Wenn Papst Benedikt XVI. wertend in die Liste der römischen Bürgermeister eingreift,
"Hochgeschätzte Brüder,
nicht nur wegen drei Heiligsprechungen habe ich euch zu diesem Konsistorium zusammengerufen, ... ". Dass es kurz darauf zu einer Art Heiligsprechung kommen würde, konnte man so noch nicht erahnen.
Was also ist geschehen? Es war der 13. Februar 2013, da wendete sich Benedikt XVI. an die erwähnten Priester in einer Ansprache, die mit der erwähnten Adressierung begann, dann in ein leichtes Gejammere abflachte, daraufhin aber in folgendem Satz aufhorchen ließ:
"Gut in Kenntnis gesetzt von der Bedeutung der folgenden Handlung erkläre ich daher in voller Freiheit, dass ich der Dienerschaft eines Bischofs von Rom, eines Nachfolgers des heiligen Petrus, mir durch die Hände der Kardinäle am 19. April 2005 Anvertrautes berichte, derart, dass ab dem 28. Februar 2013, um 20 Uhr der Stuhl Roms, der Stuhl des heiligen Petrus, leer steht, ..."
Das soll nun vorerst genügen. Auf andere Übersetzungsvarianten möchte ich jetzt nicht eingehen. Man kann sie auf meiner eigenen Webpräsenz nachlesen. Die hier gewählte Übersetzung entspricht der dortigen Version A, da sie noch am ehesten einen Sinn ergibt.
Obiger Satz gipfelt im Leerstehen des Stuhls Roms de facto ab März, da in den vier Stunden zuvor Feierabend ist. Wer aber jetzt denkt, mit dem Stuhl Roms sei sein eigener, der Papstthron, gemeint, der irrt gewaltig, denn erstens gibt es zwei offizielle Ausdrücke dafür im Kirchenrecht, und keiner davon heißt "Stuhl Roms" oder "Stuhl Petri"; stattdessen heißen sie "Heilige Stuhl" und "Apostolischer Stuhl", und diese beiden Termini wurden offenbar gemieden. Zweitens ist Rom zunächst weder das Heilige Römische Reich noch die Heilige Römische Kirche, sondern nichts weiter als die Stadt Rom. Und der Stuhl Roms dürfte somit weder der des Kaisers der Römer, Karl IX., noch der des Papstes - dieser leitet die heilige römische Kirche - noch der des Regierungschefs von Italien, sondern einfach der des Bürgermeisters der Stadt Rom sein.
Roms Bürgermeister war seit 28. April 2008 Gianni Alemanno (im obigen Bild der Mann rechts mit blauem Sakko). Da also behauptet Benedikt, dass dessen Stuhl ab März werde leer stehen. Oder war es nur ein Wunsch? Das "vacet" ("stehe leer") steht ja infolge des "ut" ("dass") im Konjunktiv. Gianni Alemannos Amtszeit aber lief noch bis zum 11. Juni 2013, also 103 Tage länger, und wir wissen, dass er nicht zurückgetreten ist, stattdessen bei der nächsten Wahl sang- und klanglos gegen seinen Nachfolger Ignazio Marino mit nur 36% der Stimmen untergegangen ist.
Wir wissen auch, dass Papst Benedikt Ende Februar in ein Kloster befördert wurde. Wäre es in Anbetracht eines solchen Ereignisses nicht angebracht gewesen, als Bürgermeister von Rom die Regierungsgeschäfte die restlichen 103 Tage ruhen zu lassen, um dem Wunsch des Papstes nachzukommen und dessen zu gedenken? Warum nur war Gianni Alemanno dem Papst ungehorsam? Sicher, er kann sagen, der Papst hätte den Rücktrittwunsch vor ihm persönlich äußern sollen und nicht vor Heiligsprechungspriestern. Wo er Recht hat, hat er Recht. Andererseits: Was haben die Kardinäle Papst Benedikt am 19. April 2005 anvertraut, dass es das Leerstehen des römischen Bürgermeisterstuhls zur Folge haben sollte. Benedikt berichtet das ja seiner Dienerschaft, und diese sollten das dann auch an Gianni Alemanno weitergegeben haben. In diesem Fall hätte Gianni Alemanno keine Ausrede mehr, und er muss sich wohl mit der Abstempelung als ungehorsamer Sohn der heiligen Kirche abfinden.
Der im Text erwähnte Stuhl Roms ist übrigens noch mit einer Apposition versehen: der Stuhl des heiligen Petrus. Gibt es denn in der Liste der römischen Bürgermeister einen heiligen Petrus? Ich besitze ein Buch über alle Seligen und Heiligen (bis ertwa 1950), doch fand ich da keinen. Bei Lebenden allerdings gilt einer als heilig, sobald er im Stande der Gnade ist. Und das könnte der letzte christdemokratische Bürgermeister Roms durchaus gewesen sein. Dieser hieß tatsächlich mit Vornamen Petrus, auf Italienisch Pietro. Pietro Giubilo (im obigen Bild der Mann links in Schwarz-Weiß) war nur wenig länger als ein Jahr Bürgermeister (von Mai 1988 bis Juli 1989), und es mag Gottes Fügung gewesen sein, dass man nun seinetwegen den römischen Bürgermeistersessel volkstümlich gesprochen auch Stuhl des heiligen Petrus nennen kann.
Fassen wir zusammen, was an besagtem 13. Februar 2013 geschehen ist. Zum einen wird ein Bürgermeister Roms, der den Vornamen des Lieblings-Apostels Johannes trägt (Gianni ist eine Kurzform von Giovanni, deutsch: Johannes) zumindest des Verdachts des Ungehorsams gegenüber dem Heiligen Vater ausgesetzt, zum anderen wird ein früherer Bürgermeister, der den Vornamen des Apostel-Fürsten Petrus trägt, "heilig" genannt, sozusagen einer Art Lebend-Heiligsprechung unterzogen.
Bei solcherlei Akten sollte auch ein Papst vorsichtig sein und sie nicht vollziehen, ohne sich von Priestern, die sich in Sachen Heiligsprechung auskennen und damit zu tun haben, zu beraten. Naja, zugegen waren sie an diesem Tag.