Wenn Aufzeigen von Missständen Anstoß erregt
In vielen gesellschaftlichen Debatten zeigt sich ein bemerkenswertes Muster:Wahrheit wird dort zur Störung, wo sie unbequem ist. Jene, die entlarvende Wahrheiten aussprechen, werden nicht selten als Störenfriede, Zündler oder sogar als Hasser diffamiert, die „alles in die Luft sprengen“ wollen. Ihr tatsächliches „Vergehen“ besteht oft darin, Widersprüche sichtbar zu machen oder auf evidente Missstände hinzuweisen, die bestehende Selbstbilder, Interessen oder Machtverhältnisse infrage stellen und die andere lieber verborgen halten.
Umgekehrt inszenieren sich häufig jene als Verteidiger der Wahrheit, die aus Loyalität, ideologischer Nähe oder bloßer Bequemlichkeit offensichtliche Probleme verharmlosen. Aus Angst vor Konflikten oder Machtverlust wird beschönigt, relativiert oder umgedeutet. So erhält die Lüge – bewusst oder unbewusst – einen Schutzmantel, während Klartext als Gefahr oder Zumutung gilt.
Hier entscheidet sich mehr als eine bloße Haltung: Wahrheit lässt sich nicht nebenbei bedienen. Entweder orientiert man sich kompromisslos an ihr – oder ordnet sie den eigenen Befangenheiten unter. Letzteres bedeutet, die Wahrheit zu verraten und den klaren Blick zu verlieren.
Wer der Wahrheit dienen will, kann nur unerschütterlich konsequent bleiben und darf nicht mit zweierlei Maß messen – sowohl bei sich selbst als auch bei anderen.
Wer glaubt, Missstände nur außerhalb des eigenen Umfeldes aufzeigen zu müssen, während er die im eigenen Bereich aus Befangenheit übersieht, agiert unglaubwürdig und trägt dazu bei, dass diese ungelöst bleiben.
Dieses Spannungsfeld betrifft jeden – sowohl jene, die die Wahrheit dem Eigeninteresse unterordnen, als auch diejenigen, die den Mut haben, Missstände zu benennen. Dabei wird die Fähigkeit, unvoreingenommen zu erkennen, ständig auf die Probe gestellt und erfordert geistige Reife, Mut und Engagement.
Dieses paradox anmutende Rollenverhältnis ist keineswegs neu. Wahrheit war selten populär, besonders dann nicht, wenn sie gewohnte Strukturen, liebgewonnene Überzeugungen oder fest gefügte Selbstbilder erschüttert. Aufrichtiger Umgang mit der Realität entsteht nicht durch diejenigen, die Probleme verschleiern, sondern durch jene, die den Mut haben, sie ans Licht zu bringen – und dabei Klarheit und Standhaftigkeit bewahren.
Der Dienst an der Wahrheit besteht nicht im Beschönigen, sondern im offenen und redlichen Umgang mit Tatsachen – so wie sie sind, nicht wie man sie lieber hätte. Nur durch diese Ehrlichkeit entsteht Einsicht, aus Einsicht die Möglichkeit zur Veränderung. Wahrheit bleibt dabei nicht Besitz, sondern eine Verpflichtung, die den Menschen an seine Einsicht, Verantwortung und Integrität bindet – gerade auch dann, wenn sie unerwünscht ist.
Quelle: vita-et-veritas.com/aktuelles/