenso wenig ist es neu, dass eine ausufernde Regulierungsdichte, wie sie in Deutschland und der EU systematisch aufgebaut wurde, internationale Konkurrenzfähigkeit nicht stärkt, sondern erstickt.
Hinzu kommt eine Klimapolitik, die sich mit Bürokratie, Förderlogik und fiskalischer Belastung gegenseitig blockiert, statt ein konsistentes Umfeld für produktive Wertschöpfung zu schaffen.
All das war bekannt.
Und dennoch entschied sich der DIHK über Jahre hinweg für Beschwichtigung.
Für Abwägung statt Widerspruch.
Für mahnende Worte ohne Konsequenz und Forderungen ohne jede Konfrontation.
Nun, da nichts mehr zu kaschieren ist, da Produktionslinien abgebaut, Investitionen abgeschrieben und Standorte verlagert sind, erklärt man plötzlich die Deindustrialisierung zur Realität.
Das erinnert an eine Schiffsführung, die bis zuletzt von einer harmlosen Kurskorrektur spricht, um erst dann, wenn der Bug bereits steil nach unten zeigt, einzuräumen, dass man wohl doch einen Eisberg gerammt habe.
Nicht aus Fehlentscheidung, versteht sich, sondern aus höherer Gewalt.
Diese späte Einsicht ist keine Form von Mut, sondern Feigheit mit Zeitverzögerung.
Ein Wirtschaftsverband, der erst dann Klartext spricht, wenn der Schaden irreversibel ist, erfüllt seine Aufgabe nicht, sondern dokumentiert lediglich das Ergebnis seines eigenen Stillhaltens. Wer Beiträge zahlt, erwartet Interessenvertretung, keine nachträgliche Schadensbeschreibung.
Für Letzteres genügt ein Insolvenzverwalter, der kostet weniger und ist ehrlicher.
Die eigentliche Rolle eines solchen Verbandes hätte darin bestanden, frühzeitig öffentlich zu widersprechen, politisch unbequem zu werden und notfalls auch den offenen Konflikt mit einer Politik zu suchen, die industrielle Substanz zugunsten moralischer Narrative und planwirtschaftlicher Illusionen opfert. Stattdessen wurde jahrelang der Eindruck gepflegt, als ließe sich reale Wertschöpfung durch Förderrichtlinien, Transformationspläne und wohlklingende Zielmarken ersetzen.
Jetzt, da Kapital in dreistelliger Milliardenhöhe abfließt, Kommunen ihre Haushalte kaum noch schließen können und industrielle Kerne sichtbar erodieren, entdeckt man plötzlich den Ernst der Lage. Das ist keine Führung, das ist ein Nachruf.
Besonders zynisch wirkt dabei der Versuch, sich im Nachhinein als neutraler Beobachter eines Unglücks zu inszenieren, obwohl man jahrelang auf der Brücke stand, das Steuer sah und schwieg.
Diese späte Bankrotterklärung markiert daher nicht den Beginn einer Wende, sondern offenbart, wie tief das institutionelle Versagen reicht.
Wenn selbst jene, die es besser wissen mussten, erst dann sprechen, wenn nichts mehr zu retten ist, erklärt das nicht nur den wirtschaftlichen Niedergang, sondern auch den Vertrauensverlust, der ihn begleitet.
Moin moin, aufwachen...
Guss M.M.
PS:
Zu den Personalien solcher Verbände:
Was man sich bei alldem zwangsläufig fragen muss, ist, wer eigentlich in solchen Verbänden sitzt und nach welchen Logiken dort gehandelt wird.
Denn die Funktionärsetagen von Wirtschaftsverbänden sind längst keine Orte mehr, an denen unternehmerische Risikobereitschaft, Gestaltungswille oder gar Widerständigkeit gegenüber politischem Unsinn dominieren. Sie ähneln vielmehr politischen Vorzimmern, nur ohne formales Mandat, dafür mit umso größerem Bedürfnis nach Anschlussfähigkeit.
Viele dieser Akteure sind keine Unternehmer im klassischen Sinne, sondern Berufsvertreter, deren Karriere weniger von Markterfolg als von Netzwerken, Gremienerfahrung und politischer Verträglichkeit abhängt. Wer hier sitzt, denkt nicht in Produktionszyklen, Investitionsrisiken oder Standortentscheidungen, sondern in Gesprächskreisen, Anschlussverwendungen und der Frage, wie man möglichst konfliktfrei zwischen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit navigiert.
Der Übergang zwischen Verband und Politik ist dabei fließend. Man kennt sich, man wechselt Seiten, man hält sich Optionen offen. Heute Verbandsfunktionär, morgen Staatssekretär, übermorgen Berater oder Beauftragter. Wer so sozialisiert ist, entwickelt ein feines Gespür dafür, wann Widerspruch opportun ist und wann er die eigene Laufbahn gefährdet.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die auffällige Zurückhaltung gegenüber der jeweils amtierenden Regierung. Konfrontation gilt als unfein, Klartext als riskant, offene Kritik als Karrierekiller. Stattdessen setzt man auf Dialog, auf Verständnis, auf das berühmte „konstruktive Begleiten“, selbst dann, wenn die politischen Rahmenbedingungen offenkundig industriefeindlich sind.
Die eigentlichen Macher, die Unternehmer, die investieren, Arbeitsplätze schaffen und reale Risiken tragen, sitzen derweil nicht in den Verbandszentralen, sondern draußen in den Betrieben. Sie zahlen Beiträge, erwarten Interessenvertretung und bekommen dafür oft beschwichtigende Pressemitteilungen und wohltemperierte Appelle.
Dass Verbände erst dann aufmucken, wenn der Schaden unübersehbar ist, hat also weniger mit plötzlicher Erkenntnis zu tun als mit struktureller Anpassung. Solange man hoffen kann, sich durch Lavieren, Relativieren und Mitgehen über die Zeit zu retten, bleibt man ruhig. Erst wenn die Realität jede Beschönigung unmöglich macht, wird Kritik unvermeidlich, nicht aus Mut, sondern aus Notwehr.
Die späte Lautstärke ist deshalb kein Zeichen von Stärke, sondern das Eingeständnis, dass man zu lange Teil eines politischen Spiels war, das man zwar verstand, dem man sich aber lieber anpasste, als es rechtzeitig zu stören.
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nix von stiller Mitschult des DIHK, diese Leute kennen sich mit dem WEF auf das Beste aus. Das ist aktive Mitschuld.