FEST DES HL. ERZENGELS MICHAEL Predigt v. Kaplan A. Betschart
“Auf die Fürsprache des hl. Erzengels Michael, der zur Rechten des Rauchopferaltares steht, und all Seiner Auserwählten möge der Herr diesen Weihrauch segnen und als lieblichen Wohlgeruch annehmen.”
Vielleicht ist er auch jener Opferengel, von dem es im Kanon nach der hl. Wandlung heisst:
“Dein hl. Engel möge dieses Opfer zu Deinem himmlischen Altar empor tragen vor das Angesicht Deiner göttlichen Majestät.”
Mitten unter allen Heiligen des Himmels begegnen wir einem Wesen “von unfassbarer Fremdheit, alt wie der Weltenmorgen, jung wie der Geist, gewaltig über alle Vergleiche unserer Erde hinaus und dennoch einbezogen in die Gemeinschaft der Anbetung des Herrn ...” (I. F. Görres). Wir sind völlig unfähig, uns eine Vorstellung von der Macht und der gewaltigen Grösse dieses Engels zu machen. Im priesterlichen Breviergebet zum heutigen Fest betet die Kirche in einer Antiphon:
“Es wankte das Meer, es bebte die Erde, als der Erzengel Michael vom Himmel herniederstieg.”
Schon bei seinem ersten Auftreten in der Heiligen Schrift, im Buche des Propheten Daniel, wird Michael “einer der obersten Engelfürsten”, ja “der grosse Engelfürst” (Dan 10,13.21) genannt. Es ist nicht fromme Sage oder Legende, dass Michael einen geheimnisvollen Kampf mit Luzifer, dem höchsten Lichtengel, im Himmel ausgetragen hat. Der Apostel und Seher Johannes schaute auf der Insel Patmos diesen ersten und schwersten aller Kriege der Schöpfung. Mit knappen Worten schildert er ihn in der Geheimen Offenbarung:
“Da erhob sich ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und auch der Drache und seine Engel kämpften. Doch sie richteten nichts aus, und es blieb kein Platz mehr für sie im Himmel. Gestürzt wurde der große Drache, die alte Schlange, die den Namen Teufel und Satan trägt, der den ganzen Erdkreis verführt; er wurde hinabgestürzt auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm gestürzt” (12,7-9).
Welch ein Augenblick von unerhörter Gewalt und Mächtigkeit, von überweltlicher Bedeutung für die Schöpfung! In das furchtbare Toben der Rebellion gegen Gott, den Allerhöchsten, donnerte der Ruf des Feldherrn Gottes als Signal des Sieges:
MIKA'EL - Wer ist wie Gott!”
Dieser anbetende Schrei des Engelfürsten lähmte die Teufel. Luzifer und die Seinen wurden hinabgestürzt. Die Himmel leuchteten wieder rein. Jener Ruf der Kraft und der Treue blieb dem Fürsten der Engel als sein eigener Name, als Auszeichnung vor allen anderen Engeln.
Es ist der gewaltige Ordnungsruf, welcher der Urlüge “Ihr werdet sein wie Gott!” gegenübersteht. Der Mensch, der dem Satan, dem Lügner von Anbeginn vertraut, glaubt, als Übermensch zum Herrn der Welt zu werden, und bringt doch nur die Sünde mit ihren Folgen - Leid, Not und Tod - in die Welt. So entscheidet sich gegenüber der trügerischen Verheissung “Ihr werdet sein wie Gott!” und der warnenden Frage “Wer ist wie Gott?” nicht nur das Geschick der einzelnen Seele, sondern im Grunde der Sinn der ganzen Menschheitsgeschichte, der Sinn des Lebens der Völker.
Nichts könnte deutlicher zeigen, welch einzigartige Rolle dem hl. Erzengel Michael dank seines Ranges im Reich der Geister zukommt. Daher ist er auch wie kein anderer geeignet, der schützende Führer auf dem Weg durch die Geschichte zu sein. Nach der Überzeugung grosser Gottesmänner, wie z. B. des hl. Augustinus, gibt es nicht nur Schutzengel für den Einzelnen, sondern auch solche für die Völker.
Wie notwendig das ist, zeigt sich in unserer Zeit. Denn noch in keiner Zeit der Weltgeschichte wurde so sehr die ungeheuerliche Macht des bösen Geistes vor Augen geführt, seine gleissende Pracht, die er anfangs verleiht, und die furchtbaren Abgründe, in die er schliesslich die ihm verfallenen Herren der Welt hinabstösst. Wer das heutige Geschehen in Welt und Kirche mit all ihren Begleiterscheinungen sehend und verstehend miterlebt, der hat keinen Sinn für jenes seit Jahrhunderten verbreitete Bild vom Teufel, das ihn zu einem gewöhnlich geprellten dummen Bösewicht, zu einer lächerlichen Theaterfigur verharmlost hat. Man ahnt vielmehr die masslose Gewalt, die der böse Geist zu allen Zeiten in der ganzen Welt entfaltet hat. Man ahnt die funkelnde Tücke, mit welcher der ursprüngliche Lichtengel - Lucifer - die Menschen immer und überall zu blenden versucht, seit er sich in seiner Vermessenheit gegen Gott auflehnte und selber gestürzt wurde in dem furchtbarsten Kampf der Geister, den es überhaupt jemals geben konnte.
In die äusserste Gottferne gedrängt, setzt er nun seine ganze über alle Vorstellung gewaltige Macht ein, den Menschen, den Erben des Himmels, in sein Unglück nachzureissen. In der Geheimen Offenbarung heisst es:
“Wehe der Erde und dem Meer, denn der Teufel ist zu euch hinabgestiegen voll grimmigen Zornes, weil er weiss, wie kurz seine Zeit ist” (12,12).
Das soll uns aber nicht mutlos machen. Auch wenn wir an die Existenz des Teufels und seines Anhanges glauben - und man darf diese Dinge unter keinen Umständen als kindliche Vorstellungen abtun -, so glauben wir noch viel mehr an die heiligen Engel und an ihre Sendung, uns vor dem Satan zu schützen. Gerade der gläubige Mensch lebt nicht in einer heidnischen, auch nicht in einer neuheidnischen Angst vor den sogenannten “bösen Mächten des Daseins”. Denn er weiss, dass die “guten Mächte”, die heiligen Engel, jenen weit überlegen sind. Deshalb wird er sich immer wieder den Engeln gegen den Satan anvertrauen.
Es zwingt uns ja dazu, in den immer grösser werdenden Nöten unserer Zeit, ihren immer häufigeren und drängenderen sozialen, kulturellen und machtpolitischen Krisen auf den Schutz der heiligen Engel zu vertrauen. Sind diese Krisen und Probleme nicht letztlich alle darauf zurückzuführen, dass die Menschen sich oft selbst an die Stelle Gottes setzen? Erst wenn an die Stelle des selbstherrlichen Übermenschen wieder das gläubige Kind Gottes tritt und nach der Erkenntnis handelt, dass jede Durchbrechung der göttlichen Weltordnung dem Satan Einlass gewährt, ist die notwendige Heilung von der Wurzel her möglich. Wer aber könnte besser zu dieser Erkenntnis hinführen als der hl. Erzengel Michael, dessen Name schon die heute wieder so zeitgemässe Grundsatzfrage stellt:
WER IST WIE GOTT?!
Das Wort Gottes gibt dem, der auf den Engel hört, die wunderbare Verheissung:
“Siehe, ICH werde Meinen Engel senden, dass er vor dir herziehe und dich bewahre auf dem Wege, und dich an die Stätte führe, welche ICH bereitet habe. Habe acht auf ihn und höre auf seine Stimme, und glaube nicht, ihn verachten zu dürfen. Wenn du sündigst, wird er es nicht ungeahndet lassen, denn Mein Name ist in ihm. Wenn du aber auf seine Stimme hörst und alles tust, was ICH sage, so werde ICH der Feind deiner Feinde sein und die bedrängen, welche dich bedrängen. Denn Mein Engel wird vor dir herziehen ... ” (Ex 23,20-23).
Heiliger Erzengel Michael, beschirme uns im Kampfe, beschütze uns gegen die Bosheiten und die Nachstellungen des bösen Feindes. Ihm möge Gott gebieten, so flehen wir inständig. Du aber Fürst der Himmlischen Heerscharen, wollest den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umhergehen,
mit Gottes Kraft in die Hölle hinabstossen. Amen
Quellenhinweis:
▸ Hophan O., Die Engel, Luzern 1956.
▸ Schaezler C., in: Unsere Namenspatrone in Wort und Bild, München-Pasing o. J.