[14] La Divina Commedia - Inferno, canto XIV --- Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Hölle, 14. Gesang \\
Vierzehnter Gesang.
VII. Kreis 3. Ring. Lästerer, Wucherer, Unnatürliche, im glühenden Sand. Kapaneus. Der Greis von Kreta. 3ter Höllenfluß.
1
Weil ich der Vaterstadt mit Rührung dachte,
Las ich das Laub, das ich, das Herz voll Leid,
Zurück zum Stamm, der kaum noch ächzte, brachte.
4
Drauf kamen wir zur Grenz’ in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis, und sahn im dritten
Ein grauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.[161]
7
Denn dort eröffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Deß Boden nimmer Pflanz’ und Gras gelitten.
10
Und wie sich um den Wald der Graben wand,[162]
[78] War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.
13
Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden,
Der dem, den Cato’s Füße stampften, glich,[163]
Wie wir vernehmen aus den alten Kunden.
16
O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah’ mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.
19
Denn nackte Seelen sah ich dort in Schaaren,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.
22
Die lagen rücklings auf der Erd’ umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch Andre gingen immer hin und her.
25
Die Mehrzahl mußt’ im Gehn die Straf’ erdauern.
Der Liegenden war die gering’re Zahl,
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern.
28
Langsamen Falls sah ich mit rothem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpenthal.
31
Wie Alexander einstens Feuerballen,[164]
Heiß bis zur Erde, sah auf seine Schaar
In jener heißen Gegend Indiens fallen,
34
Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,
Den Boden stampfen mußt’, um sie zu tödten,
Weil einzeln sie zu tilgen leichter war;
37
So sah ich von der Glut den Boden röthen;
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Wodurch die Qualen zwiefach sich erhöhten.
40
Nie hatten hier die Hände Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschüttelnd von der Haut den frischen Brand.
43
Da sprach ich: „„Du, dem Alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wuth
Am Thor zur Wehr gestellt und dir entgegen,
[80]
46
Wer ist der Große, welcher, diese Glut
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erreicht von dieser Feuerflut?““
49
Und jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: „Todt bin ich, wie einst lebend.
52
Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,[165]
Von welchem Er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt;
55
Sei auch zu Hilf’ die ganze Schaar genommen,
Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan! so schrei er zornentglommen,
58
Wie er bei Phlägra that in jener Schlacht,
und machtvoll sei auf mich sein Blitz geschwungen: –
Er wiss’, daß nie ihm frohe Rache lacht –“
61
Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm’, ihm zuzuschrei’n:
„O Kapaneus, daß ewig unbezwungen[166]
64
Dich Hochmuth nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wüthen,
Kann deiner Wuth vollkommne Strafe sein.“
67
Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.
Von jenen Sieben war er, sagt’ er mir,
Die Theben zu erobern sich bemühten.
70
Er höhnt, so scheint’s, noch Gott in wilder Gier,
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier.
73
Jetzt folge mir, doch vor dem heißen Sande
Verwahr’ im Gehen sorglich deinen Fuß,
Und halte nah dich an des Waldes Rande.
76
[81] Ich ging und schwieg, und einen kleinen Fluß,
Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen,
Vor dessen Röth’ ich jetzt noch schaudern muß.
79
Dem Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen,[167]
Der Buhlerinnen schändlichem Verein,
Floß er den Sand hinab mit dunklen Wellen.
82
Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen,
Drum mußte hier der Weg hinüber sein.
85
„Von allem, was ich noch dich sehen lassen,
Seit wir durch jenes Thor hier eingekehrt,
Das uns, wie Alle, ruhig eingelassen,
88
War noch bis jetzt nichts so bemerkenswerth,
Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest,
Der über sich die Flämmchen schnell verzehrt.“
91
So Er zu mir, und ich darauf: „„Du siehest[168]
[82]
Mich lüstern schon genug, drum speist’ ich gern;
Gib Kost nun, wie du Essenslust verliehest.““
94
Und Er: „Wüst liegt ein Land im Meere fern,
Das Kreta hieß, und Keuschheit hat gewaltet,
Als noch die Welt stand unter seinem Herrn.
97
Ein Berg dort, Ida, war einst schön gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Bäumen reich geschmückt,
Jetzt ist er öd, verwittert und veraltet.
100
Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrückt,
Und, alle Späher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei’n durch Lärmen unterdrückt.
103
Ein hoher Greis ist drin, grad’ aufrecht stehend,
Den Rücken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;
106
Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber; weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hüften Rand;
109
Von tücht’gem Eisen bis zur Sohle nieder;
Nur von gebranntem Ton der rechte Fuß,
Doch ruht auf diesem meist die Last der Glieder
112
Das Gold allein ist von gediegnem Guß;
Die andern haben Spalt und träufeln Zähren,
Und diese brechen durch die Grott’ als Fluß,
115
Um ihren Lauf nach diesem Thal zu kehren,
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon,
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphären
118
Durch diesen engen Graben hingeflohn,
Dort den Cocyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon.“
121
Und ich zu ihm: „„Wenn auf der Erd’, im Reiche
Des Tages, schon der kleine Fluß entstund,
Wie kommt es, daß ich ihn erst hier erreiche?““
124
Und Er zu mir: „Du weißt, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund
127
[83] Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und wenn du auch noch manches Neue siehst,
Mag Staunen drum dein Auge nicht befangen.“
130
„„Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fließt?
Du schweigst von der; von jenem hört’ ich sagen,
Daß er aus diesem Regen sich ergießt.““
133
So ich; und Er: „Gern hör’ ich deine Fragen,
Doch sollte wohl des rothen Wassers Sud[169]
Auf jene selbst die Antwort in sich tragen.
136
Nicht in der Hölle fließt der Lethe Flut,[170]
Dort siehst du sie beim großen Seelenbade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht.“
139
Und drauf: „Jetzt weg vom Wald, und komm gerade[171]
Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt;
Die Ränder, nicht entzündet, bilden Pfade,
142
Und über ihnen wird der Dunst verzehrt.“
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INFERNO
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