P. Walbert Bühlmann (4) Über den Jahweglauben Israels
In der nomadischen Zeit kannten die hebräischen Sippen Jahwe überhaupt nicht. Jede Sippe verehrte ihren „Vatergott“. Das waren sehr transzendente Gottheiten. Sie griffen nur selten in das Leben der Menschen ein, beanspruchten keine Priester, waren an keine Heiligtümer gebunden. Sie zogen mit den Nomaden und offenbarten sich hie und da in Träumen. Man kannte ihnen gegenüber ein unreflektiertes Urvertrauen.
Im Kontakt mit den Kulturlandbewohnern, vor allem in Kanaan, lernte man deren Götter mit ihren Heiligtümern kennen, vor allem Baal, den Fruchtbarkeitsgott, und El, den höchsten Gott, der viele Ähnlichkeiten mit den Vatergottheiten aufwies. Beim Zusammenschluß der Sippen wurden auch deren Götter je nachdem übernommen oder ausgeschieden oder miteinander identifiziert.
Jahwe, den die Josefsippe über Mose von Midian übernahm, entsprach in vielem den Vater-Gottheiten, zeigte sich aber eifernder, ausschließlicher. Seine Verehrung war mit dem heiligen Berg Midians verbunden, einem Vulkan. So sind auch die Begleitumstände seines Erscheinens von vulkanischen Phänomenen gekennzeichnet. Dank der Autorität des Josefstammes legten sich dann auch die andern Stämme in Palästina auf die Jahweverehrung fest. Damit wurde die Existenz anderer Götter nicht bestritten. Für die Juden aber galt nur noch Jahwe, der in sich die Züge des milden Vatergottes, des eifernden Jahwe und des zum Universalen neigenden El vereinigte.
Mit der Seßhaftigkeit in Kanaan stellte sich ein neues Problem. Für die Fruchtbarkeit dieses Bodens galt seit jeher Baal als zuständig. Wie konnte man diesem Dilemma begegnen? Elija, einer der größten Baal-Gegner, fand die elegante Lösung, indem er die Baal-Attribute auf Jahwe übertrug und erklärte, daß auch Jahwe für den Regen und die Fruchtbarkeit sorge. Auch weitere Attribute wurden auf Jahwe konzentriert. So sog der Jahwe-Glaube gleichsam alles auf wie ein Schwamm das Wasser.
In späterer Rückblende wird dann noch der großartige Brückenschlag gemacht, indem man in Exodus 3,6 Jahwe vom Dornbusch her sagen hört: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.“ Das will doch heißen: der Vater-Gott der Patriarchen, der El der Kanaanäer, der Jahwe der Midianiter sind letztlich nicht verschiedene Gottheiten, sondern Ausdruck der fortschreitenden Erkenntnis, daß der Gott, den die Bibel mit Jahwe bezeichnet, die Ahnen Israels, aber auch alle Menschen, wenn auch unter verschiedenen Namen, von jeher begleitet hat.
Wir können es so zusammenfassen: In der Bibel entwickelten Menschen in Anlehnung an die Kulturen und Religionen ihrer Umwelt und unter Führung Gottes jenes Gottesbild, das dem am nächsten kommt, was menschliche Sprache als Gott bezeichnet. Daß an diesem Gottesbild so viele Völker, Kulturen, Religionen mit allen ihren schöpferischen Fähigkeiten mitarbeiten durften, heißt auch, daß Gott allen Völkern nahe ist und daß dieses Gottesbild für alle Kulturen das richtige sein kann. Die Bibel selber führt uns also auf einem Weg großzügigster Toleranz und keineswegs eines religiösen Fanatismus.
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Walbert Bühlmann: Wenn Gott zu allen Menschen geht – Der biblische Glaube, die Weltreligionen und die Zukunft der Menschheit, Matthias-Grünewald-Verl., Mainz 1992, S. 18 f.
Bild: Michelangelo: Die Erschaffung von Sonne, Mond und der Pflanzen, Decke der Sixtinischen Kapelle | gemeinfrei (Wikipedia)